LOGINDie Rose lag noch immer auf der Galerie.
Niemand bewegte sich. Niemand sprach. Ich hatte das Gefühl, jede einzelne Person in der Eingangshalle hielt den Atem an. „Wo ist sie?“ Meine Stimme durchbrach die Stille. Lucien antwortete nicht. Sein Blick ruhte unverändert auf der Rose. Erst nach einigen Sekunden setzte er einen Fuß auf die erste Stufe der Treppe. Langsam. Vorsichtig. Als würde jeder Schritt eine unsichtbare Grenze überschreiten. „Herr Moreau!“ Marthas Stimme klang ungewohnt streng. „Gehen Sie nicht hin.“ Er blieb stehen. „Sie wissen, was das bedeutet.“ „Ich weiß.“ „Dann lassen Sie sie liegen.“ Lucien schloss für einen Moment die Augen. „Das kann ich nicht.“ Er stieg weiter die Treppe hinauf. Ich sah zwischen ihm und Martha hin und her. „Kann mir endlich jemand erklären, was hier vor sich geht?“ Martha senkte den Blick. „Nicht heute.“ Ich lachte trocken. „Natürlich nicht heute.“ Langsam folgte ich Lucien. „Elena!“ Martha griff nach meinem Arm. „Bitte.“ Ich löste mich vorsichtig aus ihrem Griff. „Wenn niemand mit mir redet, finde ich die Antworten eben selbst.“ Oben angekommen blieb Lucien vor der Rose stehen. Sie wirkte vollkommen frisch. Kein einziges Blatt war verwelkt. Kein Dorn war an ihrem Stiel. Neben ihr lag der alte Messingschlüssel. Ich hob die Rose auf. Sie war frisch, kühl und tatsächlich vollkommen dornlos. „Fass sie nicht an!“, rief Martha erschrocken. Ich zuckte zusammen und ließ die Rose fast fallen. „Warum nicht?“ Martha sah Lucien an, als würde sie auf seine Erlaubnis warten. Doch er sagte nur einen einzigen Satz: „Der Schlüssel bestimmt, welche Tür sich als Nächstes öffnet.“ Lucien hob zuerst den Schlüssel auf. Sein Blick fiel auf die eingravierte Zahl. 28. Sein Kiefer spannte sich an. „Es beginnt also.“ „Was beginnt?“ Er drehte sich langsam zu mir um. Zum ersten Mal seit meiner Ankunft wirkte sein Blick nicht kühl. Sondern müde. Unendlich müde. „Sie hat dich ausgewählt.“ Mir stockte der Atem. „Wer?“ Er öffnete den Mund. Doch noch bevor ein Wort über seine Lippen kam... erklang im ganzen Haus eine tiefe Glocke. Einmal. Zweimal. Dreimal. Martha wurde unten in der Eingangshalle kreidebleich. „Nein...“ flüsterte sie. „Zimmer Achtundzwanzig.“ Lucien schloss die Hand fest um den Schlüssel. „Sie hat das erste Schloss geöffnet.“ Ich runzelte die Stirn. „Welches Schloss?“ Er sah mich an. „Das Zimmer, das seit siebenundzwanzig Jahren niemand mehr betreten durfte.“ Lucien umschloss den Messingschlüssel so fest, dass seine Fingerknöchel weiß hervortraten. „Niemand folgt mir.“ Seine Stimme war ruhig. Zu ruhig. „Das werden wir ja sehen“, murmelte ich. Er warf mir einen kurzen Blick zu. „Ich meine es ernst, Elena.“ „Und ich meine es ernst, wenn ich sage, dass ich mir nichts mehr verbieten lasse.“ Für den Bruchteil einer Sekunde glaubte ich, ein Lächeln über sein Gesicht huschen zu sehen. So schnell, dass ich mir nicht sicher war, ob ich es mir eingebildet hatte. „Sie sind stur.“ „Hat man mir schon öfter gesagt.“ „Das überrascht mich nicht.“ Er drehte sich um und ging den langen Flur entlang. Natürlich folgte ich ihm. „Ich habe Ihnen ausdrücklich gesagt…“ „…dass ich nicht mitkommen soll.“ Ich verschränkte die Arme. „Und ich habe ausdrücklich beschlossen, Sie zu ignorieren.