LOGINFREYA
Ich bin fertig mit Umziehen. Ich schlüpfe in das schwarze Kleid – das eine, das sich eng an meinen Körper schmiegt. Ich stehe vor dem Ganzkörperspiegel im Gästezimmer, weit weg vom Hauptschlafzimmer. Marks Rasierwasser hängt dort immer noch in der Luft, und ich hasse es. So sehr verabscheue ich ihn inzwischen. Der Stoff spannt sich eng über meine Hüften, fällt tief zwischen meinen Brüsten ab und endet hoch oben an meinen Oberschenkeln. Ich habe es seit der Nacht, in der ich es vor zwei Jahren gekauft habe, nicht mehr getragen – hoffnungsvoll und dumm, darauf wartend, dass Mark mich wieder so ansieht wie früher. Oder so, wie ich dachte, dass er es früher getan hat. Hat er nie. Heute Abend ist das Kleid nicht für ihn. Ich streiche mit den Handflächen an den Seiten hinab und spüre das Zittern in meinen Fingern. Ich trete einen Schritt zurück und mustere die Frau im Spiegel. Ich wollte schon immer so nach draußen gehen, aber dumm wie ich war, wollte ich es zusammen mit meinem Ehemann tun. Demselben Ehemann, der sich heimlich für mich geschämt hat. Jetzt, wo ich mich so ansehe, schleicht sich plötzlich eine Frage in mein Herz: Bin ich wirklich außer Form? Mein Handy summt und reißt mich heraus, bevor der Gedanke zu weit abdriften kann. Ich eile zur Kommode und greife danach. Mark: Es wird spät im Büro. Luna ist schon bei Lila für Mädelsabend + Pizza. Du weißt, wie gerne sie bei ihr ist. Wart nicht auf mich. Kein „Ich liebe dich“ dieses Mal. Gut. Ich tippe ein einzelnes Wort. Ich: Okay. Dann lösche ich den gesamten Verlauf. Ich blockiere seine Nummer. Ich weiß nicht einmal warum – nennen wir es Wut. Mein Daumen schwebt über „Luna - Meine Süße“ in den Kontakten… aber ich bringe es nicht über mich, mein eigenes Kind zu blockieren. Stattdessen schreibe ich Rebecca: Ich: Ich gehe heute Abend aus. Luna ist bei ihrem Vater. Falls sich irgendwas ändert, ruf mich sofort an. Rebecca: Verstanden, Ma’am. Passen Sie auf sich auf. ❤️ Ich atme durch den Mund aus, als würde ich Geburtstagskerzen auspusten, bei denen ich mir nie etwas wünschen durfte. Die Uhr an der Wand zeigt 19:12 Uhr. Achtundvierzig Minuten, bis die Tür des Fitnessstudios schließt. Ich schlüpfe in mein einziges Paar High Heels – rot, mit dünnen Knöchelriemchen. Ich sprühe das Parfum auf, das ich nicht mehr getragen habe, weil Mark einmal meinte, er bekäme davon Kopfschmerzen. Ich greife nach meinen Schlüsseln, der mattschwarzen Karte und gehe durch die Seitentür hinaus, damit die Sicherheitsleuchten meine Silhouette nicht dabei erwischen, wie ich mich wie eine schuldige Teenagerin davonschleiche. Ich fahre los und folge der Adresse auf der Karte. Nach einer kurzen Fahrt liegt das State-of-the-Art Gym an der Ecke einer neu erschlossenen Ladenzeile. Es ist kein großes Gebäude – Glasfront, schwarze Stahlakzente, ein helles Neonschild. Ein einzelnes Motorrad parkt diagonal über zwei Parkplätzen. Natürlich ist es seins. Ich schalte den Motor aus und sitze einfach da, den Blick fest aufs Lenkrad gerichtet, während meine Knöchel weiß werden. Du kannst immer noch umkehren, Freya. Du hast immer noch eine Chance. Fahr einfach nach Hause. Weine unter der Dusche. Tu so, als wäre dieser Morgen nie passiert. Ich starre das Fitnessstudio immer noch an, als Marks Stimme von heute Morgen wieder durch meinen Kopf schneidet: „Vielleicht, wenn du mal an dir arbeiten würdest.