LOGINDas Erste, was Adrian Thorne tat, als Sienna fragte, wem die Bank gehörte, war, sein Handy hervorzuholen.
Er antwortete ihr nicht. Er drückte eine Taste, hob das Handy ans Ohr und sagte: „Pryce. Hartwell, Konto 4471. Nehmen Sie die Fälligstellung zurück.“
Aus dem Lautsprecher drang eine leise, panische Stimme. Sienna konnte sie von der Bank aus hören. „Mr. Thorne? Sir, die Vorstandsvorsitzende hat bereits …“
„Ich bin der Vorstand.“ Seine Stimme war tonlos. „Machen Sie das noch heute Abend rückgängig. Die schriftliche Bestätigung soll bis Mitternacht in meinem Büro eingehen, mit einer Kopie an Miss Hale.“
„Ja, Sir. Natürlich. Ich … selbstverständlich.“
Adrian legte auf. Das ganze Gespräch hatte vierzig Sekunden gedauert.
Ihr Handy vibrierte in ihrer Handfläche. Konto 4471: Fälligstellung aufgehoben. Status: Aktiv. Keine Zahlung fällig.
Sie las die Nachricht dreimal, bevor die Worte aufhörten, vor ihren Augen zu verschwimmen.
„Sie gehören Ihnen, die Bank.“
„Eine Mehrheitsbeteiligung. Seit neun Tagen.“
„Neun Tage.“ Beim zweiten Wort brach ihre Stimme. „Sie haben eine Bank gekauft.“
„Ihr Kredit war Teil eines Pakets aus dreiundvierzig Konten, das Evelyns Freunde gerade zusammenstellten. Ich habe das Paket gekauft.“
„Für mich?“
„Als Druckmittel.“ Er ließ ihren Blick nicht los. „Sie waren das eine Konto, das ich nicht einfach liegen lassen konnte.“
„Das ist das Beleidigendste, was heute Abend jemand zu mir gesagt hat, und ich bin auf der Hochzeit meines Ex-Verlobten aufgetaucht.“
„Dann bin ich ja in guter Gesellschaft.“
Ein Lachen brach aus ihr heraus, leise und feucht. Sie hasste es, dass sie lachen musste. Sie presste die Knöchel gegen den Mund, bis es vorbei war. Als sie die Hand sinken ließ, war die Wut zurück. Klar und nützlich. Sie stand auf, nahm ihm die Mappe aus der Hand und schlug die erste Seite auf.
„Ich habe Änderungswünsche.“
„Natürlich haben Sie die.“
„Klausel zwölf.“ Sie tippte mit dem Finger darauf. „Das Haus meines Vaters.“
„Bleibt Ihres. Ganz gleich, was passiert oder wer geht.“ Er musste nicht einmal hinsehen. „Lesen Sie es.“
Sie las die Klausel. Ihr Magen zog sich zusammen. Es stand genau so darin, wie er gesagt hatte, in schlichter schwarzer Schrift.
„Sie haben das geschrieben, bevor Sie von dem Kredit wussten.“
„Ich habe es geschrieben, bevor Sie von der Hochzeit wussten.“
Eisige Kälte kroch ihr die Arme hinunter. Sie beschloss, nicht darüber nachzudenken, was das bedeutete. Noch nicht.
„Ich füge etwas hinzu.“
Sie nahm ihm den Füller aus den Fingern, die, wie ihr auffiel, warm waren, und schrieb am Rand unter Regel vier. Die Buchstaben gerieten zunächst zittrig, dann wurden sie gleichmäßiger.
Eine Frage pro Woche. Vollständig beantwortet. Wahrheitsgemäß. Ohne Ausnahmen.
Sie drehte ihm die Mappe zu. „Kürzel daneben.“
Er las ihren Zusatz langsam. Ein Muskel in seinem Kiefer zuckte.
„Sie verlangen von mir das Recht, alles fragen zu dürfen.“
„Einmal pro Woche.“
„Sie werden nach Ihrem Vater fragen.“
„Dann werden Sie mir von meinem Vater erzählen.“
Der Korridor schien den Atem anzuhalten. Irgendwo in der Ferne klirrten Gläser, und zweihundert Menschen lachten über etwas, das nicht lustig war.
Adrian nahm ihr den Füller wieder ab. Neben ihre Notiz setzte er zwei Buchstaben. A. T.
Sie unterschrieb darunter. Sienna Rose Hale. Die Tinte verlief auf dem Papier, wo ihre Hand zitterte, und ein schwarzer Schmierfleck blieb auf ihrem Daumen zurück, dunkel wie ein Bluterguss.
