Se connecterMara hatte in dieser Nacht einen Namen im Kopf.
Nyx. Sie wusste nicht, woher er kam. Sie wusste nicht, warum sie ihn kannte. Und sie wusste vor allem nicht, warum allein der Gedanke daran etwas in ihr auslöste. Es war kein normales Gefühl. Es war eher wie eine Erinnerung an etwas, das sie nie bewusst erlebt hatte. Immer wieder schloss Mara die Augen. Und immer wieder sah sie diese Augen. Goldene Augen. Zwischen den Bäumen. Sie hatte versucht, sich einzureden, dass es ein Traum gewesen war. Doch Träume hinterließen keine Wärme in der Brust. Und sie erklärten auch nicht, warum die Lampe geflackert hatte, als sie das Foto ihrer Mutter berührte. Mara drehte sich im Bett auf die andere Seite. Die Uhr auf ihrem Nachttisch zeigte 2:18 Uhr. Sie hatte Schule. Am nächsten Morgen. Eigentlich hätte sie längst schlafen müssen. Aber Schlaf fühlte sich gerade wie etwas Unmögliches an. Zu viele Fragen gingen ihr durch den Kopf. Wer war der Mann auf dem Foto? Warum hatte Marcus solche Angst davor? Warum hatte ihre Mutter ihr eine Nachricht hinterlassen? Und wer war diese Stimme? Mara zog die Decke höher.Ich bin Nyx.
Sie schluckte. Vielleicht wurde sie verrückt. Vielleicht war das alles nur eine Folge von Schlafmangel, Stress und den Dingen, die in letzter Zeit passiert waren. Sie schloss die Augen. „Du existierst nicht“, flüsterte sie. Nichts geschah. Mara atmete erleichtert auf. Dann kam ganz leise ein Gedanke.Das glaubst du wirklich? Ihre Augen gingen sofort wieder auf. Sie setzte sich auf. „Hör auf.“ Stille. Mara wartete. Nichts. Sie legte sich wieder hin. Diesmal dauerte es nicht lange, bis sie einschlief.***************************
Am nächsten Morgen fühlte sich alles beinahe normal an. Beinahe. Mara stand vor ihrem Kleiderschrank und betrachtete die wenigen Sachen, die ihr gehörten.Jeans. Pullover. T-Shirts. Nichts Besonderes. Sie zog einen dunklen Pullover an und band ihre Haare zusammen. Bevor sie das Zimmer verließ, blieb sie kurz vor dem Spiegel stehen. Ihre Augen wirkten müde. Aber sonst sah sie aus wie immer. Ein ganz normales achtzehnjähriges Mädchen. Zumindest dachte sie das. Unten war Marcus bereits wach. Er saß am Tisch und trank Kaffee. Mara blieb kurz stehen. Sein Blick wanderte zu ihr. Für einen Moment sagte keiner etwas. Dann fragte Marcus: „Hast du gut geschlafen?“ Mara sah ihn an. Die Frage klang falsch. Zu beiläufig. „Ja.“ „Gut.“ Er nahm einen Schluck Kaffee. Mara ging zur Kaffeemaschine. Sie spürte seinen Blick im Rücken. „Mara.“ Sie drehte sich um und antwortete: „Ja?“ „Was gestern war ...“ Ihr Herz schlug schneller. „Was meinst du?“ Marcus sah sie lange an. „Nichts.“ Natürlich. Wieder dieses Wort. Mara nahm ihre Tasche. „Ich muss los.“ „Sei heute Nachmittag zu Hause.“ Sie blieb an der Tür stehen. „Warum?“ „Ich habe dir doch gesagt, dass du zu Hause sein sollst.“ Mara sah ihn an. Früher hätte sie einfach genickt. Heute nicht. „Ich habe aber mit Sophie etwas ausgemacht.“ Marcus' Gesicht veränderte sich. Nur ganz leicht. „Dann sag es ab.“ Mara spürte, wie sich etwas in ihr zusammenzog. Sie wollte widersprechen. Sie wollte sagen, dass sie achtzehn war. Dass sie nicht mehr um Erlaubnis bitten musste. Doch die Worte blieben in ihrem Hals stecken. „Okay.“ Sie öffnete die Tür. Hinter ihr sagte Marcus: „Mara.“ Sie drehte sich nicht um. „Ja?“ „Mach keine Dummheiten.