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Kapitel 2

Author: Author Marr
last update publish date: 2026-07-03 09:04:16

POV Lucia.

"Was ist das?!"

Dieser Schrei ließ mein Herz wild schlagen. Ich drehte mich um und meine Tante stand bereits in der Tür, ihr Gesicht knallrot, ihr Blick sofort auf das Kleid gerichtet. Auf dem Tisch lag das pastellfarbene Kleid zerstört. Der Saum war angeschwärzt, ein kleines Loch befand sich auf der Brust, und der beißende Geruch von Verbranntem stieg mir in die Nase, weil ich versehentlich das noch heiße Bügeleisen hatte liegen lassen, um den Herd in der Küche auszuschalten.

"Tante ..."

Meine Tante trat schnell näher und griff nach dem Kleid. "Weißt du, wem dieses Kleid gehört?!"

Ich senkte den Kopf. "Elenas Kleid."

"Nicht irgendein Kleid! Das ist das Kleid für den Schönheitswettbewerb! Ein teures Kleid! Ein Kleid, das meine Tochter auf der Bühne perfekt aussehen lassen wird!"

"Ich habe es nicht absichtlich getan. Das Bügeleisen war zu heiß, und ich habe es nur für ein paar Sekunden liegen lassen", sagte ich.

"Nicht absichtlich? Was hast du jemals absichtlich getan, außer das Leben anderer Menschen zu ruinieren, hm?" Meine Tante lachte höhnisch.

Ich schwieg, meine Finger ballten sich unbewusst zu Fäusten. Sie musterte mich von oben bis unten, ohne ihren Ekel zu verbergen.

"Sieh dich an. So ein dicker Körper. Du bist immer so tollpatschig. Wie konnte ich dir nur etwas Wichtiges anvertrauen?"

"Ich werde es ersetzen. Ich werde länger arbeiten", sagte ich.

"Ersetzen? Womit? Mit deinem fetten Körper? Oder deinem pickeligen Gesicht?"

"Bitte rede nicht so", sagte ich mit einer Stimme, die kaum zu hören war.

"Warum? Weil es dich verletzt? Das ist eben die Wahrheit. Vergleiche dich doch einfach mit Elena."

Schritte ertönten aus dem Flur. Ich wusste, wer kam, noch bevor sie auftauchte. Meine Cousine Elena. Wunderschön, schlank, ihr Gesicht makellos glatt.

"Was ist los, Mama?", fragte sie schmeichelnd.

Meine Tante änderte sofort ihren Ton. "Schatz, sieh dir an, was deine Cousine getan hat."

Elena kam näher. Ihre Augen weiteten sich, als sie das Kleid sah. "Mein Kleid?"

Ich nahm mir den Mut, sie anzusehen. "Es tut mir leid, Elena. Ich habe es wirklich nicht absichtlich getan."

Sie sah mich lange an, dann schnalzte sie mit der Zunge. "Du weißt doch, wie wichtig das für mich ist, oder?"

Ich nickte schnell. "Ich weiß."

"Aber du hast es trotzdem kaputtgemacht, wie immer", sagte sie gleichmütig.

Ich schluckte und hatte keine Entgegnung.

Meine Tante verschränkte die Arme. "Es ist peinlich, so eine Cousine zu haben. Wenn Elena später auf die Bühne geht, werden sich alle fragen, wer dieses dicke Mädchen ist?"

Ich schloss kurz die Augen und versuchte, die Tränen zurückzuhalten.

"Ich bitte dich nur um eines: Fass nichts an, was dir nicht gehört. Du bist hier nicht Teil der Familie. Du wohnst hier, weil wir gutherzig sind", sagte meine Tante.

"Ich gebe mir immer Mühe, mein Bestes zu geben", antwortete ich und wischte mir die Tränen von der Wange.

"Deine Mühe reicht nie aus, und mit so einem Körper und Gesicht brauchst du nicht davon zu träumen, eine gute Zukunft zu haben", sagte sie.

Elena lächelte kurz, bevor sie sich umdrehte und ging. "Mama, ich gehe auf mein Zimmer. Mir wird schwindelig, wenn ich mir das ansehe."

Nachdem sie gegangen waren, kehrte Stille in die Küche zurück. Meine Tante warf mir noch einen Blick zu.

"Räum die Küche auf. Danach wäschst du die ganze Wäsche, und erwarte nicht, dass du heute Abend etwas zu essen bekommst."

Ich nickte nur. "Ja."

Als ich allein war, fielen endlich die Tränen, die ich zurückgehalten hatte. Ich starrte auf das verbrannte Kleid in meinen Händen und versuchte, in den Spiegel vor mir zu sehen. Sogar dieses Kleid würde niemals an meinen Körper passen. Dieser dicke Körper, den kein Mann jemals eines Blickes würdigte, während Elena immer im Mittelpunkt stand.

