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Linas Sichtweise
Als Ruciano mich das erste Mal schlug, redete ich mir ein, es sei ein Irrtum gewesen. Beim zweiten Mal… lernte ich, still zu sein.
„Sag das bloß nicht, Lina! Du bist doch diejenige, die immer impulsiv handelt“, fuhr Ruciano ihn an. „Du nörgelst ständig an irgendetwas herum. Was bringt es dir überhaupt, mich so aufzuregen? Sag schon!“
Seine Stimme durchdrang den Raum, scharf und ohrenbetäubend. Er lief auf und ab, fuhr sich mit den Fingern durchs Haar und knirschte mit den Zähnen. Er tat so, als ob er die Kontrolle verlöre und ich der Sturm sein sollte. Und irgendwie… zerbrach das etwas in mir.
Ich öffnete den Mund. Bereit, mich zu verteidigen, doch die Worte blieben mir im Hals stecken. Wenn ich sprach … würde ich weinen, und das wollte ich nicht. Ich wollte nicht, dass er meine Tränen sah.
„Sag etwas“, drängte er und blieb direkt vor mir stehen. „Du hast immer etwas zu sagen.“
Ich atmete langsam ein, die Hände steif und kalt an den Seiten. „Was genau willst du von mir, Ruciano?“, fragte ich mit zitternder Stimme, kaum mehr als ein Flüstern. „Sag es mir. Denn ich habe alles getan. Wirklich alles. Ich habe dich verteidigt, geschwiegen, als ich es nicht hätte tun sollen, mich zu jemandem verbogen, den ich selbst nicht mehr wiedererkenne.“
Er spottete: „Na, dann mal los.“
„Nein“, zischte ich, ein stechender Schmerz durchfuhr mich. „Widersprich mir nicht. Nicht dieses Mal.“ Sein Kiefer verkrampfte sich, aber ich fuhr fort. „Ich werde mich nicht länger selbst zerstören, nur weil ich dich liebe“, sagte ich mit zitternder Stimme, trotz all meiner Bemühungen, mich zusammenzureißen. „Ich werde mich nicht umbringen, nur um die Freundin zu sein, die du …“
Die Ohrfeige traf mich wie aus dem Nichts und unterbrach meine Worte. Mein Kopf schnellte zur Seite, ein stechender Schmerz durchfuhr mich, heiß und unmittelbar. Doch der eigentliche Schmerz, den ich spürte, lagerte sich in mir ab. Einen Augenblick lang, als ich den Kopf drehte, sah ich nicht den grausamen Mann vor mir. Ich sah den sanften Mann, der mich einst so angesehen hatte, als ob ich ihm etwas bedeuten würde. Ich wusste nicht, wann er verschwunden war.
Die Stille, die folgte, war erdrückend. Er wich zurück, als hätte er es nicht so gemeint, als hätten ihn seine eigenen Hände verraten. Als wäre es nicht das tausendste Mal gewesen.
Ich stieß ein leises Lachen aus. Ein Lachen, das mir fremd war. „Du hast mich geschlagen“, flüsterte ich. „Schon wieder.“
„Lina, ich –“
„Du hast mich geschlagen. Schon wieder“, wiederholte ich. Meine Stimme zitterte trotz allem.
Ich drehte mich um und ging. Bevor er noch etwas sagen konnte, bevor er sich entschuldigen, bevor er etwas erklären konnte, bevor ich ihm aus Gewohnheit verzeihen konnte.
Als ich hinausging, hallten die Gedanken in meinem Kopf wider. Warum war ich überhaupt noch in dieser Beziehung? In letzter Zeit gab es nur noch Beleidigungen, Wutausbrüche, undankbare Bemerkungen … und jetzt das? Es war nicht immer so gewesen. Am Anfang … Lachen, lange Telefonate, dumme Zukunftspläne. Irgendwann, ohne Vorwarnung, hatte er sich komplett verändert. Aber ich bin trotzdem geblieben.
Die Nachtluft draußen war anders, kälter als zuvor. Oder vielleicht… bildete ich es mir nur ein. Ich ging weiter, ziellos. Meine Gedanken waren laut, wirr und fast unerträglich. Ein Teil von mir, ein zerbrechlicher, naiver Teil, wartete auf Schritte hinter mir. Darauf, dass er meinen Namen rief. Darauf, dass er mich wählte. Doch es blieb still.
Ich blieb an der Ecke stehen und wischte mir grob übers Gesicht. So konnte ich nicht nach Hause gehen. Mama würde alles sehen. Und ihre Sorge würde mich zutiefst verletzen. Ich griff nach meinem Handy … Da veränderte sich etwas, nicht laut oder offensichtlich. Einfach … falsch. Ich erstarrte, mir stockte der Atem, und ich suchte die Straße ab. Bis ich sah, wie ein Mann vorbeirannte, und fast sofort folgten ihm drei … vielleicht vier Männer in Schwarz.
