LOGINEllie war nie die erste Wahl. Am Tag ihrer Hochzeit wurde sie durch ihre Stiefschwester ersetzt, weil sie nicht genug abgenommen hatte. Über Nacht wurde ihr Name zum Stadtgespräch und zum Lieblingsskandal der ganzen Stadt. Doch die Demütigung war damit noch lange nicht vorbei. Um die Schande wiedergutzumachen, verheiratete ihr Vater sie mit einem todkranken Mann, dessen Vergangenheit voller dunkler Geheimnisse war. Doch der Mann, der Ellie in der White-Villa erwartete, war weder schwach noch alt. Zack war gefährlich, unverschämt attraktiv und vollkommen undurchschaubar. Er bezeichnete sich selbst als ihren Stiefsohn – aber die Art, wie er sie ansah? Das fühlte sich alles andere als familiär an! Als Ellie begann, die Wahrheit über den Verrat ihres Ex und die Lügen ihrer Familie aufzudecken, wurde ihr eines klar: Ihr neues Leben war keine Strafe. Es war der Anfang von etwas weitaus Gefährlicherem …
View MoreEllies Perspektive
Das erste Flüstern erreichte mich nicht. Es strich wie ein Windhauch an mir vorbei und verschwand unter der sanften Melodie der Violinen und dem Duft der Blumen, die den großen Saal schmückten. Doch das zweite Flüstern blieb. Und dann bekam das dritte … Zähne. „…Hast du das gesehen?" „…Ist sie das wirklich?" „…Spiel es noch einmal ab." Meine Finger schlossen sich fester um den Blumenstrauß. Die Blütenblätter zitterten unter meinem Griff. „Beruhige dich, Ellie." Ich zwang mich zu atmen. „Hochzeiten sind überwältigend. Die Gäste reden. Das ist normal." Aber das hier fühlte sich nicht normal an. Alles war genau so, wie ich es mir erträumt hatte. Und doch sahen mich jetzt Hunderte Augen an – irgendwo zwischen Mitleid und Ekel. Und Jared … sah mich nicht einmal an. Am Altar stand er in seinem maßgeschneiderten schwarzen Anzug und starrte mit kaltem Gesichtsausdruck auf sein Handy, genau wie alle anderen im Saal. Ich beschleunigte meine Schritte und wäre beinahe über den Saum meines Kleides gestolpert, bevor ich ihn endlich erreichte. „Was ist los?", flüsterte ich. Jared hob langsam den Blick. Und dummerweise … setzte mein Herz trotz der Anspannung noch immer einen Schlag aus. Ich wartete darauf, dass er es mir erklärte, meine Hand nahm und mir sagte, dass ich mir völlig umsonst Sorgen machte. Doch er sah mich an, als wäre ich eine Fremde. „Ich sehe keinen Sinn mehr darin, so zu tun, als wäre alles in Ordnung." Mir stockte der Atem, als die riesige Leinwand hinter ihm zum Leben erwachte. Ein Video wurde abgespielt. Es zeigte mich in einem Fitnessstudio. Meine Haare waren zurückgebunden, Schweiß klebte auf meiner Haut, während ich mich auf dem Laufband immer weiter antrieb. Die Gäste sahen schweigend zu. Dann wurde das Video geschnitten und ein anderer Ausschnitt erschien auf der Leinwand. In einem kleinen Zimmer saß ich in einer schummrig beleuchteten Ecke. Meine Hände zitterten, während ich eine Tüte mit frittiertem Hühnchen und Burgern aufriss. Meine eigene Stimme hallte leise aus den Lautsprechern. „Morgen mache ich es besser." Und damit begann ich verzweifelt zu essen und schlang die gesamte Mahlzeit innerhalb weniger Sekunden hinunter. Das Video zoomte schonungslos heran – auf meine Hände, meinen Mund und die leeren Verpackungen, die sich neben mir stapelten. Mein Atem brach ab. „Nein …" Die Leinwand wurde schwarz. Und plötzlich war die Stille