“ Ein leises Seufzen entwich ihm. „Sie machen es einem wirklich nicht leicht.“ „Das Kompliment kann ich nur zurückgeben.“ Zu meiner Überraschung antwortete er nicht. Stattdessen blieb er vor einer schweren Holztür stehen. Sie unterschied sich deutlich von den anderen Türen im Flur. Das dunkle Holz war von feinen Rissen durchzogen. Über dem Türrahmen war eine verwitterte Rose eingeschnitzt. Darunter... die Zahl 28. Ich trat näher. „Das ist also das Zimmer.“ Lucien nickte. „Seit siebenundzwanzig Jahren verschlossen.“ „Warum?“ „Weil niemand es öffnen durfte.“ „Von wem wurde das entschieden?“ Er sah die Tür an. „Nicht von mir.“ Ein kalter Luftzug strich durch den Flur. Obwohl alle Fenster geschlossen waren. Ich rieb mir über die Arme. „Hier wird es immer kälter.“ Lucien schob den Schlüssel langsam ins Schloss. Ein metallisches Kratzen erfüllte den Flur. Er drehte ihn einmal. Nichts. Ein zweites Mal. Wieder nichts. Beim dritten Versuch... ertönte ein dumpfes Klicken. Das Schloss sprang auf. Doch niemand bewegte sich. „Sie öffnen die Tür nicht?“ Lucien starrte den Türgriff an. „Ich habe zwanzig Jahre gehofft, dass dieser Moment niemals kommt.“ „Dann lassen Sie mich.“ Bevor er reagieren konnte, griff ich nach dem Messinggriff. „Elena!“ Zu spät. Ich drückte die Klinke nach unten. Mit einem langen, tiefen Knarren öffnete sich die Tür einen Spalt. Ein Schwall abgestandener, kalter Luft strömte uns entgegen. Es roch nach Staub. Nach altem Holz. Und... nach Rosen. Nicht frisch. Sondern verwelkt. Langsam schob ich die Tür weiter auf. Das Zimmer lag im Halbdunkel. Dicke Vorhänge verdeckten die Fenster. Möbel waren mit weißen Laken verhüllt. Auf einem kleinen Tisch in der Mitte des Raumes stand... eine Spieluhr. Sie begann ganz von allein zu spielen. Eine langsame, melancholische Melodie erfüllte den Raum. Ich blieb wie angewurzelt stehen. „Hat... hat die eben jemand aufgezogen?“ Lucien antwortete nicht. Sein Blick ruhte auf der gegenüberliegenden Wand. Ich folgte ihm. Dort hing ein großes Familienporträt. Mehrere Personen blickten ernst in die Kamera. Ein älteres Ehepaar. Ein kleiner Junge. Ein junges Mädchen. Und... eine Frau. Ich trat näher. Mein Herz begann schneller zu schlagen. Die Frau auf dem Bild... sah aus wie ich. Mein Herz schlug so laut, dass ich die Melodie der Spieluhr kaum noch hörte. Ich trat langsam näher an das Gemälde heran. „Das...“ Meine Stimme versagte. „Das bin ich.“ „Nein.“ Luciens Antwort kam sofort. „Das ist unmöglich.“ Ich wandte den Blick nicht von dem Porträt ab. Die Frau trug ein dunkelgrünes Kleid, ihr langes Haar fiel in sanften Wellen über die Schultern. Sie lächelte nicht. Doch ihre Augen... Sie waren meine. Dieselbe Form. Dieselbe Farbe. Sogar das kleine Grübchen am Kinn war zu erkennen. „Sie sieht aus wie ich.“ „Sie sieht dir ähnlich.“ Lucien trat neben mich. „Das ist ein Unterschied.“ Ich schüttelte den Kopf. „Nein. Das ist mehr als nur Ähnlichkeit.“ Er schwieg. Wieder einmal. Langsam wanderte mein Blick über die übrigen Personen auf dem Gemälde. „Wer sind sie?“ Lucien atmete tief durch. „Der Mann dort...“ Er zeigte auf den älteren Herrn. „...war Alistair Blackwood. Der letzte Eigentümer des Anwesens.