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Kapitel 5: Die Stille

Author: Ammy gold
last update publish date: 2026-07-27 18:41:38

Ich stand erstarrt im dämmrigen Betonflur, den Rücken gegen die kalte Wand gepresst, als könnte sie mich irgendwie retten. Die Stille lastete schwer und dicht. Mein Puls hämmerte so heftig, dass ich ihn in den Zähnen spürte. Jeder Teil von mir schrie, wegzulaufen, aber meine Beine weigerten sich, sich zu bewegen.

Roland eilte nicht. Das tat er nie. Er bewegte sich, als gehöre ihm die gesamte Arena, als beugten sich die Schatten selbst für ihn. Als er schließlich anhielt, war er nah genug, dass ich Kiefer, gefrorenes Seewasser und diesen tieferen Duft darunter riechen konnte. Wild. Uralter. Erschreckend gut.

„Du bist ein schrecklicher Lügner“, sagte Roland.

Ich schluckte schwer. „Ich weiß nicht, wovon du redest.“

Rolands Lippen verzogen sich zu einem langsamen, gefährlichen Grinsen. Er musterte mein Gesicht, wie ein Wolf ein Kaninchen beobachtet, das plötzlich interessant aussieht. Seine behandschuhte Hand hob sich und kippte mein Kinn mit einem Finger. Unsere Blicke trafen sich.

„Das Rudel glaubt, du seist Lucien“, flüsterte Roland. Sein Daumen strich langsam und absichtlich über meine Unterlippe. „Dein Vater muss stolz auf seinen kleinen Tausch sein. Aber Lucien war nie so weich. Er zitterte nicht so.“

Mein Atem stockte. Hitze durchflutete meinen Körper und sammelte sich tief in meinem Unterleib. Ich hasste es, wie meine Haut errötete.

Roland beugte sich vor, bis seine Lippen die Muschel meines Ohrs streiften. „Du riechst wie ein Omega, der darum bettelt, beansprucht zu werden, kleiner Fälscher.“

Ich erwartete Wut. Ich erwartete Entlarvung. Was ich stattdessen bekam, war dasselbe dunkle Grinsen, jetzt tiefer, beinahe hungrig.

Roland zog sich gerade weit genug zurück, um mir wieder in die Augen zu sehen. „Aber ich werde nichts sagen.“

Ich blinzelte. „Was?“

„Du hast mich gehört.“ Seine Stimme senkte sich noch mehr. „Ich werde dein schmutziges kleines Geheimnis für mich behalten. Vorerst.“

Er trat näher und drückte mich fester gegen die Wand. Die Hitze, die von ihm ausging, war intensiv. Breite Schultern. Kraftvolle Brust. Roland war Arroganz, verpackt in Muskeln und perfekter Knochenstruktur. Er sah aus wie Sünde in einem Hockeytrikot.

„Warum?“, hauchte ich.

„Weil dich sofort zu zerstören langweilig wäre.“ Rolands Hand glitt nach unten und lag schwer auf meinem rasenden Herzen. „Ich will sehen, wie du dich windest. Ich will dich langsam auf diesem Eis zerbrechen, bis du deinen eigenen Namen vergisst. Und wenn du endlich brichst, werde ich der Einzige sein, der genau weiß, warum.“

Dann küsste Roland mich.

Meine Hände schossen hoch und griffen nach seinem Trikot, als wäre es das Einzige, was in der Welt noch fest war. Mein Herz raste so schnell, dass mir schwindelig wurde. Nur von einem Kuss. Nur von Rolands Hand auf meiner Brust.

Als er sich endlich zurückzog, kehrte sein Grinsen zurück, schärfer denn je. „Training morgen. Früh. Komm nicht zu spät, Jeffery.“

Er drehte sich um und ging ohne ein weiteres Wort davon, ließ mich gegen die Wand gesunken zurück, mit geschwollenen Lippen und wirbelndem Kopf.

***

Am nächsten Morgen fühlte sich die Eisbahn wie ein Schlachtfeld an.

Ich schnürte meine Schlittschuhe mit zitternden Fingern. Ich sollte Lucien sein. Selbstbewusst. Scharf. Unantastbar. Stattdessen fühlte ich mich wie ein Betrüger in der Ausrüstung eines anderen.

Das Team bewegte sich um mich herum, laut und rau, aber ich konnte mich nur auf Roland konzentrieren. Er skated, als wäre er auf Kufen geboren. Arrogante Schritte. Kraftvolle Schübe. Jede Bewegung schrie Kontrolle. Und Gott, er war atemberaubend unter den hellen Lichtern. Schweiß ließ sein dunkles Haar bereits an der Stirn kleben. Muskeln spannten sich unter seinem Trainingstrikot.