im Ballsaal schlimmer als jeder Lärm. Ich hörte nur meinen eigenen rasenden Herzschlag, bis scharfe Stimmen durch den Saal schnitten. „Jared hat recht …" „Sie wird sich niemals ändern …" „Sie hat ihn in die Falle gelockt …" Ich versuchte zu atmen – einmal, zweimal –, aber es wollte einfach nicht funktionieren. Meine Stimme brach. „Nein. Das Video ist alt!" „Alt?", wiederholte Jared kalt. Jetzt sah er mich zum ersten Mal richtig an. Der Ekel in seinen Augen traf mich härter als all das Geflüster um mich herum. „Du hast mich um einen Monat gebeten, Ellie." Seine Stimme blieb ruhig. „Einen Monat, um mir zu beweisen, dass du es mit deiner Veränderung ernst meinst." „Das tue ich!", sagte ich hastig. Die Worte sprudelten panisch aus mir heraus. „Ich habe hart gearbeitet, Jared. Ich habe abgenommen. Seit Monaten mache ich Diät …" „Hör auf." Dieses eine Wort schnitt durch mich hindurch. „Blamier dich nicht noch mehr." Der Ballsaal verschwamm vor meinen Augen. Ich erinnerte mich daran, wie ich mich ausgehungert hatte, wie ich alles getan hatte, um seine perfekte Braut zu werden. Und trotzdem … war es nicht genug? „Du hast mir versprochen, mich zu unterstützen", flüsterte ich kleinlaut. Für einen kurzen Moment huschte etwas über Jareds Gesicht. „Ich habe versprochen, eine Frau zu heiraten, die sich selbst respektiert." Sein verächtlicher Blick glitt langsam über mich. „Jedes Mal, wenn ich dich ansehe, Ellie, frage ich mich, wann du endlich aufhörst, dich selbst zu belügen." Drei Jahre! Drei Jahre lang hatte ich versucht, die Frau zu werden, die Jared wollte. Und trotzdem sah er mich noch immer voller Ekel an! Er trat von mir zurück und stellte sich mitten in den Altarbereich. Die Bewegung sorgte für Verwirrung unter den Gästen, als plötzlich wieder leise Musik durch den Saal erklang. Alle Köpfe drehten sich zur Seite, als Schritte am Eingang widerhallten. Und da war sie … Alice! Meine Stiefschwester betrat den Ballsaal in einem weißen Seidenkleid. Ihr Make-up war makellos. Mir blieb die Luft weg. Der Blumenstrauß glitt aus meinen Händen und fiel mit einem dumpfen Geräusch auf den Marmorboden. „Nein!", flüsterte ich zittrig. „Nein … das kann nicht sein …" Doch Alice lächelte nur sanft, während sie auf den Altar zuging. „Ich habe Jared angefleht, das nicht öffentlich zu tun." Sie senkte mit einstudierter Bescheidenheit den Blick. „Aber er meinte, Ehrlichkeit sei besser als eine Scheinehe." Schein! Das Wort hallte wie Hohn in meinem Kopf wider. Ohne zu zögern, griff Jared nach Alices Hand und führte sie sanft zu sich. Die Gäste richteten sich auf ihren Sitzen auf. Der Priester sah sich verlegen um, bevor er die Zeremonie einfach wieder aufnahm, als wäre das alles völlig normal. Als käme es ständig vor, dass bei Hochzeiten die Braut ausgetauscht wurde. Und einfach so … war ich nicht länger die Braut. Ich war nur noch ein Schauspiel. Das dicke Mädchen, das am Tag ihrer Hochzeit abserviert worden war … … Ich konnte mich nicht erinnern, den Veranstaltungsort verlassen zu haben. Irgendwann verklang die Musik hinter mir. Unzählige Male hatte ich mir vorgestellt, wie ich meine Hochzeit verlassen würde. Jared würde meine Hand halten, Kameras würden ununterbrochen aufblitzen, während die ganze Stadt uns gratulierte. Nicht allein nach Hause zu laufen, während Fremde über mich lachten. Als