“ Sein Finger glitt weiter. „Neben ihm seine Frau Eleanor.“ Dann blieb er bei dem kleinen Jungen stehen. Für einen kurzen Moment veränderte sich sein Blick. Er wurde weich. Fast traurig. „Das war mein Bruder.“ Ich sah ihn überrascht an. „Du hast einen Bruder?“ „Hatte.“ Nur dieses eine Wort. Mehr sagte er nicht. Mein Blick fiel auf das Mädchen. Vielleicht acht oder neun Jahre alt. Sie hielt eine einzelne Rose in den Händen. „Und sie?“ Lucien antwortete nicht. Ich drehte mich zu ihm um. „Wer ist sie?“ Sein Kiefer spannte sich an. „Ich weiß es nicht.“ Ich lachte ungläubig. „Jetzt hör doch auf.“ „Ich meine es ernst.“ „Sie hängt auf einem Familienporträt! Natürlich weißt du, wer sie ist.“ Er schloss kurz die Augen. „Ich erinnere mich nicht mehr.“ Ein kalter Schauer lief mir über den Rücken. „Wie kann man sich an ein Familienmitglied nicht erinnern?“ „Weil niemand im Haus ihren Namen ausspricht.“ „Warum?“ „Weil manche Namen Türen öffnen.“ Die Spieluhr verstummte. Mit einem Mal war es totenstill. Dann hörten wir... ein leises Knacken. Nicht hinter uns. Nicht auf dem Flur. Sondern... direkt aus der Wand. Ich wich einen Schritt zurück. „Hast du das gehört?“ Lucien nickte langsam. „Ja.“ Das Knacken wiederholte sich. Einmal. Dann noch einmal. Plötzlich löste sich das Gemälde wenige Zentimeter von der Wand. Ganz langsam schwang es nach vorne. Dahinter... verbarg sich ein schmaler, dunkler Gang. Kalte Luft strömte heraus. Sie roch nach feuchter Erde... und verwelkten Rosen. Ich starrte in die Dunkelheit. „Sag mir bitte nicht...“ Lucien steckte die Pistole zurück in den Holster. Sein Blick blieb auf dem geheimen Gang. „Ich fürchte...“ Er griff nach einer alten Öllampe, die auf einem kleinen Tisch stand. „...dass genau dort alle Antworten auf dich warten.“ Und ohne ein weiteres Wort... trat er als Erster in die unendliche Dunkelheit. „Warte bitte!“ Meine Stimme hallte durch den schmalen Gang. Lucien blieb stehen, drehte sich jedoch nicht um. Das flackernde Licht der Öllampe warf lange Schatten an die feuchten Steinwände. „Du musst mir endlich sagen, was wir hier suchen.“ „Nicht was.“ Seine Antwort kam leise. „Wen.“ Mir zog sich der Magen zusammen. „Wen?“ Er schwieg. Natürlich. Ich verdrehte die Augen und folgte ihm trotzdem. Mit jedem Schritt wurde die Luft kühler. Die Wände waren von dicken Wurzeln durchzogen, die sich ihren Weg durch das alte Gemäuer gebahnt hatten. Manche waren so groß wie mein Arm. Andere wirkten, als würden sie sich bewegen. „Bitte sag mir, dass ich mir das nur einbilde.“ Lucien blieb kurz stehen. „Sie bewegen sich nicht.“ Er machte eine Pause. „Solange wir den Weg nicht verlassen.“ „Das sollte mich beruhigen?“ „Nein.“ „Gut.“ Ein schwaches Lächeln huschte über meine Lippen. „Dann sind wir uns wenigstens einig.“ Zu meiner Überraschung musste auch Lucien schmunzeln. Es war nur für einen Augenblick. Doch zum ersten Mal wirkte er nicht wie der kalte Erbe von Blackwood Manor. Sondern wie ein junger Mann, der seit Jahren eine Last mit sich herumtrug. Nach einigen Metern weitete sich der Gang. Vor uns öffnete sich ein runder Raum. Die Decke war so hoch, dass das Licht der Lampe sie kaum erreichte. In der Mitte stand ein steinerner Brunnen. Doch darin war kein Wasser. Nur unzählige verwelkte Rosen. Tausende. Sie bedeckten den gesamten Boden des Brunnens. „Wer hat das getan?