LOGINSerena Vale
• Als die Sonne unterging, war jede Spur des Lebens, das ich mir mit Douglas aufgebaut hatte, verschwunden. Na ja, fast verschwunden. Ich war noch dabei, meine Sachen zusammenzupacken, um sie zu Lila zu bringen. Douglas und ich hatten dieses Haus gemeinsam gekauft. Es gehörte mir genauso wie ihm, aber ich konnte dort nicht länger wohnen. Nicht, wenn mich jede einzelne Ecke an ihn erinnerte. Um die rechtlichen Angelegenheiten würde ich mich später kümmern. Als ich die Floristin anrief, um ihr mitzuteilen, dass die Hochzeit abgesagt war, war sie völlig verwirrt. Sie hatte erst am Morgen frische Blumen geliefert und sollte am nächsten Morgen noch weitere bringen. Die Hochzeitsplanerin war noch schockierter. Sie erzählte mir, wir seien eines der süßesten Paare gewesen, die sie je betreut hatte. Nun ja, das hatte ich früher auch geglaubt. Die Hälfte der Anrufe, die ich bekam, war von geheucheltem Mitgefühl geprägt. Die andere Hälfte bestand aus Menschen, die einfach nur auf Klatsch und Tratsch aus waren. Die Einzigen, denen wirklich etwas daran lag, wie es mir ging, waren meine Eltern und meine Cousins und Cousinen. Douglas’ Familie bombardierte mein Handy mit Anrufen, aber ich ging bei keinem einzigen ran. Ich konnte einfach nicht. Ich musste mein Handy ausschalten, während ich mich darauf konzentrierte, alle meine Sachen aus dem Haus zu holen. Zum Glück hatte Lila ein Penthouse, das groß genug war, um mich und all meine Sachen aufzunehmen. Ich hatte keine Lust, mit all dem Gepäck in ein Hotel zu ziehen, und sie war ohnehin kaum zu Hause. In dieser Nacht schlief ich nicht. Ich saß einfach am Fenster und starrte unter Tränen auf die Lichter der Stadt, bis der Morgen anbrach. Am nächsten Morgen kamen die Leute dann zu Lila ins Penthouse. Meine Freunde waren da, meine Eltern, meine Geschwister und meine Cousins und Cousinen wollten mich alle trösten. Es war erdrückend. Douglas rief mich ständig an und hinterließ unzählige Nachrichten, in denen er mir sagte, ich solle das bloß nicht vermasseln. Das Probeessen war abgesagt worden und die Leute hatten ihm geschrieben, um zu fragen, was passiert sei, aber trotzdem wollte er, dass ich zur Hochzeit erschien. Allein der Gedanke daran war zum Kotzen. Zwischen all den aufmunternden Worten, die die Leute mir entgegenwarfen, traf ich eine Entscheidung. Douglas und ich hätten gegen sieben Uhr abends zu unseren Flitterwochen aufbrechen sollen. Ich hatte alles gebucht, weil es ihm egal gewesen war, wohin wir fuhren. Ich konnte dort nicht länger sitzen und dabei zusehen, wie mich alle wegen seiner Untreue bemitleideten, also packte ich einen neuen Koffer. „Wohin gehst du?“, fragte Lila, die im Türrahmen meines vorübergehenden Zimmers stand. Meine Eltern waren gerade gegangen, nachdem sie gemerkt hatten, dass ich Abstand von allen brauchte. „Nach Liora Bay“, antwortete ich, während ich den Koffer zuzog. „In meine Flitterwochen.“ Lila blinzelte. „In deine Flitterwochen?“ „Ich habe mich so lange darauf gefreut, dorthin zu fahren. Ich werde nicht zulassen, dass ein Mann mir das auch noch kaputtmacht.“ Lila biss sich auf die Lippe, als wollte sie etwas sagen, hielt sich aber zurück. Die Tickets konnten nicht erstattet werden. Die Villa war bereits bezahlt. Ich glaubte nicht, dass ich in naher Zukunft noch einmal die Gelegenheit haben würde, diese Insel zu besuchen, vor allem nicht mit meinem neuen Job, der bald begann. Durch all die Stornierungen war bereits genug Geld verloren gegangen. Ich konnte nicht zulassen, dass auch das umsonst gewesen war. Die Insel sollte unsere Flitterwochen werden. Jetzt würden es eben nur meine sein. An diesem Abend half Lila mir trotzdem dabei, mein Gepäck ins Auto zu laden. Ich trug eine Jogginghose, einen Oversize-Pullover und eine große Brille, während meine Haare zu einem Dutt gebunden waren. Normalerweise ging ich nie so aus dem Haus, aber im Moment hatte ich einfach nicht die Kraft, mich um mein Aussehen zu kümmern. „Schreib mir, wenn du gelandet bist“, sagte sie. „Und bitte knutsch keinen geheimnisvollen Fremden am Strand.