MasukMarcus wartete, bis Maras Schritte vollständig aus dem Erdgeschoss verschwunden waren, bevor er sich wieder bewegte.Noch immer stand er im Flur, den Blick auf die Treppe gerichtet, hinter der gerade die Tür zu Maras Zimmer geschlossen worden war. Das Haus war still geworden, doch Marcus nahm diese Stille nicht als Ruhe wahr. Sie fühlte sich für ihn eher wie die kurze Pause vor einem Sturm an, in der selbst die Luft schwerer wurde und man instinktiv wusste, dass etwas bereits in Bewegung geraten war.Er hatte diesen Moment gefürchtet.Nicht seit einigen Tagen.Nicht seit Maras achtzehntem Geburtstag.Seit fast achtzehn Jahren.Marcus fuhr sich mit beiden Händen über das Gesicht und ging schließlich in die Küche zurück. Dort blieb er vor dem Fenster stehen und sah hinaus in die Dunkelheit. Hinter dem Garten lagen die ersten Bäume des Waldes, schwarz gegen den Nachthimmel, und für einen Augenblick hatte er das Gefühl, wieder die Nacht vor sich zu sehen, in der Elena ihm Mara gebracht ha
Mara hatte in dieser Nacht einen Namen vor sich liegen, der ihr mehr Angst machte als jeder anonyme Hinweis der vergangenen Wochen.Rowan Vale.Sie hatte ihn auf einen Zettel geschrieben und neben ihr Bett gelegt, als könnte sie dadurch verhindern, dass er in ihrem Kopf immer wieder auftauchte. Doch je länger sie ihn betrachtete, desto weniger fühlte er sich wie eine Antwort an. Eher wie eine Tür, hinter der noch sehr viel mehr verborgen lag.Sie dachte an die Initialen auf Elenas Unterlagen, an das alte Buch in der Bibliothek und an die Eintragung vom 17. April 2006. Zu viele Dinge führten inzwischen zu diesem Namen, als dass sie ihn noch als Zufall hätte abtun können. Trotzdem wusste Mara kaum mehr als zuvor. Rowan hatte Elena gekannt. Er hatte Ethan gekannt. Er war offenbar in irgendeiner Form an den Ereignissen beteiligt gewesen, die dazu geführt hatten, dass Mara versteckt werden musste.Aber auf welcher Seite hatte er gestanden?Das war die Frage, die Mara am meisten beschäftigt
Mara wachte am nächsten Morgen mit einem Gedanken auf, der sich seit der vergangenen Nacht nicht mehr abschütteln ließ: Sie musste aufhören, jedem Hinweis sofort hinterherzulaufen.Nicht, weil sie keine Antworten mehr wollte. Im Gegenteil. Noch nie in ihrem Leben hatte sie etwas so sehr wissen wollen wie die Wahrheit über ihre Herkunft, über Elena und Ethan und über die Ereignisse, die sich am 17. April 2006 abgespielt hatten. Aber zum ersten Mal verstand sie, dass es einen Unterschied gab zwischen einer Spur, die sie bewusst verfolgte, und einer Spur, die jemand anderes für sie legte.Sie blieb eine Weile auf dem Bett sitzen und betrachtete den kleinen dunklen Stein, den sie am Abend zuvor wieder in ihrer Schublade eingeschlossen hatte. Seit er auf ihre Berührung reagiert und das Zeichen gezeigt hatte, fühlte er sich nicht mehr wie ein Gegenstand an. Eher wie etwas, das auf sie wartete.Nyx regte sich in ihrem Inneren.Du hast bereits entschieden.Mara strich mit dem Daumen über die
Mara hatte sich vorgenommen, in dieser Nacht nicht mehr über ihren Vater nachzudenken. Sie wollte ihr Notizbuch schließen, den schwarzen Stein und den Schlüssel für ein paar Stunden vergessen und ihrem Kopf endlich die Ruhe geben, nach der er sich seit Tagen sehnte. Doch kaum lag sie im Bett, kehrten die Gedanken zurück, und mit ihnen all die Fragen, die inzwischen so eng miteinander verbunden waren, dass Mara kaum noch unterscheiden konnte, welche davon sie selbst gestellt hatte und welche ihr von anderen Menschen aufgezwungen worden waren. Warum war Ethan verschwunden? Warum hatte Elena ihn nie erwähnt, wenn sie doch offenbar gewusst hatte, dass Mara eines Tages nach ihm suchen würde? Warum hatten Rowan, Isolde und die Menschen aus dem Umfeld ihrer Mutter so lange geschwiegen? Und vor allem: Wenn Ethan tatsächlich noch lebte, warum hatte er dann niemals versucht, seine Tochter zu finden?Mara drehte sich auf die Seite und schloss die Augen. Auf ihrem Schreibtisch lagen der schwarze
Mara hatte in dieser Nacht kaum geschlafen. Immer wieder war sie aufgewacht, hatte nach ihrem Handy gegriffen und auf das Display gesehen, obwohl sie längst wusste, dass keine neue Nachricht gekommen war. Die wenigen Worte des unbekannten Absenders gingen ihr nicht aus dem Kopf: Frag nicht, wo er ist. Frag, warum er verschwunden ist. Es war eine dieser Nachrichten, die auf den ersten Blick eine Antwort zu geben schienen und bei genauerem nachdenken nur noch mehr Fragen hinterließen.Am Morgen lag ihr Notizbuch noch immer auf dem Schreibtisch. Die Seite vom Vorabend war inzwischen voller Pfeile und Namen. Ethan. Elena. Rowan. Isolde. Der 17. April 2006. Dazu der unbekannte Mann mit der Narbe, dessen goldene Augen Mara inzwischen ebenso wenig vergessen konnte wie Adrians silber-graue. Zwei Männer, die offenbar etwas mit ihrer Vergangenheit zu tun hatten, und von denen sie bei keinem sicher wusste, ob sie ihm vertrauen konnte.Sie strich mit den Fingern über den Namen ihres Vaters.„Waru
Mara wachte am nächsten Morgen mit dem Gefühl auf, als hätte sie die ganze Nacht versucht, ein Puzzle zusammenzusetzen, bei dem einige der wichtigsten Teile fehlten. Noch bevor sie die Augen vollständig geöffnet hatte, waren die Gedanken wieder da: Elenas Handschrift, die alten Aufzeichnungen ihrer Großmutter, das Datum des 17. April 2006 und die Frage, was an diesem Tag geschehen war. Dazu kam das Bild des dunklen Wagens, der am Abend vor Sophies Haus gestanden hatte, und die Gestalt auf der anderen Straßenseite, deren Gesicht sie nicht hatte erkennen können.Es war zu viel für einen einzigen Morgen.Mara blieb noch einen Moment liegen und starrte an die Decke. Früher hatte sie ihre Tage danach eingeteilt, was von ihr erwartet wurde. Schule, Hausarbeit, Einkäufe, Marcus' Anweisungen, die wenigen Stunden, in denen sie sich zurückziehen konnte. Es hatte eine gewisse Sicherheit darin gelegen, auch wenn sie diese Sicherheit nie als Freiheit empfunden hatte. Jetzt war jeder neue Tag eine







