LOGINEli
Der Wald scheint sich um mich zu schließen, während er mich den Hang hinaufzerrt.
Meine Füße rutschen auf der lockeren Erde weg, doch sein Griff um meinen Arm gibt keinen Millimeter nach.
Ich könnte mich mit aller Kraft gegen ihn stemmen. Mich verwandeln und kämpfen. Aber mein Wolf hat sich tief in mir zusammengerollt, die Rute zwischen die Beine geklemmt, und zittert noch immer von diesem Biss.
Der Biss brennt.
Dort, wo seine Zähne meine Haut durchbrochen haben, pocht ein tiefer Schmerz. Er strahlt von meinem Hals in meine Brust aus und zieht noch tiefer.
Ich beiße die Zähne zusammen. Gegen das Brennen, gegen den Schwindel und gegen den verräterischen Teil von mir, der sich dem Zug des Bandes hingeben will.
Wir brechen aus dem Wald auf eine Lichtung hinaus, und mein Atem stockt.
Das Rudel wartet bereits.
„Sieh dir dein neues Zuhause an. Du gehörst jetzt zum Rudel von Ronan Vale, Hündchen“, sagt Ronan.
Verdammte Scheiße. Ich hätte wissen müssen, dass das Ronan Vale ist.
Dutzende Wölfe und halbverwandelte Gestalten stehen an Feuerstellen und zwischen Zelten. Im Schein der Fackeln blitzen Waffen auf.
Ihre Blicke folgen mir. Manche wirken neugierig, andere unverhohlen feindselig.
Ich habe schon andere Rudel gesehen. Die meisten sind abgerissen, hungrig und verzweifelt. Diese Wölfe dagegen bewegen sich wie Raubtiere, die genau wissen, dass sie an der Spitze der Nahrungskette stehen.
Der Alpha hält mich dicht bei sich, die Hand noch immer um meinen Arm geschlossen. Sein Daumen streicht gedankenverloren über meine Haut, als müsste er sich selbst beruhigen, nicht mich.
Seine Präsenz beherrscht die ganze Lichtung. Jeder Wolf senkt den Blick und entblößt unterwürfig die Kehle.
Bis auf einen.
Ein breitschultriger Mann mit einer gezackten Narbe im Gesicht tritt vor. Seine wolfsgoldenen Augen wandern kurz zu mir und dann zurück zu Ronan.
„Du hast einen Streuner mitgebracht?“
Ronans Griff wird so fest, dass meine Knochen protestieren. „Ich habe mitgebracht, was mir gehört.“
Ein leises Raunen geht durch das Rudel.
Neugier, Überraschung und vielleicht sogar Mitleid.
Der Mann mit der Narbe wirft einen Blick auf den Biss an meinem Hals und verzieht den Mund zu einem kalten, vielsagenden Grinsen.
„Hätte nicht gedacht, dass du dir je einen Gefährten nimmst, Alpha.“
Ronan antwortet nicht. Er muss sich vor niemandem rechtfertigen.
Seine Hand gleitet von meinem Arm in meinen Nacken. Als seine Finger sich auf das Mal legen, erschauere ich.
„W-wohin bringst du mich?“, bringe ich mit rauer Stimme hervor.
Sein Daumen drückt warnend fester zu. „Du sprichst, wenn ich es dir erlaube.“
Wut und Trotz schießen heiß in meiner Brust hoch, und ich muss mir eine bissige Antwort verkneifen. Natürlich musste ausgerechnet ein Grobian, für den ich nichts weiter als ein Hündchen bin, mich zu seinem Gefährten machen.
Doch das Band summt in meinem Blut und macht meine Beine weich.
Mein Wolf winselt wieder, die Rute noch immer eingezogen. Ich hasse es. Ich hasse ihn. Ronan.
Er führt mich durch das Lager, vorbei an Reihen von Hütten und Feuerstellen, bis wir das größte Gebäude erreichen.
Ein Blockhaus, dessen Eingang von geschnitzten Wolfsköpfen gesäumt wird.
Die Tür knarrt, als er sie aufdrückt, und sofort schlägt mir der Geruch des Raumes entgegen.
Rauch, Leder und etwas Dunkleres, unverkennbar Männliches. So durchdringend, dass mir gegen meinen Willen das Wasser im Mund zusammenläuft.
Drinnen ist es schummrig. Nur Laternen und die Glut in einem steinernen Kamin spenden Licht.
An den Wänden hängen Waffen. Klingen, Klauen und andere Trophäen, die ich gar nicht erst genauer betrachten will.
Er lässt meinen Nacken los, nur um mich nach vorn zu stoßen.
„Setz dich“, befiehlt er und deutet auf einen Stuhl am Feuer.
Ich rühre mich nicht.
Dabei will ich es. Alles in mir zittert vor dem Drang zu gehorchen. Doch irgendetwas sträubt sich dagegen, es ihm so leicht zu machen.