Ich duckte mich hinter einen Baum, dessen Rinde rau auf meiner Haut rieb. Ihre Stiefel hallten schwer auf dem Asphalt wider in der stillen Nacht. Ich spähte noch immer, als mein Handy vibrierte. Es war Ruciano. Mein Daumen schwebte darüber, aber ich sperrte das Handy und steckte es ein. Ich wusste mir nicht anders zu helfen, bis mir Cathy einfiel. Vielleicht… würde sie mich hier lassen.
Als ich ihr Haus erreichte, klingelte ich einmal, keine Antwort. Dann zweimal, immer noch nichts. Ich drehte mich um, um zu gehen, doch im selben Moment wurde die Tür aufgerissen.
„Lina?“ Cathy blinzelte. „Was machst du denn so spät noch hier? Oh mein Gott – komm herein. Es tut mir leid.“
„Ich möchte nicht reden“, sagte ich. „Bitte. Ich möchte einfach nur schlafen.“
„Okay, Lina“, sagte sie und trat leise zur Seite. Als ich eintrat, ließ ich mich auf ihr Sofa fallen. Sofort war mein Kopf wie leergefegt, ich starrte an die Decke, bevor mich der Schlaf übermannte.
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„Du bist gestern Abend nicht nach Hause gekommen, Lina“, fuhr Mama sie an. „Und jetzt stehst du hier und erzählst uns, dass du gefeuert wurdest?“ Ihre Stimme wurde lauter. „Ich bin mir sicher, es liegt an diesem Ruciano. Direkt oder indirekt. Ich habe dich gewarnt. Dir gesagt, du sollst ihn in Ruhe lassen. Er wird dir eines Tages noch zum Verhängnis werden – merk dir meine Worte.“
Sie stürmte hinaus. Wut hing ihr wie Rauch nach. Und sie hatte Recht. Dad blieb. Schweigend. Beobachtend. Etwas Unheilbares lag in seinem Blick.
„Als Ihre Mutter sagte, Ruciano sei – indirekt – für Ihren Jobverlust verantwortlich, haben Sie das nicht bestritten“, sagte er ruhig und ernst. „Das sagt mir alles.“
Ich schluckte.
„Dieser Mann hat nichts Gutes zu bieten außer Schmerz“, fuhr er fort. „Beende diese ungesunde Beziehung. Und entwickle dich weiter – geistig, emotional, in jeder Hinsicht. Sonst … könnte er wirklich dein Untergang sein.“
In der Stimme meines Vaters klang Enttäuschung viel tiefer als Wut es je könnte.
„Okay, Dad“, flüsterte ich.
Er schüttelte den Kopf und ging weg. Bedrohliche Stille breitete sich aus, sie war schwerer als Geschrei.
Ich bin darin versunken. Ich musste Ruciano verlassen. Ich wusste selbst nicht, warum ich geblieben war. Alles, was er mir in letzter Zeit gab, war … Chaos. Verletzte Gefühle. Angst. Liebe? Sicher. Aber nicht erwidert. Nicht auf die Art, die wirklich zählt.
Ich ging nach oben. Schloss meine Zimmertür. Fällte meine Tasche hin. Erschöpfte mich und ließ mich aufs Bett fallen. Die Erschöpfung drückte mir gegen die Brust. Atmen fiel mir schwer. Schlaf war der einzige Ausweg.
Als ich aufwachte, war meine Sicht verschwommen. Mein Kopf fühlte sich schwer an. Die Sonne sank dem Horizont entgegen. Sanftes Licht fiel durchs Fenster.
Ich atmete aus.
Ich muss Ruciano heute noch treffen.
Ich muss das beenden.
Ich frischte mich schnell auf, zog mich um und ging hinaus. Es war schon dunkel. Mama war noch in der Küche. Tina und Romy lachten. Niemand bemerkte, dass ich ging.
Ich rief Ruciano an, während ich ging, und sagte ihm, dass ich in wenigen Minuten da sein würde.
Zum Glück war er zu Hause. Das war eine Erleichterung – eine Ausrede weniger, eine Verzögerung weniger.
Aber irgendetwas an dem Abend fühlte sich falsch an. Seit ich hinausgegangen bin, spüre ich es. Dieses Unbehagen, das sich in meiner Brust festgesetzt hat.
Die Straße war normalerweise ruhig. Zu still. Vielleicht habe ich mir zu viele Gedanken gemacht.