“ Und Lilas Lachen aus diesem Sexvideo – scharf, siegreich, ungerührt. Ich weiß nicht, ob es Wut ist oder etwas anderes, aber es schießt durch mich hindurch. Ich reiße die Autotür sofort auf. Die Nachtluft riecht nach abkühlendem Beton und fernem Regen. Die Türen des Fitnessstudios sind unverschlossen. Drinnen ist es dunkler als erwartet – nur Notbeleuchtung und ein paar Strahler an der Decke sind noch an. Gewichte glänzen im Dämmerlicht. Überall Spiegel. Der leise Geruch von Gummimatten, Metall und scharfem Rasierwasser. Niemand an der Rezeption. Nur das leise Summen der Klimaanlage. Ich sehe mich immer noch um, als ich schwere, bedachte Stiefelschritte aus dem Flur höre, der zu den Büros führt. Im nächsten Moment taucht Steve auf. Diesmal kein Trainingsshirt. Nur eine schwarze Jogginghose, die tief auf seinen Hüften sitzt, und sonst nichts. Das Tattoo auf seinem linken Arm setzt sich über seine Brust fort – eine lange, dünne Linie unter seinem linken Brustmuskel, eine weitere über seinen unteren Rippen. Er lächelt nicht. Er sieht mich einfach nur an. Langsam. Seine Augen wandern von den roten Heels das schwarze Kleid hoch, vorbei an dem Dekolleté, bei dem ich mich plötzlich viel zu entblößt fühle, über die Wölbung meines Bauches und schließlich zu meinem Gesicht. Ein langsames, überlegenes Grinsen stiehlt sich auf seine Lippen. Es wirkt fast spöttisch, aber da ist noch etwas Dunkleres darin, das ich nicht benennen kann. „Das sieht nicht nach Trainingskleidung aus, Prinzessin.“ Die Worte treffen mich wie ein Scheinwerferlicht. Hitze steigt mir in die Wangen. Ich fühle mich auf einmal lächerlich – übertrieben angezogen, zu aufgeddonnert, wie eine Frau, die So-tun-als-ob spielt. Was zum Teufel habe ich mir nur dabei gedacht, in High Heels und einem engen Kleid aufzutauchen wie irgendein verzweifeltes Klischee? Ich mache einen Schritt zurück in Richtung Tür. „Es tut mir leid, ich sollte gehen“, flüstere ich mit kleiner Stimme. „Das war ein Fehler. Ich weiß nicht, was ich hier mache.“ Meine Hand greift nach dem Türgriff. Mein Puls rast. Ich könnte immer noch gehen. Nach Hause fahren, seine Nummer löschen, so tun, als wäre das alles nie passiert. „Du siehst sexy aus.“ Seine Stimme lässt mich erstarren. Sexy. Es trifft meine Brust wie eine warme Welle. Wann hat mich das letzte Mal jemand so genannt? Mark hatte seit Jahren nichts Ähnliches mehr gesagt – weder vor Luna noch danach. Das einzige Kompliment, das er mir je gemacht hat, war: „Du siehst besser aus.“ Einfach nur… besser. Ich drehe mich wieder zu Steve um. Eine einzelne Träne löst sich und rollt mir über die Wange, bevor ich sie aufhalten kann. In dem Moment, in dem er es bemerkt, verschwindet sein Grinsen. Sein Gesichtsausdruck wird finster – genau derselbe raubtierhafte Beschützerinstinkt von heute Morgen blitz auf seinem Gesicht auf. Er überbrückt den Abstand mit zwei Schritten – langsam genug, dass ich zurückweichen könnte, schnell genug, dass ich es gar nicht will. Ich wische die Träne schnell weg, aber eine zweite folgt. Meine Sicht verschwimmt. Tränen brechen sich Bahn, heiß und schnell, und ziehen nasse Spuren über meine Wangen. Er bleibt direkt vor mir stehen. Hebt die Hand. Sein Daumen fängt die Träne auf, bevor sie meinen Kiefer erreicht. „Ist das etwa eine Träne?