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Kapitel 3

Author: Bejee
last update publish date: 2026-07-06 17:05:46

Vivians POV

Die Welt kehrte nicht auf einmal zurück; sie kam in Schichten der Kälte zurück. Die erste Schicht war der kalte Stein unter mir. Glatt, dunkel und kalt genug, um die Haut meiner Wange taub werden zu lassen. Die zweite Schicht war der Geruch von Rost und feuchter Erde.

Für einen Moment bewegte ich mich nicht.

Ich war mir nicht sicher, ob ich es konnte.

Ich versuchte, meine Hände zu bewegen, doch das Klicken des schweren Metalls hielt mich davon ab.

Meine Handgelenke waren in dicken, schwarzen Fesseln gefangen, die sich ganz anders anfühlten als das kunstvoll verzierte Silber des Sonnenclans. Sie waren schwer, gruben sich in meine Haut und erzeugten eine seltsame Vibration, die pochende Schmerzen durch meinen Kopf schickte.

„Wach auf, kleiner Streuner.“

Die Stimme war wie eine scharfe Klinge, die über Seide glitt.

Ich fuhr hoch, und mir stockte der Atem. Ich befand mich in einer runden Kammer, die direkt in den Berghang gehauen war. Es gab keine Gefängnisgitter, nur einen leuchtenden Vorhang aus dunkler, durchscheinender Energie, der mit einer tiefen, räuberischen Schwingung vibrierte.

Ein Mann stand auf der anderen Seite des Schleiers. Er lehnte an der rauen Steinwand und warf eine kleine schwarze Münze in die Luft. Im schwachen blauen Licht der Fackeln wirkten seine silbernen Augen fast metallisch. Er trug keine goldene Rüstung wie mein Volk. Er trug dunkelgraues Leder und einen Umhang aus Rabenfedern.

„Wo bin ich?“, krächzte ich. Meine Kehle fühlte sich an, als hätte ich Feuer geschluckt.

„Du bist im nördlichen Kernland“, antwortete er und fing die Münze mit einer schnellen Bewegung auf. „Das ist die Zitadelle der Schatten – ein Ort, den eure Leute benutzen, um ihren Kindern Angst zu machen, damit sie ihr Gemüse essen.“

Ich wich zurück, bis mein Rücken die feuchte Wand berührte. Mein Herz schlug heftig in meiner Brust.

„Die Jagd …“, flüsterte ich mit brechender Stimme. „Die Fährtenleser …“

„… waren dir bereits auf den Fersen“, beendete er meinen Satz und stieß sich von der Wand ab.

„Damian ist ein Idiot, der glaubt, die Welt höre an seiner Haustür auf“, warf Silas ein und trat näher an den Schleier heran. Er legte den Kopf schief, und sein Blick glitt zu meinem Schlüsselbein. „Er glaubte, er würde Müll entsorgen. Was ihm nicht klar war, ist, dass er uns ein Streichholz in einen Raum voller Schießpulver gegeben hat.“

Er streckte die Hand aus. Seine behandschuhten Finger schwebten nur wenige Zentimeter vor dem Energieschleier.

„Dieser Void-Funken in dir … Er ist kein Mangel an Macht, Vivian. Er ist ein Siegel. Und das silberne Gift, das ich dir in den Arm gespritzt habe, frisst sich gerade durch das Wachs.“

Bevor ich fragen konnte, was er damit meinte, hallte ein schwerer Aufprall durch den Korridor.

Er richtete sich auf, und für einen kurzen Moment wandelte sich sein entspannter Gesichtsausdruck zu echtem Respekt.

Oder Furcht.

„Der König ist hier“, flüsterte er. „Schrei nicht. Er kann Lärm nicht ausstehen.“

Die Schatten am Ende des Ganges bewegten sich nicht einfach zur Seite; sie schienen zurückzuweichen, als würde selbst die Dunkelheit fürchten, was dort geschah.

Ein zweiter Mann trat ins Licht.

Er war größer – gewaltig, breiter und tödlicher als jeder Solari-Krieger, den ich je gesehen hatte. Sein Haar war schwarz wie ein Rabenschwinge, und seine Augen …

Es waren nicht wirklich Augen.

Sie waren dunkel und leer.

Der Schlächter des Nordens.

Der Mann, von dem die Ältesten uns erzählt hatten, dass er unsere Herzen fressen würde, wenn wir uns zu weit vom Licht entfernten.

Er blieb vor dem Schleier stehen, sein Blick war auf mich gerichtet.

In dem Moment, als sich unsere Augen trafen, schrie das violette Mal an meinem Hals auf. Plötzlich entstand eine heftige, leuchtende, unsichtbare Verbindung zwischen uns.

Meine Brust prallte gegen die Energiebarriere. Die dunkle Kraft verbrannte meine Haut, doch ich konnte mich nicht von ihr lösen.

Der Schlächter stieß ein tiefes Knurren aus, das den Stein unter meinen Füßen erzittern ließ. Er hielt sich die Brust, seine Fingerknöchel wurden weiß, als er sich an seinem Pelzumhang festklammerte.

„Silas!“, knurrte er mit einer Stimme voller Zorn. „Raus!“

„Alpha, das Mädchen ist—“

„RAUS!“

Der silberäugige Mann, Silas, verschwand ohne ein weiteres Wort in der Dunkelheit.

Der Schlächter trat an den Schleier heran. Er benutzte keinen Schlüssel. Er streckte einfach die Hand aus, packte die schimmernde Energie mit beiden Händen und riss ein Loch durch die Magie, als wäre sie nasses Papier.

Er trat in die Zelle.

Er beugte sich hinunter, und seine riesige, vernarbte Hand legte sich um meinen Hals.

„Ein Solari-Dienstmädchen“, flüsterte er, sein Gesicht nur wenige Zentimeter von meinem entfernt. „Ein Mädchen ohne Wölfin, ohne Namen und mit einem Vater, der als Verräter starb.“

Ich zuckte unter seiner Berührung zusammen, und mir stockte der Atem.

„Wo … woher wisst Ihr, wer ich bin?“

Der Griff des Schlächters lockerte sich nicht.

„Meine Späher verbringen mehr Zeit in eurer goldenen Stadt als eure eigenen Wachen, kleiner Streuner. Sie haben jahrelang zugesehen, wie das Void-Mädchen Böden schrubbte. Sie haben sich gefragt, wann die Sonne ihres Lieblingsgespensts überdrüssig werden würde.“

Er beugte sich näher zu mir, seine Lippen streiften die Muschel meines Ohrs.

„Warum also“, zischte er, „erkennt meine Seele sich in deiner wieder?“

Er trat zurück, packte meine gefesselten Hände und zwang sie zwischen uns nach oben.

„Sag mir die Wahrheit“, befahl er. „Was hat er an den Wasserfällen mit dir gemacht? Denn du bist nicht länger nur eine Gefangene.“

Er blickte auf unsere ineinander verschränkten Hände hinab, und ich folgte seinem Blick.

Dort, wo sich unsere Haut berührte, zerbrach das Eisen der Fesseln nicht einfach.

Es verwandelte sich in Asche.

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