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– Die wolfslose Erbin der Crimson Academy
– Die wolfslose Erbin der Crimson Academy
Author: Kammelu Christian

Das Mädchen ohne Wolf

last update publish date: 2026-08-29 20:24:07

Sie ließen mich durch das Haupttor gehen, als wäre ich niemand.

Das war genau der Sinn der Sache. Luna Grey. Kein Wappen. Keine Eskorte. Eine Tasche, die ständig von der Schulter rutschte, weil der Riemen schon zweimal geflickt worden war und immer noch nicht richtig saß. Die Crimson Academy thronte auf dem Bergrücken, als wäre sie absichtlich dort hineingemeißelt worden – dunkler Stein und rotes Glas, Banner, die im Wind knallten, der nach Kiefer und nassem Eisen roch.

Ich behielt den Kopf gesenkt, bis ich den Hof erreichte. Dann sah ich auf.

Rang war hier eine Sprache. Man konnte sie an der Haltung jedes Einzelnen ablesen. Alphas nahmen sich Raum. Betas bewegten sich, als hätten sie irgendwo etwas Wichtiges zu erledigen. Omegas hielten sich an den Rändern und taten so, als würden sie nicht alle anderen beobachten. Ich sollte eine von ihnen sein. Wolflos. Die Art von Schülerin, die ein Semester überlebte, wenn sie Glück hatte und still blieb.

Ein Paar verwandelter Wölfe querte die Wiese am anderen Ende, geführt von einem Befehlshalsband, keiner Kette. Trainingshalsbänder. Ihre Führer warfen niemandem unter dem Beta-Rang auch nur einen Blick zu. Ich beobachtete, wie der jüngere Wolf die Ohren anlegte, als ein Alpha vorbeiging. Selbst die Tiere hier kannten die Hierarchie.

Links vom Brunnen verglich eine Gruppe Erstsemester die Farben ihrer Anstecknadeln, als könnte das Metall sie retten. Ein Mädchen hatte bereits angefangen zu weinen und hörte dann wieder auf, als sich niemand anschloss. Ich verstand das. Tränen waren teuer an einem Ort, an dem Schwäche offen einen Preis hatte.

Ich war nicht still. Ich redete einfach nicht.

Ein Mädchen trat mir in den Weg, als gehörten die Steine unter meinen Füßen ihr. Eine Ältere. Omega, aber die Sorte, die gelernt hatte, seitlich zuzubeißen. Helles Haar, hochgebunden. Die Akademie-Nadel an ihrem Kragen war so blank poliert, dass sie das Licht zurückwarf.

„Frischfleisch“, sagte sie. Laut genug.

Ich versuchte, um sie herumzugehen. Sie stieß absichtlich gegen mich. Meine Tasche fiel zu Boden und platzte auf. Bücher, ein gesprungener Kamm, die billige Blechdose, in der ich meine Haarnadeln aufbewahrte. Alles rutschte über die nassen Steinplatten. Jemand lachte. Dann mehr als nur einer.

Sie wartete.

Ich kannte dieses Warten. Es wollte, dass ich mich entschuldigte. Es wollte, dass ich auf die Knie ging und meine eigenen Sachen aufsammelte, während sie über mir stand und der ganze Hof das als natürliche Ordnung verbuchte.

Ich hob die Tasche nicht zuerst auf.

Ich sah sie an.

Sie hatte helle Augen. Sie war es gewohnt, dass andere den Blick senkten. Ich hielt ihrem Blick stand. Im Kopf zählte ich, so wie mein alter Lehrer mich immer hatte zählen lassen, wenn ich etwas schlagen wollte. Eins. Zwei. Drei. Der Lärm um uns herum wurde leiser, nicht still, nur leiser, als hätte sich der ganze Hof unbewusst zu uns geneigt.

Sie blinzelte zuerst.

Keine große Sache. Nur ein kurzes Zögern. Dann schnaubte sie und ging weiter, als hätte sie Wichtigeres zu tun. Ihre Freundinnen folgten ihr. Eine von ihnen trat im Vorbeigehen gegen meine Blechdose. Sie schepperte gegen einen Pfeiler.

Ich hockte mich hin und packte meine Sachen wieder ein. Meine Hände waren ruhig. Das überraschte mich mehr, als es das Mädchen überrascht hatte. Ein Junge am Brunnen murmelte „wolflos“ vor sich hin, als wäre es eine Diagnose. Ich steckte das letzte Buch ein und stand langsam auf, als hätte ich den ganzen Nachmittag Zeit. Wenn sie eine Show wollten, würde ich ihnen nicht den Schluss liefern, für den sie bezahlt hatten.