“ Lucien antwortete nicht. Er trat langsam an den Brunnen heran. Auf dem steinernen Rand waren Namen eingraviert. Dutzende. Vielleicht Hunderte. Ich strich mit den Fingern darüber. Einige waren kaum noch lesbar. Andere wirkten, als wären sie erst gestern eingemeißelt worden. Plötzlich blieb meine Hand stehen. Ein Name. Vivienne Moreau. Ich hielt den Atem an. „Lucien...“ Er trat neben mich. Sein Blick folgte meinem Finger. Er nickte langsam. „Ja.“ „Sie war hier.“ „Mehr als das.“ „Was meinst du?“ Er legte vorsichtig seine Hand auf den kalten Stein. „Sie hat diesen Ort erschaffen.“ Noch bevor ich fragen konnte, wie das möglich sein sollte, begann der Brunnen zu beben. Erst leicht. Dann immer stärker. Die verwelkten Rosen im Inneren bewegten sich. Eine nach der anderen. Als würde ein Windstoß von unten durch den Schacht wehen. Doch es gab keinen Wind. Ich machte einen Schritt zurück. „Lucien...“ Die Rosen wirbelten plötzlich nach oben. Hunderte Blütenblätter erfüllten den Raum. Mitten zwischen ihnen erklang erneut dieselbe Stimme, die ich schon in der Eingangshalle gehört hatte. Sanft. Fast liebevoll. „Du bist später gekommen, als ich gehofft hatte...“ Ich fuhr herum. Niemand. Nur die tanzenden Rosenblätter. Dann fiel die Öllampe flackernd aus. Absolute Dunkelheit. Und irgendwo direkt vor mir... atmete jemand. Ich wagte nicht zu atmen. Die Dunkelheit war vollkommen. Kein Licht. Kein Mondschein. Nur der kalte Geruch feuchter Erde und verwelkter Rosen. Dann hörte ich erneut dieses Atmen. Langsam. Ruhig. Direkt vor mir. „Lucien?“ Keine Antwort. Panik stieg in mir auf. Ich tastete mit ausgestreckten Händen durch die Dunkelheit. Nichts. „Lucien!“ „Hier.“ Seine Stimme kam von irgendwo links. Er klang ungewöhnlich weit entfernt. „Beweg dich nicht.“ „Das sagst du ständig!“ Meine Stimme zitterte. „Und trotzdem wird alles nur schlimmer!“ Für einen kurzen Moment herrschte Stille. Dann flammte ein schwaches Licht auf. Lucien hatte ein Streichholz entzündet. Der kleine Lichtschein reichte kaum aus, um den Raum zu erhellen. Doch er genügte. Ich stand keine zwei Meter von dem Brunnen entfernt. Lucien befand sich auf der anderen Seite. Und zwischen uns... stand eine Frau. Sie trug ein bodenlanges schwarzes Kleid. Ihr Rücken war mir zugewandt. Ihr langes, dunkles Haar reichte bis zur Hüfte. Sie bewegte sich nicht. „Nicht sprechen“, flüsterte Lucien. Ich nickte kaum merklich. Die Frau hob langsam den Kopf. Nicht ganz. Nur ein kleines Stück. Als würde sie aufmerksam zuhören. Das Streichholz brannte immer kürzer. Ich spürte, wie mein Herz gegen meine Rippen schlug. Plötzlich ließ die Frau etwas zu Boden fallen. Ein leises, metallisches Klirren hallte durch den Raum. Dann... war sie verschwunden. Nicht weggelaufen. Nicht verblasst. Sie war einfach nicht mehr da. Das Streichholz erlosch. Lucien entzündete sofort ein zweites. Der Raum war leer. „Was...“ Ich brachte kaum ein Wort heraus. „...war das?“ Lucien trat vorsichtig an die Stelle, an der die Frau gestanden hatte. Auf dem Boden lag ein alter Schlüssel. Er war größer als der erste. Schwerer. Schwärzer. In den Griff war keine Zahl eingraviert. Sondern ein Name. Lucien hob ihn langsam auf. Als er die Inschrift las, erstarrte er. „Nein...