“, murmelt er mit rauer, rauchiger Stimme.FREYANana drehte sich schließlich um und ging zur Treppe, und ich zog mich zurück ins Zimmer, um mich umzuziehen. Ich verspürte einen kleinen Anflug von Stolz, dass ich den Drang unterdrückt hatte, nach Steve zu fragen. Denn warum sollte es mich kümmern? Ich würde ihm bestimmt nicht die Genugtuung geben, das Erste zu sein, woran ich dachte.Ich zog ein einfaches Tanktop und einen kurzen bum-skirt an und verbrachte ein paar Minuten damit, mir die Haare zu bürsten, bis sie tatsächlich ordentlich aussahen. Ich sah in den Spiegel und schenkte der Frau, die mich anstarrte, sogar ein Lächeln.So hatte ich mich schon immer kleiden wollen – in meinem eigenen Zuhause herumzulaufen und mich für meinen Mann hübsch zu fühlen. Es war die Version einer Ehe, die ich mir vorgestellt hatte, bevor ich tatsächlich verheiratet war.Aber dieser Traum war schon nach knapp drei Monaten ausgeträumt. Und meine Realität sah so aus, dass ich neben einem Ehemann aufwachte, der bereits voll angezogen und auf dem
FREYA Der Morgen brach an, und ehrlich? Ich wünschte mir vom Herzen, er wäre es nicht.Ich stehe jetzt wahrscheinlich schon seit dreißig Minuten über diesem Waschbecken im Badezimmer und gieße mir unaufhörlich Wasser über ein Gesicht, das längst sauber ist. Es geht schon gar nicht mehr um das Wasser. Ich versuche nur mein absolut Bestes, die Scham wegzuwaschen, die meine Würde abgelöst hat, seit ich mitten in der Nacht mit Steve zusammen war.Ich erblickte mein Spiegelbild und wäre fast zusammengezuckt. Ich sah aus wie eine verstoßene Prinzessin – meine Haare waren ein einziges Vogelnest, völlig verfilzt und wild von einer Nacht mit null Schlaf.„Ich kann nicht glauben, dass ich das gesagt habe“, flüsterte ich in das leere Badezimmer.„Kann ich dich berühren?“Die Worte, die ich Steve zugehaucht hatte, liefen in meinem Kopf ab wie ein Autounfall in der Dauerschleife. Ich presste die Augen zu, aber das machte den Film in meinem Kopf nur noch deutlicher. Ich konnte die phantomartige Hi
STEVES Der Kuss wurde langsamer, tiefer und wilder. Ich schob meine Hand in ihr Haar, griff die Wurzeln, um ihren Kopf nach hinten zu ziehen und die lange, blasse Linie ihres Halses freizulegen. Ich herfiel über ihren Hals, meine Zähne streiften die Haut genau über ihrem Puls. Sie stieß ein raues, unkontrolliertes Stöhnen aus, das gegen meinen Mund vibrierte – wie Benzin im Feuer.Ich war vorsichtig, obwohl ich es gar nicht sein wollte. Ich wollte, dass sie das volle Gewicht davon spürte, wie sehr ich mich zurückgehalten hatte, seit ich sie das erste Mal sah.Mein Mund blieb an ihrem Hals verankert, saugte langsam und gezielt an dieser empfindlichen Stelle, bis ihre Haut unter meinen Lippen warm und rosig wurde. Jedes Mal, wenn ich meine Zähne ganz leicht an ihr entlanggleiten ließ, baufte sie sich entgegen und presste ihren Körper dicht an meinen. Durch die dünne Seide ihres Morgenmantels konnte ich alles spüren – die weiche Wölbung ihrer Brust, die harten Spitzen ihrer Brustwarzen,
