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Story 7 (von 8)

Author: PhloxPe
last update publish date: 2026-04-23 03:32:14

Wendekinder II

Musikkassetten

Bandsalat quillt aus quadratischen Öffnungen. Hat sich das Magnetband einmal unbeabsichtigt von den Spulen abgewickelt, behilft man sich mit einem Bleistift. T-Shirts, welche unlängst in Online-Stores angeboten werden und ein Paar aus Musikkassette und Bleistift zeigen, vermitteln ein schiefes Bild. Ein Bleistift ist viel zu dünn, um die kleinen Rädchen zuverlässig und rutschfrei drehen zu können.

  Eine bessere Methode, das Band wieder aufzuspulen, ist, einen BIC Cristal in das Löchlein zu stecken und zu drehen. Der BIC Cristal ist der Klassiker unter den Kugelschreibern. Mit dem durchsichtigen und sechskantigen Schaft kann man die Zähne des Kassettenrädchens am besten anschubsen.

  Dieser Tipp kommt zu spät, meinen Sie? Viele Tipps kommen zu spät. Dass Kassetten auf der Oberseite zwei Aussparungen haben, die dem Kopierschutz dienen, habe ich erst erfahren, als die Compact Disc der Music Cassette so langsam den Garaus machte. Das war ungefähr Mitte der Neunzigerjahre.

  Wer davon spricht, dass die CD schon 1990 auf dem Markt kam, sollte auch bedenken, dass die Leute in einer ostdeutschen Neubausiedlung – so wie meine Eltern – ihr Geld meist sinnvoller ausgeben mussten, als es in teure HiFi-Anlagen zu investieren. So kam es, dass noch 1997 in vielen ostdeutschen Haushalten die Kassettenrecorder leise schnarrend ihr Tagwerk verrichteten – Kassette um Kassette verschlangen. Zumeist mit Bändern aus Chromdioxid¹ und manchmal auch aus Eisenoxid² oder Ferrochrom³.

  Auch in unserem Haushalt hielt der CD-Player erst spät Einzug – dem Spaß tat das jedoch keinen Abbruch. Schließlich sorgte in unserer Küche der RFT srk-700* für den guten Ton, und Nachschub an MCs fanden wir auf einem Markt etwa 40 Kilometer entfernt, hinter der deutsch-polnischen Grenze.

Die meisten davon waren wohl Raubkopien, weshalb man lieber eine Hörprobe verlangte, bevor man leichtfertig eine Kassette in schlechter Tonqualität – oder gar eine halbleere – erstand.

  Wenn man Glück und Verstand hatte, konnte man auf der Heimfahrt gleich die neueste Bravo Hits ins Kassettenfach des Autoradios einlegen.

Als Kind – ich war Sechsklässler – musste man die Eltern natürlich fragen:

Darf ich die Kassette hören?

Darf ich länger aufbleiben?

Darf ich diesen oder jenen Film sehen?

Hatte man sich gut benommen, hieß es dann auch mal: „Wir sehen uns Das fliegende Auge zusammen an.“ Dann flog man mit. Man versetzte sich gedanklich in die Rolle eines lässig daherkommenden Roy Scheider, nahm auf dem Pilotensitz Platz und zog mit dem Fluggerät Kreise um Wolkenkratzer.

  Dass der Heli am Ende des Films einem heranrollenden Güterzug zum Opfer fällt, traf einen dann hart. Kein Problem – in der Nachwendezeit wurden zahlreiche Sendungen ausgestrahlt, in denen Helikopter vorkamen. Beispiele sind der rasend schnelle Airwolf, die betagte Screaming Mimi aus Ein Trio mit vier Fäusten – und vereinzelt sah man Drehflügler auch in Knight Rider, Ein Colt für alle Fälle oder Das A-Team.

  Colt Seavers mochte ich am liebsten. Als ich einmal krank war, schaute ich jeden Wochentag Jody, Howie und Colt bei der Arbeit zu – auf einer Mattscheibe. Ich meine: einem schwarzen Farbfernseher mit Bildröhre. Der war fast genauso tief wie unsere Anbauwand, die genug Stauraum für Bettwäsche bot.

  Überhaupt waren Anbauwände ein Ding meiner Vergangenheit: große, zusammenhängende, meist braune Schränke mit Ablagen und Aussparungen – für Standuhren, HiFi-Systeme, Familienfotos, Dekoartikel.

*Stereokassettenrekorder

¹ Typ II

² Typ I

³ Typ III

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