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4. Das Mädchen das niemand sieht

Autor: Saphira
last update Data de publicação: 2026-09-16 15:20:46

Mara hatte in dieser Nacht einen Namen im Kopf.

Nyx.

Sie wusste nicht, woher er kam.

Sie wusste nicht, warum sie ihn kannte.

Und sie wusste vor allem nicht, warum allein der Gedanke daran etwas in ihr auslöste.

Es war kein normales Gefühl.

Es war eher wie eine Erinnerung an etwas, das sie nie bewusst erlebt hatte.

Immer wieder schloss Mara die Augen.

Und immer wieder sah sie diese Augen.

Goldene Augen.

Zwischen den Bäumen.

Sie hatte versucht, sich einzureden, dass es ein Traum gewesen war.

Doch Träume hinterließen keine Wärme in der Brust.

Und sie erklärten auch nicht, warum die Lampe geflackert hatte, als sie das Foto ihrer Mutter berührte.

Mara drehte sich im Bett auf die andere Seite.

Die Uhr auf ihrem Nachttisch zeigte 2:18 Uhr.

Sie hatte Schule.

Am nächsten Morgen.

Eigentlich hätte sie längst schlafen müssen.

Aber Schlaf fühlte sich gerade wie etwas Unmögliches an.

Zu viele Fragen gingen ihr durch den Kopf.

Wer war der Mann auf dem Foto?

Warum hatte Marcus solche Angst davor?

Warum hatte ihre Mutter ihr eine Nachricht hinterlassen?

Und wer war diese Stimme?

Mara zog die Decke höher.

Ich bin Nyx.

Sie schluckte.

Vielleicht wurde sie verrückt.

Vielleicht war das alles nur eine Folge von Schlafmangel, Stress und den Dingen, die in letzter Zeit passiert waren.

Sie schloss die Augen.

„Du existierst nicht“, flüsterte sie.

Nichts geschah.

Mara atmete erleichtert auf.

Dann kam ganz leise ein Gedanke.

Das glaubst du wirklich?

Ihre Augen gingen sofort wieder auf.

Sie setzte sich auf.

„Hör auf.“

Stille.

Mara wartete.

Nichts.

Sie legte sich wieder hin.

Diesmal dauerte es nicht lange, bis sie einschlief.

***************************

Am nächsten Morgen fühlte sich alles beinahe normal an.

Beinahe.

Mara stand vor ihrem Kleiderschrank und betrachtete die wenigen Sachen, die ihr gehörten.Jeans.

Pullover.

T-Shirts.

Nichts Besonderes.

Sie zog einen dunklen Pullover an und band ihre Haare zusammen.

Bevor sie das Zimmer verließ, blieb sie kurz vor dem Spiegel stehen.

Ihre Augen wirkten müde.

Aber sonst sah sie aus wie immer.

Ein ganz normales achtzehnjähriges Mädchen.

Zumindest dachte sie das.

Unten war Marcus bereits wach.

Er saß am Tisch und trank Kaffee.

Mara blieb kurz stehen.

Sein Blick wanderte zu ihr.

Für einen Moment sagte keiner etwas.

Dann fragte Marcus: „Hast du gut geschlafen?“

Mara sah ihn an.

Die Frage klang falsch.

Zu beiläufig.

„Ja.“

„Gut.“

Er nahm einen Schluck Kaffee.

Mara ging zur Kaffeemaschine.

Sie spürte seinen Blick im Rücken.

„Mara.“

Sie drehte sich um und antwortete: „Ja?“

„Was gestern war ...“

Ihr Herz schlug schneller.

„Was meinst du?“

Marcus sah sie lange an.

„Nichts.“

Natürlich.

Wieder dieses Wort.

Mara nahm ihre Tasche.

„Ich muss los.“

„Sei heute Nachmittag zu Hause.“

Sie blieb an der Tür stehen.

„Warum?“

„Ich habe dir doch gesagt, dass du zu Hause sein sollst.“

Mara sah ihn an.

Früher hätte sie einfach genickt.

Heute nicht.

„Ich habe aber mit Sophie etwas ausgemacht.“

Marcus' Gesicht veränderte sich.

Nur ganz leicht.

„Dann sag es ab.“

Mara spürte, wie sich etwas in ihr zusammenzog.

Sie wollte widersprechen.

Sie wollte sagen, dass sie achtzehn war.

Dass sie nicht mehr um Erlaubnis bitten musste.

Doch die Worte blieben in ihrem Hals stecken.

„Okay.“

Sie öffnete die Tür.

Hinter ihr sagte Marcus: „Mara.“

Sie drehte sich nicht um.

„Ja?“

„Mach keine Dummheiten.“

Sie antwortete nicht.

Sie ging.

*******************

Die frische Morgenluft tat gut.

Mara atmete tief ein.

Zum ersten Mal seit Tagen fühlte sich das Atmen draußen leichter an als innerhalb des Hauses.

Auf dem Weg zur Schule nahm sie die Kette aus ihrer Tasche.

Den kleinen silbernen Stern.

Sie hatte ihn gestern nicht angelegt.

Jetzt schloss sie ihn um ihren Hals.

Ein kleines Zeichen.

Für etwas Neues.

Vielleicht war es albern.

Aber es fühlte sich richtig an.

„Mara!“

Sie drehte sich um.

Sophie kam auf sie zugelaufen.

„Ich dachte schon, du bist heute gar nicht da.“

Mara lächelte. „Ich bin da.“

Sophie musterte sie.

„Du siehst furchtbar aus.“

Mara musste lachen.

„Danke.“

„Gern.“

Sophie hakte sich bei ihr ein.

„Hast du überhaupt geschlafen?“

Mara zögerte mit der Antwort.

„Nicht wirklich.“

„Wegen gestern?“

Mara sah sie an.

