LOGINDie selbstreinigende Küche
Tobi kletterte aus seinem Katzenkörbchen. Der Kater streckte sich. Er bog den Rücken durch, reckte das Hinterteil in die Luft und hob den Kopf empor. Die Vorderläufe zog er dabei an. Tobi hatte ausgeschlafen und machte sich daran, eine Runde durch das Haus seines Frauchens zu drehen. Er verließ den HWR und lief den Flur entlang zur Treppe. Die Stufen erklomm er in vier Sätzen. Im oberen Stockwerk war alles ruhig. Zu ruhig, dachte sich Tobi. Es wurde Zeit, einen lebhafteren Raum aufzusuchen: die Küche.
Er lief die Treppe wieder hinab, huschte den Korridor entlang bis zur Küchentür, welche einen Spalt offen stand. Noch ein kräftiger Stupser mit den Vorderpfoten, und schon zwängte er sich hindurch in die Küche – ein Ort voller Möglichkeiten.
Noch war es still, doch bald, vermutete Tobi, würden die Geräte und Möbel ihren magischen Tanz beginnen. Die Wartezeit vertrieb sich Tobi mit dem Bewundern von Piktogrammen auf dem Geschirrspüler. Das erste Piktogramm war zackig, das zweite ein senkrechter Balken mit drei Fortsätzen, das dritte und vierte ähnlich, aber mit nur zwei Fortsätzen. Der Kater war nicht imstande zu lesen, weswegen ihm die Bedeutung von Markennamen völlig fremd war und dennoch hatte der clevere Tobi den Eindruck gewonnen, dass Piktogramme im Alltag seines Frauchens eine Rolle spielten, und so nahm er sich vor, auch die zweite Reihe an Piktogrammen zu betrachten: Self-Clean-300. Das Typenschild barg ein Versprechen in sich; eine streng getaktete Choreografie, die nun begann.
Dem Toaster, ein Gerät, in dem Frauchen zu Tagesbeginn quadratische, gelb-weiße Scheiben Nahrung erhitzte, entfuhr ein Einsatz mit dunkelbraunen, teils verbrannten Krümeln. Der Einsatz fuhr die Arbeitsplatte entlang bis zu einem Schrank, dessen Tür sogleich nach vorn glitt und mehrere Boxen preisgab, die sein Frauchen als Mülleimer bezeichnete. Die Krümelschublade aus dem Toaster entleerte sich in einen der Eimer. Ein ähnlicher Vorgang wiederholte sich im Fall der Kaffeemaschine. Der benutzte Kaffeefilter verschwand samt dem Kaffeesatz im selben Eimer.
Tobi kannte die Abläufe der Self-Clean-300 und freute sich auf den Trick mit der Anrichte. Tobi sprang auf einen Stuhl, von dort auf die Anrichte, die als waagerechte Holzplatte in einer quadratischen Wandöffnung zum Wohnzimmer hin eingelassen war. Die Anrichte war voll gestellt mit benutzten Trinkgläsern, Schüsseln, Servierplatten und -löffeln, Kellen, Geschirr und Besteck.
Statt dass die Anrichte zur Spülmaschine fuhr, trat diesmal der Manipulator in Aktion – ein filigraner Roboterarm, der an einer Führungsschiene unter der Oberschrankreihe befestigt war. Mit surrendem Antrieb glitt der Arm heran. Die Frontklappe des Geschirrspülers öffnete sich wie von Geisterhand.
Der Manipulator griff präzise nach dem ersten Glas. Tobis linke Pfote fuhr prompt zum Glasrand empor; er versuchte, das Glas vor dem Zugriff durch den Roboter zu bewahren. Er übte Druck aus, das Glas kippte und ein Spritzer Orangensaft ergoss sich auf die Anrichte. Der Manipulator reagierte unbeirrt, wischte mit einem Tuchmodul den Saft auf, hob das Glas behutsam auf und stellte es in das obere Fach des Geschirrspülers.
Dieser Vorgang wiederholte sich systematisch: Trinkgläser, Teller, Schüsseln – alles wanderte durch den geschickten Griff des Manipulators in den Geschirrspüler. Ein kleiner Unfall ereignete sich beim Einräumen der Gabeln. Tobi blieb mit seiner Pfote an den Zinken hängen. Die Sensorik des Arms registrierte unverzüglich den Widerstand, erkannte den Schmerz des Lebewesens, legte die Gabel vorsichtig ab und zog sich zurück.
