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Kapitel Fünf:

Author: PEARL_BLESIE
last update publish date: 2026-06-30 14:26:11

Elyras Perspektive

Selenes Worte folgten mir lange, nachdem sie verschwunden war. Der Korridor wurde wieder still. Der Kerker fühlte sich kälter an, kleiner und gefährlicher. Ich starrte in den leeren Türrahmen. Mein Puls weigerte sich, sich zu verlangsamen.

Warum ich?

Ich hatte den Drachenlord noch nie getroffen, nie mit ihm gesprochen, ihn nie gesehen. Und doch hatte der meistgefürchtete Herrscher der Aschenreiche speziell nach mir gefragt. Es ergab keinen Sinn — und das erschreckte mich mehr, als wenn er mich zufällig gewählt hätte.

Stunden vergingen, oder vielleicht Minuten. Die Zeit war in der Zelle seltsam geworden. Schließlich hallten wieder Schritte durch den Korridor — schwer und zielstrebig. Diesmal waren es mehr. In dem Moment, in dem sie vor meiner Tür anhielten, wusste ich es. Sie waren gekommen, um mich zu holen. Die eisernen Gitter schwangen auf. Der ältere Drache von vorhin stand da. Zwei Krieger warteten hinter ihm. Keiner schien an einem Gespräch interessiert zu sein.

„Es ist Zeit.”  

Ich zwang mich aufzustehen. Schmerz explodierte in meiner Seite.

Die Wolfsbandwunde hatte kaum begonnen zu heilen. Einer der Krieger trat vor.

Ich wich sofort zurück.

„Fass mich nicht an!”

Sein Gesichtsausdruck veränderte sich nicht.

„Dann lauf.” Ich glotzte ihn an.

Er glotzte zurück. Keiner von uns bewegte sich. Schließlich seufzte der ältere Drache.

„Wir brechen auf, egal ob Sie kooperieren oder nicht.”

Es gab nirgendwo zu fliehen, nirgendwo zu verstecken. Langsam stieß ich mich von der Wand ab. Meine Beine gaben fast nach. Der ältere Drache fing meinen Arm auf, bevor ich auf den Boden traf. „Gehe!”

Der Weg durch das Rudelgelände fühlte sich unwirklich an. Diener starrten, Krieger starrten. Rudelmitglieder flüsterten — niemand trat vor. Niemand sprach mich an, keine einzige Person. Dieselben Menschen, die mich beim Hochzeitsfest angelächelt hatten, sahen jetzt schweigend zu, wie ich wie Fracht weggeschleppt wurde. Wie etwas, das bereits verloren war.

Die Erkenntnis schmerzte mehr, als ich zugeben wollte. Mein Blick suchte trotzdem die Menge ab und suchte nach einem Gesicht, einer Person — meinem Vater. Ich fand ihn in der Nähe der Haupthalle stehend.

Alpha Theron Ashbourne.

Anführer des Sichelmond-Rudels.

Mein Vater.

Für eine schreckliche Sekunde wallte Hoffnung in mir auf. Er war hier. Vielleicht hatte er die Wahrheit herausgefunden. Vielleicht würde er das aufhalten — vielleicht. Seine Augen trafen meine. Ich erstarrte.

Die gesamte Welt schien den Atem anzuhalten.

„Vater!” Das Wort verließ meine Lippen, bevor ich es aufhalten konnte. Er antwortete nicht, bewegte sich nicht, kam nicht näher. Die Distanz zwischen uns fühlte sich plötzlich endlos an.

„Vater...” Meine Stimme brach diesmal. Noch immer nichts.

Tausend Erinnerungen blitzten durch meinen Kopf — wie er mir beibrachte zu reiten, wie er mir beibrachte zu kämpfen. Das Versprechen, dass ich immer einen Platz an seiner Seite haben würde. Das Versprechen, dass er mich beschützen würde. Die Versprechen fühlten sich jetzt wie Lügen an.

Die Drachenkämpfer begannen sich wieder zu bewegen. Ich konnte es nicht. Ich starrte ihn an, wartete, bat, hoffte auf irgendetwas. Dann senkte sich sein Blick von meinem, einfach so. Als wäre es zu schwer geworden, mich anzusehen. Das letzte Stück Hoffnung in mir zerbrach.

Die Drachen zogen mich vorwärts. Und mein Vater ließ sie.

--

Die Reise dauerte die ganze Nacht.

Je weiter wir uns vom Sichelmond-Gebiet entfernten, desto fremder wurde alles. Wälder wichen felsigen Klippen. Berge stiegen in der Ferne auf — dunkel, gewaltig, uralt. Selbst die Luft fühlte sich anders an — wärmer, schwerer. Drachengebiet. Angst verdrehte sich in mir.

Die Krieger schwiegen den Großteil der Reise. Ich bevorzugte es so — ich wollte kein Gespräch. Ich wollte Antworten, Antworten, die niemand zu geben bereit schien.

Als die Morgendämmerung nahte, erschien jenseits der Berge etwas. Mein Atem stockte. Ein Königreich.

Schwarze Türme durchbohrten den Himmel. Gewaltige Mauern erstreckten sich über den Berghang. Dunkle Banner schlugen im Wind. Alles sah aus, als wäre es aus Obsidian und Feuer gemeißelt.

Die Obsidian-Zitadelle. Das Zuhause des Drachenlords. Mein Gefängnis.

