LOGINLucienne saß am Fenster, die Hände um eine Tasse Tee geschlungen. Die Wärme sickerte in ihre Handflächen und gab ihr Halt. Der Angriff hatte Narben hinterlassen, nicht nur im Palast, sondern auch auf ihrer Seele. Sie hatte zu viel gesehen. Zu viel verloren. Doch sie war noch hier. Sie atmete noch. Sie kämpfte noch.Die Tür öffnete sich.Elias trat ein. Er sah besser aus als damals in den Tunneln. Sein Bart war gestutzt, sein Haar gewaschen und gekämmt. Er trug saubere Kleidung, schlicht, aber gut verarbeitet. Doch seine Augen waren noch immer von Geistern der Vergangenheit heimgesucht. Die Monate der Isolation und Folter hatten ihre Spuren in seiner Seele hinterlassen.Er blieb stehen, als er Lucienne sah. Sein Gesicht wurde weicher.„Ihr habt nach mir schicken lassen“, sagte er.Sie lächelte. Es war ein kleines Lächeln, müde, aber aufrichtig. „Ja. Setz dich. Bitte.“Er ging zu dem Stuhl ihr gegenüber und setzte sich. Seine Hände lagen ineinander verschränkt in seinem Schoß, seine Fin
Der Raum war klein, schlicht und in einer vergessenen Ecke des Palastes verborgen. Es war keine Zelle, aber auch keine richtige Kammer. Es war ein Ort des Wartens, des Beobachtens und des Planens.Isolde saß am Fenster, die Hände im Schoß gefaltet, den Blick auf den Garten unter ihr gerichtet. Die Blumen blühten trotzig und leuchtend, als hätte es das Feuer nie gegeben. Sie betrachtete sie und fühlte nichts.Helena stand hinter ihr, ihr Gesicht eingefallen, ihre Augen müde. In den vergangenen Wochen war sie gealtert. Die Linien in ihrem Gesicht waren tiefer geworden. Das Grau in ihrem Haar war deutlicher zu sehen.„Wir müssen vorsichtig sein“, sagte Helena. „Wir müssen geduldig sein. Wir müssen schwach, harmlos und gebrochen erscheinen.“Isolde drehte sich nicht um. „Ich weiß. Außerdem muss ich heute die verletzten Mägde besuchen“, sagte Isolde leise, und ihre Stimme trug eine neue Zerbrechlichkeit in sich. „Und Lady Ying. Zeigen wir ihnen, dass wir uns kümmern. Bringt Körbe mit Obst,
Die Gemächer waren still, und die Vorhänge waren gegen das grelle Nachmittagslicht zugezogen.Morgana lag in ihrem Bett, gestützt von einem Berg aus Kissen. Ihr silbernes Haar fiel offen über das weiße Leinen. Ihr Handgelenk war verbunden.Die Mägde kamen und gingen, brachten Tee, frische Bettwäsche und leise Worte des Trostes. Morgana dankte jeder einzelnen mit einem kleinen, erschöpften Lächeln. Sie erkundigte sich nach ihren Familien. Sie fragte nach ihrer Gesundheit. Sie fragte nach den Kindern, die in den Küchen arbeiteten.„Eure Tochter, die mit dem Husten“, sagte sie zu einer Magd. „Geht es ihr besser?“Die Augen der Magd füllten sich mit Tränen. „Ja, Mylady. Der Heiler hat ihr Medizin gegeben. Es geht ihr viel besser.“„Gut. Das freut mich. Kinder sind ein Segen. Wir müssen sie immer beschützen.“Die Magd machte einen Knicks und ging, ihr Herz voller Dankbarkeit. Doch als sie den Flur betrat, blieb sie stehen und blickte verwirrt zur geschlossenen Tür zurück. Die anderen Diene
DRITTE PERSON Die Wartehalle war prachtvoll, selbst in ihrem gegenwärtigen Zustand.Das Feuer hatte diesen Teil des Palastes nicht erreicht. Die Wände waren noch immer mit Wandteppichen geschmückt, deren Farben satt und tief waren und Szenen uralter Schlachten und königlicher Triumphe darstellten. Die Böden waren noch immer auf Hochglanz poliert und spiegelten das Licht wider, das durch die hohen Fenster fiel. Goldene Muster tanzten über den Stein, als die Nachmittagssonne durch das Glas strömte und jede Ecke mit Wärme erfüllte.Azrael schritt durch die Türen, seine Stiefel hallten bei jedem bewussten Schritt über den Boden. Sein Rücken war gerade, sein Gesicht gefasst. Hinter ihm flankierten zwei Wachen den Eingang, ihre Hände ruhten auf ihren Schwertern, während ihre Augen aus Gewohnheit den Raum absuchten.König Philip von Blackblood stand am Fenster, die Hände hinter dem Rücken verschränkt. Er war ein älterer Mann mit grauem Haar, scharfen Augen und einem wettergegerbten Gesicht,
