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Kapitel 5

last update publish date: 2026-05-24 06:57:04

Der private Salon fühlte sich zu klein an.

Schwere Vorhänge. Antike Möbel. Alles rückte näher, als würde es zuhören. Elenas Hand steckte noch immer in Cassians. Warm. Fest. Das Einzige, was sie gerade auf dem Boden hielt.

Richard stand am Kamin. Gleiche Haltung wie immer, wenn ein Deal kippte. Kontrolliert. Stimme leise.

„Amelias Großeltern wollen Antworten“, sagte er. „Sie haben die Adoption nie wirklich akzeptiert. Dieser Artikel gibt ihnen Munition. Wenn sie eine Überprüfung erzwingen ...“

Sophia tupfte sich die Augen ab. „Wir haben alles richtig gemacht. Elena gehörte vom ersten Moment dazu. Als ich sie nach Hause gebracht habe.“

Elenas Brust zog sich zusammen. Sie wusste immer, dass sie die Brücke gewesen war. Zwischen Trauer und Hoffnung. Jetzt war sie vielleicht der Grund, warum die Brücke einstürzte.

„Das ist meine Schuld“, sagte sie leise. „Ich habe die Lüge angefangen. Ich beende sie auch. Morgen früh gebe ich eine Erklärung ab. Dass ich alles erfunden habe.“

„Nein.“ Cassians Stimme schnitt durch den Raum. Seine Finger schlossen sich fester um ihre. Fast schmerzhaft. „Wir laufen nicht weg. Wir kontrollieren die Erzählung.“

Richard sah sie beide an. Vater und Sohn sahen in diesem Moment gleich aus. Gleicher Wille. Gleicher harter Blick.

„Und wie?“, fragte Richard. „Der Vorstand ist unruhig. Die Aktie wird beim Opening fallen, wenn wir das nicht steuern.“

Cassian ließ ihre Hand los. Nur um den Arm um ihre Taille zu legen. Näher an sich zu ziehen. Beschützend und besitzergreifend zugleich.

„Dann geben wir ihnen eine bessere Geschichte“, sagte er. „Keine Skandal-Affäre. Eine Romanze, die aus Jahren Spannung entstanden ist. Zwei Menschen, die sich gewehrt haben, bis es nicht mehr ging. Chaotisch. Menschlich. Das verkauft sich.“

Sophias Gesicht wurde weich. Hoffnung.

„Ihr meint ... ihr seid wirklich zusammen? Ernsthaft?“

Elena spürte, wie Cassians Körper sich neben ihrem anspannte. Der Kuss brannte noch auf ihren Lippen.

„Wir finden es gerade heraus“, sagte Cassian geschmeidig. „Aber nach außen stehen wir zusammen.“

Richard nickte einmal. Entschieden.

„Meeting morgen neun Uhr. Schadensbegrenzung. Bringt einen Plan mit.“ An der Tür blieb er stehen. Sah Cassian an. „Und Cassian. Was auch immer das ist. Lass es nicht zerstören, was von dieser Familie noch übrig ist.“

Die Tür fiel ins Schloss.

Stille. Nur das Ticken der alten Uhr.

Elena trat einen Schritt von ihm weg. Das smaragdgrüne Kleid fühlte sich plötzlich zu eng an. Zu viel Haut. Zu viel Lüge.

„Geschlossene Front?“, sagte sie. „Sophia sieht mich an, als wäre ich die Antwort auf ihre Gebete. Und du redest davon, eine Story zu verkaufen. Merkst du, was das mit mir macht?“

„Ja.“ Er fuhr sich durchs Haar. Zerstörte die perfekte Gala-Frisur. Die kleine Narbe über seiner Augenbraue kam zum Vorschein. Von damals. Als sie sechzehn war und eine Vase nach ihm geworfen hatte.

„Ich merke es“, sagte er.

„Warum hilfst du mir dann?“, sie drehte sich zu ihm. „Weil du plötzlich Gefühle hast? Oder weil es nur eine weitere Möglichkeit ist, mich zu kontrollieren? Deine Strafe, schon vergessen?“

Er kam mit zwei Schritten zu ihr. Drängte sie nicht. Aber er ließ ihr keinen Ausweg mehr.

„Weil ich mir dort draußen erlaubt habe, dich zu küssen, als würde ich ertrinken“, sagte er leise. Rau. Ehrlich. „Und ich keine Ahnung habe, wie ich damit wieder aufhöre.“

Ihr stockte der Atem.

Aus der Nähe waren seine Augen nicht nur grau. Sie waren unruhig. Vierzehn Jahre Wut und Trauer und etwas Neues, das er nicht benennen konnte.

„Du hast mich gehasst“, flüsterte sie.

„Ja.“ Er stützte die Hände links und rechts von ihr auf das Sideboard. Schloss sie ein, ohne sie anzufassen. „Jedes Mal, wenn du an unserem Tisch gesessen hast. Jedes Mal, wenn Mutter dich angelächelt hat wie früher Amelia. Ich habe dich gehasst, weil du gelebt hast und sie nicht mehr. Weil du dich eingefügt hast und ich es nicht konnte.“

Tränen brannten in ihren Augen. „Ich wollte nie ihren Platz einnehmen. Ich wollte nur eine Familie. Jemanden, der mich sieht.“

„Ich sehe dich jetzt“, sagte er. Seine Stirn sank fast gegen ihre. Zärtlich. Unerwartet zärtlich. „Viel zu deutlich. Wie du das Kinn hebst, wenn du Angst hast. Wie du kämpfst, statt klein beizugeben. Wie du heute Abend in diesem Kleid jeden Mann im Raum hast schauen lassen, was angeblich mir gehört.“

„Fake gehört“, sagte sie.

Sein Lachen war kurz. Dunkel.

