ログインSerena Vale
• Der Privatjet war die Definition von Luxus. Die creme- und goldfarbenen Ledersitze wirkten keineswegs protzig. Alles sah aus, als stamme es direkt aus einem Film. Sogar die Luft roch nach Reichtum. Ralph stieg zuerst ein und streckte mir die Hand entgegen. Ohne zu zögern ergriff ich sie und ließ mich von ihm die Stufen hinaufziehen. Mein Blick fiel sofort auf den Mann, der am Fenster saß. Als Ralph eintrat, hob er den Kopf und blinzelte überrascht, als er mich sah. Er sagte kein Wort. Er starrte Ralph lediglich an. „Das ist Nik. N-I-K. Nik“, buchstabierte Ralph und beantwortete damit die unausgesprochene Frage. „Der Freund, von dem ich dir erzählt habe.“ „Wir sind keine Freunde“, widersprach Nik sofort. Seine Stimme war tiefer als die von Ralph, und allein die Art, wie er sprach, ließ ihn deutlich ernster wirken. Doch Ralph schien das überhaupt nicht zu stören. „Hör einfach nicht auf ihn. Sind wir nämlich doch. Nik, das ist Serena. Ihr Flug wurde gestrichen.“ Nik hob eine Augenbraue, als wollte er fragen, was das mit ihm zu tun hatte. „Sie fliegt in dieselbe Richtung wie wir. Also habe ich beschlossen, sie einzuladen.“ Nik nickte nur einmal. Sein Gesichtsausdruck verriet nichts. Ich konnte nicht erkennen, ob ihn meine Anwesenheit störte. War ich in seine Privatsphäre eingedrungen? Wollte er mich überhaupt in ihrem Privatjet haben? „Freut mich, Sie kennenzulernen“, sagte ich und versuchte, möglichst gelassen zu klingen. Innerlich war ich nervös wie nie zuvor. Als ich beschlossen hatte, mit zwei fremden Männern in einen Privatjet zu steigen, hatte ich mir nicht viele Gedanken darüber gemacht. Doch jetzt, da sie beide vor mir standen, konnte ich mich ihrer Ausstrahlung kaum entziehen. Ich war mehr als versucht, wieder zu gehen, aber was wäre das Leben ohne ein paar Risiken? Ich hatte es satt, ständig so vorsichtig zu sein. Ich hatte es satt, mein Leben nach einem festen Plan auszurichten. Was war schließlich das Schlimmste, das passieren konnte? „Du machst ihr Angst, Nik“, sagte Ralph lachend. „Er sieht zwar so aus, aber ich verspreche dir, er beißt nicht. Und falls du dich mit uns beiden doch nicht wohlfühlst, werden wir dich ganz bestimmt nicht zwingen zu bleiben.“ Konnte er etwa Gedanken lesen? Ich sah von Ralph zu Nik, der offenbar ebenfalls auf meine Antwort wartete. Die beiden Blicke, die auf mir ruhten, machten mich nervös. „Ich fühle mich nicht unwohl. Ich hätte nur nicht gedacht, dass mein Abend so endet.“ „Im guten oder im schlechten Sinne?“ Ich zuckte mit den Schultern, und Ralph nickte, während er mich zu einem der Sitze führte. Er setzte sich mir gegenüber, und Nik, der eben noch behauptet hatte, sie seien keine Freunde, nahm trotzdem neben ihm Platz. Mein Magen zog sich zusammen, als der Jet sich in Bewegung setzte. Ich tat das hier wirklich. Ich flog mit zwei Fremden. Ich wusste nicht, ob ich meinem gebrochenen Herzen oder meinem mangelnden Sicherheitsbewusstsein die Schuld geben sollte, aber ich konnte den Jet jetzt auch nicht mehr mitten auf der Strecke anhalten lassen. Sobald man uns sagte, dass wir uns frei bewegen dürften, schenkte die Flugbegleiterin, die ich beim Einsteigen gar nicht bemerkt hatte, uns Champagner ein. Ralph reichte mir ein Glas. „Also, warum fliegst du nach Liora Bay?