Er zieht eine Braue hoch. Dann lächelt er – langsam und gefährlich. „Schon ungehorsam? Ich freue mich darauf, dir Manieren beizubringen.“
Mein Herz gerät aus dem Takt. Ich setze mich und senke den Blick.
Bedächtig kreist er um mich. Sein Blick wandert über jeden Zentimeter meines Körpers.
Ich fühle mich entblößt, zu einem Gegenstand degradiert, in Besitz genommen. Seine Finger fassen mein Kinn und zwingen meinen Kopf zurück, bis das Bissmal offen vor ihm liegt.
Er beugt sich vor. Nah genug, dass sein heißer Atem über meinen Hals streicht.
„Spürst du es?“, murmelt er.
Ich schlucke schwer. „Was soll ich spüren?“
„Das hier.“
Sein Daumen streicht über das Mal. Das Band flammt so heftig auf, dass ich nach Luft schnappe.
Erregung ballt sich tief in mir, so deutlich, dass ich sie nicht leugnen kann. Bevor ich es verhindern kann, presse ich die Schenkel aneinander.
Sein Lächeln wird schmal und raubtierhaft. „Gut. Du lernst schnell.“
Er lässt mich los, tritt zurück und zieht seine Lederjacke aus. Darunter kommt ein Geflecht schwarzer Tätowierungen zum Vorschein, das sich über seine Brust und seine Arme zieht.
Siegel, Namen, uralte Symbole, bei deren Anblick mein Wolf unruhig wird.
Im Feuerschein wirkt seine Haut wie Bronze. Bei jeder Bewegung spielen die Muskeln darunter.
„W-was passiert jetzt?“ Ich hasse es verdammt noch mal, dass meine Stimme zittert. Aber ich bin nur ein schwacher Omega, gefangen in einer Macht, die sehr viel größer und gefährlicher ist als ich.
Ronan zieht einen Stuhl heran, setzt sich mir gegenüber und stützt die Ellbogen auf die Knie. Sein Blick lässt meinen nicht los.
„Was jetzt passiert?“ Seine Stimme ist leise. „Du sagst mir, warum du auf meinem Land warst. Danach entscheide ich, ob du weiteratmen darfst.“
Das Brennen in meinem Hals pocht im Takt meines Pulses.
Ich lecke mir über die Lippen, schmecke die Angst auf meiner Zunge und halte seinem Blick stand. Denn wenn ich wegsehe, gewinnt er.
Das hat er längst.
RonanAls ich die Sitzung beende, zerstreuen sie sich.Jace bleibt gerade lange genug, um meinen Blick aufzufangen. In seinen Augen steht eine unausgesprochene Frage. Dann geht auch er.In der anschließenden Stille knackt und faucht das Feuer. Ich stehe am Kopfende des Tisches und trommle einmal mit den Fingern auf das zerfurchte Holz, bevor ich mein Messer aus der Scheide ziehe.Die Klinge glänzt orange im Feuerschein. Ich lege sie flach an meine Handfläche und spüre, wie das Metall in die schwielige Haut drückt. Nicht fest genug, um die Haut zu ritzen. Noch nicht.Er hat mich überrascht.Unter der hübschen Fassade dieses weich wirkenden Omegas steckt unbeugsamer Wille.Er stand vor meinem Rat und hat nicht gebettelt.Als ich Druck gemacht habe, kam die Wahrheit. Roh und abgehackt, aber ohne Ausflüchte.Solche Zuchtkäfige. Solche Strafen. Ich habe beides schon mit eigenen Augen gesehen. Eine Grausamkeit, die selbst mir zu weit geht.Und dieses Engelsgesicht, dieser verführerische Kör
EliJace weckt mich vor Sonnenaufgang mit einem harten Klopfen und ohne jede verdammte Erklärung.„Aufstehen“, knurrt er durch die Tür. „Der Rat will dich sehen.“Der Rat. Meine Brust wird eng, Panik krallt sich an meiner Kehle fest. Ich rolle von der Pritsche, noch immer tut mir vom gescheiterten Fluchtversuch gestern jeder Muskel weh, und ziehe das Hemd an, das sie mir gegeben haben.Der Stoff ist steif und stinkt nach Rauch, Leder und dem Schweiß anderer Männer. Der Biss an meinem Hals pocht mit jedem Herzschlag – eine ständige Erinnerung daran, was aus mir geworden ist.Draußen liegt Frost bissig in der Luft. Der Himmel ist fahlgrau ausgewaschen wie alte Knochen.Jace treibt mich durchs Lager, vorbei an Wachposten, die Kisten mit Munition und Silberkugeln stapeln. Das hier ist kein Zuhause. Es ist eine Kriegsmaschine, und ich soll ihr zum Fraß vorgeworfen werden.Vor uns ragt das Blockhaus auf, schwere Balken, in die Zeichen geschnitzt sind, die ich nicht kenne.Jace stößt mich du
