LOGINDas Bett neben mir war leer, als ich am Morgen aufwachte. Ich lag eine Weile still da und betrachtete die glatte, unberührte Decke auf Adrians Seite und wartete auf das vertraute Ziehen in der Brust, das dieser Anblick sonst auslöste.
Es kam nicht.
Stattdessen spürte ich etwas, das ich lange nicht mehr gespürt hatte. Ruhe. Als hätte etwas in mir über Nacht aufgehört zu kämpfen.
Ich stand auf, zog mir einen Morgenmantel über und ging durch das Haus, das ich in den letzten drei Jahren zu meinem gemacht hatte, obwohl es nie wirklich meins gewesen war. Die Vorhänge im Wohnzimmer hatte ich selbst ausgesucht, an einem Nachmittag, als Adrian auf einer Ratsreise gewesen war und ich mich zu sehr gelangweilt hatte, um zu warten, bis er Zeit fand, sich dafür zu interessieren. Die Fotos an der Wand im Flur zeigten Noah in verschiedenen Altersstufen, seinen ersten Schultag, sein Grinsen mit der Zahnlücke, das ich mit meinem eigenen Handy fotografiert hatte, weil Adrian an dem Tag in einer Sitzung gesessen hatte.
In der Küche stand noch die Tasse von gestern Morgen, die ich für Adrian gespült, aber nicht weggeräumt hatte. Ich nahm sie jetzt und stellte sie in den Schrank, und der kleine, banale Akt fühlte sich merkwürdig endgültig an.
Ich dachte an den Winter vor zwei Jahren, als eine Grippe durchs Rudel gegangen war und ich wochenlang kaum geschlafen hatte, weil ich abwechselnd Noah und drei ältere Rudelmitglieder versorgt hatte, während Adrian sich um die Grenzsicherung kümmerte. Niemand hatte mich damals gefragt, ob ich das leisten konnte. Es war einfach erwartet worden, dass ich es tat, weil ich die Luna war, und die Luna kümmerte sich.
Ich hatte es getan. Und ich hätte es sogar gern getan, wenn ich ehrlich war, weil ich geglaubt hatte, dass es zählte.
Um neun setzte ich mich mit meinem Handy an den Küchentisch und suchte die Nummer heraus, die mir Elena vor einem Jahr gegeben hatte, nach einem Abend, an dem ich zu viel Wein getrunken und zu ehrlich über meine Ehe gesprochen hatte. Damals hatte ich die Nummer nur gespeichert, um Elena das Gefühl zu geben, dass ich ihren Rat ernst nahm. Ich hatte nie geglaubt, dass ich sie tatsächlich anrufen würde.
Die Anwältin hieß Carolin Reuss und ihre Stimme am Telefon klang so nüchtern und geschäftsmäßig, dass ich für einen Moment nicht wusste, wie ich beginnen sollte.
„Ich möchte mich scheiden lassen“, sagte ich schließlich, und die Worte kamen mir fremd über die Lippen, als würde jemand anderes sie aussprechen.
„Verstanden“, sagte Carolin, ohne zu zögern, ohne mich zu fragen, ob ich mir sicher sei, wofür ich ihr dankbar war. „Erzählen Sie mir von der Situation. Sind Sie Teil eines Rudels? Das verändert einige rechtliche Aspekte.”
Ich erklärte ihr, wer Adrian war, was seine Stellung bedeutete, dass es keine gemeinsamen leiblichen Kinder gab, dass das Haus, in dem wir lebten, offiziell dem Rudel gehörte und nicht uns persönlich. Meine Stimme wurde mit jedem Satz fester. Als sie mich fragte, seit wann ich über eine Scheidung nachdachte, antwortete ich, ohne nachzudenken: „Seit gestern Abend. Aber wahrscheinlich schon viel länger.”
„Das höre ich oft“, sagte Carolin. „Wollen Sie, dass ich die Unterlagen vorbereite?”
Ich schloss die Augen. Ich dachte an Adrians Gesicht am Abend zuvor, an das amüsierte Kopfschütteln, mit dem er meine Worte abgetan hatte, als wären sie nicht mehr als eine schlechte Laune, die vorüberziehen würde.