“ Sie antwortete nicht. Sie ging. ******************* Die frische Morgenluft tat gut. Mara atmete tief ein. Zum ersten Mal seit Tagen fühlte sich das Atmen draußen leichter an als innerhalb des Hauses. Auf dem Weg zur Schule nahm sie die Kette aus ihrer Tasche. Den kleinen silbernen Stern. Sie hatte ihn gestern nicht angelegt. Jetzt schloss sie ihn um ihren Hals. Ein kleines Zeichen. Für etwas Neues. Vielleicht war es albern. Aber es fühlte sich richtig an. „Mara!“ Sie drehte sich um. Sophie kam auf sie zugelaufen. „Ich dachte schon, du bist heute gar nicht da.“ Mara lächelte. „Ich bin da.“ Sophie musterte sie. „Du siehst furchtbar aus.“ Mara musste lachen. „Danke.“ „Gern.“ Sophie hakte sich bei ihr ein. „Hast du überhaupt geschlafen?“ Mara zögerte mit der Antwort. „Nicht wirklich.“ „Wegen gestern?“ Mara sah sie an. Sophie wartete. Sie drängte nicht. Das mochte Mara an ihr. Sophie konnte Fragen stellen, ohne eine Antwort zu erzwingen. „Ein bisschen.“ „Willst du darüber reden?“ Mara schüttelte den Kopf. „Noch nicht.“ „Okay.“ Einfach nur dieses Wort. Kein beleidigtes Schweigen. Kein Druck. Nur Verständnis. Mara sah Sophie kurz an. „Danke.“ „Wofür?“ „Dafür, dass du nicht fragst.“ Sophie grinste. „Ich frage später.“ Mara musste wieder lachen. Und für ein paar Sekunden war alles leicht. ****************************** In der ersten Stunde schrieb Mara eine Prüfung. Sie war gut. Sehr gut sogar. Sie wusste die Antworten, noch bevor sie die Aufgaben vollständig gelesen hatte. Normalerweise hätte sie sich darüber gefreut. Heute machte es ihr Angst. Seit einigen Tagen passierten Dinge, die sie sich nicht erklären konnte. Das Flackern der Lampe. Die Stimme. Die schnelle Heilung. Die Träume. Das Foto. Der Wald. Und dieser Name.Nyx. Mara schrieb die letzte Antwort. Ihre Hand hielt plötzlich inne. Sie blickte auf ihre Finger. Für einen Moment glaubte sie, einen dunklen Schatten unter ihrer Haut zu sehen. Nur für eine Sekunde. Dann war er verschwunden. Mara schloss die Hand. „Alles in Ordnung?“, fragte die Lehrerin. Mara sah auf. „Ja.“ Automatisch. Das Wort kam immer automatisch.Ja. Wenn sie traurig war. Wenn sie Angst hatte. Wenn etwas weh tat. Wenn sie nicht wusste, was sie tun sollte. Ja war einfacher. Ja bedeutete keine weiteren Fragen. Sophie sah sie von der anderen Seite des Raumes an. Und Mara wusste plötzlich, dass Sophie ihr das nicht mehr glauben würde. ************************ In der großen Pause saßen sie draußen auf einer Bank. Sophie packte ihr Frühstück aus. Mara hatte keinen Hunger. „Du bist heute anders“, sagte Sophie. Mara sah sie an. „Wie meinst du das?“ „Ich weiß nicht.“ Sophie zuckte mit den Schultern. „Als würdest du die ganze Zeit über etwas nachdenken.“ Mara sah auf ihre Hände. „Vielleicht tue ich das.“ „Etwas Schlimmes?“ Mara schwieg. Sie wollte es erzählen. Alles. Das Foto. Marcus. Die Stimme. Den Wolf. Aber sobald sie daran dachte, wie verrückt es klingen würde, brachte sie kein Wort heraus. „Ich glaube“, begann sie langsam, „dass meine Mutter mir etwas hinterlassen hat.“ Sophie legte ihr Brot weg. „Deine Mutter?“ Mara nickte. „Ein Foto.“ „Du hast ein Foto von ihr gefunden?“ „Ja.“ „Und?“ Mara sah sich um. Niemand schien zuzuhören. „Sie war nicht allein.“ Sophie runzelte die Stirn. „Wer war bei ihr?“ „Ich weiß es nicht.“ „Hast du Marcus gefragt?“ Mara lachte leise. Es war kein fröhliches Lachen. „Er wollte nicht darüber reden.“ Sophie sah sie ernst an. „Das klingt nicht gut.“ „Nein.“ Mara berührte den kleinen Stern an ihrem Hals. „Auf der Rückseite stand etwas.“ „Was?“ Mara zögerte. Dann sagte sie: „Dass ich in den Wald gehen soll.“ Sophie schwieg. Für einen Moment sahen sie einander an. „Das klingt nach dem Anfang eines Horrorfilms“, sagte Sophie schließlich. Mara musste trotz allem lächeln. „Ich weiß.