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3. Die falsche Familie

작가: Saphira
last update 게시일: 2026-09-16 15:04:59

Mara schlief in dieser Nacht kaum.

Immer wieder wachte sie auf.

Einmal, weil sie glaubte, Schritte vor ihrer Tür zu hören.

Einmal, weil ein Schatten über die Wand glitt.

Und einmal, weil sie wieder das Heulen hörte.

Doch als sie zum Fenster ging, war dort nichts.

Kein Wolf.

Keine leuchtenden Augen.

Nur der Wald.

Dunkel und still.

Am Morgen fühlte Mara sich, als hätte sie überhaupt nicht geschlafen.

Sie stand vor dem Spiegel und band sich die Haare zusammen.

Ihre Augen sahen müde aus.

Zu müde.

Sie spritzte sich kaltes Wasser ins Gesicht.

„Es war nur ein Traum.“

Sie sagte es laut.

Vielleicht würde es wahr werden, wenn sie es oft genug wiederholte.

Sie nahm ihre Tasche und ging nach unten.

Marcus saß bereits am Küchentisch.

Er las Zeitung.

Mara blieb kurz in der Tür stehen.

Sein Blick hob sich.

Nur für einen Moment.

Dann sah er wieder auf die Zeitung.

„Morgen.“

Mara antwortete nicht.

Sie ging zum Schrank und nahm sich eine Tasse.

„Ich rede mit dir.“

„Morgen.“

Marcus beobachtete sie.

„Du bist in letzter Zeit ziemlich still.“

Mara stellte die Tasse auf die Arbeitsfläche.

„Ich war schon immer still.“

„Nicht so.“

Sie drehte sich zu ihm um.

„Was meinst du?“

Marcus legte die Zeitung zusammen.

„Nichts.“

Das Wort klang genauso wie gestern.

Nichts.

Mara hatte langsam genug von diesem Wort.

Seit gestern hatte sie das Gefühl, dass alle um sie herum etwas wussten, das ihr niemand sagen wollte.

Sie nahm ihren Kaffee.

„Ich muss los.“

„Heute Nachmittag bist du zu Hause.“

Es war keine Frage.

Mara hielt inne.

„Warum?“

„Weil ich es sage.“

Da war er wieder.

Dieser Ton.

Der Ton, der keine Antwort erlaubte.

Mara senkte den Blick.

„Okay.“

Sie ging.

Doch als sie die Haustür hinter sich schloss, atmete sie erst einmal tief durch.

Sie wollte nicht mehr automatisch gehorchen.

Sie wusste nur noch nicht, wie man es anders machte.

***********************

Der Schultag zog sich.

Mara konnte sich kaum konzentrieren.

Während der Mathematikstunde ertappte sie sich dabei, wie sie immer wieder auf die Uhr sah.

Nicht wegen des Unterrichts.

Wegen des Nachmittags.

Wegen ihres Zimmers.

Wegen der Frage, warum Marcus gestern vor ihrer Tür gestanden hatte.

Sie hatte das Gefühl, dass er sie beobachtete.

Vielleicht bildete sie es sich nur ein.

Vielleicht auch nicht.

Als sie nach Hause kam, war das Haus leer.

Mara blieb im Eingangsbereich stehen.

„Hallo?“

Keine Antwort.

Sie ging nach oben.

In ihrem Zimmer setzte sie sich an den Schreibtisch.

Sophie hatte ihr am Vortag ein kleines Geschenk gegeben.

Mara holte es aus ihrer Tasche.

Sie öffnete das Papier.

Ein einfacher silberner Anhänger.

Ein kleiner Stern.

Auf der Rückseite stand:

Für den Anfang von etwas Neuem.

Mara strich mit dem Daumen darüber.

Ihre Augen wurden feucht.

Sophie wusste nicht, wie passend das Geschenk war.

Sie legte die Kette vorsichtig auf den Tisch.

