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KAPITEL 4: WAS SIE NICHT WUSSTE

Penulis: Viv Rex
last update Tanggal publikasi: 2026-04-23 14:58:42

Wer ich wirklich bin?

Mia wiederholte die Worte langsam, als würde sie sie in einer fremden Sprache sprechen. Der Wald war still um sie herum. Irgendwo zwitscherte ein Vogel, weit oben in den Ästen. Der Boden unter ihren Füßen war noch feucht vom Regen der letzten Nacht, und die Luft roch nach nasser Erde und altem Holz.

Lukas stand keine drei Meter entfernt und sah sie an.

„Ich weiß, wer ich bin," sagte sie. „Ich bin Mia Voss. Omega. Hausangestellte. Niemand."

„Das ist das, was man dir gesagt hat."

„Das ist das, was ich bin."

Er schüttelte den Kopf. Langsam. Bestimmt. Als hätte er eine Antwort erwartet und sie trotzdem nicht akzeptieren wollen. Seine Augen lagen auf ihr mit dieser ruhigen, schweren Art, die sie seit gestern Nacht nicht losließ. Als würde er sie nicht nur ansehen, sondern durch sie hindurchsehen. Als würde er Dinge in ihr erkennen, die sie selbst nicht kannte.

„Dein Vater hieß Erik Voss."

Mia erstarrte.

„Deine Mutter hieß Sera. Geborene Hartmann." Er sprach die Namen aus, als wären es keine fremden Worte. Als wären es Worte, die er schon oft gesagt hatte. Leise, für sich allein, in Momenten, in denen niemand zuhörte. „Sie sind nicht bei einem Angriff rivalisierender Rudel gestorben."

Die Decke fiel aus Mias Händen.

Sie merkte es kaum.

„Was?" flüsterte sie.

Lukas sah sie an. Kein Mitleid in seinem Blick — das hätte sie nicht ertragen können. Nur diese ruhige, direkte Schwere, die er für alles zu haben schien. Als wäre er jemand, der es gewohnt war, schwierige Wahrheiten auszusprechen, ohne sie zu beschönigen. „Sie wurden gezielt getötet. Von jemandem innerhalb des Schwarzwald-Rudels."

Die Welt drehte sich.

Mia griff nach dem Stamm der nächsten Eiche, fand ihn, hielt sich fest. Die Rinde war rau unter ihren Fingern. Real. Fest. Unveränderlich. Sie konzentrierte sich darauf — auf die Rinde, auf den Baum, auf den feuchten Boden unter ihren Füßen — weil der Rest der Welt gerade aufgehört hatte, Sinn zu ergeben.

„Das stimmt nicht," sagte sie. Ihre Stimme klang fremd. Zu ruhig. Wie jemand, der versucht, ruhig zu klingen, und dabei vergisst, wie Ruhigsein sich eigentlich anfühlt. „Das wäre — das hätte jemand gesagt. Das hätte—"

„Wer hätte es gesagt?" fragte Lukas ruhig. „Die Familie Brenner? Die dich aufgenommen und als Hausangestellte behandelt hat, anstatt als das, was du wirklich bist?"

„Und was bin ich?"

Die Frage kam heraus, bevor sie sie zurückhalten konnte. Roh. Ungeschützt. Wie etwas, das sie seit Jahren in sich getragen hatte, ohne zu wissen, dass es da war.

Lukas sah sie lange an. Zu lange. Als würde er abwägen — wie viel er sagen konnte. Wie viel sie in diesem Moment hören konnte, ohne zu zerbrechen.

„Dein Vater war kein gewöhnlicher Wolf," sagte er schließlich. „Er war Wächter. Einer der wenigen, die das alte Wissen des Schwarzwald-Rudels hüteten. Geheimnisse, die älter sind als jeder lebende Alpha — Wissen über die Ursprünge des Rudels, über uralte Bündnisse, über Mächte, die die meisten Wölfe heutzutage vergessen haben oder nie kannten."

Mia ließ den Baumstamm los. Ihre Beine trugen sie noch, aber nur knapp. „Und meine Mutter?"

„Deine Mutter war Luna."

Das Wort traf sie wie ein Blitz.

Luna. Die Schicksalspartnerin eines Alphas. Die Frau, die neben dem mächtigsten Wolf eines Rudels stand — nicht als Dekoration, nicht als Symbol, sondern als gleichwertige Kraft. Als die andere Hälfte von etwas Ganzem. Jedes Kind, das in einem Wolfsrudel aufwuchs, kannte die Bedeutung dieses Wortes. Jedes Kind wusste, was es bedeutete, Luna zu sein.

„Nein," sagte Mia. Ihre Stimme zitterte jetzt. „Nein, das ist — meine Mutter war keine Luna. Sie war — sie war gewöhnlich. Sie war sanft und ruhig und sie hat immer nach mir gerochen, wenn ich Albträume hatte, und sie hat mir Geschichten erzählt, bis ich eingeschlafen bin, und sie war—"

„Sie war die Luna des Rudels vor meinem Vater," sagte Lukas.

Mia hörte auf zu sprechen.

„Als mein Vater Alpha wurde," fuhr er fort, seine Stimme immer noch ruhig, immer noch gleichmäßig, als würde er ihr nicht gerade das Fundament unter den Füßen wegziehen, „wurde das Rudel neu geordnet. Alte Bündnisse wurden aufgelöst. Alte Positionen neu besetzt. Deine Eltern weigerten sich, das alte Wissen herauszugeben — das Wissen, das dein Vater als Wächter gehütet hatte. Sie sagten, es gehöre nicht einem einzelnen Alpha. Es gehöre dem Rudel als Ganzem."