“ „Dann gehst du natürlich nicht allein.“ Mara sah sie überrascht an. „Was?“ „Na, wenn du wirklich in den Wald willst, komme ich mit.“ „Sophie ...“ „Nein.“ Sophie hob einen Finger. „Ich weiß genau, was du sagen willst. Dass es gefährlich ist. Dass es verrückt klingt. Dass ich mich da nicht einmischen soll.“ Sie steckte ihr Brot wieder ein. „Ist mir egal.“ Mara sah sie an. „Warum?“ Sophie zuckte mit den Schultern. „Weil du meine Freundin bist.“ Das Wort traf Mara unerwartet. Greundin. Nicht jemand, der sie brauchte. Nicht jemand, der sie kontrollierte. Nicht jemand, dem sie etwas schuldete. Einfach Freundin. Mara lächelte. „Danke.“ Sophie grinste. „Dafür sind Freunde da.“ Doch während sie weiterredeten, blieb Maras Blick am Fenster des Schulgebäudes hängen. Draußen bewegten sich die Bäume im Wind. Und für einen kurzen Moment hatte sie das Gefühl, jemand würde sie beobachten. Nicht Sophie. Nicht ein Schüler. Etwas anderes. Mara sah genauer hin. Zwischen den Bäumen war nichts. Nur Schatten. Doch tief in ihrem Inneren bewegte sich etwas. Wachsam. Aufmerksam. Als würde es ebenfalls hinaussehen. Und diesmal hatte Mara keine Angst. Noch nicht. Sie wusste nur eines. Der Wald wartete. Und irgendwann würde sie herausfinden, warum.Mara hielt den Brief noch immer in der Hand, obwohl sie ihn inzwischen mehrmals gelesen hatte. Das Papier war an den Rändern vergilbt und fühlte sich trocken und brüchig zwischen ihren Fingern an, doch die Handschrift ihrer Mutter war so deutlich, als hätte Elena die Worte erst gestern geschrieben. Immer wieder blieb Maras Blick an derselben Stelle hängen: Ich habe dich gefunden. Darunter stand nur das Datum ihres achtzehnten Geburtstags. Mehr nicht. Kein Name, kein Ort, keine Erklärung, nichts, das ihr sagen konnte, wen Ethan gefunden hatte oder warum er einen Brief zurückgelassen hatte, den sie erst so viele Jahre später finden sollte. Trotzdem hatte Mara inzwischen verstanden, dass diese wenigen Worte wahrscheinlich wichtiger waren als alles, was sie in den vergangenen Wochen erfahren hatte. Ihr Vater hatte gewusst, dass sie existierte. Er hatte gewusst, dass der Schutz irgendwann brechen würde. Und er hatte offenbar damit gerechnet, dass sie ihn suchen würde.Sie faltete den Brief
Der Satz ließ Mara auch am nächsten Morgen nicht los.Dann suche dort, wo er zuletzt selbst nach dir gesucht hat.Er stand noch immer auf dem Zettel, den sie am Vortag im Park gefunden hatten, und obwohl Mara ihn inzwischen bestimmt zwanzigmal gelesen hatte, fühlte sich die Bedeutung mit jedem neuen Blick weniger wie eine Antwort und mehr wie eine weitere Tür an, hinter der etwas verborgen lag. Sie hatte inzwischen gelernt, dass fast jede Spur in ihrer Vergangenheit auf eine andere Spur verwies. Elena hatte Hinweise hinterlassen, Marcus hatte Dinge verschwiegen, Alexander hatte Informationen zurückgehalten, Thomas Keller hatte alte Unterlagen gesammelt und Isolde hatte in ihrem Bericht von einem Schutz gesprochen, der irgendwann brechen würde. Selbst Ethan, den Mara ihr ganzes Leben lang nur als Namen gekannt hatte, schien Nachrichten hinterlassen zu haben, ohne dass sie wusste, wann oder für wen sie bestimmt gewesen waren.Sie saß am Küchentisch bei Sophie und hielt den Zettel zwisch