Ich war schon halb die Straße entlang, als ein weißer Lieferwagen neben mir hielt. So schnell und so nah!
Mein Körper reagierte, bevor mein Verstand es tat; ein heftiger Angstschauer durchfuhr mich, aber da war es bereits zu spät.
Die Türen glitten auf. Vier Männer traten heraus. Schwarze Masken. Dunkle Kleidung. Ihre Bewegungen waren präzise. Es wirkte, als hätten sie es geübt.
Innerhalb von Sekunden hatten sie mich umzingelt.
Einer hinter mir.
Zwei an meiner Seite.
Einer vorne.
Mein Herz hämmerte heftig gegen meine Rippen. Ich öffnete den Mund, um zu schreien –
Eine Hand presste sich auf mein Gesicht. Der Geruch traf mich sofort. Scharf. Chemisch.
"NEIN-!"
Panik überkam mich, als ich mich wehrte, meine Finger krallten sich in den Arm um mich, meine Nägel gruben sich in den Stoff, in die Haut – in alles. Mein Körper wand sich, trat um sich, kämpfte –
Aber sie waren stärker.
Alles geriet außer Kontrolle.
Meine Lungen brannten. Meine Sicht verschwamm an den Rändern.
Eine Stimme beugte sich dicht an mein Ohr, ruhig… fast gelangweilt.
„Du hättest zu Hause bleiben sollen.“
Meine Bewegungen verlangsamten sich, obwohl ich es nicht wollte. Meine Kraft schwand, als würde sie mir etwas Stück für Stück entreißen.
„Zu spät“, fügte er leise hinzu.
Fast augenblicklich erschlaffte mein Körper, aber mein Geist war noch lange genug wach, um eines zu begreifen: Das war kein Zufall.
„Geliebt, verraten … und erlöst“, kommentierte einer von ihnen, und die anderen lachten. Dann wurde alles schwarz.
Linas SichtweiseDie Gänge rochen leicht nach Politur und kalter Luft, die sich wie eine zweite Haut über einen legte. Wachen schritten schweigend vorbei, ihre Blicke huschten zu mir, undurchschaubar. Manche verweilten einen Augenblick zu lange, dann wandten sie den Blick ab. Die Luft fühlte sich schwerer an als sonst, als hätte allein meine Anwesenheit die Dynamik im Haus verändert.Ich ging am Hauptwohnzimmer vorbei. Das übliche Stimmengewirr war verstummt. Stattdessen herrschte angespannte Stille, als hielten die Wände selbst den Atem an.Ich sollte es nicht bemerken, aber ich tat es. Die Bediensteten huschten mit gesenkten Blicken an mir vorbei. Das Personal, das sich zuvor frei bewegt hatte, hielt nun inne, darauf bedacht, keine Aufmerksamkeit zu erregen.„Donna“, rief eine leise Stimme. Ich drehte mich um. Ein männlicher Diener blieb mit scharfem Blick im Türrahmen stehen. Seine Hände zitterten leicht, als er ein Tablett hielt. Ich hob eine Augenbraue.„Du siehst aus, als würdes
Linas SichtweiseDas Haus war unheimlich still, nachdem das Blut getrocknet war, nach dem letzten Einbruch in die Villa. Nicht friedlich. Nicht sicher. Nur … wachsam. Wachen standen noch immer in den Gängen, aber ihre Haltung hatte sich verändert. Angespannt und angespannt. Als hätten die Wände den Schuss gehört und warteten auf das Echo. Ich war nicht in meinem Zimmer eingesperrt. Das war schlimmer.Keine Befehle. Keine Einschränkungen. Kein Carlino. Freiheit im Käfig ist nur eine andere Art von Leine. Ich habe nie etwas davon gehört, dass meine Eltern eine Vermisstenanzeige erstattet hätten, ich habe nie Nachrichten darüber gesehen, dass sie nach mir suchten. Es herrschte einfach Stille.Carlinos Einfluss mag dazu geführt haben, dass es zunächst so aussah, als hätte ich nie existiert. Vielleicht hat er meine Eltern bedroht. Oder vielleicht hat Ruciano die Arbeit in seinem Auftrag erledigt.Ich ging den Hauptkorridor entlang. Vorbei am Wohnzimmer. Vorbei an den hohen Fenstern, die ni