Er zog ein gefaltetes Taschentuch aus seiner Brusttasche und umfasste ihr Handgelenk. Sein Daumen strich einmal fest und bedächtig über ihren, um die Tinte abzuwischen. Die Berührung dauerte vielleicht zwei Sekunden.
Für diese zwei Sekunden vergaß sie zu atmen.
„Lassen Sie das“, sagte sie.
Er ließ sie sofort los. „Ihre Hand ist kalt.“
„Es ist ein kalter Korridor.“
„Es sind sechsundzwanzig Grad.“
„Dann ist mir eben kalt.“ Sie presste die Hand an ihre Rippen. „Ist das ein Problem?“
„Nein.“ Er klappte die Mappe zu. „Nur eine Feststellung.“
„Hören Sie auf, mich zu beobachten.“
„Nein.“
Er sagte es so gleichmäßig, dass sie beinahe übersah, was in diesem Wort lag.
Sie verließen das Gebäude durch den Seiteneingang und gingen eine Diensttreppe hinunter, die nach Bleichmittel und Dampf roch. Unten wartete ein schwarzer Wagen unter einer Natriumdampflampe. Die hintere Tür stand bereits offen. Daneben stand ein Fahrer, dessen Blick höflich auf einen Punkt über ihrem Kopf gerichtet war.
„Miss Hale. Marcus.“
„Hallo, Marcus.“
Sie glitt auf den Rücksitz. Leder, kühl und mit einem schwachen Zedernduft. Adrian stieg hinter ihr ein und schloss die Tür. Mit einem leisen Surren hob sich die Trennscheibe, und die Geräusche der Stadt verstummten.
Dann waren da nur noch sie beide und das Brummen des Motors.
„Frage eins“, sagte Sienna.
„Sie haben sich noch keine Frage verdient. Die Woche beginnt morgen.“
„Sie haben gesagt, Sie würden meine Fragen in der Reihenfolge beantworten, in der ich sie gestellt habe. Das haben Sie zweimal gesagt.“
„Das habe ich.“ Er drehte den Kopf, und zum ersten Mal an diesem Abend sah er müde aus. Nicht schwach. Müde, wie ein Mann, der etwas Schweres eine lange Treppe hinaufgetragen hatte. „Fragen Sie.“
„Zimmer 614.“ Ihr Puls hämmerte unter ihrem Schlüsselbein. „Im Whitmore. Wer hat dafür bezahlt?“
Der Wagen bog auf die Straße ein. Straßenlaternen warfen lange bernsteinfarbene Streifen über sein Gesicht, Licht und Schatten, Licht und Schatten.
Er wandte den Blick nicht ab.
„Ich“, sagte Adrian. „Ich habe das Zimmer vor elf Monaten gebucht.“
Samuel Voss sollte tot sein.Und doch hatte jemand in seinem Namen ein Dokument entgegengenommen.Sienna starrte auf die gescannte Empfangsbestätigung auf ihrem Laptop. Ihre Finger ruhten auf der Tischkante.Adrian stand hinter ihr.„Könnte es die Unterschrift von jemand anderem sein?“„Genau das werden wir herausfinden.“„Du hast seinen Namen sofort erkannt.“„Ich erinnere mich an seine Handschrift aus der alten Korrespondenz meines Vaters. Aber eine Unterschrift wiederzuerkennen, ist nicht dasselbe, wie beweisen zu können, wer sie geschrieben hat.“Adrian zog einen Stuhl heran.„Meine Mutter wusste etwas darüber.“„Sie wusste genug, um die Abholung des Dokuments zu veranlassen.“„Und sie hat sich geweigert, uns zu sagen, wer es abgeholt hat.“Sienna wandte sich ihm zu.„Dann finden wir es selbst heraus.“Sie nahm ihr Handy und rief Marcus an.„Ich möchte die vollständigen Zustell- und Übergabeunterlagen der Anwaltskanzlei. Alles, was mit dieser Empfangsbestätigung zusammenhängt. Das
Das Beängstigendste war nicht, dass jemand Adrians Namen benutzt hatte. Sondern dass diese Person genau gewusst hatte, wann er noch zu jung gewesen war, um es zu hinterfragen. Sienna beobachtete, wie er mit dem Handy noch immer in der Hand nach dem Anruf von Marcus durch die Bibliothek auf und ab ging. „Sag etwas“, forderte sie ihn schließlich auf. Adrian blieb stehen. „Was soll ich sagen? Dass ich nicht verstehe, wie mein Name auf einem Dokument gelandet ist, das ich nie angefordert habe?“ „Ich möchte, dass du gründlich nachdenkst. Wer kümmerte sich um die rechtlichen Angelegenheiten deines Vaters, als er starb?“ „Meine Mutter.“ „Hat sie dich jemals gebeten, etwas zu unterschreiben?“ Er wandte den Blick ab. „Ich war siebzehn, Sienna. Ich hatte gerade meinen Vater verloren. An