Die Leute schauten immer noch. Ich spürte ihre Blicke im Nacken. Oben auf dem Ostbalkon stand eine Gestalt abseits der Gruppe älterer Schüler. Zu weit weg, um ein Gesicht klar zu erkennen. Dunkler Mantel. Reglos. Er beobachtete, als hätte er Zeit übrig und keinerlei Interesse daran, etwas anderes vorzutäuschen.

Ich winkte nicht. Ich warf mir die Tasche über die Schulter und ging zur Anmeldung.

Die Halle drinnen war noch schlimmer. Hohe Decken, altes Holz, das Akademie-Wappen in jeden Türrahmen geschnitzt. Ein Wolf mit einer Krone zwischen den Zähnen. Eine Schlange neuer Schüler zog sich zu drei Schaltern. Die Mutter von jemandem stritt mit einem Angestellten über einen Rudelwechsel und kam nicht weiter. Ein ausgehängter Stundenplan listete die Essenszeiten nach Rang auf. Alphas aßen zuerst. Ranglose zuletzt. Das stand gedruckt da, nicht nur hinter vorgehaltener Hand.

Ich unterschrieb mit Luna Grey, wo man es mir zeigte. Der Angestellte sah mir nicht ins Gesicht. Er sah auf die leere Zeile, wo normalerweise der Rudelrang stand, und ließ ein leises Geräusch aus seiner Kehle entweichen. Hinter ihm listete eine Tafel die Verweise des letzten Semesters auf. Vier Namen. Alle als ranglos markiert. Jemand hatte mit einem Stift einen kleinen Wolfsschädel neben den letzten Namen gemalt.

„Omega-Flügel“, sagte er. „Dritter Stock. Komm nicht zu spät zur Einführungsveranstaltung. Das wird notiert.“

„In Ordnung.“

Er wartete, als würde ich mich vielleicht erklären. Ich nahm den Schlüssel.

Das Treppenhaus zum Omega-Flügel roch nach nasser Wolle und Bodenreiniger. Aushänge bedeckten den Treppenabsatz. Ausgangssperre. Zeiten für die Erlaubnis zur Verwandlung. Eine handgeschriebene Warnung vor Diebstahl aus der Proteinausgabe. Ich kam an zwei Mädchen vorbei, die sich um eine ausgeliehene Jacke stritten, und an einem Jungen, der im Sitzen eingeschlafen war, mit einem Lehrbuch über Dominanztheorie auf den Knien.

Mein Zimmer war schmal und kalt. Zwei Betten. Eines bereits belegt, die Decke mit militärisch präzisen Ecken gefaltet, ein Stapel annotierter Lehrbücher auf dem Schreibtisch. Meine Zimmernachbarin war nicht da. Gut. Ich setzte mich auf die nackte Matratze und drückte den Daumen gegen das schwache Mal an meinem linken Handgelenk. Die Leute hielten es immer für eine Narbe. Ich ließ sie das glauben.

Ashveil.

Der Name saß hinter meinen Zähnen und blieb dort. Königlicher Erlass. Das Siegel meines Vaters. Zwanzig Jahre, in denen ich die Tochter gewesen war, die sich nicht verwandeln konnte und deshalb in der Öffentlichkeit nicht existieren durfte. Ich hatte hier nur eine Aufgabe. Grau bleiben. Finden, wofür man mich geschickt hatte. Die Wahrheit nicht über den ganzen Boden verbluten lassen.

Auf dem Papier war es einfach.

Irgendwo tief im Gebäude läutete eine Glocke. Einführungsveranstaltung.

Ich wusch mir das Gesicht im Waschbecken. Das Wasser kam einen Moment braun heraus und wurde dann klar. Ich sah aus, wie ich aussehen sollte. Dunkles Haar. Zu einfache Kleidung. Augen, die die Leute seltsam nannten, wenn sie zu lange hinsahen, deshalb ließ ich sie nicht lange hinsehen.

Die Eingangshalle war voll, als ich ankam. Die Schüler standen in Reihen. Ausbilder auf einer erhöhten Plattform. Jemand redete über Hierarchie und Benehmen und die Crimson Trials, als sollten wir für diese Worte dankbar sein. Hinter ihm hing eine Karte des Akademiegeländes. Kampfhallen. Der Tresor-Turm. Archivreppen, in Rot als gesperrt markiert.

Ich stand hinten neben einem tickenden Heizkörper.

Dann fing es an.