Linas SichtweiseDer Besprechungsraum war kälter als der Rest des Hauses. Nicht von der Temperatur her. Vom Gefühl her. Männer saßen an dem langen Tisch, ihre Anzüge dunkel, ihre Gesichter noch düsterer.Die Gespräche verstummten, als ich neben Carlino trat. Nicht weil ich wichtig war. Sondern weil ich unerwartet kam.Carlino sah mich nicht an. „Setz dich“, sagte er leise.Es handelte sich um einen Befehl, nicht um eine Bitte.Ich zog den Stuhl trotzdem heraus und setzte mich hin, als wäre es von Anfang an meine eigene Entscheidung gewesen.Einer der Männer mir gegenüber grinste. „Ich wusste gar nicht, dass die Donna jetzt auch an Geschäftstreffen teilnimmt.“„Mir wird langweilig“, sagte ich. „Ich dachte, ich schaue mir mal an, wie zerbrechliche Egos ein Imperium regieren.“Ein paar leise Kicherer. Ein paar Stirnrunzeln.Carlino reagierte nicht, aber seine Finger trommelten einmal auf den Tisch. Eine Warnung. Oder vielleicht Nervosität.Die Sitzung ging weiter. Lieferungen. Gebiete. E
Linas SichtweiseDie Bestrafung hörte nicht auf. Sie entwickelte sich weiter. Türen, die sich früher frei öffnen ließen, benötigten nun eine Erlaubnis. Korridore, die einst endlos schienen, wirkten nun abgemessen – patrouilliert. Selbst im Garten standen Wachen wie dekorative Statuen mit Gewehren.Ich habe es trotzdem getestet.„Ich gehe nach draußen“, sagte ich zu dem Wachmann in der Nähe der Treppe.„Sie benötigen eine Genehmigung.“„Von wem? Von Gott?“„Von Don Carlino.“Ich lächelte ohne jede Ernsthaftigkeit. „Findet er es auch gut, wenn ich atme?“Der Wachmann reagierte nicht. Das taten sie nie. Ich ging trotzdem an ihm vorbei. Da stellte er sich mir in den Weg.Nicht berühren. Nicht bedrohen.Ich blockiere nur.Nachricht empfangen.Ich drehte mich um und ging in die andere Richtung, die Kiefer angespannt. Wenn Carlino ein Symbol wollte, gut. Symbole konnten trotzdem unbequem sein.Bis zum Mittagessen hatten mich drei verschiedene Mitarbeiter „höflich daran erinnert“, dass die Ma
Linas SichtweiseStrafe kam in diesem Haus nie schreiend. Sie kam ordentlich. Lautlos. Berechnend. Wie er.Ich wusste, dass ich am Abend zuvor beim Abendessen eine Grenze überschritten hatte. Ich hätte nur nicht gedacht, dass es so schlimm werden würde.Es geschah, nachdem der Wein eingeschenkt war und die Männer anfingen, über Geschäfte zu reden, als säße ich gar nicht daneben. Gebiete. Waffen. Eine Lieferung, die „verschwunden“ war, zusammen mit sechs Männern, die „nicht vermisst werden würden“.Ich hatte zunächst geschwiegen. Ich hatte es versucht. Ausnahmsweise hatte ich es wirklich versucht. Dann lachte einer der älteren Männer und sagte: „Frauen sollten so etwas nicht hören. Das macht sie emotional.“Und irgendetwas in mir platzte. „Komisch“, sagte ich und hob mein Glas. „Wenn man bedenkt, dass es die Männer sind, die sich gegenseitig wegen Ego und Land umbringen.“Der Tisch stand still.Carlinos Finger umklammerten sein Glas etwas fester.Aber ich habe nicht aufgehört.„Viellei
Linas SichtweiseSeit zwei Wochen saß ich nun schon in diesem Höllenloch fest. Carlino war so gut wie nie zu Hause. Laut den Angestellten war er entweder im Hotel, in der Firma, auf seiner Baustelle oder im Ausland. Immer dasselbe. Immer dieselbe Abwesenheit. Bella war der einzige Grund, warum ich noch nicht den Verstand verloren hatte.Dennoch lastete dieser blöde Titel – die Frau des Dons … die Mafia-Königin – wie ein unsichtbares Seil auf mir. Die Dienstmädchen tuschelten, wenn ich vorbeiging. Manche der Wachen machten sich nicht einmal die Mühe, leiser zu sprechen.„Nur eine weitere Hure, die sich für teuer hält.“Nach den ersten paar Tagen reagierte ich nicht mehr.Was sollte das Ganze?Nur der Hunger trieb mich aus meinem Zimmer. Und heute zwang er mich endlich aus dem Bett. Um in diesem Käfig zu überleben, brauchte ich Kraft – selbst wenn sie mir von mit Blutgeld gekauftem Essen kam.Sobald ich meine Tür öffnete, richteten sich die beiden Wachen draußen auf. Sie waren jeden Tag