Einige Zeit später bereitete ich trotzdem alles wie gewohnt vor. Das Abendessen musste pünktlich serviert werden. Warme Suppe auf dem Herd, die Beilagen ordentlich auf Tellern angerichtet, der Esstisch blank geputzt. Meine Hände brannten noch von dem Bügeleisen, aber ich hielt den Schmerz aus, denn es kümmerte sich ja auch niemand darum.

Als alles fertig war, stand ich einen Moment in der Küche. Mein Magen knurrte, aber ich kannte die Antwort, noch bevor ich fragen musste. Ich bekam kein Abendessen. Ich nahm ein Glas Wasser, trank es langsam aus und ging dann in mein kleines Zimmer im hinteren Teil des Hauses. Es war eng, gerade groß genug für ein kleines Bett, einen alten Schrank und ein schmales Fenster, das auf die Mauer des Nachbarhauses blickte.

Ich hatte mich gerade auf den Bettrand gesetzt, als die Stimmen aus dem Esszimmer deutlich zu hören waren. Ich hatte nicht vor, zu lauschen, aber die Wände in diesem Haus waren zu dünn.

"Ist das Geld noch nicht da?", fragte meine Tante mit angespannter Stimme.

Mein Onkel seufzte schwer. "Noch nicht, und er will nicht länger warten."

"Wer ist er?" Meine Tante wurde lauter. "Carlo, sag mir nicht, dass das schon wieder dein Problem ist."

"Wenn das nur ein gewöhnlicher Wucherer wäre, hätte ich nicht solche Angst. Er ist kein Unbekannter", sagte mein Onkel.

Ich richtete mich auf. Meine Hände krallten sich unbewusst in das Bettlaken.

"Und? Du hast gesagt, die Schulden wären letzten Monat erledigt", drängte meine Tante.

"Die Zinsen steigen ständig, und die Frist ist bereits abgelaufen", sagte mein Onkel mit sehr lauter Stimme.

Es herrschte einige Sekunden Stille, dann war Elenas Stimme zu hören. "Papa, bei wem hast du denn eigentlich Schulden?"

"Das geht dich nichts an", antwortete er schließlich.

Ich wusste, dass mein Onkel schon lange viele Schulden hatte. Von den Flüstern der Nachbarn, von den nächtlichen Streitereien, die oft zu hören waren, von dem ängstlichen Gesicht, das er hinter seiner Wut verbarg. Aber ich wusste nie, bei wem er verschuldet war.

"Wenn ich morgen keine Lösung bringe, können wir alle in Schwierigkeiten geraten", sagte mein Onkel.

Meine Tante schnalzte mit der Zunge. "Was meinst du mit Schwierigkeiten?"

Mein Onkel antwortete nicht sofort, und genau diese Stille ließ meine Brust immer enger werden. Ich legte mich auf mein kleines Bett und starrte an die Decke, deren Farbe sich bereits löste. Irgendwie sagte mir ein schlechtes Gefühl, dass ich hineingezogen werden würde.

Plötzlich hörte ich, wie die Tür zu meinem Zimmer ohne Klopfen geöffnet wurde. Ich zuckte zusammen und setzte mich sofort auf.

"Onkel?"

Mein Onkel stand in der Tür. Sein Gesicht war angespannt, ganz anders als sonst. Seine Augen sahen mich nicht an, sein Blick war auf meinen Hals gerichtet. Reflexartig hob ich meine Hand und berührte die kleine Kette, die ich immer trug. Ein Erbstück meiner Mutter. Eine dünne Kette mit einem einfachen Anhänger in Form einer kleinen Blume, das einzige, was mir von ihr geblieben war.

"Was ist das?"

"Eine Kette, das Erbe meiner Mutter", sagte ich.

Er trat ohne Erlaubnis ein. Seine Augen ließen die Kette nicht los, als ob dieses Objekt wichtiger wäre als meine Existenz.

"Ist das Gold?", fragte er.

Ich schüttelte schnell den Kopf. "Nein. Es ist nur eine Erinnerung."

Mein Onkel lachte kurz auf. "Auch Erinnerungen können einen Preis haben."

Ich stand auf. "Was willst du, Onkel?"

Er machte einen Schritt näher.

"Gib sie mir!", sagte er.

"Nein."

Mein Onkel sah mich scharf an. "Lucia, du wohnst in diesem Haus, weil ich es erlaube."

Meine Hand umklammerte die Kette fest. "Das ist das Einzige, was ich von meiner Mutter habe."

Er schwieg einen Moment, dann änderte sich sein Blick. Nicht wütend, nicht kalt, sondern nachdenklich, wie jemand, der gerade etwas Nützliches entdeckt hat.

Mein Onkel trat einen Schritt zurück und atmete tief durch. Er drehte sich zur Tür um und blieb dann stehen.

"Morgen kommst du mit mir", sagte er, ohne sich umzudrehen.

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