LOGINVivians POV
Ich erwachte mit dem Geschmack von Blut im Mund.
Raue Hände zerrten mich auf die Beine, während meine Knie über das raue Pflaster des Innenhofs schliffen. Die kalte Nachtluft peitschte mir ins Gesicht. Blinzelnd kämpfte ich gegen die Schwellung meines Auges an und begriff, dass ich mich nicht in einer Zelle befand.
Ich war mitten auf dem Platz der Zitadelle.
Das gesamte Rudel hatte sich unter dem Schein des aufsteigenden Blutmondes versammelt. Hunderte Augen starrten mich voller unverhohlenem Hass an. Flüsternde Worte wie Verräterin, Diebin und Fluch schwollen zu ohrenbetäubenden Rufen an, die nach meinem Blut verlangten. Jemand spuckte nach mir. Der warme Speichel traf meine Wange.
Die Wachen schleuderten mich brutal vor den Marmorsockel des hohen Balkons.
Ich prallte hart auf den Boden, und ein stechender Schmerz schoss durch meine Handgelenke. Benommen hob ich den Kopf.
Auf dem erhöhten Podest stand der Alpha-König, sein Gesicht von Zorn gezeichnet. Neben ihm befanden sich der Oberbefehlshaber, Sofia und …
Damian.
„Vivian aus der verblassenden Blutlinie“, donnerte die Stimme des Königs und brachte die Menge augenblicklich zum Schweigen. „Du wurdest dabei ertappt, wie du unser Heiligtum entweihtest, den Sonnenstein stehlen wolltest und unser Land – genau wie dein Vater vor zwölf Jahren – noch tiefer in die Dunkelheit zu stürzen versucht hast.“
„Nein!“, krächzte ich mit rauer Kehle.
Ich versuchte, mich aufzurichten, doch ein Wächter rammte mir den Absatz seines Stiefels in den Rücken und presste mich auf den kalten Stein.
„Ich habe ihn nicht gestohlen! Man hat mich gebeten, ihn aufzubewahren! Ich wurde—“
„Schweig!“, donnerte der Oberbefehlshaber. „Du törichte Omega!“
Er trat einen Schritt nach vorn.
Sofia stand direkt hinter ihm und trug ihr engelsgleiches Lächeln zur Schau. Meine Tränen schienen sie kaum zu interessieren. Gelangweilt spielte sie mit einer Haarsträhne, die sie um ihren Finger wickelte.
Verzweifelt blickte ich zu Damian auf.
Sag es ihnen.
Ich flehte ihn mit meinen Augen an.
Du hast es mir gegeben. Du hast es mir versprochen. Sag ihnen die Wahrheit.
Damian blickte von dem Balkon auf mich herab.
Auf seinem Gesicht lag kein Zorn.
Nur Mitleid.
Und das war noch viel schlimmer.
„Ein Alpha kann keine Diebin beschützen, Vater“, erklang Damians Stimme über den Platz. „Ich habe diesem verfluchten Mädchen all die Jahre lediglich aus Mitleid Gnade erwiesen. Offenbar hat sie mein Mitgefühl mit Schwäche verwechselt und genutzt, um die Wachen zu umgehen.“
Nein …
Das war nicht das, was er in der Küche gesagt hatte.
So hatte er mich nicht angesehen, als er meine Stirn geküsst hatte.
Dann traf mich die Erkenntnis mit voller Wucht.
Seine süßen Worte in der Küche.
Seine Aufforderung, mich mitten in der Nacht zu den Flüsternden Wasserfällen zu schleichen.
Sie hatten alles geplant.
Jeden einzelnen Schritt.
Er brauchte einen Grund, mich loszuwerden, damit er Sofia heiraten und den Thron besteigen konnte.
Und ich war geradewegs in den Schlachthof gelaufen –
mit dem Messer in der Hand, das er mir selbst gegeben hatte.
„Hinrichten!“, schrie eine Frau in der ersten Reihe.
„Verbrennt die Verräterin!“, rief eine andere Stimme.
Innerhalb weniger Augenblicke skandierte der gesamte Platz meinen Tod.
Der Alpha-König hob die Hand. In seinen Augen brannte blanke Verachtung.
„Der Verrat deines Vaters hat uns die Sonne gekostet. Dein Verrat wird dich den Kopf kosten. Wachen—“
„Nein, Vater.“
Damian unterbrach ihn und hob beschwichtigend eine Hand.
Er spielte seine Rolle vollkommen überzeugend – der weise, gütige Prinz.
