LOGINMara hielt die Karte so fest, dass sich das Papier zwischen ihren Fingern leicht kräuselte.Sie stand noch immer im Flur von Thomas Kellers Haus, während Sophie einige Schritte hinter ihr wartete und Thomas mit einer Hand an der Türklinke stand. Niemand sagte etwas. Draußen bewegten sich die Äste im Wind, und irgendwo auf der anderen Seite des Hauses knackte ein Zweig. Doch Mara hörte kaum etwas davon. Ihre gesamte Aufmerksamkeit lag auf dem Stück Papier in ihren Händen.Der schwarze Kreis.Der Wald.Und die kleine Markierung, die Thomas ihnen gerade gezeigt hatte.Sie kannte diesen Ort.Nicht bewusst. Nicht so, wie man einen Ort kennt, an dem man schon einmal gewesen ist. Es war vielmehr ein Gefühl, das sich in ihr ausbreitete, sobald sie die Karte betrachtete. Etwas in ihr erkannte die Linien, den Verlauf des alten Weges und die Stelle, an der der Wald plötzlich dichter wurde.Nyx reagierte ebenfalls.Dort.Mara schluckte.„Was ist dort?“, fragte sie leise.Thomas sah sie lange an.
Das Haus roch nach altem Holz, Papier und etwas, das Mara nicht benennen konnte.Vielleicht war es nur der Geruch eines Gebäudes, das seit Jahrzehnten kaum verändert worden war. Vielleicht lag es aber auch daran, dass sie inzwischen überall Erinnerungen suchte, selbst dort, wo keine sein konnten. Jeder Gegenstand schien eine Geschichte zu besitzen, und Mara hatte das ungute Gefühl, dass ein großer Teil dieser Geschichten mit ihrer eigenen Vergangenheit verbunden war.Thomas führte sie durch einen schmalen Flur in einen Raum am Ende des Hauses.Das Zimmer war größer, als Mara von außen erwartet hatte. An den Wänden standen Regale voller Ordner, Bücher und alter Kartons. Auf einem großen Schreibtisch lagen mehrere Mappen, einige davon so alt, dass ihre Seiten bereits an den Rändern vergilbt waren.Sophie blieb an der Tür
Mara bemerkte erst im Bus, dass sie die ganze Zeit über ihre Hände nachgedacht hatte.Nicht über die Wunden, die inzwischen innerhalb weniger Augenblicke verschwanden, und auch nicht darüber, wie seltsam es sich anfühlte, dass etwas, das sie vor wenigen Wochen noch für unmöglich gehalten hätte, inzwischen beinahe zu ihrem Alltag gehörte. Es war vielmehr das Gefühl, dass ihr eigener Körper begann, auf Dinge zu reagieren, bevor ihr Verstand überhaupt begriff, was geschah.Auf Namen.Auf Orte.Auf Erinnerungen.Und manchmal auf Menschen.Thomas Keller.Mara sah aus dem Fenster und beobachtete, wie die Straßenlaternen über die Scheibe des Busses glitten. Neben ihr saß Sophie, die auf ihrem Handy durch die Fotos scrollte, die sie im Archiv gemacht hatten. Immer wieder vergrößerte sie einzelne Seiten, las die handschriftlichen Vermerke und wechselte zwischen verschiedenen Aufnahmen hin und her.„Ich habe noch etwas gefunden“, sagte sie schließlich.Mara drehte den Kopf.„Was?“Sophie hielt
Der nächste Morgen begann mit einem Geräusch, das Mara zunächst nicht einordnen konnte.Es war kein Heulen und auch keine Stimme, sondern ein leises Kratzen, regelmäßig und kaum hörbar, als würde irgendwo in der Wand etwas über Holz schaben. Mara lag noch im Bett und starrte zur Decke, während sie versuchte, herauszufinden, woher es kam. Erst als das Geräusch wiederholte, bemerkte sie, dass es nicht aus der Wand kam.Es kam von draußen.Mara setzte sich auf und sah zum Fenster. Der Vorhang bewegte sich leicht, obwohl das Fenster geschlossen war. Sie stand auf, zog ihn zur Seite und blickte in den Garten.Es war nichts zu sehen.Der Rasen lag feucht unter dem grauen Morgenhimmel, die Bäume standen still und hinter ihnen begann der Wald. Alles sah so aus wie immer, und trotzdem hatte Mara inzwischen gelernt, dass „wie immer“ nicht mehr bedeutete, dass etwas ungefährlich war.Sie öffnete das Fenster einen Spalt.Sofort traf sie der Geruch von nasser Erde, Blättern und kalter Luft.Und da
Mara hatte den Mann kaum länger als ein paar Sekunden gesehen, und trotzdem bekam sie sein Gesicht nicht mehr aus dem Kopf.Während sie gemeinsam mit Sophie weiterging, tauchte es immer wieder vor ihrem inneren Auge auf: das dunkle Haar, die schmale Narbe über der linken Augenbraue und vor allem diese ungewöhnlichen Augen, die selbst auf die Entfernung nicht menschlich gewirkt hatten. Gold war nicht die richtige Beschreibung. Dafür waren sie zu hell, zu klar, beinahe so, als hätte jemand Licht unter seine Haut gelegt und in seinen Augen eingeschlossen.Mara hatte ihn nicht zum ersten Mal gesehen.Das wusste sie inzwischen.Nicht bewusst. Nicht mit einer Erinnerung, die sie hätte greifen können. Aber in ihrer Vision hatte er dort gestanden, zwischen den Bäumen, in jener Nacht, an die Nyx sich nur bruchstückhaft erinnerte. Elena hatte ihn ebenfalls gesehen. Ethan hatte ihn vielleicht gesehen. Und Nyx kannte ihn.Genau das war der Teil, der Mara am meisten beunruhigte.„Du bist ziemlich
Marcus wartete, bis Maras Schritte vollständig aus dem Erdgeschoss verschwunden waren, bevor er sich wieder bewegte.Noch immer stand er im Flur, den Blick auf die Treppe gerichtet, hinter der gerade die Tür zu Maras Zimmer geschlossen worden war. Das Haus war still geworden, doch Marcus nahm diese Stille nicht als Ruhe wahr. Sie fühlte sich für ihn eher wie die kurze Pause vor einem Sturm an, in der selbst die Luft schwerer wurde und man instinktiv wusste, dass etwas bereits in Bewegung geraten war.Er hatte diesen Moment gefürchtet.Nicht seit einigen Tagen.Nicht seit Maras achtzehntem Geburtstag.Seit fast achtzehn Jahren.Marcus fuhr sich mit beiden Händen über das Gesicht und ging schließlich in die Küche zurück. Dort blieb er vor dem Fenster stehen und sah hinaus in die Dunkelheit. Hinter dem Garten lagen die ersten Bäume des Waldes, schwarz gegen den Nachthimmel, und für einen Augenblick hatte er das Gefühl, wieder die Nacht vor sich zu sehen, in der Elena ihm Mara gebracht ha