Die Unterschrift eines Toten konnte beinahe alles genehmigen, wenn die richtige Person wusste, wie sie sie einsetzen musste.Sienna starrte auf das Dokument auf ihrem Handy. Das Datum neben Edmund Thornes Unterschrift ließ sie einfach nicht los.Adrian stand ihr gegenüber. Sein Gesichtsausdruck war angespannt.„Das kann nicht stimmen.“„Dann müssen wir herausfinden, warum es so aussieht.“„Mein Vater war tot. Er konnte nichts mehr genehmigen.“„Seine Handschrift könnte echt sein, Adrian. Das bedeutet aber nicht, dass er genau dieses Dokument an diesem Datum unterschrieben hat.“Er sah sie an.„Du vermutest, dass jemand seine Unterschrift kopiert hat?“„Ich ziehe mehrere Möglichkeiten in Betracht. Jemand könnte ein früher unterschriebenes Dokument verwendet, seine Unterschrift auf eine separate Anweisung übertragen oder das Datum manipuliert haben. Solange wir das Original nicht untersucht haben, wissen
Die Unterschrift war vertraut. Ihre Bedeutung hingegen nicht.Sienna starrte auf das Foto auf ihrem Handy und betrachtete Evelyn Thornes Handschrift unter der Anweisung, ein privates Treffen auf dem Anwesen zu organisieren, auf dem Edmund gestorben war.Adrian stand ihr gegenüber. Sein Gesichtsausdruck war unergründlich.„Sie hat an dem Tag, an dem mein Vater starb, dort ein Treffen arrangiert“, sagte er.„Das scheint das Dokument zumindest nahezulegen.“„Glaubst du, sie wusste, was passieren würde?“„Ich glaube, wir müssen erst herausfinden, was genau sie genehmigt hat, bevor wir irgendjemanden beschuldigen.“Er lachte freudlos.„Du verlangst von mir, ruhig und vernünftig zu bleiben, obwohl dieses Dokument meine Mutter mitten in die letzten Stunden meines Vaters rückt.“„Ich bitte dich nur, nicht denselben Fehler zu machen wie vor siebzehn Jahren. Akzeptiere keine Erklärung, nur weil sie von jemandem k
Sienna hatte immer geglaubt, dass die Toten sich nicht in das Leben der Lebenden einmischen konnten. Samuel Voss brachte sie allmählich dazu, diesen Glauben infrage zu stellen. Sein Name stand in dem Zutrittsprotokoll, das Marcus ihnen geschickt hatte. Das Datum entsprach genau dem Tag, an dem Edmund Thorne gestorben war. Ein Mann, der offiziell für tot erklärt worden war, hatte offenbar das Gebäude besucht, in dem ein anderer Mann sein Ende gefunden hatte. Und irgendjemand hatte dafür gesorgt, dass der Eintrag nur schwer zu entziffern war. „Schicken Sie mir das Original“, sagte sie zu Marcus. „Ich kümmere mich bereits darum“, antwortete er am Telefon. „Aber eines müssen Sie verstehe
Adrians Worte hingen zwischen ihnen in der Luft. Dort ist mein Vater gestorben. Sienna blickte von der Adresse auf ihrem Handy zu seinem Gesicht. „Dein Vater ist dort gestorben?“ „Ja.“ „Und du hast nie daran gedacht, es mir zu erzählen?“ Adrians Kiefer spannte sich an. „Ich wusste nicht, dass das Gebäude mit dem Register in Verbindung stand.“ „Das habe ich nicht gefragt.“ Er holte tief Luft. „Edmund starb dort, als ich siebzehn war. Offiziell wurde sein Tod als Unfall eingestuft.“ Sienna warf erneut einen Blick auf das Foto. Daniel und Edmund standen vor demselben Gebäude mit der Glasfassade und lächelten neben einem dritten Mann, dessen Gesicht jemand absichtlich zerkratzt hatt