„Ihr Blut ist verflucht. Es hier zu vergießen würde unser Land nur noch weiter verderben und den Verfall beschleunigen. Verbannt sie. Schickt sie in die Todeszone. Sollen die Schatten sich holen, was ihnen gehört.“
Der König sah seinen Sohn an.
Für einen kurzen Augenblick blitzte Stolz in seinen strengen Augen auf.
Langsam nickte er.
„Der Prinz hat gesprochen“, verkündete er der johlenden Menge. „Vivian, Tochter des Verräters, dir wird jeder Schutz des Clans entzogen. Du wirst in die Todeszone verbannt und darfst niemals zurückkehren.“
Ich konnte weder schreien noch weinen.
Der tiefe, krankmachende Verrat hatte alles in mir leer werden lassen.
Der Junge, den ich sechs Jahre lang geliebt hatte, hatte mich nicht nur im Stich gelassen.
Er hatte meine Bestrafung geplant—
und sie Barmherzigkeit genannt.
„Bringt sie an die Grenze der Todeszone“, befahl Damian. Seine goldenen Augen trafen endlich meine.
In ihnen war keine Liebe mehr.
Gar nichts.
„Und bereitet die Zeremonie der Loslösung vor.“
Die Wachen packten mich an den Haaren und zerrten mich auf die Beine.
Ich wehrte mich nicht.
Meine Beine schleiften kraftlos über das Kopfsteinpflaster, während sie mich von den Lichtern des Platzes fortzerrten, vorbei an den schreienden Gesichtern meines Rudels und hin zur Todeszone –
dem Ort, der das Ende ihrer Welt markierte.
Die Wachen schleppten mich bis an den Rand der Flüsternden Wasserfälle, wo das Wasser mit gewaltiger Wucht gegen die scharfkantigen, vereisten Felsen unterhalb prallte. Die kalte Nachtluft peitschte durch mein dünnes, zerrissenes Leinenkleid und biss in meine Haut, doch diese Kälte war nichts im Vergleich zu der eisigen Angst, die durch meine Adern floss.
Sie stießen mich in den Schlamm.
Ich versuchte nicht einmal aufzustehen.
Mein Körper war erschöpft und von den Schlägen auf den Steinboden der Großen Halle übersät mit Prellungen. Mein Kopf pochte noch immer von dem Hieb mit dem Speer, und die Nachwirkungen von Sofias Gift ließen meinen Geist benommen zurück.
Ich hörte Schritte, die über das frostbedeckte Gras knirschten.
Damian trat in mein Blickfeld.
Neben ihm ging Sofia.
Er hatte die Kapuze seines pelzgefütterten Umhangs tief ins Gesicht gezogen, sodass seine Züge im Schatten lagen. Sofia klammerte sich an seinen Arm, ihre Augen glänzten vor verdrehter Vorfreude.
„Du hättest dich einfach wie ein braves kleines Void verhalten und im Dreck bleiben sollen“, spottete Sofia und blickte auf mich herab, als wäre ich bereits eine verwesende Leiche.
„Du hast dir eingeredet, du könntest im Licht baden. Aber genau das ist das Schicksal derer, die es wagen, der Sonne zu nahe zu kommen.“
Ich wandte den Blick von ihr ab.
Stattdessen suchte ich Damians goldene Augen – verzweifelt auf der Suche nach dem Jungen, der mir einst in den Mondgärten den Kopf verbunden und mich noch vor wenigen Stunden auf die Stirn geküsst hatte.
Doch dort war nichts mehr.
Nur eine erschreckende Leere.
„Die Ältesten verlangen, dass die Loslösung vollständig vollzogen wird“, sagte Damian mit ausdrucksloser Stimme.
Langsam zog er einen kleinen silbernen Dolch aus seinem Gürtel – genau die Art von Klinge, die bei Blutopfern verwendet wurde.
Er blieb einen Schritt vor mir stehen.
Sein Gesicht zeigte keinen Zorn.
Nur Mitleid.
Und das war noch schlimmer.
„Ich werde dich nicht töten, Viv“, sagte er und hob den Dolch an.
Die silberne Klinge fing den ersten blutroten Schimmer des aufsteigenden Blutmondes ein.
„Aber du kannst nicht bleiben.“
Noch bevor ich schreien konnte, bewegte er sich.
Seine Hand presste sich auf meinen Mund und erstickte jeden Laut.
Ich wand mich verzweifelt, krallte meine Finger in seine Arme.
Doch ich war nur eine schwache Wölfin.