DRITTE PERSON Zwei Tage waren vergangen, seit die Feuer erloschen waren.Der Palast trug noch immer Narben, heilte noch immer, doch das Chaos hatte sich endlich gelegt. Die Verwundeten wurden versorgt. Um die Toten wurde getrauert. Und diejenigen, die überlebt hatten, begannen, von Neuem anzufangen.Luciennes frühere Gemächer waren schwer beschädigt und ausgebrannt, doch dies hier waren neue.Lucienne saß, gestützt von einem Berg aus Kissen, in ihren neuen Gemächern. Der Raum war groß, luftig und von den Flammen unberührt geblieben. Frische Bettwäsche bedeckte das Bett, und Sonnenlicht strömte durch die Fenster, warm und golden. Es war ein starker Kontrast zur Dunkelheit der Tunnel, zum Rauch der brennenden Stadt, zu der Angst, die ihr Herz ergriffen hatte.Azrael saß neben ihr, seine Hand fest um ihre geschlossen. Sein Daumen zog langsame Kreise über ihre Haut. Seit ihrer Rettung hatte er ihre Seite nicht verlassen. Er hatte kaum geschlafen. Seine Augen waren müde, doch sie ruhten m
DRITTE PERSON Morgana lächelte dünn, kalt, siegreich.Sie stand im Türrahmen des kleinen Raumes, ihr silbernes Haar offen, ihr Gewand dunkel von Ruß und Rauch. Hinter ihr malte die brennende Stadt den Himmel in Schattierungen von Orange und Rot. Sie sah aus wie eine Königin der Asche, eine Herrscherin der Ruinen. Ihre Augen waren scharf, berechnend, und sie waren mit der Geduld einer Katze, die eine verwundete Maus beobachtet, auf Isolde gerichtet.Isolde kniete auf dem Boden, Rodericks bewusstlosen Körper in ihren Armen wiegend. Sein Gesicht war blass, sein Atem flach. Blut sickerte immer noch durch die Bandagen, die sie um seine Wunde gewickelt hatte. Ihr Gesicht war nass von Tränen. Ihre Hände zitterten. Jeder Teil von ihr bebte vor Angst und Erschöpfung.„Bitte“, flehte sie. „Bitte, lasst uns gehen. Wir werden verschwinden. Wir werden niemals zurückkommen. Wir werden uns in Luft auflösen. Ihr werdet uns nie wieder sehen.“Morgana lachte. Es war ein leises, musikalisches Geräusch,
DRITTE PERSON Die Kerzen in den Gemächern des Alphas waren fast heruntergebrannt, als Isolde ihren letzten Zug machte.Sie hatte die Dienerschaft bereits vor Stunden fortgeschickt und ihnen gesagt, der Alpha brauche Ruhe und Stille. Sie hatten gehorcht, wie sie immer gehorchten.Niemand stellte di
LUCIENNE Ich konnte nicht aufhören zu lächeln.Elias war hier. Im Palast. Irgendwo in diesen alten Steinmauern, atmete er dieselbe Luft wie ich. Der Junge, der mir zusätzliches Brot zugesteckt hatte, wenn in der Küche Mangel herrschte. Der Junge, der mir in gestohlenen Momenten das Lesen beigebrac
LUCIENNEIch wusste nicht, wohin ich gehen sollte.Meine Hände bluteten noch immer, die Schnitte tief und roh, aber ich spürte sie kaum. Ich ging benommen durch die Korridore, meine nackten Füße lautlos auf dem kalten Stein, mein nasses Haar tropfte auf mein zerrissenes Unterkleid. Diener starrten
Die neue Kammer war kleiner als die üblichen Räume des Alphas, aber sie war ruhig und warm und weit entfernt von dem zerbrochenen Glas. Azrael lag auf dem Bett, frische Laken eng um ihn geschlagen, sein Gesicht zum ersten Mal seit Tagen friedlich. Die Fluchmale hatten aufgehört zu pulsieren. Das Sc