„Ja“, sagte ich. „Bitte.”
Wir sprachen noch zwanzig Minuten über Fristen, über das, was ich mitbringen musste, über den Ablauf innerhalb eines Rudels, der sich von dem einer normalen Scheidung unterschied, weil ein Alpha formal zustimmen musste. Als ich auflegte, saß ich noch eine Weile da und starrte auf mein Handy und wartete darauf, dass die Panik einsetzte.
Sie kam nicht. Nur diese stille, fast erschreckende Klarheit.
Adrian kam gegen elf Uhr nach Hause. Ich hörte seinen Wagen in der Einfahrt, dann die Tür, dann seine Schritte, die entspannt und ohne jede Eile klangen, als käme er von einem gewöhnlichen Ratstreffen und nicht von einer Nacht, in der er seine Frau vor dem gesamten Rudel gedemütigt hatte.
„Guten Morgen“, sagte er, als er in die Küche kam, und küsste mich beiläufig auf die Schläfe, so wie er es jeden Morgen tat, ein Ritual ohne Bedeutung.
„Wo warst du?”, fragte ich, obwohl ich es eigentlich nicht mehr wissen wollte.
„Noch mit dem Rat zusammengesessen. Es gab einiges zu besprechen wegen der Grenzpatrouillen.” Er öffnete den Kühlschrank, nahm sich Saft heraus, trank direkt aus der Flasche, eine Angewohnheit, die mich früher gestört hatte und die mir jetzt nur noch fremd vorkam, wie ein Detail aus dem Leben eines Menschen, den ich nicht mehr kannte.
„Und Mila war die ganze Zeit dabei?”
Er sah mich an mit diesem leicht genervten Ausdruck, den ich so gut kannte. „Liana. Bitte fang nicht schon wieder damit an.”
„Ich fange nicht damit an. Ich frage nur.”
„Mila gehört zum Rat, das weißt du. Natürlich war sie dabei.” Er stellte die Flasche zurück in den Kühlschrank. „Hör zu, ich weiß, dass dir gestern Abend nicht gefallen hat, wie ich mit ihr gesprochen habe. Aber du musst aufhören, in allem etwas hineinzuinterpretieren. Sie ist eine alte Freundin.”
„Eine alte Freundin, wegen der du deine Frau mitten im Gespräch stehen lässt.”
Etwas in seinem Kiefer spannte sich an. „Das ist nicht fair.”
„Nein“, sagte ich. „Ist es nicht. Aber ich rede nicht von gestern Abend, Adrian. Ich rede von drei Jahren.”
Er lachte kurz, ein Laut ohne echten Humor. „Was soll das jetzt heißen?”
Ich atmete einmal tief durch, und dann sagte ich es, ruhig, ohne die Stimme zu heben, weil ich keine Kraft mehr für Drama hatte. „Ich habe heute Morgen eine Anwältin angerufen. Ich reiche die Scheidung ein.”
Für einen Moment sagte er gar nichts. Dann verzog sich sein Gesicht zu einem halben Lächeln, das mich mehr verletzte als jede Beleidigung, die er hätte aussprechen können. „Du bist wütend. Das verstehe ich. Aber wir müssen deswegen nicht gleich übertreiben.”
„Ich übertreibe nicht.”
„Liana.” Er sagte meinen Namen so, wie man mit einem Kind spricht, das eine Szene macht. „Wir sind seit drei Jahren verheiratet. Das lässt man nicht einfach fallen, weil man an einem Abend eifersüchtig war.”
„Es geht nicht um Eifersucht“, sagte ich, und zum ersten Mal, seit ich ihn kannte, hörte ich selbst, wie fest meine Stimme klang. „Es geht darum, dass ich in dieser Ehe die Einzige bin, die sich je bemüht hat.”
Er öffnete den Mund, um etwas zu erwidern, doch in diesem Moment kam Noah in die Küche gerannt, noch im Schlafanzug, sein Haar zerzaust vom Schlafen.
„Papa!“, rief er und warf sich gegen Adrians Beine. Dann sah er mich an mit diesem offenen, arglosen Blick, den nur Kinder haben, die noch nicht wissen, wie viel Gewicht ihre Worte tragen können.