“ „In die Flitterwochen“, antwortete ich unverblümt und nahm einen Schluck vom Champagner. Er schmeckte besser als jeder Wein, den ich je getrunken hatte. Ralph klappte der Mund auf. „Was? Triffst du dort deinen Mann oder so?“ Ich lachte, doch es lag keinerlei Humor darin. „Ich habe ihn nicht geheiratet. Die Hochzeit wurde abgesagt.“ „Sag bloß, er hat dich betrogen.“ Mein Schweigen beantwortete seine Frage bereits. Er schüttelte den Kopf. „Männer sind Arschlöcher.“ Ich hob eine Augenbraue. „Ich bin da keine Ausnahme.“ Während Ralph und ich uns unterhielten, beobachtete Nik uns lediglich schweigend. Am Ende erzählte ich Ralph alles, was in der vergangenen Woche passiert war. Ich wusste nicht, ob es am Alkohol oder an dem Nervenkitzel der Situation lag, in der ich mich gerade befand, aber es fiel mir erstaunlich leicht, mit ihm zu reden. Andererseits war es schon immer einfacher gewesen, mit Fremden zu sprechen. Als ich mit meiner Geschichte fertig war, zeigte er gleichzeitig Mitgefühl und Ärger in meinem Namen. Er schenkte mir ein weiteres Glas Champagner ein. „Du brauchst das mehr als ich.“ Lachend nahm ich das Glas entgegen. „Da könntest du recht haben.“ Als Nik schließlich das Wort ergriff, war seine Stimme ruhig und tief. „Du gehst besser damit um, als die meisten Menschen es würden.“ Ich sah zu ihm hinüber. Es war das erste Mal, dass er direkt mit mir sprach. Insgesamt war es erst das zweite Mal, dass ich seine Stimme hörte. „Findest du?“ „Du sitzt in einem Privatjet und fliegst an einen neuen Ort, anstatt wegen jemandem im Bett zu liegen und zu weinen, der das gar nicht verdient. Das sagt schon einiges.“ Ich lächelte schwach. „Ich habe meinen Anteil an Tränen bereits hinter mir.“ „Bevor deine Reise vorbei ist, wirst du dich besser fühlen. Ich werde dafür sorgen“, sagte Ralph ganz beiläufig, während er sich in seinem Sitz zurücklehnte. Sein Versprechen blieb schwer und bedeutungsvoll zwischen uns in der Luft hängen. Was meinte er damit? Ich betrachtete ihn eine Weile. Seine Krawatte war inzwischen gelockert, sein Hemdkragen geöffnet. In seinen Augen lag ein verschmitztes Funkeln. Irgendwo zwischen einem weiteren Glas Wein und einem weiteren Lachen begann sich meine Brust leichter anzufühlen. Vielleicht hatte Ralph recht. Vielleicht war diese Reise genau das, was ich brauchte, um mich wieder besser zu fühlen. Als Ralph mit den Fingern eine Haarsträhne aus meinem Gesicht strich, wich ich nicht zurück. „Du solltest nicht so traurig sein“, murmelte er. „Heute hätte meine Hochzeit stattfinden sollen“, sagte ich mit trockener, sarkastischer Stimme. „Ich habe mich noch nicht daran gewöhnt, dass er nicht mehr bei mir ist“, gestand ich. Ralph war ein Fremder, und trotzdem war er der erste Mensch, dem ich das sagte. Ich war daran gewöhnt gewesen, dass Douglas ein Teil meines Lebens war. Ich hätte nie gedacht, dass der Tag kommen würde, an dem ich ihn für den Rest meines Lebens nie wieder sehen wollte. „Dann lass mich dir helfen, ihn zu vergessen.