„An dem Kuss war nichts fake, Elena.“

Er küsste sie wieder langsamer diesmal. Nicht wie in der Nische. Nicht wütend. Eine Hand flach auf ihrem unteren Rücken, die andere fand ihren Kiefer und hob ihr Gesicht. Sie stellte sich auf die Zehenspitzen und ließ es zu. Irgendwo unter der Wut lag etwas Weicheres, Ausgehungertes, das sie nicht benennen konnte. Es kam nicht als Zärtlichkeit daher. Es kam als Zittern.

Sie lösten sich voneinander. Beide atmeten schwer.

„Das ist gefährlich“, sagte sie.

„Alles an uns war schon immer gefährlich.“ Er trat einen Schritt zurück. Gab ihr Luft. „Zieh dich um. Wir fahren früher. Je länger wir bleiben, desto mehr Fotos machen sie.“

Elena nickte. Aber auf dem Weg nach draußen hielt sie inne.

Ein paar Meter entfernt stand ein Fotograf hinter einer Säule. Handy in der Hand. Die Bewegung hatte sie im Augenwinkel gesehen — der Blitz war aus, aber der Arm war noch immer gesenkt, der Daumen tippte. Speichern. Sie sah es.

Sie sagte nichts. Aber sie wusste: Es war schon zu spät. Das Bild war längst unterwegs.

---

Die Fahrt zurück war still. Dichte Stille. Elena hatte einen Mantel über das Kleid gezogen, aber die Seide flüsterte noch immer bei jeder Bewegung. Cassian hatte die Fliege gelockert. Das machte ihn jünger. Menschlicher.

Zurück auf dem Anwesen fühlte sich das Haus wach an. Sie gingen in das gemeinsame Wohnzimmer zwischen ihren Suiten. Cassian schenkte zwei Gläser Whisky ein. Reichte ihr eines.

„Morgen wird brutal“, sagte er und setzte sich ihr gegenüber. „Medien, Vorstand, vielleicht eine Erklärung. Wir müssen entscheiden, wie echt wir es machen.“

Elena nippte an dem brennenden Glas. Der Alkohol lief warm durch ihre Kehle. Sie brauchte das.

„Dann erzähl mir von Amelia“, sagte sie. „Wirklich. Nicht die wütende Version von damals. Die echte.“

Er starrte lange in sein Glas. Die Flüssigkeit bewegte sich in langsamen Kreisen, als er es drehte.

„Sie war sechs. Autounfall. Betrunkener Fahrer. Ich war zehn. Ich hätte an dem Tag bei ihnen sein sollen, hatte aber Fieber. Mutter hat sich die Schuld gegeben. Vater hat sich in Arbeit vergraben. Und ich ... ich bin wütend geblieben. Weil wütend einfacher war als schuldig.“

Er sah auf.

„Als du gekommen bist, hast du wie sie gelächelt. Du hattest sogar zuerst die gleiche Lücke zwischen den Zähnen. Es fühlte sich an, als würden sie versuchen, ein fehlendes Puzzleteil zu ersetzen. Ich habe dich dafür bestraft.“

Elena berührte unwillkürlich ihre Zähne. Gerade. Zahnspange. Bezahlt von den Hales.

„Ich habe dir das Leben zur Hölle gemacht, weil es einfacher war, als zuzugeben, dass du real geworden bist“, sagte er.

Ihre Finger spannten sich um das Glas, bis das Kristall warm wurde. Dann stellte sie es ab zu hart, ein kleines Klirren auf dem Tisch und setzte sich neben ihn auf die Couch. Ohne Abstand.

„Ich habe als Kind von einem großen Bruder geträumt“, sagte sie. „Jemand, der die Monster vertreibt. Stattdessen habe ich dich bekommen.“

Seine Lippen zuckten.

„Und jetzt?“

„Jetzt weiß ich nicht mehr, wer das Monster ist“, sagte sie leise. Sie fuhr mit dem Finger über seinen Kiefer. Mutig in der stillen Nacht. „Aber ich bin es leid, gegen dich zu kämpfen.“

Er fing ihre Hand ein. Drückte einen Kuss auf ihre Handfläche.

„Dann kämpf nicht“, sagte er. „Zumindest für die nächste Woche nicht. Lass uns sehen, was passiert, wenn wir es nicht tun.“

Sie redeten noch stundenlang. Über den Vorstand. Über Auftritte. Über Grenzen, die schon papierdünn waren. Als sie aufstanden, wurde der Himmel draußen schon hell.

An ihrer Tür zögerte er.

„Noch etwas. Amelias Großeltern fliegen in drei Tagen ein. Sie wollen ein Treffen. Wenn sie merken, dass das fake ist ...“

„Dann merken sie es nicht“, sagte sie. Sie stellte sich auf Zehenspitzen und küsste ihn. Sanft. Ihre Entscheidung. „Gute Nacht, Cassian.“

„Gute Nacht, Elena.“

Sie ging in ihre Suite. Schlaf kam nicht. Der Artikel verfolgte sie. Das alte Foto. Der Kuss. Und der Fotograf hinter der Säule — der Arm, das Tippen, das Speichern.

Sie drehte sich auf den Rücken und starrte an die Decke. Morgen würde die Welt sie für eine Lügnerin halten. Oder für eine Frau, die sich in ihren größten Feind verliebt hatte. Elena wusste noch nicht, was schlimmer war.

Im Nebenzimmer stand Cassian am Fenster. Sein Handy leuchtete.

Unbekannte Nummer. Neue Nachricht.

Beende die Scharade, oder wir graben tiefer. Amelias Akte enthält mehr als ihr ahnt.

Sein Griff wurde fest. So fest, dass das Display knackte. Ein feiner Riss zog sich über das Glas, genau über den Worten.

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