Dann fiel ihr Blick auf die unterste Schublade.

Sie zog sie heraus.

Darin lagen alte Hefte, Schulunterlagen und einige Dinge aus ihrer Kindheit.

Mara wusste selbst nicht genau, warum sie danach suchte.

Vielleicht weil sie etwas über ihre Mutter wissen wollte.

Elena.

Der Name fühlte sich noch immer fremd an.

Mara erinnerte sich kaum an sie.

Nur an einzelne Bilder.

Dunkle Haare.

Eine warme Stimme.

Den Geruch nach Lavendel.

Und Hände, die ihr als Kind durch die Haare strichen.

Mehr nicht.

Sie hatte sich oft gefragt, warum sie so wenig Erinnerungen an ihre Mutter hatte.

Andere Kinder erzählten Geschichten aus ihrer frühen Kindheit.

Mara konnte kaum eine einzige erzählen.

Sie zog einen alten Karton aus der Schublade.

Darin lagen Zeichnungen.

Ein Kinderarmband.

Ein Stoffhase ohne ein Auge.

Und ganz unten ein Foto.

Mara nahm es heraus.

Ihr Atem stockte.

Eine junge Frau lächelte in die Kamera.

Dunkles, langes Haar.

Helle Augen.

Und dieses Lächeln.

Mara kannte es.

Nicht aus einem Foto.

Aus ihren Träumen.

„Mama ...“

Sie setzte sich.

Neben der jungen Frau stand ein Mann.

Groß.

Dunkle Haare.

Sein Gesicht war nur leicht zu erkennen, weil das Foto an einer Stelle beschädigt war.

Mara drehte es um.

Keine Namen.

Kein Datum.

Nur eine handschriftliche Notiz.

Für Mara. Damit sie eines Tages weiß, woher sie kommt.

Mara spürte einen Druck in der Brust.

Woher sie kommt?

Sie drehte das Foto wieder um.

Etwas glänzte an ihrer Mutter Hals.

Eine Kette.

Mara hielt das Bild näher ans Fenster.

Der Anhänger war ungewöhnlich.

Ein Kreis.

Darum mehrere feine Linien und Zeichen, die sie nicht lesen konnte.

Mara berührte das Foto.

In dem Moment flackerte die Schreibtischlampe.

Mara zog die Hand zurück.

Die Lampe brannte wieder normal.

Sie starrte darauf.

Dann lachte sie nervös.

„Okay.“

Sie nahm das Foto erneut.

Nichts passierte.

Doch diesmal fiel ihr etwas anderes auf.

Auf der Rückseite des Fotos befand sich eine kleine Falte.

Mara zog vorsichtig daran.

Ein dünner Papierstreifen kam zum Vorschein.

Sie entfaltete ihn.

Darauf stand nur ein Satz.

Wenn du dich irgendwann fragst, wer du bist, suche den Wald.

Mara las ihn zweimal.

Dann ein drittes Mal.

Ihr Herz begann schneller zu schlagen.

„Was soll das heißen?“

Plötzlich hörte sie die Haustür.

Mara erschrak.

Sie schob das Foto und den Zettel schnell zurück in den Karton.

Schritte.

Marcus.

Mara stand auf.

Sie wollte den Karton gerade wieder in die Schublade legen, als die Tür aufging.

Marcus blieb stehen.

Sein Blick fiel auf den Karton.

Dann auf Mara.

Und schließlich auf das Foto, das noch halb aus der Schublade ragte.

Sein Gesicht verlor jede Farbe.

„Woher hast du das?“

Mara hatte ihn noch nie so gesehen.

Nicht wütend.

Nicht streng.

Angst.

„Es war hier.“

Marcus trat einen Schritt näher.

„Gib es mir.“

Mara zog das Foto aus der Schublade.