“ Ralph beugte sich langsam und ganz bewusst zu mir vor, als würde er darauf warten, dass ich ihn aufhielt. Ich tat es nicht. Lila hatte mir schließlich nicht verboten, mit einem Mann in seinem Privatjet herumzuknutschen. Ich war nicht auf der Suche nach Vergnügen. Ich wollte einfach nur irgendetwas fühlen, das nicht wehtat. Im nächsten Augenblick lagen seine Lippen auf meinen. Der Kuss war zunächst sanft, beinahe prüfend. Dann wurde er intensiver. Seine Hand legte sich an meinen Nacken, während seine Zunge in meinen Mund glitt und der Geschmack von Champagner meine Sinne erfüllte. Irgendwo am Rand meines Blickfeldes beobachtete Nik uns. Er wirkte weder schockiert noch verurteilend. Er beobachtete uns einfach nur. Ich wusste nicht, was zum Teufel ich da tat. Ich hatte nicht einmal das Gefühl, bereit zu sein, mich zu einem anderen Mann hingezogen zu fühlen. Ich war noch lange nicht über Douglas hinweg. Aber wie man so sagte: Um über jemanden hinwegzukommen, musste man sich auf jemand anderen einlassen. Und vielleicht wusste ich tief in meinem Inneren bereits, worauf ich mich einließ, als ich beschlossen hatte, ihm zu folgen.Serena Vale~•~Rafael hatte darauf bestanden, anlässlich unseres dritten Jahrestages mal wieder schick auszugehen, da wir das in letzter Zeit viel zu selten getan hatten.Er hatte sich die Mühe gemacht, nach einem Ort zu suchen, der sowohl edel als auch absolut privat war, und direkt reserviert, sodass uns im Grunde keine andere Wahl blieb, als einfach mitzuspielen.„Reservierung auf den Namen Moretti“, erklärte er der Empfangsdame am Eingang, die sofort einem Kellner ein Zeichen gab. Dieser führte uns umgehend zu dem Raum, den Rafael für uns gebucht hatte.Der Kellner stieß die Tür auf und erstarrte im selben Moment, wodurch der Rest von uns abrupt stehen blieb. Ich warf einen neugierigen Blick in den Raum und sah den Rücken einer Frau, die gerade dabei war, sich ein rückenfreies schwarzes Oberteil anzuziehen. Der Mann an ihrer Seite schlüpfte in einen schwarzen Anzug, der so perfekt saß, als wäre er ihm auf den Leib geschneidert worden.Sein Blick glitt zur Tür, verengte sich insti
Rafael Moretti~•~Ich hatte keine Ahnung, was es an Serena an sich hatte, aber meine Schwester war auf eine verdammt seltsame Art von ihr besessen. Wie oder wann genau sie sich so enger befreundet hatten, war mir bis heute ein Rätsel, aber plötzlich taten sie so, als würden sie sich schon ein halbes Leben kennen – Altersunterschied hin oder her.Ich hatte beiläufig fallen gelassen, dass wir in unser neues Haus umziehen würden, und Chiara hatte sofort darauf bestanden, uns zu begleiten. Am Ende hatte sie einfach ihren Zwillingsbruder mitgeschleift.Aktuell stand sie mitten im Wohnzimmer und kommandierte die Umzugshelfer herum, als hätte sie ihr halbes Leben lang nichts anderes getan. „Die Stehlampe muss dorthin ans Fenster – nein, an das andere Fenster. Das große. Ja, perfekt. Serena, sag ihnen bitte, dass der Teppich genau zentriert liegen muss.“Serena, die in der Nähe gerade ein paar Kartons mit Büchern auspackte, hob den Kopf. „Er ist bereits zentriert.“Chiara legte den Kopf schi
Serena Vale ~•~ „Meinst du, wir sollten uns ein Haus kaufen?“, fragte ich und beobachtete dabei, wie Rafael die Pfannkuchen wendete. Rafael hielt inne und drehte sich zu mir um. „Es ist schon verdammt sexy, eine erfolgreiche Frau an seiner Seite zu haben.“ Ich verdrehte die Augen. Ich wusste ja selbst nicht, ob mir das Glück einfach hold war, aber als ich meine Agentur gründete, hatte ich im ersten oder zweiten Jahr eigentlich mit null Gewinn gerechnet. Doch stattdessen boomte der Laden gewaltig. Von echtem Reichtum zu sprechen war allerdings maßlos übertrieben. Es reichte gerade so für eine Anzahlung, vor allem weil ich etwas wirklich Schönes und vor allem Geräumiges haben wollte. Nikolai, Rafael und ich brauchten schließlich alle unsere eigenen Arbeitszimmer. Außerdem wollte ich unbedingt getrennte Schlafzimmer behalten – aus irgendeinem unerklärlichen Grund lief es genau so perfekt für uns –, und selbst wenn ich diesen Gedanken bisher nie zugelassen hatte, wollte ich mit ihnen
