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Kapitel 2

last update publish date: 2026-05-24 06:45:29

Er ließ sie erst los, als die Tür seiner Suite ins Schloss gefallen war.

Das Klicken des Schlosses hallte zu laut in der Stille.

Elena rieb sich nicht das Handgelenk. Sie würde ihm diese Genugtuung nicht geben. Stattdessen trat sie zwei Schritte zurück und stellte sich mit dem Rücken zum Kamin auf, das Kinn oben, die Hände zu Fäusten geballt.

Cassian stand mit dem Rücken zur Tür, die Hände in den Taschen seiner Anzughose. Er hatte sein Sakko unten auf der Party gelassen. Das schwarze Hemd spannte über seinen Schultern, der oberste Knopf offen. Er sah nicht mehr wie der perfekte Erbe aus. Er sah wütend aus.

„Du hast genau zehn Sekunden, um mir zu erklären, wie du auf die dämlichste Idee deines Lebens gekommen bist.“

„Jake hat mich als frigide Waise bezeichnet, die sich den Hale-Namen erschlichen hat“, sagte Elena. Ihre Stimme war überraschend fest. „Er hat vor allen gesagt, dass mich Meridian nicht genommen hat, weil ich nicht mit ihm schlafen wollte. Sein Onkel hat getextet, sein Handy hat gefilmt. Was hättest du getan? Gelächelt und es eingesteckt?“

„Alles, nur nicht behaupten, dass ich dich ficke.“

Das Wort ließ sie zusammenzucken. Nicht weil es grob war. Sondern weil er es noch nie zu ihr gesagt hatte. Ihre Streitereien waren immer kalt gewesen. Präzise. Chirurgisch. Das hier war roh.

„Es war eine Panik-Lüge“, sagte sie.

„Eine Panik-Lüge, die in fünf Minuten bei meinem Vater und deiner Mutter ankommt.“ Er zog sein Handy aus der Tasche und hielt es hoch. Auf dem Display leuchtete eine Nachrichtenvorschau. `Sophia Hale: Schatz? Was ist da unten los? Die Hendersons schreiben, du und Elena...?`

Elenas Magen sackte ab.

„Scheiße.“

„Ja. Scheiße.“ Er warf das Handy auf den Ledersessel. „Weißt du, was Sophia seit vierzehn Jahren will? Seit dem Tag, an dem Richard deine Mutter geheiratet hat? Dass wir endlich eine Familie werden. Dass ich aufhöre, dich zu hassen. Und du hast ihr gerade den größten Gefallen getan.“

„Sie wird es uns nicht glauben.“

„Doch, wird sie. Weil sie es glauben will.“ Er kam näher. Nicht bedrohlich. Schlimmer. Kontrolliert. „Und mein Vater wird es glauben, weil es das einzige ist, was erklärt, warum ich seit einem Jahr keine Skandale mehr produziert habe. Kein Model, keine Kellnerin, kein T****k Video.“

Da war er wieder. Der Ruf, den er so verzweifelt schützte. Der Mann, der mit achtzehn von jedem Boulevardblatt in der Stadt fotografiert worden war, hatte seit seinem fünfundzwanzigsten Geburtstag plötzlich einen makellosen Ruf. Kontrolle. Präzision. Keine Fehler mehr.

Elena sah ihn an. Wirklich an. Und zum ersten Mal verstand sie etwas.

„Du brauchst das“, flüsterte sie.

Er blieb stehen.

„Du brauchst eine stabile Freundin für das Board-Dinner morgen. Für die Investoren. Du brauchst jemanden, der harmlos aussieht und deinen Namen sauber hält.“

Ein Muskel zuckte in seinem Kiefer. Sie hatte ins Schwarze getroffen.

„Du bluffst nicht gut, wenn du wütend bist, Cassian.“

Sie machte einen Schritt auf ihn zu. Jetzt war sie es, die den Abstand verkleinerte. Das Adrenalin von vorhin war noch da. Es verwandelte ihre Angst in etwas Scharfes.

„Dann leugne es doch. Geh runter und erzähl allen, dass deine kleine Stiefschwester eine verzweifelte Lügnerin ist, die seit sie vierzehn ist in dich verliebt ist. Erzähl es Sophia und Richard. Sieh zu, wie Sophia wieder weint. Und sieh zu, wie dein Vater dich morgen beim Dinner fragt, warum du wieder mit der Praktikantin aus der Marketingabteilung erwischt wurdest.“

Seine Augen verdunkelten sich. Sturmgrau wurde zu Stahl.

„Du hast keine Ahnung, wovon du redest.“

„Doch. Ich wohne seit vierzehn Jahren im selben Haus. Ich höre, wenn Richard dich ins Arbeitszimmer ruft.“ Sie hob das Kinn. „Du brauchst mich genauso dringend wie ich dich. Also hör auf, mich wie ein dummes Mädchen zu behandeln.“

Für einen langen Moment sagte er nichts. Dann lachte er leise. Ohne Humor.

„Du bist kein Mädchen mehr. Das habe ich gemerkt.“

Sein Blick glitt über sie. Nicht wie ein Bruder. Das hatte er nie. Aber heute war es anders. Heute war da etwas, das er nicht sofort wegwischen konnte.

Er ging zum Barwagen, schenkte zwei Finger breit Whisky ein. Seine Hand war nicht ganz ruhig. Er trank nicht. Er starrte in das Glas.

„Zwei Wochen“, sagte er schließlich.