ich zu Hause ankam, waren meine Füße voller Blasen und bluteten. Ich ging in mein Zimmer. Meine gepackten Koffer standen noch immer an der Wand und warteten auf die Hochzeitsreise, zu der Jared und ich heute Abend hätten aufbrechen sollen. Meine Brust zog sich schmerzhaft zusammen. Mehrere Sekunden lang starrte ich sie an, bevor ich mich endlich auf die Bettkante setzte. Die Stille dauerte weniger als zehn Sekunden. Dann explodierte mein Handy förmlich vor Benachrichtigungen. Die allererste fiel mir ins Auge. „AliceCare hat ein neues Video gepostet." Ich öffnete den Link und erstarrte. Meine Augen weiteten sich, als ich die bearbeitete Version meines Demütigungsvideos sah. Das Video wechselte zwischen meinen Essanfällen und Alice, die elegant in ihrem Hochzeitskleid lächelte. Die Bildunterschrift lautete: „Echte Veränderung beginnt mit Ehrlichkeit. Disziplin ist entscheidend. #FitnessWahrheit #DisziplinSiegt" Mein Magen verkrampfte sich, während die Kommentare darunter nur so hereinströmten. „Jared ist da wirklich noch mal mit einem blauen Auge davongekommen." „Alice ist so stilvoll und diszipliniert." „Stellt euch vor, so jemanden zu heiraten." Tausende Fremde verurteilten mich, als würden sie mein ganzes Leben anhand eines dreißigsekündigen Videos kennen. Ich hörte auf zu lesen. Doch mein Daumen scrollte weiter. Als wäre der Schmerz süchtig machend geworden. Ich war so tief in meinen Gedanken versunken, dass ich beinahe zusammenzuckte, als die Tür plötzlich aufgerissen wurde. „Unfassbar!" Mein Vater und meine Stiefmutter kamen herein. Ihre Gesichtsausdrücke waren kälter als Eis. Mein Vater sprach tonlos. „Du hast diese Familie heute bis auf die Knochen blamiert, Ellie." Ich sprang auf und versuchte zitternd, mich zu erklären. „Nein … Bitte hör mir zu, Papa. Das Video wurde bearbeitet …" „Bearbeitet?", höhnte meine Stiefmutter. „Hat dich etwa jemand zum Essen gezwungen?" „Ich habe es versucht", sagte ich verzweifelt. „Ich habe es wirklich versucht …" „Genug!" Papa fuhr mich an. Sein harter Ton brachte den gesamten Raum zum Schweigen. „Ich habe dich gewarnt, Ellie. Ich habe dir gesagt, was passieren wird, wenn du diese Familie blamierst." Tränen brannten in meinen Augen. „Ich wollte das nicht …" Er fiel mir ins Wort. „Es spielt keine Rolle, was du wolltest, Ellie." Jedes Wort fühlte sich wie eine weitere Tür an, die sich vor meinem Gesicht schloss. Mein Handy vibrierte noch immer in meiner Hand – eine grausame Erinnerung an alles, was in den letzten zwei Stunden passiert war. Mein Vater trat näher. Sein Blick war gnadenlos. „Pack deine Sachen und verschwinde." Seine Stimme war eiskalt. „Für dich gibt es keinen Platz mehr in der Hunt-Villa."Ellies PerspektiveIch atmete scharf aus und drehte mich um.Zack stand ein paar Schritte entfernt. Eine Hand steckte in seiner Hosentasche, während er mit der anderen locker sein Handy hielt.Nicht die kleinste Spur von Besorgnis lag auf seinem Gesicht.Sein scharfer Blick glitt über mein Gesicht, musterte mich kurz, bevor er beiläufig hinzufügte:„Ich bin gekommen, um meinen Vater zu besuchen. Ich wusste nicht, dass ich mitten in einen Sturm geraten würde."Hitze stieg mir in den Nacken.Ich wandte den Blick ab.„Mach ruhig mit deinem Tag weiter. Ich brauche kein Publikum."Obwohl ich erwartete, dass er ging, hörte ich stattdessen bewusst langsame Schritte auf mich zukommen.Ich warf einen Seitenblick zu ihm.Zack stand nun neben mir und lehnte sich gegen das Auto. Einen Arm hatte er lässig auf dem Dach abgelegt.Er kam ein Stück näher, nah genug, dass ich sein teures Parfüm riechen konnte.„Ich wusste nicht, dass man dafür eine Einladung braucht", flüsterte er. „Beim nächsten Mal w