“ Ein leises Lachen entfuhr mir. Es war das erste echte Zeichen von Freude, seit ich dieses Bild gesehen hatte. „Ich werde mein Bestes geben.“ „Gut. Denn Trostpflaster funktionieren nur in Filmen.“ Ich lächelte sie an. Die Wahrheit war, dass ich mich im Moment nicht einmal dazu fähig fühlte, mich zu einem anderen Mann hingezogen zu fühlen. Ich hatte mich erst vor vierundzwanzig Stunden von Douglas getrennt. Ich hatte schlicht nicht die Kraft, irgendeinen anderen Mann in mein Leben zu lassen. Die Fahrt zum Flughafen verlief schweigend. Die Sonne begann unterzugehen, und die hohen, glitzernden Wolkenkratzer kümmerten sich kein bisschen darum, dass meine Welt gerade in sich zusammengebrochen war. Am Check-in schenkte mir die Mitarbeiterin ein höfliches Lächeln. „Es tut mir leid, Ms. Vale, aber Ihr Flug hat Verspätung.“ „Was?“ War heute wirklich alles gegen mich? „Wie lange denn?“ „Das wissen wir leider noch nicht. Es gibt ein technisches Problem. Sie müssen warten, bis wir weitere Informationen bekannt geben.“ Natürlich. Das Universum musste noch Salz in meine Wunden streuen. Ich rollte meinen Koffer zu einem Sitzplatz und ließ mich erschöpft darauf nieder. Ehrlich gesagt überraschte mich das nicht einmal mehr. Offenbar war dieses Jahr einfach nicht mein Jahr. Da bemerkte ich ihn. Ein Mann saß ein paar Reihen vor mir. Man konnte ihn unmöglich übersehen. Er hatte dunkelbraunes Haar mit schmutzigblonden Spitzen. Er lehnte sich mit einer Selbstverständlichkeit zurück, die nur Menschen ausstrahlten, die entweder reich oder gefährlich waren. Oder beides. Sein Anzug war perfekt maßgeschneidert. Seine Armbanduhr glänzte dezent im Licht des Flughafens. Als hätte er meinen Blick auf sich gespürt, sah er auf. Ein schwaches Lächeln erschien auf seinen Lippen. Für ein paar Sekunden hielt er meinen Blick etwas zu lange fest, bevor er wieder auf sein Handy schaute. Gegen meinen Willen machte mein Magen einen kleinen Sprung, worüber ich mich sofort innerlich tadelte. Nicht jetzt, Serena. Nach fast einer Stunde des Wartens ertönte schließlich eine Durchsage über die Lautsprecher. „Sehr geehrte Damen und Herren, Flug 233 nach Liora Bay wurde aufgrund technischer Probleme annulliert. Bitte begeben Sie sich zum Serviceschalter, um Ihren Flug umzubuchen oder eine Rückerstattung zu erhalten.“ Annulliert. Nicht verspätet. Ich presste die Lippen zusammen. „Perfekt.“ Ich hatte all meinen Freunden bereits erzählt, dass ich allein nach Liora Bay fliegen würde. Ich hatte ihnen gesagt, dass ich Abstand von allem und jedem brauchte, doch offenbar wollte die Welt mir nicht einmal einen einzigen Moment Ruhe gönnen. Wenn ich meine Hochzeit nicht abgesagt hätte, wäre dann auch unser Flug in die Flitterwochen gestrichen worden? „Sieht so aus, als hätten wir dasselbe Ziel.“ Genervt drehte ich den Kopf. Ich wollte die Person, die ausgerechnet wegen meines Unglücks ein Gespräch anfangen wollte, sofort abwimmeln. Doch ich erstarrte, als ich sah, dass der Mann von vorhin jetzt neben mir saß. Aus der Nähe wirkte er noch gefährlicher. Gefährlich in dem Sinne, dass er viel zu gut aussah. Sein Kiefer war zu markant. Seine Augen waren zu dunkel. Sein Blick war viel zu einladend. Nahe seiner Augenbraue verlief eine kleine Narbe – dezent, aber deutlich sichtbar. Fast wirkte es so, als hätte man sie absichtlich dort platziert, um seine Perfektion ein wenig menschlicher erscheinen zu lassen. Ja, er war tatsächlich so attraktiv. „Liora Bay?“, fragte ich und versuchte, möglichst gelassen zu klingen. „Ja.“ Er lächelte. „Ich heiße Ralph.