Stattdessen öffnete sich die Ofentür. Der Manipulator, der nun die Küchenzeile entlangfuhr, entnahm das Ofenrost und stellte es neben den Elektroherd. Danach begann er, die Töpfe darauf zu platzieren, wurde jedoch wiederum durch den verspielten Kater behindert, welcher sich genau dort niedergelassen hatte. Der Arm griff beherzt zwischen Vorder- und Hinterläufe hindurch an Tobis Brustkorb, hob ihn sanft an und setzte ihn auf dem Küchenboden ab. Tobi miaute empört, doch es half nichts.
Der Manipulator fuhr mit seiner Arbeit fort. Das Waschbecken füllte sich derweil mit warmem Wasser und Spülmittel. Einer Nische über dem Waschbecken entfuhr ein weiterer Roboterarm, welcher sich anschickte, den groben Abwasch zu erledigen. Hierzu griff dieser auf Wasserdüsen und Ketten, bespannt mit Textilflies, zurück.
Tobi beobachtete das Treiben vom Rand des Spülbeckens – aus sicherer, trockener Entfernung. Der Ofen leuchtete, denn das Selbstreinigungsprogramm war angelaufen, und ein Rinnsal lief an der Scheibe hinab. „Hallo, wo ist denn mein Tobi?“, hallte es plötzlich durch den Hausflur. Sein Frauchen war zurückgekehrt, freute sich Tobi und kehrte dem Treiben in der Küche das Hinterteil zu, als er durch die Küchentür hindurch in den Flur entwischte, wo sein Frauchen ihn liebevoll in Empfang nahm: „Hast du wieder den Manipulator geärgert?“
Sie zog ihre Jacke aus, und der vertraute Duft, der daran hing, erfüllte den Raum wie eine warme Erinnerung. Tobi schnurrte unschuldig, putzte sich demonstrativ die Pfote. Sanft strich sie ihm über das weiche Fell. „Mein kleiner Küchenrebell.“
Obertshausen im Juni 2025
Das GelenkflugzeugNeulich hörte ich von einem Traum. Eine Podcasterin träumte, in einem Passagierflugzeug zu sitzen, das etwa in der Mitte des Rumpfes ein Gelenk aufwies, ähnlich einem Gelenkbus. Bei einem Gelenkbus, umgangssprachlich auch Knickbus genannt, verbindet ein flexibler, witterungsfester Faltenbalg den Vorder- und Hinterwagen. In dem Traum der Podcasterin befand sich der Faltenbalg etwa zehn Meter hinter dem Tragflügel, jedoch noch deutlich vor dem Höhen- und Seitenleitwerk. Der hintere Teil des Flugzeugs musste demnach über eine Deichsel-Konstruktion mit dem vorderen Teil verbunden sein, wobei die Verbindung durch einen Drehkranz und Gleitlager erfolgte. Mein erster Eindruck war, dass Passagiere im hinteren Teil des Flugzeugs den Korridor beim Durchfliegen von Radien abknicken sehen müssten. Das erinnert an den Gelenkbus, bei dem die Passagiere aus ihrer Perspektive hin- und herschaukeln. Eine amüsante Vorstellung, wie ich finde. Auch mit meinen dreiundvierzig Lenzen
Wendekinder IIMusikkassettenBandsalat quillt aus quadratischen Öffnungen. Hat sich das Magnetband einmal unbeabsichtigt von den Spulen abgewickelt, behilft man sich mit einem Bleistift. T-Shirts, welche unlängst in Online-Stores angeboten werden und ein Paar aus Musikkassette und Bleistift zeigen, vermitteln ein schiefes Bild. Ein Bleistift ist viel zu dünn, um die kleinen Rädchen zuverlässig und rutschfrei drehen zu können. Eine bessere Methode, das Band wieder aufzuspulen, ist, einen BIC Cristal in das Löchlein zu stecken und zu drehen. Der BIC Cristal ist der Klassiker unter den Kugelschreibern. Mit dem durchsichtigen und sechskantigen Schaft kann man die Zähne des Kassettenrädchens am besten anschubsen. Dieser Tipp kommt zu spät, meinen Sie? Viele Tipps kommen zu spät. Dass Kassetten auf der Oberseite zwei Aussparungen haben, die dem Kopierschutz dienen, habe ich erst erfahren, als die Compact Disc der Music Cassette so langsam den Garaus machte. Das war ungefähr Mitte der N