Nikolai ~•~Serena ließ ihre Tasche auf das Sofa fallen und trat näher an die Stelle, wo Rafael und ich standen. „Was soll das heißen? Du willst abhauen? Wohin denn abhauen? Hast du nicht ohnehin schon gekündigt? Willst du etwa Schluss machen?“Ich warf Rafael einen kurzen Blick zu und sah dann wieder zu Serena. Ihre Gedanken standen ihnen förmlich ins Gesicht geschrieben, und im Grunde dachten sie exakt dasselbe.Eine Trennung wäre die einzig logische Konsequenz gewesen, besonders angesichts meiner aktuellen Verfassung. Ich konnte förmlich spüren, wie besorgt sie seinetwegen waren, und wollte sie nicht noch weiter belasten, aber dafür war ich viel zu egoistisch. Sie waren die einzigen Lichtblicke in meinem Leben, und ich dachte gar nicht daran, auch das noch zu verlieren.„Nein. So war das nicht gemeint. Ich will nur für eine Weile weg.“„Wohin denn?“, verlangte Rafael zu wissen.„Sollten wir uns dafür vielleicht erst mal hinsetzen?“, fragte ich.Keiner von beiden schien das Bedürfn
Rafael Moretti~•~Nikolai biss sich gerade extrem durch. Das war jedem in seinem Umfeld mehr als deutlich anzusehen. Die ständigen Gerichtstermine setzten ihn massiv unter Druck, weshalb es mich kaum wunderte, dass ihm im Grunde alles egal war – solange es nicht diesen Fall betraf.Glücklicherweise fand das Ganze eine Woche später endlich sein Ende. Douglas hatte die Sache so weit in die Länge gezogen, wie es eben ging, bis ihm schlicht die Optionen ausgingen. Und wie nicht anders zu erwarten, gab der Richter uns in allen Punkten recht.Marcus musste eine Entschädigung zahlen, die seine Firma an den Rand des Ruins trieb, und zusätzlich von seinem Posten zurücktreten, weil ihm nach dieser Nummer schlicht niemand mehr vertraute. Ohnehin hatte sein Unternehmen durch den Skandal derartig gelitten, dass es mehr als fraglich war, ob es sich jemals wieder erholen würde – ganz gleich, wer dort nun das Ruder übernahm.Was Serenas ehemalige Freundin Noelle betraf, so wurde auch sie zu saftige
Serena Vale~•~Zwei Monate nachdem Marcus die Anschuldigungen offiziell abgestritten hatte, kehrte eine merkwürdige Ruhe ein. Der Fall explodierte nicht so, wie es alle erwartet hatten. Marcus reichte keine Gegenklage ein. Er versuchte auch nicht, meinen Namen in den Dreck zu ziehen.Das hätte mich eigentlich beruhigen müssen. Und das tat es auch. Aber nur für kurze Zeit.Jess hörte auf zu fragen, ob wir diese Krise überstehen würden. Kunden zögerten nicht länger, bevor sie Verträge unterzeichneten. Die Agentur stabilisierte sich mehr, als sie es je zuvor gewesen war. Es gab zwar keine astronomischen Angebote, aber es lief genug rein, um uns über Wasser zu halten. Außerdem waren wir in neue Büroräume umgezogen, was alle so sehr beflügelte, dass das Team noch härter arbeitete als zuvor.Eigentlich hätte ich erleichtert sein müssen.Aber Nikolai hatte sich verdammt noch mal verändert.Er kam früher nach Hause. Er schlief wesentlich mehr. Er hörte auf, sich in die Arbeit zu verbeißen, u