“ flüsterte er. „Das darf nicht sein.“ „Was steht darauf?“ Er sah mich an. Zum ersten Mal, seit wir uns begegnet waren, wirkte er völlig hilflos. Dann drehte er den Schlüssel langsam zu mir. Ich las die eingravierten Buchstaben. ELENA HARTMANN Mir wurde eiskalt. „Das...“ Ich starrte den Schlüssel an. "Wie kann mein Name auf einem Schlüssel stehen, der seit Jahrzehnten hier unten liegt?“ Lucien antwortete nicht. Er sah nur auf den Schlüssel. Und sagte einen Satz, der mir das Blut in den Adern gefrieren ließ. „Weil dieses Haus schon auf dich gewartet hat, lange bevor du geboren wurdest.“Die Rose lag noch immer auf der Galerie. Niemand bewegte sich. Niemand sprach. Ich hatte das Gefühl, jede einzelne Person in der Eingangshalle hielt den Atem an. „Wo ist sie?“ Meine Stimme durchbrach die Stille. Lucien antwortete nicht. Sein Blick ruhte unverändert auf der Rose. Erst nach einigen Sekunden setzte er einen Fuß auf die erste Stufe der Treppe. Langsam. Vorsichtig. Als würde jeder Schritt eine unsichtbare Grenze überschreiten. „Herr Moreau!“ Marthas Stimme klang ungewohnt streng. „Gehen Sie nicht hin.“ Er blieb stehen. „Sie wissen, was das bedeutet.“ „Ich weiß.“ „Dann lassen Sie sie liegen.“ Lucien schloss für einen Moment die Augen. „Das kann ich nicht.“ Er stieg weiter die Treppe hinauf. Ich sah zwischen ihm und Martha hin und her. „Kann mir endlich jemand erklären, was hier vor sich geht?“ Martha senkte den Blick. „Nicht heute.“ Ich lachte trocken. „Natürlich nicht heute.“ Langsam folgte ich Lucien. „Elena!“
Mein Atem ging flach. Ich wagte nicht einmal zu blinzeln. Lucien stand regungslos vor mir. Die Pistole war erhoben. Sein Finger lag auf dem Abzug. Doch seine Augen ruhten nicht auf mir. Sie blickten an mir vorbei. Etwas hinter mir. „Lucien...“ „Nicht.“ Seine Stimme war kaum mehr als ein Flüstern. „Beweg dich nicht.“ Ich schluckte. Der warme Atem in meinem Nacken wurde stärker. Langsam. Regelmäßig. Als würde direkt hinter mir jemand stehen. Oder etwas. Ich wollte mich umdrehen. „Nicht!“ Sein Ruf ließ mich erstarren. Zum ersten Mal sah ich echte Angst in seinen Augen. Nicht Sorge. Nicht Anspannung. Angst. „Bitte, Elena.“ Das Wort traf mich unerwartet. Er bat mich. Er befahl mir nicht. Ich hörte ein leises Rascheln zwischen den Rosen. Dann... ein langsames Kratzen. Als würden lange Fingernägel über Stein gleiten. Ganz nah. Direkt hinter meinem Rücken. Mir lief ein Schauer über den ganzen Körper. „Lucien...“ „Ich we
Der Schlaf hatte mich irgendwann doch überwältigt. Nicht tief. Nicht ruhig. Ich trieb die ganze Nacht zwischen Traum und Wirklichkeit, als würde Blackwood Manor selbst entscheiden, wann ich die Augen schließen durfte. Als ich erwachte, fiel fahles Morgenlicht durch die schweren Vorhänge. Einen Moment lang wusste ich nicht, wo ich war. Dann sah ich das Himmelbett. Den Kamin. Die Rosen auf der Kommode. Und alles kam zurück. Der Brief. Vivienne. Lucien. Die drei Klopfzeichen. Langsam richtete ich mich auf. Mein Herz schlug sofort schneller. Die Tür. Ich starrte sie mehrere Sekunden an. Geschlossen. Der Riegel steckte noch immer an seinem Platz. Ich hatte sie also tatsächlich nicht geöffnet. Oder? Ich schlug die Bettdecke zurück und ging langsam zur Tür. Meine Finger zitterten leicht, als ich den Riegel zurückschob. Nichts. Keine Stimme. Kein Flüstern. Nur mein eigener Atem. Ich drückte die Klinke herunter. Die Tür öffnete sich kna