Passepartouts BeobachtungDie Teleskope Fogg und Passepartout waren auf denselben Punkt gerichtet. Ein roter Zwergstern im Sternbild Widder:Teegardens Stern.Unspektakulär. Fast unsichtbar. Seit Jahrzehnten waren seine Koordinaten vermessen und katalogisiert — Rektaszension¹ 2 Stunden 53 Minuten, Deklination² +17 Grad. Ein Stern, etwas abseits der Ekliptik. Mit einer scheinbaren Magnitude³ von 15,1 war Teegardens Stern kaum mehr als ein dunkler Stecknadelkopf im noch dunkleren Sternenhimmel. Doch Instrumente wie Fogg, ein irdisches Teleskop, machten ihn auffindbar. „Mehr Kontrast“, sagte Kuno leise, als seine Kollegin von Fogg auf Passepartout, ein Teleskop im Orbit um Teegardens Stern, umschaltete. Mara reagierte, ohne zu antworten. Filter griffen ineinander, Algorithmen zogen Konturen aus dem Rauschen. Auf den Monitoren verdichtete sich das Bild. Eine Röhre trat hervor. Kuno und Mara saßen reglos vor dem Monitor, während Passepartout ihre Blicke führte. Vier astronomische E
Staub und StilleArtur saß auf einem Klappstuhl im Vorzelt der Mondstation. Den Helm hatte er abgenommen; das Vorzelt war luftdicht mit der Station verbunden, wurde jedoch mit vergleichsweise niedrigem Luftdruck beaufschlagt. Es diente als Staubfänger zwischen Außenwelt und Habitat. Trotzdem trug er eine eng anliegende Schutzmaske. Der feine Mondregolith schwebte als grauer Schleier in der Luft. Er kannte die Folgen einer Inhalation. Lunare Pneumokoniose – eine Erkrankung, die niemand lange genug untersucht hatte, um ihre Langzeitfolgen wirklich zu verstehen. Vor ihm auf dem Tisch lag die Leiterplatte des Energiemanagementsystems, versiegelt in einer Kassette – einem metallischen Rahmen mit Kontaktleisten an der Stirnseite. „Die muss rein“, murmelte Artur. „Die ist völlig zugesetzt.“ Er sprach vor sich hin. Er war allein auf der Station. Das Funkgerät hatte er abgeschaltet. Nach dem Ende der letzten Mission war er zurückgeblieben, um die Anlage betriebsbereit zu halten, bis die
Die selbstreinigende KücheTobi kletterte aus seinem Katzenkörbchen. Der Kater streckte sich. Er bog den Rücken durch, reckte das Hinterteil in die Luft und hob den Kopf empor. Die Vorderläufe zog er dabei an. Tobi hatte ausgeschlafen und machte sich daran, eine Runde durch das Haus seines Frauchens zu drehen. Er verließ den HWR und lief den Flur entlang zur Treppe. Die Stufen erklomm er in vier Sätzen. Im oberen Stockwerk war alles ruhig. Zu ruhig, dachte sich Tobi. Es wurde Zeit, einen lebhafteren Raum aufzusuchen: die Küche. Er lief die Treppe wieder hinab, huschte den Korridor entlang bis zur Küchentür, welche einen Spalt offen stand. Noch ein kräftiger Stupser mit den Vorderpfoten, und schon zwängte er sich hindurch in die Küche – ein Ort voller Möglichkeiten. Noch war es still, doch bald, vermutete Tobi, würden die Geräte und Möbel ihren magischen Tanz beginnen. Die Wartezeit vertrieb sich Tobi mit dem Bewundern von Piktogrammen auf dem Geschirrspüler. Das erste Piktogramm wa
Der NanitenrasiererEs war Sonntagmorgen und Robert war gerade aufgestanden. Nun öffnete er den Spiegelschrank. Dieser war über dem Waschbecken angebracht, indem er etwas Wasser, für die Nassrasur, eingelassen hatte. Er griff in den Spiegelschrank hinein und entnahm eine hellblaue Verpackung mit der futuristisch-gestalteten Aufschrift: „nano blades – the revolution in your face“. Robert freute sich darauf, die neuen Rasierklingen mit Nanitentechnologie auszuprobieren. Als Naniten bezeichnete man, winzig-kleine Roboter, mit denen man Prozesse, welche auf Miniaturebene abliefen, automatisierte und verbesserte. Robert wusste, dass die Klingen seines Rasierers mit Hunderten von kleinen Robotern bestückt waren, die aktivgeschaltet wurden, sobald ein physischer Kontakt zum Rasierschaum hergestellt wurde. Einmal in Betrieb gesetzt, zwackten die Naniten kleinere Mengen des Rasierschaums für sich selber ab, um den Wasseranteil des Schaums, mittels kleiner Brennstoffzellen, in Elektrizität umzu