Er machte eine kurze Pause.

„Das hat jemanden sehr verärgert."

Mia setzte sich.

Nicht weil sie wollte. Ihre Knie gaben einfach nach und sie landete auf dem feuchten Waldboden, die Hände flach auf der Erde. Der Boden war kalt. Sie spürte die Feuchtigkeit durch den Stoff ihrer Hose. Aber sie stand nicht auf. Konnte nicht.

Zehn Jahre.

Zehn Jahre hatte sie geglaubt, ihre Eltern wären bei einem Angriff gestorben. Ein Überfall. Schnell, zufällig, grausam — so wie Dinge manchmal passierten in einer Welt, in der Rudel gegeneinander kämpften und niemand immer sicher war. Sie hatte getrauert. Sie hatte geweint, bis keine Tränen mehr kamen. Sie hatte gelernt, nicht zu viel daran zu denken.

Weil es keinen Sinn hatte, an Dinge zu denken, die man nicht ändern konnte.

Aber das hier war kein Unfall.

Das hier war kein Überfall.

Das hier war Mord.

„Wer?" fragte sie. Ihre Stimme war kaum mehr als ein Flüstern. „Wer hat es getan?"

Lukas schwieg einen Moment. Er kam näher — langsam, ohne Hast, als wäre er sich bewusst, dass jede zu schnelle Bewegung sie erschrecken würde — und setzte sich ihr gegenüber auf einen umgestürzten Baumstamm. Nicht zu nah. Aber nah genug, dass sie sein Gesicht klar sehen konnte.

„Das weiß ich noch nicht genau," sagte er. „Aber ich werde es herausfinden."

„Warum?" Mia sah ihn an. Ihre Augen brannten, aber sie weinte nicht. Noch nicht. „Warum ist dir das wichtig? Das ist zehn Jahre her. Meine Eltern sind tot. Was ändert es, wenn du weißt, wer es getan hat?"

„Es ändert alles," sagte er ruhig. „Weil derjenige, der deine Eltern getötet hat, immer noch im Rudel ist. Weil er immer noch Macht hat. Und weil du — ob du es weißt oder nicht — eine Bedrohung für ihn bist."

Mia blinzelte. „Ich bin keine Bedrohung für irgendjemanden."

„Du bist die Tochter eines Wächters und einer Luna." Lukas sah sie an. Direkt. Unausweichlich. „Du trägst ihr Blut in dir. Du trägst ihr Wissen — vielleicht ohne es zu wissen, vielleicht in einer Form, die du noch nicht verstehst. Aber es ist da. Und jemand in diesem Rudel weiß das."

Die Vögel hatten aufgehört zu singen.

Mia bemerkte es erst jetzt — diese plötzliche Stille im Wald, als hätte die Natur beschlossen, kurz den Atem anzuhalten. Der Wind bewegte die Blätter über ihnen. Sonst nichts.

„Lena," sagte Mia langsam. Das Wort kam aus einer Ahnung heraus, nicht aus einem Gedanken. „Lena weiß es. Deshalb—" sie brach ab, ließ die Verbindungen in ihrem Kopf entstehen, eine nach der anderen. „Deshalb hat sie mich heute aus dem Haus geschickt. Deshalb hat sie mich nie als mehr behandelt als — als Inventar. Sie wollte mich klein halten. Unsichtbar."

Lukas antwortete nicht.

Was seine Antwort war.

Mia schloss die Augen. Hinter ihren Augenlidern sah sie ihre Mutter — verschwommene Erinnerungen, mehr Gefühl als Bild. Warme Hände. Eine leise Stimme. Der Geruch von Kiefernnadeln und frischem Brot. Sie hatte immer geglaubt, diese Erinnerungen würden mit der Zeit verblassen. Stattdessen wurden sie schärfer.

Als hätte ein Teil von ihr immer gewusst, dass die Geschichte, die man ihr erzählt hatte, nicht stimmte.

„Was soll ich jetzt tun?" fragte sie leise.

„Vorerst — nichts." Lukas stand auf. Er war größer als sie in Erinnerung hatte, oder vielleicht wirkte er nur größer hier draußen, im Wald, ohne die Ablenkung des Ballsaals um ihn herum. „Tu so, als wüsstest du nichts. Geh zurück ins Anwesen. Mach deine Arbeit. Sei unsichtbar."

„Das bin ich gut," sagte Mia bitter.

„Ich weiß." Er sah auf sie hinunter. Und in seinem Blick lag etwas — kein Mitleid, das hatte sie schon gesagt. Aber etwas Ähnliches. Etwas Wärmeres. „Und es tut mir leid, dass du das so gut sein musstest."

Mia öffnete den Mund.

Aber er war bereits gegangen — ruhig, lautlos, zwischen den Bäumen verschwunden, als wäre er nie dagewesen. Nur das leichte Knacken von Ästen unter seinen Schritten bewies, dass er real gewesen war.

Mia blieb allein auf dem Waldboden sitzen.

Die Vögel begannen wieder zu singen.

Und zum ersten Mal seit zehn Jahren weinte sie — nicht um den Verlust ihrer Eltern, denn den kannte sie schon lange — sondern um die Wahrheit, die sie verloren hatte, ohne es zu wissen.

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