„Warum?“

„Mara.“

„Warum hast du mir nie gesagt, dass du das hast?“

„Gib es mir.“

„Wer ist der Mann?“

Marcus' Kiefer verspannte sich.

„Das geht dich nichts an.“

Mara starrte ihn an.

„Er ist auf einem Foto mit meiner Mutter.“

„Du warst zu klein.“

„Wofür? Um mich zu erinnern?“

Marcus streckte die Hand aus.

„Gib mir das Foto.“

Mara wich zurück.

„Nein.“

Das Wort war leise.

Aber diesmal war es bewusst.

Marcus blieb stehen.

„Mara.“

„Wer ist er?“

Stille.

„Sag es mir.“

Marcus sah auf das Foto.

Für einen Moment glaubte Mara, etwas in seinem Blick zu erkennen.

Schuld.

„Er war niemand“, sagte er schließlich.

Mara schüttelte den Kopf.

„Das glaube ich dir nicht.“

Marcus' Gesicht wurde hart.

„Du weißt nicht, wovon du redest.“

„Dann erklär es mir.“

„Es gibt nichts zu erklären.“

„Warum hast du Angst?“

Marcus erstarrte.

Mara bereute die Frage sofort.

Aber sie hatte es gesehen.

Ganz deutlich.

Angst.

Nicht um sie.

Nicht wegen des Fotos.

Wegen etwas, das darauf zu sehen war.

Marcus trat näher.

Mara wich zurück, bis sie mit dem Rücken an den Schreibtisch stieß.

„Hör mir gut zu“, sagte er leise. „Du wirst dieses Foto vergessen.“

„Nein.“

„Du wirst nicht danach suchen.“

„Warum?“

„Weil deine Mutter Dinge getan hat, die du nicht verstehen würdest.“

Mara spürte, wie ihr Herz schneller schlug.

„Was für Dinge?“

Marcus nahm ihr das Foto aus der Hand.

Diesmal wehrte sie sich nicht.

Er steckte es in seine Tasche.

„Vergiss sie.“

Dann ging er.

Mara blieb allein zurück.

Sie starrte auf die geschlossene Tür.

Ihre Hände zitterten.

Doch unter der Angst lag etwas anderes.

Wut.

Zum ersten Mal war die Wut stärker als die Angst.

Sie setzte sich langsam auf den Boden.

Ihre Mutter hatte ihr etwas hinterlassen.

Ein Foto.

Eine Nachricht.

Und einen Hinweis.

Suche den Wald.

Mara sah zum Fenster.

Draußen bewegten sich die Äste im Wind.

Sie dachte an den Wolf.

An seine Augen.

An die Wärme, die sie gespürt hatte.

Und plötzlich war da wieder dieses Gefühl.

Ganz tief in ihr.

Nicht wie ein Gedanke.

Nicht wie eine Stimme.

Eher wie die Erinnerung an etwas, das sie niemals bewusst erlebt hatte.

Ein dunkler Wald.

Schwarzes Fell.

Ein Paar Augen.

Und die Gewissheit, dass sie nicht allein war.

Mara legte eine Hand auf ihre Brust.

„Wer bist du?“, flüsterte sie.

Nichts.

Dann, ganz plötzlich, kam dieses warme Ziehen zurück.

Dieselbe Empfindung wie in der vergangenen Nacht.

Mara schloss die Augen.

Und für einen winzigen Moment glaubte sie, etwas in der Dunkelheit ihres eigenen Inneren zu hören.

Kein Wort.

Nur ein Gefühl.

Ich bin hier.

Mara riss die Augen auf.

Ihr Herz schlug heftig.

Sie sah zum Fenster.

Der Wald lag still vor ihr.

Doch zum ersten Mal hatte sie nicht das Gefühl, dass sie Angst vor ihm haben musste.

Sie hatte vielmehr das Gefühl, dass dort draußen etwas auf sie wartete.

Etwas, das sie kannte.

Obwohl sie nicht wusste, woher.

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