Ellies PerspektiveIch bekam in dieser Nacht kein Auge zu.Jedes Mal, wenn ich die Augen schloss, sah ich Zacks bernsteinfarbene Augen vor mir und hörte seine spöttische Stimme.Ich drehte mich auf die Seite, drückte mein Gesicht in das Kissen und zwang mich, an jemand anderen zu denken.Meinen Ehemann!Zackary … und dann seinen Sohn, Zack.Bei seinem Namen lief mir ein Schauer über den Rücken.Warum hatte Jared nie etwas von Zack erwähnt?Warum hatte der Anwalt nichts über Zackarys Familie gesagt?Solche zufälligen Fragen gingen mir länger durch den Kopf, als sie sollten – ein verzweifelter Versuch, all das irgendwie zu verarbeiten.Als der Morgen kam, gab ich den Versuch auf und setzte mich seufzend auf.„Wenn mein Mann im Krankenhaus liegt, sollte ich ihn besuchen."Nachdem ich mich fertig gemacht hatte, erkundigte ich mich beim Personal und machte mich noch vor dem Nachmittag auf den Weg zu Zackary.Bei Tageslicht fühlte sich die Fahrt zum Krankenhaus völlig anders an.Dieselbe St
Ellies PerspektiveIn dem Moment, als ich aufsah, blieb mir das Herz stehen.Dieser Mann war nicht alt.Er war weder schwach noch gebrechlich und hatte überhaupt nichts mit den Gerüchten gemeinsam, die über Zackary Walton kursierten.Der junge Mann, der neben der Tür stand, war auf eine Art attraktiv, die eigentlich verboten sein sollte. Er war groß, breitschultrig und trug ein schwarzes Hemd, dessen oberste Knöpfe offenstanden.Und diese Augen …Bernsteinfarben!Kein sanftes Goldbraun, sondern ein tiefes Bernstein, das im gedämpften Licht leuchtete wie etwas Wildes, das sich unter seiner menschlichen Haut verbarg.Mehrere Sekunden lang setzte mein Gehirn einfach aus.Das konnte unmöglich er sein …Die ganze Stadt sprach über Zackary Walton. Er war ein kranker, alter Mann, der sich nach seinem skandalösen Absturz aus der Gesellschaft zurückgezogen hatte.Doch dieser Mann Anfang dreißig sah mächtig genug aus, um jemanden mit einem einzigen Blick zu vernichten.Sein aufmerksamer Blick g
Ellies Perspektive„Gehen? Nein!"Die Worte platzten aus mir heraus, bevor ich meine Gedanken überhaupt ordnen konnte.„Papa, bitte. Oma ist tot. Ich habe keinen Ort, an den ich gehen kann …"Doch mein Vater ließ mich nicht einmal ausreden.„Daran hättest du vorher denken sollen, Ellie."Sein Gesicht verdunkelte sich vor Wut.„Hast du überhaupt eine Ahnung, was du getan hast? Du hast die Familien Walton und Hunt vor der gesamten Stadt blamiert."Jedes seiner Worte bohrte sich wie spitze Nadeln in meine Seele.Tränen liefen über meine Wangen.„So war es nicht …"Meine Stiefmutter unterbrach mich und legte Papa beruhigend eine Hand auf die Schulter.„Ihr Vorwürfe zu machen, wird nichts ändern, Camryn."Ihre kalten Augen richteten sich auf mich.„Aber Fehler lassen sich trotzdem korrigieren."Papa runzelte die Stirn.„Was schlägst du vor, Susan?"„Die Familie Walton wird diese Demütigung nicht so einfach hinnehmen", sagte sie ruhig. „Aber vielleicht … überdenken sie das Bündnis, wenn wir

