“ Einen Moment zögerte ich, bevor ich ihm die Hand schüttelte. „Serena.“ Sein Händedruck war fest und warm, und er hielt meine Hand einen Moment länger fest, als nötig gewesen wäre. „Wir fliegen mit einem Privatjet. Da wir ohnehin in dieselbe Richtung unterwegs sind, können Sie gern mitkommen.“ „Wir?“ „Mein …“ Er hielt einen Augenblick inne, als suche er nach den richtigen Worten. „… Freund ist bereits im Jet. Er hasst Verspätungen.“ Überrascht blinzelte ich. „Sie bieten mir einen Platz in Ihrem Privatjet an?“ „Es sei denn, Sie möchten lieber nach Hause fahren oder darauf warten, bei einer anderen Fluggesellschaft umzubuchen.“ Er zuckte mit den Schultern. „Ganz wie Sie wollen, Süße.“ Mein Blick wanderte zwischen ihm und den vielen enttäuschten Menschen hin und her, deren Flug ebenfalls gestrichen worden war. Jeder vernünftige Teil meines Verstandes schrie Vorsicht, Fremder! Aber Vernunft hatte mich bisher auch nicht weitergebracht. Ich hatte das Verhalten meines Ex-Verlobten so lange rationalisiert, bis es mir schließlich um die Ohren geflogen war. Lila hatte mich davor gewarnt, mit einem geheimnisvollen Fremden am Strand herumzuknutschen. Davon, einem in seinen Privatjet zu folgen, hatte sie allerdings nichts gesagt. „Normalerweise nehme ich keine Angebote von Fremden an …“, begann ich. „Gut. Das bedeutet, dass Sie klug sind“, erwiderte Ralph mit einem leichten Akzent. „Warum bieten Sie es dann überhaupt an?“ „Weil Sie aussehen, als könnten Sie einen Tapetenwechsel gebrauchen.“ Es war verrückt. Völlig verrückt. Und trotzdem fand ich mich nur wenige Minuten später an seiner Seite wieder, wie ich mit meinem rollenden Koffer hinter ihm über das Privatterminal ging.Serena Vale~•~Rafael hatte darauf bestanden, anlässlich unseres dritten Jahrestages mal wieder schick auszugehen, da wir das in letzter Zeit viel zu selten getan hatten.Er hatte sich die Mühe gemacht, nach einem Ort zu suchen, der sowohl edel als auch absolut privat war, und direkt reserviert, sodass uns im Grunde keine andere Wahl blieb, als einfach mitzuspielen.„Reservierung auf den Namen Moretti“, erklärte er der Empfangsdame am Eingang, die sofort einem Kellner ein Zeichen gab. Dieser führte uns umgehend zu dem Raum, den Rafael für uns gebucht hatte.Der Kellner stieß die Tür auf und erstarrte im selben Moment, wodurch der Rest von uns abrupt stehen blieb. Ich warf einen neugierigen Blick in den Raum und sah den Rücken einer Frau, die gerade dabei war, sich ein rückenfreies schwarzes Oberteil anzuziehen. Der Mann an ihrer Seite schlüpfte in einen schwarzen Anzug, der so perfekt saß, als wäre er ihm auf den Leib geschneidert worden.Sein Blick glitt zur Tür, verengte sich insti
Rafael Moretti~•~Ich hatte keine Ahnung, was es an Serena an sich hatte, aber meine Schwester war auf eine verdammt seltsame Art von ihr besessen. Wie oder wann genau sie sich so enger befreundet hatten, war mir bis heute ein Rätsel, aber plötzlich taten sie so, als würden sie sich schon ein halbes Leben kennen – Altersunterschied hin oder her.Ich hatte beiläufig fallen gelassen, dass wir in unser neues Haus umziehen würden, und Chiara hatte sofort darauf bestanden, uns zu begleiten. Am Ende hatte sie einfach ihren Zwillingsbruder mitgeschleift.Aktuell stand sie mitten im Wohnzimmer und kommandierte die Umzugshelfer herum, als hätte sie ihr halbes Leben lang nichts anderes getan. „Die Stehlampe muss dorthin ans Fenster – nein, an das andere Fenster. Das große. Ja, perfekt. Serena, sag ihnen bitte, dass der Teppich genau zentriert liegen muss.“Serena, die in der Nähe gerade ein paar Kartons mit Büchern auspackte, hob den Kopf. „Er ist bereits zentriert.“Chiara legte den Kopf schi