„Was?“

„Du hast gesagt, du schläfst mit mir seit der Hochzeit unserer Eltern. Gut. Dann machen wir es offiziell. Zwei Wochen. Wir spielen das perfekte Paar. Du ziehst für die Zeit in den Ostflügel. Keine getrennten Partys mehr, keine dummen Lügen mehr. Du gehst nur noch irgendwohin, wenn ich bei dir bin.“

„Das klingt nach Gefängnis.“

„Das klingt nach Schadensbegrenzung.“ Er drehte sich zu ihr um. „Wir geben ihnen genug öffentliche Auftritte, damit deine Lüge glaubwürdig wird. Hand halten, Lächeln, die ganze Scheiße. Dann inszenieren wir eine ruhige Trennung. Du bist das Opfer, ich der Arsch, der zu viel arbeitet. Du bekommst deinen Ruf bei Meridian zurück, weil jeder denkt, Hale hat dich fallen lassen und nicht umgekehrt. Und ich bekomme meine Ruhe.“

Elena dachte nach. Es war wahnsinnig. Es war demütigend. Und es war der einzige Ausweg, der nicht damit endete, dass sie morgen in der ganzen Stadt als Lügnerin dasteht.

„Und was ist mit Jake?“

„Jake?“ Cassians Lächeln wurde gefährlich. „Jake wird morgen früh feststellen, dass sein Onkel bei Meridian ein Compliance-Verfahren am Hals hat. Und dass seine Freundin plötzlich kein Interesse mehr an ihm hat.“

„Du würdest das tun?“

„Für dich? Nein. Für mich. Weil er es gewagt hat, meinen Namen zu filmen.“

Er kam wieder näher, bis sie nur noch einen halben Meter trennten. Er roch nach dunkler Zeder und dem Whisky, den er nicht getrunken hatte. Aus der Nähe sah sie die feine Narbe über seiner linken Augenbraue. Damals, als sie sechzehn war und er sie so wütend gemacht hatte, dass sie eine Vase nach ihm geworfen hatte. Er war auf der Treppe ausgewichen und gestürzt.

Sie hatten sich immer wehgetan. Nur anders als jetzt.

„Regeln“, sagte er leise.

„Regeln?“

„Erstens: In der Öffentlichkeit fasst du mich an, als würdest du es wollen. Keine steifen Schultern, kein Zurückzucken. Zweitens: Du widersprichst mir nicht vor meinen Eltern oder dem Board. Du lächelst. Drittens...“ Er machte eine Pause. Sein Blick fiel auf ihren Mund und blieb dort einen Moment zu lange hängen. „Drittens: Du kommst nachts nicht in mein Zimmer. Und ich nicht in deines. Was auch immer da unten für ein Gerücht entstanden ist, es bleibt ein Gerücht.“

Etwas an der Art, wie er das letzte sagte, ließ ihr Herz schneller schlagen. Nicht vor Erleichterung.

„Und wenn ich mich weigere?“

„Dann erzähle ich allen, wie erbärmlich deine Lüge war. Angefangen bei Jake. Und du kannst dir einen neuen Nachnamen suchen.“

Es war keine leere Drohung. Cassian Hale bluffte nie. Das war das Schlimmste an ihm.

Elena schluckte. „Gut. Zwei Wochen. Dann ist es vorbei.“

„Gut.“

Er hob sein Glas, als wollte er auf etwas anstoßen. „Auf die Familie.“

In diesem Moment klopfte es.

Drei leise, fröhliche Klopfer. Sophia-Klopfer.

Elena erstarrte.

Cassians Augen weiteten sich für den Bruchteil einer Sekunde. Echter Schock. Zum ersten Mal heute Abend sah er nicht kontrolliert aus.

„Cassian? Elena? Schatz, bist du da drin?“ Sophias Stimme war gedämpft durch die Tür, aber man hörte das Lächeln darin. „Richard und ich haben das Video gesehen! Die Hendersons haben es uns geschickt. Oh Gott, wir... wir freuen uns so! Wir wussten gar nichts!“

Eine zweite, tiefere Stimme. Richard. „Cassian, mach auf. Deine Mutter will euch umarmen. Seit vierzehn Jahren rede ich davon, dass ihr euch endlich zusammenrauft. Und jetzt das!“

Elena sah Cassian an. Panik schoss durch sie hindurch. Sie trug noch das Kleid von der Party, ihre Wangen waren fleckig, ihre Haare zerzaust. Er trug kein Sakko, sein Hemd war halb aus der Hose gerutscht, weil er sich durch die Menge gedrängt hatte.

Sie sahen aus wie genau das, was alle dachten, was sie waren.

Cassian fluchte leise, unhörbar für draußen.

Er packte sie nicht grob. Er zog sie mit einer schnellen, entschlossenen Bewegung an sich. Eine Hand legte sich an ihre Taille, die andere vergrub sich fast grob in ihrem Haar.

„Was tust du...“

„Lächeln“, zischte er. „Du hast gesagt, ich kann die Hände nicht von dir lassen. Beweis es.“

Und dann öffnete er die Tür.

Sophia stand draußen, die Hände vor den Mund geschlagen, Tränen in den Augen. Richard hinter ihr, mit einem breiten, ungläubigen Grinsen und einem Handy in der Hand, auf dem das Video in Dauerschleife lief.

Sie sahen die beiden. Eng umschlungen. Atemlos. Cassians Hand in Elenas Haar. Elenas Hände, die sich aus Reflex an seinem Hemd festgekrallt hatten.

„Oh“, hauchte Sophia.

Elena lächelte. Es war das geübteste, schrecklichste Lächeln ihres Lebens.

Hinter ihr, so leise, dass nur sie es hören konnte, murmelte Cassian: „Willkommen in der Hölle, kleine Lügnerin.“

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