„Liana“, sagte er, „kommt Mila heute wieder zum Spielen?”
Ich sah zu Adrian, der Noah über den Kopf strich, ohne die Bedeutung der Frage überhaupt zu bemerken, und in diesem Moment wusste ich mit absoluter Sicherheit, dass ich in diesem Haus, in diesem Leben, keinen einzigen Tag länger bleiben würde, als ich musste.
„Nein, Schatz“, sagte ich leise. „Ich glaube nicht.”
Adrian sah mich über Noahs Kopf hinweg an, und zum ersten Mal seit dem Vorabend war da etwas anderes in seinem Blick als Gleichgültigkeit. Etwas, das der Beginn von Sorge sein könnte.
Aber es war zu spät für Sorge. Meine Entscheidung stand fest, und noch bevor der Tag zu Ende ging, würde er die Papiere in den Händen halten, die es beweisen würden.
Die Buchhandlung roch nach altem Papier und frisch gemahlenem Kaffee aus der kleinen Maschine hinter der Theke. Ich stand fünf Minuten zu früh vor der Tür, mit einem Kribbeln im Magen, das ich seit Jahren nicht mehr gespürt hatte.„Sie müssen Liana sein.” Die Frau, die mir öffnete, war Mitte fünfzig, mit grauen Locken und einer Lesebrille, die an einer Kette um ihren Hals hing. „Ich bin Frau Berger. Kommen Sie rein, bevor Sie sich noch die Zehen abfrieren.”Die ersten Stunden verbrachte ich damit, das Kassensystem zu verstehen, das offenbar seit zwanzig Jahren nicht aktualisiert worden war, und die Regale nach einer Logik zu sortieren, die sich mir erst nach mehrmaligem Nachfragen erschloss. Zweimal tippte ich den falschen Preis ein, einmal legte ich ein Buch ins falsche Genre, was mir eine Kundin mit einem amüsierten Lächeln zurückmeldete.„Belletristik ist da drüben“, sagte sie und deutete auf das Regal gegenüber. „Aber keine Sorge, das passiert jedem am Anfang.”Ich entschuldigte m
Carolins Büro roch nach frischem Kaffee und Druckerpapier, und sie kam gleich zur Sache, kaum dass ich mich gesetzt hatte.„Adrians Anwalt hat gestern Abend ein Schreiben eingereicht“, sagte sie und schob mir eine Kopie über den Tisch. „Er beruft sich darauf, dass eine Scheidung innerhalb des Rudels der formalen Zustimmung des Rats bedarf, wenn einer der Partner Alpha ist. Das gibt ihm die Möglichkeit, das Verfahren zu verzögern, ohne offiziell etwas dagegen zu unternehmen.”„Wie lange?”„Wochen. Vielleicht Monate, wenn er es wirklich darauf anlegt.” Sie sah mich über ihre Brille hinweg an. „Ich sage Ihnen das nicht, um Sie zu entmutigen. Ich möchte nur, dass Sie wissen, worauf Sie sich einlassen. Eine Scheidung von einem Alpha ist nicht dasselbe wie eine gewöhnliche Trennung.”„Das war mir klar, bevor ich angefangen habe.” Ich faltete das Papier zusammen und steckte es in meine Tasche. „Ich ändere meine Meinung nicht, Carolin. Egal, wie lange es dauert.”Sie nickte, offenbar zufriede
Ich wachte auf und wusste für einen Moment nicht, wo ich war. Die Decke über mir war nicht die vertraute Schräge unseres Schlafzimmers, sondern glatt und weiß, mit einem Wasserfleck in der Ecke, den ich nicht kannte. Dann fiel es mir wieder ein. Elenas Gästezimmer. Mein Koffer, halb ausgepackt, auf dem Stuhl neben der Tür.Ich blieb liegen und wartete auf die vertraute Liste, die sich sonst jeden Morgen automatisch in meinem Kopf zusammensetzte. Adrians Hemden zum Reinigen bringen. Noahs Vesperdose für den Kindergarten vorbereiten. Die Nachricht an Beatrice wegen der Ratssitzung am Nachmittag. Die Liste kam nicht. Es gab nichts, worauf ich achten musste, niemanden, der auf mich wartete.Das Gefühl war seltsam. Nicht die Erleichterung, die ich erwartet hatte, und auch nicht die Leere, vor der ich mich gefürchtet hatte. Nur eine Art Stille, in die ich erst noch hineinfinden musste.Ich vermisste Adrian nicht. Das merkte ich, als ich an die Decke starrte und auf ein Ziehen wartete, das a