Der Anblick ließ meinen Magen umdrehen. Der ältere Drache bemerkte es.

„Das erste Mal, dass Sie es sehen?” Ich antwortete nicht.

Er wirkte trotzdem beinahe zufrieden. Der Großteil der Reise war still gewesen. Aber jetzt wirkte selbst er angespannt. Je näher wir kamen, desto nervöser wurden die Drachen. Ich bemerkte die ausgetauschten Blicke, die angespannten Mienen, die Unruhe. Das war nicht normal — Angst kroch meinen Rücken hinunter.

„Was ist passiert?”

Niemand antwortete. Ich sah wieder zur Festung. Rauch stieg aus einem der oberen Türme — kein Kaminrauch, etwas anderes. Dunkler Rauch. Die Art, die Zerstörung hinterlässt. Mein Herzschlag beschleunigte sich.

Dann erreichte uns ein weiterer Laut — ein fernes Krachen. Der Boden zitterte unter meinen Füßen. Die Pferde gerieten sofort in Panik. Mehrere Krieger fluchten. Ein weiteres Krachen folgte — diesmal näher, lauter. Etwas in der Zitadelle brach.

Der ältere Drache schwor: „Zu spät.”

Ein Schauer raste meinen Rücken hinunter.

Zu spät wofür?

Plötzlich sprangen die Festungstore auf. Diener strömten heraus, Wächter folgten — alle wirkten verängstigt. Eine Frau weinte, eine andere schien verletzt zu sein.

Die Stimmung traf mich sofort — Panik, reine Panik. Der ältere Drache packte meinen Arm hart.

„Beweg dich.”

„Was ist passiert?”

Keine Antwort.

Wir eilten durch die Tore. In dem Moment, als wir die Zitadelle betraten, traf mich der Geruch — Rauch, Blut, Angst. Jeder Korridor fühlte sich chaotisch an. Diener rasten an uns vorbei. Niemand hielt inne. Niemand lächelte. Mehrere mieden es völlig, zu den oberen Stockwerken zu sehen — als hätten sie Angst vor dem, was dort wartete.

Mein Puls hämmerte.

Dann hörte ich es — ein Brüllen.

Der Laut erschütterte die gesamte Festung. Nicht menschlich, nicht wolf. Etwas Uraltes, etwas Monströses. Die Wände vibrierten. Irgendwo über uns zerschmetterte ein Kronleuchter. Frauen schrien. Die Drachenkämpfer zuckten sichtbar zusammen.

Angst explodierte in mir. „Was war das?”

Das Gesicht des älteren Drachen war blass geworden. Zum ersten Mal seit ich ihn kannte, wirkte er wirklich verängstigt.

„Der Drachenlord.”

Die Antwort gefror mein Blut. Ein weiteres Brüllen riss durch die Zitadelle — näher, viel näher.

Eine Dienerin kam die Treppe herunter gerannt. Sie schluchzte.

„Die Ärzte haben versagt.”

Niemand bewegte sich, niemand atmete. Die Dienerin sah den älteren Drachen direkt an. Dann fiel ihr Blick auf mich. Erleichterung überflutete ihr Gesicht — reine Erleichterung. Als hätte sie gerade die Rettung selbst erblickt.

Mein Magen sank. „Nein...”

Das Wort entkam mir, bevor ich es aufhalten konnte. Die Dienerin zeigte auf mich.

„Nehmt sie.”

Alle Augen wandten sich mir zu. Angst krallte sich durch meine Brust. Der ältere Drache packte meinen Arm erneut.

Diesmal ließ er nicht los. Mein Puls explodierte.

„Was tun Sie?”

Niemand antwortete. Die Stimme der Dienerin zitterte.

„Beeilt euch.” Ein weiteres Krachen hallte durch die Festung. Der gesamte Boden zitterte.

Irgendwo über uns riss eine Wand. Dann kam ein weiteres Brüllen — lauter, zorniger, näher. Der ältere Drache zerrte mich zu den Treppen. Ich kämpfte sofort dagegen an.

„Nein!”

Die Krieger bewegten sich weiter. Ich stemmte meine Fersen in den Boden. Schmerz schoss durch meine Wunde. Niemanden kümmerte es.

Wir erreichten das oberste Stockwerk. Massive schwarze Türen standen vor uns. Die Hälfte der Wächter draußen war verletzt. Einer war bewusstlos. Blut befleckte den Boden. Der Anblick ließ mein Herz beinahe aufhören. Der ältere Drache ließ meinen Arm los. Dann sah er mich direkt an. Sein Ausdruck war düster, ergeben, fast entschuldigend — und das erschreckte mich am meisten von allem.

Langsam begannen sich die Türen zu öffnen. Sofort strömte Hitze heraus — sengend, wild, gefährlich. Etwas bewegte sich in der Dunkelheit dahinter — groß, gewaltig und raubtierisch.

Goldene Augen erschienen plötzlich aus den Schatten und fixierten sich auf meine. Die gesamte Welt erstarrte.

Dann knurrte eine tiefe Stimme aus dem Inneren des Raumes.

„Raus.”

Der Befehl ließ die Wände erzittern. Alle Drachen wichen sofort zurück. Die Türen begannen sich zu schließen.

Mein Herz hörte auf zu schlagen — denn ich stand noch immer drinnen, und der Drachenlord starrte mich direkt an.​​​​​​​​​​​​​​​​

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