Die Klinge erschien vor meinen Augen und fing das wenige verbliebene Licht ein.
Mein Herz setzte einen Schlag aus.
Ich wartete auf den Schmerz.
Auf die Art von Schmerz, die blutet und schnell endet.
Doch stattdessen legte er die flache Seite der silbernen Klinge gegen das Mal auf meinem Schlüsselbein –
gegen die leere Stelle, an der eigentlich ein Gefährtenmal hätte sein sollen.
Eine Welle nackter Angst überrollte mich.
Ich taumelte rückwärts, bis meine Schultern gegen den feuchten Felsen der Klippe stießen.
„Damian, bitte“, flehte ich und schmeckte Blut auf meiner Zunge. „Du weißt, dass meine Wölfin zu schwach ist, um mich dort draußen zu beschützen. Das ist ein Todesurteil.“
„Haltet sie fest.“
Seine Stimme blieb erschreckend ruhig.
Die Wachen rissen meinen Kopf nach hinten.
Damian presste die flache Schneide des silbernen Ritualdolchs gegen mein Schlüsselbein.
Genau auf die Stelle, an der mein Gefährtenmal hätte sein sollen.
Seine Lippen streiften mein Ohr.
So nah, dass ich seinen warmen Atem spüren konnte.
„Ich habe dir gesagt, dass diese Nacht alles verändern würde“, murmelte er.
Dann erhob er die Stimme, damit alle es hören konnten.
„Ich, Damian vom Sonnenclan ... entsage dir.“
„Nun geh, bevor der Rat bemerkt, dass du noch atmest.“
In dem Moment, als diese Worte erklangen, explodierte ein brennender Schmerz in meiner Brust.
Ich spürte, wie ein Teil von mir –
der Teil, der noch gehofft hatte,
der Teil, der sich noch an sein Lachen erinnerte –
zusammenschrumpfte
und starb.
„Jetzt!“, flüsterte Sofia und trat näher.
Ein stechender Schmerz schoss erneut durch meine Brust, als der letzte Rest Hoffnung in mir endgültig zerfiel.
„Verschwinde“, zischte Sofia, als die Wachen mich losließen. „Lauf in die Todeszone. Lauf, bevor wir es uns anders überlegen und deinen Kopf auf einen Pfahl spießen.“
Ich taumelte rückwärts.
Das höhnische Gelächter meiner Peiniger schnitt tiefer als jedes Messer.
Ihre Stimmen verfolgten mich noch lange, nachdem sie längst verklungen waren.
Mein Körper handelte aus reinem Instinkt.
Noch bevor mein Mut mich einholen konnte, rannte ich.
Hinein in die kalte, verschlingende Dunkelheit des Waldes.
Der metallische Geschmack von Blut legte sich über meine Kehle.
Doch ich hatte keine sichtbare Wunde.
Es fühlte sich an, als würde das Blut aus meinem Inneren kommen.
Ich presste eine Hand auf meine Brust, rang nach Luft und weinte, bis keine Tränen mehr übrig waren.
Nur Leere.
Ich streckte die Hand nach einer uralten Eiche aus, um mich abzustützen.
Doch in dem Moment, als meine Finger die Rinde berührten,
zerfiel sie zu Asche.
Ich starrte auf meine Hand.
Unter meiner Haut pulsierte ein schwaches violettes Leuchten.
Eine tiefe, dröhnende Erschütterung ließ den Boden unter meinen Füßen beben.
„Lauf!“, flüsterte meine Wölfin.
Ihre Stimme war nur noch eine sterbende Glut.
„Die Schatten ... sie sind nicht leer.“
Ich drehte mich zur dunklen Baumgrenze im Norden.
Mein Atem stockte, als irgendwo ein Zweig knackte.
Zehn Fuß entfernt entzündete sich ein Paar silberner Augen in der Dunkelheit.
Ich wollte schreien.
Doch eine behandschuhte Hand, die nach altem Blut roch, presste sich auf meinen Mund.
Eine kalte Stimme flüsterte direkt an meinem Ohr und jagte mir einen Schauer über den Rücken, der nichts mit der Kälte zu tun hatte.
„Keinen Laut, kleines Sonnenmädchen“, murmelte die Stimme.
„Der König hat sehr lange darauf gewartet, dass ein Stück der Sonne zu ihm fällt.“
Die Welt begann sich zu drehen, als ein schwarzer Stein gegen meine Schläfe gedrückt wurde.
Dann...
gab es nur noch Dunkelheit.
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