Sophie wartete.

Sie drängte nicht.

Das mochte Mara an ihr.

Sophie konnte Fragen stellen, ohne eine Antwort zu erzwingen.

„Ein bisschen.“

„Willst du darüber reden?“

Mara schüttelte den Kopf.

„Noch nicht.“

„Okay.“

Einfach nur dieses Wort.

Kein beleidigtes Schweigen.

Kein Druck.

Nur Verständnis.

Mara sah Sophie kurz an.

„Danke.“

„Wofür?“

„Dafür, dass du nicht fragst.“

Sophie grinste.

„Ich frage später.“

Mara musste wieder lachen.

Und für ein paar Sekunden war alles leicht.

******************************

In der ersten Stunde schrieb Mara eine Prüfung.

Sie war gut.

Sehr gut sogar.

Sie wusste die Antworten, noch bevor sie die Aufgaben vollständig gelesen hatte.

Normalerweise hätte sie sich darüber gefreut.

Heute machte es ihr Angst.

Seit einigen Tagen passierten Dinge, die sie sich nicht erklären konnte.

Das Flackern der Lampe.

Die Stimme.

Die schnelle Heilung.

Die Träume.

Das Foto.

Der Wald.

Und dieser Name.

Nyx.

Mara schrieb die letzte Antwort.

Ihre Hand hielt plötzlich inne.

Sie blickte auf ihre Finger.

Für einen Moment glaubte sie, einen dunklen Schatten unter ihrer Haut zu sehen.

Nur für eine Sekunde.

Dann war er verschwunden.

Mara schloss die Hand.

„Alles in Ordnung?“, fragte die Lehrerin.

Mara sah auf.

„Ja.“

Automatisch.

Das Wort kam immer automatisch.

Ja.

Wenn sie traurig war.

Wenn sie Angst hatte.

Wenn etwas weh tat.

Wenn sie nicht wusste, was sie tun sollte.

Ja war einfacher.

Ja bedeutete keine weiteren Fragen.

Sophie sah sie von der anderen Seite des Raumes an.

Und Mara wusste plötzlich, dass Sophie ihr das nicht mehr glauben würde.

************************

In der großen Pause saßen sie draußen auf einer Bank.

Sophie packte ihr Frühstück aus.

Mara hatte keinen Hunger.

„Du bist heute anders“, sagte Sophie.

Mara sah sie an.

„Wie meinst du das?“

„Ich weiß nicht.“

Sophie zuckte mit den Schultern.

„Als würdest du die ganze Zeit über etwas nachdenken.“

Mara sah auf ihre Hände.

„Vielleicht tue ich das.“

„Etwas Schlimmes?“

Mara schwieg.

Sie wollte es erzählen.

Alles.

Das Foto.

Marcus.

Die Stimme.

Den Wolf.

Aber sobald sie daran dachte, wie verrückt es klingen würde, brachte sie kein Wort heraus.

„Ich glaube“, begann sie langsam, „dass meine Mutter mir etwas hinterlassen hat.“

Sophie legte ihr Brot weg.

„Deine Mutter?“

Mara nickte.

„Ein Foto.“

„Du hast ein Foto von ihr gefunden?“

„Ja.“

„Und?“

Mara sah sich um.

Niemand schien zuzuhören.

„Sie war nicht allein.“

Sophie runzelte die Stirn.

„Wer war bei ihr?“

„Ich weiß es nicht.“

„Hast du Marcus gefragt?“

Mara lachte leise.

Es war kein fröhliches Lachen.

„Er wollte nicht darüber reden.“

Sophie sah sie ernst an.

„Das klingt nicht gut.“

„Nein.“

Mara berührte den kleinen Stern an ihrem Hals.

„Auf der Rückseite stand etwas.“

„Was?“

Mara zögerte.

Dann sagte sie: „Dass ich in den Wald gehen soll.“

Sophie schwieg.

Für einen Moment sahen sie einander an.

„Das klingt nach dem Anfang eines Horrorfilms“, sagte Sophie schließlich.

Mara musste trotz allem lächeln.

„Ich weiß.“

„Dann gehst du natürlich nicht allein.“

Mara sah sie überrascht an.

„Was?“

„Na, wenn du wirklich in den Wald willst, komme ich mit.“

„Sophie ...“

„Nein.“

Sophie hob einen Finger.

„Ich weiß genau, was du sagen willst. Dass es gefährlich ist. Dass es verrückt klingt. Dass ich mich da nicht einmischen soll.“

Sie steckte ihr Brot wieder ein.

„Ist mir egal.“

Mara sah sie an.

„Warum?“

Sophie zuckte mit den Schultern.

„Weil du meine Freundin bist.“

Das Wort traf Mara unerwartet.

Greundin.

Nicht jemand, der sie brauchte.

Nicht jemand, der sie kontrollierte.

Nicht jemand, dem sie etwas schuldete.

Einfach Freundin.

Mara lächelte.

„Danke.“

Sophie grinste.

„Dafür sind Freunde da.“

Doch während sie weiterredeten, blieb Maras Blick am Fenster des Schulgebäudes hängen.

Draußen bewegten sich die Bäume im Wind.

Und für einen kurzen Moment hatte sie das Gefühl, jemand würde sie beobachten.

Nicht Sophie.

Nicht ein Schüler.

Etwas anderes.

Mara sah genauer hin.

Zwischen den Bäumen war nichts.

Nur Schatten.

Doch tief in ihrem Inneren bewegte sich etwas.

Wachsam.

Aufmerksam.

Als würde es ebenfalls hinaussehen.

Und diesmal hatte Mara keine Angst.

Noch nicht.

Sie wusste nur eines.

Der Wald wartete.

Und irgendwann würde sie herausfinden, warum.

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