LOGINMara hielt den Brief noch immer in der Hand, obwohl sie ihn inzwischen mehrmals gelesen hatte. Das Papier war an den Rändern vergilbt und fühlte sich trocken und brüchig zwischen ihren Fingern an, doch die Handschrift ihrer Mutter war so deutlich, als hätte Elena die Worte erst gestern geschrieben. Immer wieder blieb Maras Blick an derselben Stelle hängen: Ich habe dich gefunden. Darunter stand nur das Datum ihres achtzehnten Geburtstags. Mehr nicht. Kein Name, kein Ort, keine Erklärung, nichts, das ihr sagen konnte, wen Ethan gefunden hatte oder warum er einen Brief zurückgelassen hatte, den sie erst so viele Jahre später finden sollte. Trotzdem hatte Mara inzwischen verstanden, dass diese wenigen Worte wahrscheinlich wichtiger waren als alles, was sie in den vergangenen Wochen erfahren hatte. Ihr Vater hatte gewusst, dass sie existierte. Er hatte gewusst, dass der Schutz irgendwann brechen würde. Und er hatte offenbar damit gerechnet, dass sie ihn suchen würde.Sie faltete den Brief
Der Satz ließ Mara auch am nächsten Morgen nicht los.Dann suche dort, wo er zuletzt selbst nach dir gesucht hat.Er stand noch immer auf dem Zettel, den sie am Vortag im Park gefunden hatten, und obwohl Mara ihn inzwischen bestimmt zwanzigmal gelesen hatte, fühlte sich die Bedeutung mit jedem neuen Blick weniger wie eine Antwort und mehr wie eine weitere Tür an, hinter der etwas verborgen lag. Sie hatte inzwischen gelernt, dass fast jede Spur in ihrer Vergangenheit auf eine andere Spur verwies. Elena hatte Hinweise hinterlassen, Marcus hatte Dinge verschwiegen, Alexander hatte Informationen zurückgehalten, Thomas Keller hatte alte Unterlagen gesammelt und Isolde hatte in ihrem Bericht von einem Schutz gesprochen, der irgendwann brechen würde. Selbst Ethan, den Mara ihr ganzes Leben lang nur als Namen gekannt hatte, schien Nachrichten hinterlassen zu haben, ohne dass sie wusste, wann oder für wen sie bestimmt gewesen waren.Sie saß am Küchentisch bei Sophie und hielt den Zettel zwisch
Mara hatte kaum die Tür des Hauses hinter sich geschlossen, als sie merkte, dass ihre Hände zitterten. Nicht nur vor Angst, sondern vor all den widersprüchlichen Gefühlen, die sich seit Alexanders Worten in ihr aufgestaut hatten. Der Bericht von Isolde lag schwer in ihrer Tasche, obwohl er kaum Gewicht hatte, und immer wieder hörte sie den letzten Satz in ihrem Kopf: Der, der unseren Ruf gehört hat. Danach kam Nyx’ Antwort, leise und vollkommen sicher: Dein Vater.Ethan.Der Mann, den Mara ihr ganzes Leben lang nur aus wenigen Erinnerungen gekannt hatte. Sein Gesicht aus einer Vision, seine Stimme aus einem Traum, die Wärme seiner Hände, die sie als kleines Kind gespürt hatte, ohne zu wissen, dass es wirklich Erinnerungen waren. Bisher hatte seine Existenz irgendwo zwischen Hoffnung und Verlust gelegen, zwischen dem Gedanken, dass er vielleicht tot war, und der noch sc
Mara ließ den Blick auf dem schwarzen Kreis ruhen, während sie versuchte, die Gedanken in ihrem Kopf zu ordnen. Je länger sie das Zeichen betrachtete, desto stärker wurde das Gefühl, dass sie es nicht zum ersten Mal sah. Es war nicht nur auf Elenas Unterlagen aufgetaucht, nicht nur auf dem alten Schlüssel aus Sophies Familie und nicht nur in den Aufzeichnungen, die sie gemeinsam mit Sophie gefunden hatte. Es schien überall dort aufzutauchen, wo die Wahrheit über ihre Familie begann, gefährlich zu werden.„Was ist das?“, fragte sie schließlich.Alexander antwortete nicht sofort. Er nahm das Blatt wieder an sich, drehte es zwischen den Fingern und betrachtete die Rückseite, als könnte er darin eine Antwort finden, die er selbst seit Jahren suchte.„Es gibt Dinge“, begann er langsam, „über die ich lange geglaubt habe, dass es besser wäre, wenn sie niemand mehr kennt.“Mara verschränkte die Arme.„Das klingt nicht nach einer Antwort.“„Das ist es auch nicht.“„Dann geben Sie mir eine.“Al
Mara hatte die ganze Nacht über den Namen ihres Vaters auf dem Papier stehen sehen, obwohl sie die Augen geschlossen hatte.Ethan Blackwood.Darunter hatte sie immer wieder dieselben Fragen geschrieben, bis die Tinte an einigen Stellen dunkler geworden war als an anderen: Warum wurde er gejagt? Wer hat ihn genommen? Warum hat niemand nach ihm gesucht? Und warum weiß Alexander Blackwood mehr, als Adrian mir bisher erzählt hat?Doch eine Frage stand inzwischen über allen anderen.Warum hat meine Mutter mich versteckt, wenn mein Vater mich nicht verlassen hat?Mara saß am nächsten Morgen an ihrem Schreibtisch und betrachtete die Notizen, die sich inzwischen über die gesamte Oberfläche verteilten. Das Foto ihrer Mutter lag zwischen den Seiten, daneben die Abschrift von Elenas Brief und die Notiz, die Thomas ihr gegeben hatte. Der schwarze Kreis, der immer wieder in ihren Unterlagen auftauchte, war inzwischen so vertraut geworden, dass Mara ihn beinahe auswendig zeichnen konnte.Sie nahm d
Mara hatte geglaubt, dass sie nach allem, was an diesem Tag geschehen war, wenigstens für eine Nacht Ruhe finden würde, doch kaum hatte sie die Haustür hinter sich geschlossen, bemerkte sie, dass sich dieses Haus verändert hatte. Vielleicht war es nicht das Haus selbst, vielleicht war es nur sie, die es inzwischen mit anderen Augen sah, aber die vertrauten Wände, die schmalen Flure und sogar das leise Knarren der Treppe wirkten plötzlich wie Teile eines Ortes, der ihr jahrelang etwas vorgespielt hatte. Früher hatte sie sich hier oft klein gefühlt, als wäre sie nur zu Gast in einem Leben, das andere für sie bestimmt hatten. Jetzt wusste sie, dass unter all diesen alltäglichen Dingen etwas verborgen gewesen war, etwas, das mit ihrer Mutter, ihrem Vater, Nyx und einer Welt zusammenhing, von der Mara bis vor wenigen Wochen nicht einmal gewusst hatte, dass sie existierte.Sie zog ihre Jacke aus und blieb einen Moment im Flur stehen. Im Haus war es ungewöhnlich still. Clara war offenbar nic