Die E-Mail kam um halb neun, während ich noch mit einer Tasse Kaffee am Küchentisch saß und den Kalender an der Wand betrachtete, auf dem in Adrians Handschrift die Termine des Rudelrats standen, die er nie selbst eingetragen hatte, weil ich das seit drei Jahren für ihn übernommen hatte.Betreff: Scheidungsverfahren – erste Unterlagen.Carolin hatte die vorläufigen Dokumente angehängt, zusammen mit einer kurzen Nachricht, in der sie erklärte, dass sie diese noch am selben Tag an Adrians Anwalt weiterleiten würde, sofern ich zustimmte. Ich las den Text zweimal, bevor ich antwortete. Meine Finger zitterten nicht, als ich tippte, was mich selbst überraschte.„Ja. Bitte schicken Sie es ab.”Ich klappte den Laptop zu und saß eine Weile still da. Draußen fing es an zu regnen, ein leiser, gleichmäßiger Regen, der gegen das Küchenfenster trommelte, und ich dachte, wie seltsam es war, dass sich ein Moment, den ich mir monatelang als Katastrophe vorgestellt hatte, jetzt einfach wie ein weiterer
Das Bett neben mir war leer, als ich am Morgen aufwachte. Ich lag eine Weile still da und betrachtete die glatte, unberührte Decke auf Adrians Seite und wartete auf das vertraute Ziehen in der Brust, das dieser Anblick sonst auslöste.Es kam nicht.Stattdessen spürte ich etwas, das ich lange nicht mehr gespürt hatte. Ruhe. Als hätte etwas in mir über Nacht aufgehört zu kämpfen.Ich stand auf, zog mir einen Morgenmantel über und ging durch das Haus, das ich in den letzten drei Jahren zu meinem gemacht hatte, obwohl es nie wirklich meins gewesen war. Die Vorhänge im Wohnzimmer hatte ich selbst ausgesucht, an einem Nachmittag, als Adrian auf einer Ratsreise gewesen war und ich mich zu sehr gelangweilt hatte, um zu warten, bis er Zeit fand, sich dafür zu interessieren. Die Fotos an der Wand im Flur zeigten Noah in verschiedenen Altersstufen, seinen ersten Schultag, sein Grinsen mit der Zahnlücke, das ich mit meinem eigenen Handy fotografiert hatte, weil Adrian an dem Tag in einer Sitzung
Der Festsaal des Rudels war heute Abend heller erleuchtet als sonst, mit Kerzen auf jedem Tisch und frischen Tannenzweigen an den Wänden, die nach Winter rochen. Adrian hatte darauf bestanden, dass wir zu diesem Treffen gemeinsam erscheinen. Als seine Luna, hatte er gesagt, gehöre ich an seine Seite.Ich stand also neben ihm, meine Hand locker in seiner, während die Ältesten des Rudels an uns vorbeizogen, um ihm die Hand zu schütteln und mir zuzunicken. Nach außen sah es aus wie das, was es sein sollte. Der Alpha und seine Frau, verbunden, stark, ein Bild von Einheit.Ich hatte gelernt, mich mit diesem Bild zufriedenzugeben.„Du siehst müde aus“, sagte Adrian, ohne mich anzusehen. Sein Blick war bereits auf die Tür gerichtet, auf die Neuankömmlinge, die gerade eintraten.„Mir geht es gut“, antwortete ich, obwohl ich in der vergangenen Nacht kaum geschlafen hatte, weil Noah wieder Alpträume gehabt hatte und ich bis drei Uhr morgens neben seinem Bett gesessen war.Adrian hätte das wisse