Kein Geräusch. Nicht genau ein Geruch. Etwas darunter. Als hätte die Luft in meiner Brust auf ein Zeichen gewartet und es endlich bekommen. Zuerst kam die Hitze, tief und dumpf, dann ein Sog, der in einem Körper, der nie einen Wolf entwickelt hatte, nichts zu suchen hatte. Meine Finger wurden taub um den Riemen meiner Tasche.

Ich ließ den Blick über die Türen wandern.

Er kam durch den nördlichen Torbogen.

Groß. Das war das verdammte Erste, was mir auffiel. Schwarzer Trainingsmantel, anfangs ohne Wappen, das ich erkannte; dann tat ich es doch. Varn. Lycan-Hof. Eine Blutlinie von der Sorte, die einen Ort nicht einfach betrat. Orte ordneten sich neu, wenn er ankam.

Er wirkte nicht verloren. Er wirkte, als zähle er Fluchtwege.

Der Sog wurde stärker. Alt – das war das Wort, das in meinem Kopf auftauchte, was ein lächerliches Wort für ein Gefühl war. Etwas in mir neigte sich so heftig zu ihm, dass ich die Knie durchdrücken musste.

Er ging an der ersten Reihe vorbei. Dann an der zweiten. Sein Blick bewegte sich wie eine Klinge, wenn jemand ihre Schneide prüft.

Dann blieb er an mir hängen.

Zwei Sekunden. Vielleicht weniger. Sein Gesicht verriet nichts Nützliches. Kein Lächeln. Kein Stirnrunzeln. Nur ein Blick, der den Namen Grey, die leere Zeile für den Rang und alles, was ich in meiner Haltung zu verstecken glaubte, durchdrang.

Dann sah er weg und nahm vorne Platz, als wäre das von Anfang an der Plan gewesen.

Ich atmete durch zusammengebissene Zähne aus.

Wolflos, sagte ich mir. Du bekommst keinen Sog. Du bekommst keinen Wolf. Du bekommst ihn nicht.

Der Redner auf der Plattform redete weiter. Essenszeiten. Rangabhängige Trainingsblöcke. Eine Erinnerung, dass ranglose Schüler nach Einbruch der Dunkelheit eine schriftliche Erlaubnis brauchten, um den Ostflügel zu betreten. Ich hörte jedes dritte Wort.

Als es vorbei war, strömten die Schüler zurück in den Hof. Ich ging mit, weil dort in der Halle stehen zu bleiben sich anfühlte wie eine freiwillige Einladung, untersucht zu werden.

Draußen leuchtete die Anzeigetafel an der Ostwand auf. Zuerst rote Buchstaben, dann weiße.

NACHTRAG ZUR EINFÜHRUNGSVERANSTALTUNG  

KANDIDAT FÜR DEN LYCAN-KÖNIG  

NAME: CAIUS VARN  

RANG: THRONERBE  

OHNE VORHERIGE AUFFORDERUNG NICHT ANNÄHERN

Die Menge machte ein Geräusch. Kein Jubel. Eher Hunger, der versuchte, wie Interesse zu klingen.

Ich las den Namen zweimal.

Caius.

Der Sog in meiner Brust antwortete, als hätte er auf diese Buchstaben gewartet.

Oben auf dem Balkon war der dunkle Mantel verschwunden.

Ich richtete den Riemen meiner Tasche und ging zurück zum Omega-Flügel, bevor jemand zusehen konnte, wie mein Gesicht etwas tat, wozu ich ihm keine Erlaubnis gegeben hatte.

Hinter mir flackerte die Tafel einmal und blieb erleuchtet.

Caius Varn.

Ich sagte den Namen einmal leise vor mich hin, nur um zu wissen, wie er sich anfühlte.

Er fühlte sich an wie ein Problem.

Die Abendglocken begannen vom Westhall aus zu läuten. Die Schüler teilten sich in Rudel, die sich bereits kannten. Der Geruch von Eintopf und verbranntem Brot zog den Weg entlang. Ich hatte keinen Hunger. Trotzdem ging ich die Treppe zum Omega-Flügel hinauf und setzte mich im Dunkeln auf mein Bett, bis das Rechteck des Fensters von Rot zu gewöhnlicher Nacht wechselte. Die Anzeigetafel blieb unten im Hof erleuchtet. Ich konnte den Rand sehen, wenn ich mich vorlehnte.

Caius Varn.

Morgen würde ich im selben Gebäude sein wie dieser Sog und so tun müssen, als wäre meine Brust leer.

Ich legte mich zurück, ohne die Stiefel auszuziehen, und starrte auf die Risse in der Decke, bis sie aussahen wie die Karte eines Ortes, den ich nicht betreten durfte.

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