EliDas morsche Holz um das Fenster zerfällt unter meinen verzweifelten Fingern.Seit gefühlten Stunden kratze ich daran, stemme die gezackte Kante eines abgebrochenen Stuhlbeins gegen die verrosteten Schrauben.Jeder Muskel schreit. Jeder Herzschlag dröhnt wie eine Kriegstrommel in meinem Schädel. Kalter Schweiß liegt auf meiner Haut, aber ich kann nicht aufhören. Ich werde nicht aufhören.Die erste Schraube gibt nach, und in meiner Brust regt sich etwas Wildes, Hoffnungsvolles.Ich beiße mir auf die Unterlippe, schmecke Blut und zwinge mich, bedächtig weiterzumachen. Eine vorsichtige Drehung nach der anderen.Der Riegel schabt über die Tür, und mir gefriert das Blut in den Adern.Nein. Nicht jetzt. Bitte, verdammt, nicht jetzt.Die Tür fliegt nach innen.Ronan steht in der Tür wie mein schlimmster Albtraum.Sein schwarzes Hemd hängt offen. Verschlungene Tätowierungen ziehen sich über seine Brust wie Narben aus zahllosen Kämpfen.Schweiß hat sein dunkles Haar durchfeuchtet, die Sträh
EliIch weiß nicht mehr, wann ich eingeschlafen bin.In einem Moment liege ich wie ein verwundetes Tier auf der Pritsche, sämtliche Muskeln angespannt, und starre auf die wasserfleckigen Dachsparren.Im nächsten kippt die Welt, und ich stürze in die Hölle. Ich bin woanders. An einem dunklen, stickigen Ort, an dem ich in seinem Geruch zu ertrinken drohe.Es ist Ronans Blockhaus, aber entstellt.Feuerlicht flackert über bröckelnde Steinwände, Schatten winden sich wie lebendige Wesen. Und dort wartet Ronan, breit im Eingang.Mit lauernder Ruhe kommt er auf mich zu. Das Monster, vor dem ich fliehen sollte. Doch ich bewege mich keinen verdammten Zentimeter.Zwischen meinen Rippen summt das Band dunkel und verführerisch. Jeder Schlag lässt meine Haut zugleich schaudern und glühen.Mein Wolf duckt sich und drängt sich im selben Atemzug nach vorn. Erbärmlich und voller Verlangen.Ronan erreicht mich und umfasst mein Gesicht mit seinen warmen, schwieligen Händen. Seine Finger liegen fest an me
EliDie Nacht ist zu still.Reglos liege ich auf der Pritsche und starre an die Decke, während das Feuer zuckende Schatten über die Holzwände wirft.Mein ganzer Körper schmerzt. Dunkelviolette Blutergüsse breiten sich über meine Schultern aus. Der Biss brennt roh und ätzend auf meiner Haut.Aber nichts davon ist so schlimm wie die Hitze, die durch mich kriecht. Das ist kein Fieber. Das ist er.Das Band summt stetig und elektrisierend in mir, zieht sich durch jede Ader.Sobald ich die Augen schließe, sehe ich ihn. Glühende goldene Augen. Blut an seinem Mund. Dieses grausame Lächeln, das sich in meine Erinnerung eingebrannt hat.Ich versuche, die Bilder fortzuschieben. Sie haften an mir wie Rauch.Mit zitternder Hand fahre ich über meine Brust und die angedeuteten Muskeln, als könnte ich das Feuer aus mir herausstreichen.Meine Hand schwebt über meinen Rippen. Denk nicht an ihn. Nicht an ihn.Doch mein Wolf regt sich, rastlos und voller Verlangen.Das Band flammt auf. Plötzlich spüre ic
EliSie lassen mir nicht einmal Zeit, das Blut von meinem Hals zu waschen.Jace zerrt mich am Arm auf die Beine. Sein Gesicht ist wie versteinert, als er mich wie ein Stück Aas durch das Lager schleift.Die Wölfe unterbrechen ihre Gespräche und sehen uns nach. Manche grinsen, manche schauen mitleidig, doch sie alle wissen genau, was sie da vor sich haben.Ich halte den Blick gesenkt. Der Dreck klebt noch immer an meiner nackten Haut, und die Nachtluft beißt in jeden frischen Bluterguss.Ronans Mal brennt wie eine glühende Kohle an meinem Hals. Tief in meiner Brust winselt mein Wolf – hungrig, rastlos und selbst in meiner menschlichen Gestalt verängstigt.Raus aus meinem Kopf. Raus aus mir. Raus.Jace stößt mich durch die Tür der Hütte. Schweres Holz schlägt hinter uns zu und sperrt die Kälte aus. Drinnen ist die Luft zäh wie Sirup, und ich sitze darin fest.Rauch. Eisen. Sein Geruch ist überall. Er steckt in den Holzwänden, den Teppichen, selbst in der Luft, die ich atmen muss.„Setz







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