Serena Vale ~•~ „Meinst du, wir sollten uns ein Haus kaufen?“, fragte ich und beobachtete dabei, wie Rafael die Pfannkuchen wendete. Rafael hielt inne und drehte sich zu mir um. „Es ist schon verdammt sexy, eine erfolgreiche Frau an seiner Seite zu haben.“ Ich verdrehte die Augen. Ich wusste ja selbst nicht, ob mir das Glück einfach hold war, aber als ich meine Agentur gründete, hatte ich im ersten oder zweiten Jahr eigentlich mit null Gewinn gerechnet. Doch stattdessen boomte der Laden gewaltig. Von echtem Reichtum zu sprechen war allerdings maßlos übertrieben. Es reichte gerade so für eine Anzahlung, vor allem weil ich etwas wirklich Schönes und vor allem Geräumiges haben wollte. Nikolai, Rafael und ich brauchten schließlich alle unsere eigenen Arbeitszimmer. Außerdem wollte ich unbedingt getrennte Schlafzimmer behalten – aus irgendeinem unerklärlichen Grund lief es genau so perfekt für uns –, und selbst wenn ich diesen Gedanken bisher nie zugelassen hatte, wollte ich mit ihnen
Nikolai ~•~Serena ließ ihre Tasche auf das Sofa fallen und trat näher an die Stelle, wo Rafael und ich standen. „Was soll das heißen? Du willst abhauen? Wohin denn abhauen? Hast du nicht ohnehin schon gekündigt? Willst du etwa Schluss machen?“Ich warf Rafael einen kurzen Blick zu und sah dann wieder zu Serena. Ihre Gedanken standen ihnen förmlich ins Gesicht geschrieben, und im Grunde dachten sie exakt dasselbe.Eine Trennung wäre die einzig logische Konsequenz gewesen, besonders angesichts meiner aktuellen Verfassung. Ich konnte förmlich spüren, wie besorgt sie seinetwegen waren, und wollte sie nicht noch weiter belasten, aber dafür war ich viel zu egoistisch. Sie waren die einzigen Lichtblicke in meinem Leben, und ich dachte gar nicht daran, auch das noch zu verlieren.„Nein. So war das nicht gemeint. Ich will nur für eine Weile weg.“„Wohin denn?“, verlangte Rafael zu wissen.„Sollten wir uns dafür vielleicht erst mal hinsetzen?“, fragte ich.Keiner von beiden schien das Bedürfn
Rafael Moretti~•~Nikolai biss sich gerade extrem durch. Das war jedem in seinem Umfeld mehr als deutlich anzusehen. Die ständigen Gerichtstermine setzten ihn massiv unter Druck, weshalb es mich kaum wunderte, dass ihm im Grunde alles egal war – solange es nicht diesen Fall betraf.Glücklicherweise fand das Ganze eine Woche später endlich sein Ende. Douglas hatte die Sache so weit in die Länge gezogen, wie es eben ging, bis ihm schlicht die Optionen ausgingen. Und wie nicht anders zu erwarten, gab der Richter uns in allen Punkten recht.Marcus musste eine Entschädigung zahlen, die seine Firma an den Rand des Ruins trieb, und zusätzlich von seinem Posten zurücktreten, weil ihm nach dieser Nummer schlicht niemand mehr vertraute. Ohnehin hatte sein Unternehmen durch den Skandal derartig gelitten, dass es mehr als fraglich war, ob es sich jemals wieder erholen würde – ganz gleich, wer dort nun das Ruder übernahm.Was Serenas ehemalige Freundin Noelle betraf, so wurde auch sie zu saftige
Serena Vale~•~Zwei Monate nachdem Marcus die Anschuldigungen offiziell abgestritten hatte, kehrte eine merkwürdige Ruhe ein. Der Fall explodierte nicht so, wie es alle erwartet hatten. Marcus reichte keine Gegenklage ein. Er versuchte auch nicht, meinen Namen in den Dreck zu ziehen.Das hätte mich eigentlich beruhigen müssen. Und das tat es auch. Aber nur für kurze Zeit.Jess hörte auf zu fragen, ob wir diese Krise überstehen würden. Kunden zögerten nicht länger, bevor sie Verträge unterzeichneten. Die Agentur stabilisierte sich mehr, als sie es je zuvor gewesen war. Es gab zwar keine astronomischen Angebote, aber es lief genug rein, um uns über Wasser zu halten. Außerdem waren wir in neue Büroräume umgezogen, was alle so sehr beflügelte, dass das Team noch härter arbeitete als zuvor.Eigentlich hätte ich erleichtert sein müssen.Aber Nikolai hatte sich verdammt noch mal verändert.Er kam früher nach Hause. Er schlief wesentlich mehr. Er hörte auf, sich in die Arbeit zu verbeißen, u