FREYA Ich weiß nicht, wann oder wie lange ich eingeschlafen war, aber ich wachte mit dem plötzlichen Bedürfnis auf, auf die Toilette zu gehen. Ich setzte mich im Bett auf, immer noch desorientiert, und drehte mich zum Fenster. Draußen war es bereits dunkel. Meine Augen wanderten zu der digitalen Uhr auf dem Nachttisch, die blau leuchtete.1:24 Uhr.Nach Mitternacht.Ich stieg aus dem Bett und ging ins Badezimmer. Da ich vor dem Einschlafen nicht geduscht hatte, beschloss ich, es jetzt nachzuholen. Während das Wasser warm wurde, ging mir Nana durch den Kopf. Sie dachte wahrscheinlich, ich würde nach dem Aufwachen nach unten kommen, um etwas zu essen, aber ehrlich gesagt war ich immer noch satt von der schweren Mahlzeit im Fitnessstudio.Nur mein Hals fühlte sich ohne Grund trocken an.Ich trat unter die Dusche und ließ das Wasser über mich laufen. Die Wärme linderte die Anspannung in meinen Muskeln und verlangsamte meine Gedanken. Als ich schließlich heraustrat, fühlte sich mein Körpe
FREYA Ich wusste, dass ich im Moment absolut keinen Funken Eleganz oder Coolness ausstrahlte – einfach, weil meine Augen immer größer wurden, während sie mich hineinführten. An jedem Winkel, in jeder Ecke starrte ich wie eine Touristin umher. Überall standen Männer in Anzügen – an jedem einzelnen Eingang, an dem wir vorbeikamen, hielten mindestens ein oder zwei von ihnen Wache.Das veranlasste mich dazu, meinen Rücken aufzurichten, ohne dass ich es überhaupt merkte.Wir gingen tiefer in das Haus hinein, bis wir einen ruhigeren Abschnitt des Flurs erreichten. Meine Aufmerksamkeit blieb an einem großen, gerahmten Porträt hängen, das isoliert an der Wand hing. Ein riesiges, gerahmtes Porträt einer Frau Ende 50. Sie hatte diese scharfen, durchdringenden Augen und dunkle, elegante Locken, die ihr Gesicht perfekt umrahmten. Wenn ich mich nicht irrte, herrschte da eine verblüffende Ähnlichkeit zu Steve.Einer der Männer griff nach einer Doppeltür und stieß sie auf. Ich trat ein und mir stoc
FREYA Während ich immer noch versuche, mir einen Reim auf diese beiden Typen zu machen, denen ich aus dem Fitnessstudio nach draußen folge, ist mein Kopf völlig vernebelt. Ich versuche verzweifelt, all das zu verarbeiten, was gerade passiert ist. In einem Moment weine ich um meine Tochter, und im nächsten trage ich einen Diamanten am Finger und halte einen Ehevertrag in den Händen. Ich weiß wirklich nicht, was ich sagen soll. Ich sah mich noch ein drittes Mal im Fitnessstudio um, bevor ich nach draußen trat, aber von Steve war weit und breit keine Spur zu sehen…In der Sekunde, in der wir ins Freie traten, blieb ich wie angewurzelt stehen und mir stockte tatsächlich der Atem.Direkt am Bordstein geparkt stand ein tiefschwarzer Mercedes-Benz Maybach.Ich stand einfach nur da und starrte ihn an wie eine Idiotin. Ich wusste nicht einmal, was ich sagen sollte. So ein Auto hatte ich bisher nur in Filmen gesehen – oder vielleicht ein-, zweimal, wie es auf der Straße an mir vorbeirauschte.