Mara hatte kaum die Tür des Hauses hinter sich geschlossen, als sie merkte, dass ihre Hände zitterten. Nicht nur vor Angst, sondern vor all den widersprüchlichen Gefühlen, die sich seit Alexanders Worten in ihr aufgestaut hatten. Der Bericht von Isolde lag schwer in ihrer Tasche, obwohl er kaum Gewicht hatte, und immer wieder hörte sie den letzten Satz in ihrem Kopf: Der, der unseren Ruf gehört hat. Danach kam Nyx’ Antwort, leise und vollkommen sicher: Dein Vater.Ethan.Der Mann, den Mara ihr ganzes Leben lang nur aus wenigen Erinnerungen gekannt hatte. Sein Gesicht aus einer Vision, seine Stimme aus einem Traum, die Wärme seiner Hände, die sie als kleines Kind gespürt hatte, ohne zu wissen, dass es wirklich Erinnerungen waren. Bisher hatte seine Existenz irgendwo zwischen Hoffnung und Verlust gelegen, zwischen dem Gedanken, dass er vielleicht tot war, und der noch sc
Mara ließ den Blick auf dem schwarzen Kreis ruhen, während sie versuchte, die Gedanken in ihrem Kopf zu ordnen. Je länger sie das Zeichen betrachtete, desto stärker wurde das Gefühl, dass sie es nicht zum ersten Mal sah. Es war nicht nur auf Elenas Unterlagen aufgetaucht, nicht nur auf dem alten Schlüssel aus Sophies Familie und nicht nur in den Aufzeichnungen, die sie gemeinsam mit Sophie gefunden hatte. Es schien überall dort aufzutauchen, wo die Wahrheit über ihre Familie begann, gefährlich zu werden.„Was ist das?“, fragte sie schließlich.Alexander antwortete nicht sofort. Er nahm das Blatt wieder an sich, drehte es zwischen den Fingern und betrachtete die Rückseite, als könnte er darin eine Antwort finden, die er selbst seit Jahren suchte.„Es gibt Dinge“, begann er langsam, „über die ich lange geglaubt habe, dass es besser wäre, wenn sie niemand mehr kennt.“Mara verschränkte die Arme.„Das klingt nicht nach einer Antwort.“„Das ist es auch nicht.“„Dann geben Sie mir eine.“Al
Mara hatte die ganze Nacht über den Namen ihres Vaters auf dem Papier stehen sehen, obwohl sie die Augen geschlossen hatte.Ethan Blackwood.Darunter hatte sie immer wieder dieselben Fragen geschrieben, bis die Tinte an einigen Stellen dunkler geworden war als an anderen: Warum wurde er gejagt? Wer hat ihn genommen? Warum hat niemand nach ihm gesucht? Und warum weiß Alexander Blackwood mehr, als Adrian mir bisher erzählt hat?Doch eine Frage stand inzwischen über allen anderen.Warum hat meine Mutter mich versteckt, wenn mein Vater mich nicht verlassen hat?Mara saß am nächsten Morgen an ihrem Schreibtisch und betrachtete die Notizen, die sich inzwischen über die gesamte Oberfläche verteilten. Das Foto ihrer Mutter lag zwischen den Seiten, daneben die Abschrift von Elenas Brief und die Notiz, die Thomas ihr gegeben hatte. Der schwarze Kreis, der immer wieder in ihren Unterlagen auftauchte, war inzwischen so vertraut geworden, dass Mara ihn beinahe auswendig zeichnen konnte.Sie nahm d
Mara hatte geglaubt, dass sie nach allem, was an diesem Tag geschehen war, wenigstens für eine Nacht Ruhe finden würde, doch kaum hatte sie die Haustür hinter sich geschlossen, bemerkte sie, dass sich dieses Haus verändert hatte. Vielleicht war es nicht das Haus selbst, vielleicht war es nur sie, die es inzwischen mit anderen Augen sah, aber die vertrauten Wände, die schmalen Flure und sogar das leise Knarren der Treppe wirkten plötzlich wie Teile eines Ortes, der ihr jahrelang etwas vorgespielt hatte. Früher hatte sie sich hier oft klein gefühlt, als wäre sie nur zu Gast in einem Leben, das andere für sie bestimmt hatten. Jetzt wusste sie, dass unter all diesen alltäglichen Dingen etwas verborgen gewesen war, etwas, das mit ihrer Mutter, ihrem Vater, Nyx und einer Welt zusammenhing, von der Mara bis vor wenigen Wochen nicht einmal gewusst hatte, dass sie existierte.Sie zog ihre Jacke aus und blieb einen Moment im Flur stehen. Im Haus war es ungewöhnlich still. Clara war offenbar nic