Die Worte verschwanden, noch bevor ich blinzeln konnte. „Sie ist zurück.“ Gerade eben hatten sie noch auf dem goldenen Rahmen des Gemäldes gestanden. Schwarze Tinte. Frisch. Unübersehbar. Jetzt war dort nichts mehr. Ich trat einen Schritt näher. Meine Finger glitten vorsichtig über das kalte Holz. Keine Farbe. Keine eingeritzten Buchstaben. Nicht einmal eine raue Stelle. „Frau Hartmann?“ Ich fuhr herum. Dr. Samuel Keller stand noch immer hinter seinem Schreibtisch und musterte mich aufmerksam. „Ist Ihnen nicht gut?“ Ich öffnete den Mund. Was hätte ich sagen sollen? Entschuldigen Sie, ich glaube, Ihr Gemälde schreibt Nachrichten. Stattdessen schüttelte ich den Kopf. „Mir ist nur etwas schwindelig.“ „Nach allem, was heute passiert ist, überrascht mich das nicht.“ Er wirkte ehrlich besorgt. Lucien dagegen beobachtete mich schweigend. Seine dunklen Augen ruhten auf meinem Gesicht, als suche er nach einer Antwort, die ich selbst noch nicht kannte.
Die schwere Holztür fiel hinter mir mit einem dumpfen Schlag ins Schloss.Das Geräusch hallte durch die Eingangshalle und verschluckte jedesandere Geräusch. Für einen Augenblick blieb ich regungslos stehen. DieLuft roch nach altem Holz, Kaminfeuer und etwas Süßlichem, das ich nicht einordnen konnte. Rosen. Irgendwo mussten frische Rosen stehen.Ich drehte mich langsam um.Die Tür wirkte plötzlich viel größer als noch vor wenigen Sekunden. Der Regen prasselte gegen die hohen Fenster, doch hier drinnen war alles unnatürlich still.»Bitte folgen Sie mir«, sagte Dr. Samuel Keller.Ich nickte und ging hinter ihm her. Unsere Schritte hallten über dendunklen Marmorboden. Rechts und links hingen Gemälde von Menschen, deren ernste Blicke mir folgten.»Sind das alles Moreaus?«, fragte ich.»Ja.«»Sie sehen nicht besonders glücklich aus.«Dr. Keller lächelte höflich.»Die Familie war nie dafür bekannt, ihre Gefühle offen zu zeigen.«Lucien sagte kein Wort. Er lief einige Meter hinter un
Der Regen begann genau in dem Moment, in dem mein Navigationsgerät den Geist aufgab. Natürlich. Ich klopfte zweimal gegen das Display, als würde sich die Technik durch pure Verzweiflung einschüchtern lassen. „Bitte wenden“, krächzte die Stimme ein letztes Mal. Dann wurde der Bildschirm schwarz. „Sehr hilfreich.“ Vor mir lag nur noch eine schmale Straße, die sich zwischen hohen, dicht stehenden Bäumen hindurchwand. Der Himmel war beinahe genauso dunkel wie der Wald, obwohl es erst kurz nach vier Uhr nachmittags war. Seit über einer Stunde war mir kein anderes Auto begegnet. Kein Haus. Keine Tankstelle. Nicht einmal ein vernünftiges Straßenschild. Nur Bäume, Regen und der Brief auf dem Beifahrersitz. Ich hatte ihn inzwischen so oft gelesen, dass ich jedes Wort auswendig kannte. Gemäß dem letzten Willen von Frau Vivienne Moreau sind Sie als Erbin eines hälftigen Anteils am Anwesen Blackwood Manor eingesetzt worden. Ein halbes Herrenhaus. Von einer fremden Frau. Das klang