„Fälschung“, murmelte Roland, als er während des Aufwärmens vorbeiglitt, nah genug, dass seine Schulter meine streifte. Niemand sonst hörte es.

Die Übungen begannen. Pässe. Checks. Speedruns. Roland fand ständig Gründe, nah heranzukommen. Bei einer Übung krachte er „aus Versehen“ in mich und drückte mich eine halbe Sekunde länger als nötig gegen die Bande.

„Vorsicht, Omega“, flüsterte Roland, der Atem heiß an meinem Nacken. „Du wirst schon wieder hart.“

Mein Gesicht brannte. Die dünnen Schichten unserer Ausrüstung verdeckten nicht, wie mein Körper reagierte. Es ergab keinen Sinn. Ich hatte Angst vor diesem Mann. Roland konnte mit einem Wort alles zerstören.

Was zum Teufel stimmt nicht mit mir?

Aber Roland war noch nicht fertig. Bei einer Eins-gegen-eins-Übungsdrill griff er mich an wie ein Sturm. Wir krachten in der Nähe des Tors zusammen. Sein größerer Körper überwältigte mich mühelos und drückte mich aufs Eis. Unsere Gesichter waren Zentimeter voneinander entfernt.

„Strampelst du schon?“, murmelte Roland, die Stimme nur für mich hörbar. Eine seiner Hände glitt nach unten und umklammerte meine Hüfte fest. „Dein Körper weiß, wem er gehört. Auch wenn dein Mund weiter lügt.“

Ich biss einen Laut zurück, den ich nicht benennen wollte. Der Druck von Rolands Oberschenkel zwischen meinen Beinen machte alles schlimmer. Ich wollte ihn wegschieben. Ich wollte ihn näher ziehen. Die Verwirrung ließ meinen Kopf kreisen.

„Geh runter von mir.“

Roland grinste nur und drückte eine gefährliche Sekunde lang fester, bevor er weggleitete und lachte, als wäre alles ein Witz.

Der Rest des Trainings war Folter. Jeder Check trug eine versteckte Bedeutung. Jedes Mal, wenn Roland meine Haltung korrigierte, verweilten seine Hände auf meinem unteren Rücken, meinem Oberschenkel, dem Nacken. Jede Berührung fühlte sich wie ein Brandmal an. Jedes Flüstern schickte frische Wellen unerwünschter Hitze durch meinen Körper.

Am Ende war ich erschöpft, verschwitzt und kaum in der Lage, klar zu denken. Das Schlimmste? Roland sah vollkommen ruhig aus. Arrogant. Unter Kontrolle. Als wüsste er genau, was er mit mir anstellte.

***

In der Umkleidekabine war der Großteil des Teams bereits gegangen. Ich saß auf der Bank und versuchte, meinen Atem unter Kontrolle zu bekommen.

Roland erschien vor mir, oberkörperfrei, das Handtuch tief über den Hüften. Wassertropfen liefen über seine gemeißelten Bauchmuskeln. Er sah aus wie ein Gott, der es genoss, Sterbliche zu zerbrechen.

„Du warst heute besser“, sagte Roland mit beiläufiger Stimme. Dann beugte er sich vor und stützte eine Hand auf den Spind hinter meinem Kopf. „Aber wir beide wissen, dass du immer noch vortäuschst. Auf dem Eis und in deinem Kopf.“

Ich sah hoch. Mein Mund fühlte sich trocken an. „Warum tust du das?“

Rolands Lächeln war langsam, grausam und ungerecht attraktiv. „Weil ich es kann. Weil dir zuzusehen, wie du dagegen ankämpfst, wie sehr du das willst, der meiste Spaß ist, den ich seit Jahren hatte.“ Er streckte die Hand aus und strich erneut mit dem Daumen über meine Unterlippe, genau wie im Flur. „Und weil du tief drinnen nicht willst, dass ich aufhöre.“

Er richtete sich auf und ging zu den Duschen, ließ mich dort sitzen, das Herz rasend, den Körper schmerzend und erschreckend bewusst, dass ich bereits verfallen war.

Die Stille zwischen uns war nicht länger leer. Sie war erfüllt von Versprechen. Dunklen, gefährlichen Versprechen.

Und ich war mir nicht sicher, ob ich entkommen wollte.

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