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5. Sophie

Autor: Saphira
last update Data de publicação: 2026-09-16 16:08:28

Sophie wartete am nächsten Morgen vor dem Schultor auf Mara.

Sie stand mit dem Rücken an der Mauer, die Arme vor der Brust verschränkt, und sah aus, als hätte sie seit mindestens einer Stunde darauf gewartet, jemanden zur Rede zu stellen.

Als Mara näher kam, hob Sophie eine Augenbraue.

„Du bist spät.“

„Ich bin drei Minuten zu spät.“

„Für jemanden, der sonst zehn Minuten zu früh kommt, ist das spät.“

Mara musste trotz allem lächeln.

„Guten Morgen.“

„Jetzt besser.“

Sie gingen gemeinsam ins Gebäude.

Mara hatte in dieser Nacht kaum geschlafen. Immer wieder hatte sie an das Foto gedacht, das Marcus ihr weggenommen hatte. An den Mann darauf. An die Worte auf der Rückseite. Und an den Blick ihres Stiefvaters, als er das Bild gesehen hatte.

Es war nicht der Blick eines Mannes gewesen, der überrascht war.

Es war der Blick eines Mannes gewesen, der etwas wiedererkannt hatte.

Und genau das machte Mara Angst.

„Du bist schon wieder woanders“, sagte Sophie.

Mara sah zu ihr.

„Entschuldigung.“

Sophie blieb mitten auf dem Flur stehen.

„Du musst dich nicht ständig entschuldigen.“

Mara wusste nicht, was sie darauf antworten sollte.

Also sagte sie nichts.

Sophie seufzte und ging weiter.

„Ich wollte dir gestern noch etwas erzählen.“

„Über deine Großmutter?“

Sophie nickte.

„Meine Oma war… anders.“

Mara sah sie fragend an.

„Anders?“

„Sie hatte eine Art sechsten Sinn.“

Sophie zuckte mit den Schultern.

„Zumindest hat sie das immer behauptet. Sie hat Dinge manchmal gewusst, bevor sie passiert sind. Sie konnte anhand eines Traumes sagen, dass jemand krank werden würde. Oder dass irgendwo etwas nicht stimmte.“

„Und du glaubst ihr?“

„Ich weiß nicht.“

Sophie dachte kurz nach.

„Als Kind habe ich alles geglaubt, was sie erzählt hat. Später dachte ich, sie bildet sich vieles ein. Aber inzwischen…“

„Was?“

„Inzwischen bin ich mir nicht mehr so sicher.“

Mara schwieg. Sie kannte dieses Gefühl.

Das Gefühl, dass etwas, das man bisher für unmöglich gehalten hatte, plötzlich zu viele Hinweise bekam, um es noch einfach wegzuschieben.

Nach dem Unterricht gingen sie zu Sophie nach Hause. Ihre Mutter war nicht da. Sophie führte Mara in ihr Zimmer und schloss die Tür.

„Ich muss dir etwas zeigen.“

Sie ging zu einer kleinen Schublade in ihrem Schreibtisch und holte eine schwarze Schachtel heraus.

„Das gehörte meiner Oma.“

Mara setzte sich auf die Bettkante. Sophie öffnete die Schachtel. Darin lag ein kleiner Anhänger aus dunklem Metall. Ein Kreis. Darüber und darunter feine Linien, die Mara zunächst wie Verzierungen erschienen. Dann sah sie genauer hin. Etwas daran kam ihr bekannt vor.

„Woher?“, fragte Sophie.

Mara schüttelte langsam den Kopf.

„Ich weiß es nicht.“

Sophie nahm den Anhänger heraus.

„Meine Oma hat ihn mir kurz vor ihrem Tod gegeben.“

Sie drehte ihn um. Auf der Rückseite waren Worte eingraviert.

Blut erkennt Blut.

Mara bekam eine Gänsehaut.

„Was bedeutet das?“

„Keine Ahnung.“

Sophie lächelte unsicher.

„Meine Oma meinte immer, ich würde es irgendwann verstehen.“

Mara wollte den Anhänger berühren.

Doch bevor ihre Finger ihn erreichten, hörten sie Schritte auf dem Flur.

Sophie erstarrte.

„Meine Mutter.“

Die Tür öffnete sich.

Sophie ließ den Anhänger sofort sinken. Ihre Mutter blieb im Türrahmen stehen. Ihr Blick fiel auf das Metallstück. Und in diesem Moment veränderte sich ihr Gesicht. Nicht viel. Nur für eine Sekunde. Aber Mara bemerkte es. Es war Angst.

„Woher hast du das?“, fragte Sophies Mutter.

„Von Oma.“

„Ich weiß, woher du es hast.“

Ihre Stimme war plötzlich schärfer. Sie ging zu Sophie und nahm ihr den Anhänger aus der Hand.

„Mama—“

„Nein.“

Sophie sah sie verständnislos an.

„Warum?“

Ihre Mutter schloss die Finger um das Metall.

„Weil du ihn nicht mehr tragen darfst.“

Mara spürte, wie sich etwas in ihr zusammenzog.

„Warum?“, fragte Sophie erneut.

Ihre Mutter sah zuerst Mara und dann ihre Tochter an.

„Wenn dich jemand nach diesem Zeichen fragt, sag ihm nicht, dass du es kennst.“

Es wurde still.

„Was soll das heißen?“, fragte Sophie.

„Es heißt genau das.“

Sie steckte den Anhänger ein.

„Und darüber reden wir nicht mehr.“

Dann verließ sie das Zimmer.

Sophie sah ihr hinterher.

„Was war das denn?“

Mara wusste keine Antwort. Aber sie wusste, dass ihre Mutter nicht einfach nur Angst vor einem alten Schmuckstück gehabt hatte. Sie hatte Angst vor dem Zeichen und vielleicht vor dem, was es bedeutete.

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