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Kapitel 6: Der Hebel

Author: Ammy gold
last update publish date: 2026-07-28 15:22:00

Meine Faust traf die Spindtür, bevor ich mich stoppen konnte. Der laute Schlag hallte den leeren Flur hinunter wie ein Schuss, prallte von den Betonwänden und Metallbänken ab. Meine Fäuste brannten sofort, aber ich spürte es kaum. Die Wut war zu laut in meinem Kopf.

„Du denkst, das ist ein Spiel?“, fauchte ich und drehte mich so scharf zu Roland um, dass meine Schlittschuhe beinahe auf der Gummimatte unter meinen Füßen wegrutschten. Ich fing mich an einer nahegelegenen Bank ab, aber mein Gleichgewicht fühlte sich falsch an. Alles fühlte sich falsch an.

Rolands Grinsen blieb beständig. Er stand dort nur in seinen Kompressionsshorts, die Arme über dieser absurden Brust verschränkt, und wirkte, als hätte er den ganzen Tag auf diesen Moment gewartet. Als hätte er ihn geplant. Als genösse er es, mich zerbrechen zu sehen.

„Es hat aufgehört, ein Spiel zu sein, in dem Moment, als du das Trikot deines Bruders angezogen hast, kleiner Omega.“ Seine Stimme war ruhig, beinahe gelangweilt. „Jetzt geht es um Hebelwirkung.“

Mein Blut gefror. Das Wort traf mich wie Eiswasser direkt ins Herz. „Was hast du gerade gesagt?“

Roland beugte sich näher, seine Stimme weich und doch drohend, und schickte einen Schauer meinen Rücken hinunter, den ich hasste zu spüren. „Nur ein Wort von mir an die Liga, und ich kann alles zerstören. Deine falsche Identität. Die Impersonation eines gedrafteten Spielers. Deine Chancen im Team. Alles. Dein Rudel könnte am Ende sein. Sponsorenverträge gekündigt. Das Vermächtnis deines Vaters befleckt. Alles nur, weil du Lucien nicht loslassen konntest.“

Die Worte trafen mich hart, jedes einzelne ein Schlag in den Magen. Mein Blickfeld verschwamm an den Rändern, als mir klar wurde, wie viel ich geopfert hatte. Lügen auf Lügen gestapelt. Schlaflose Nächte, in denen ich den goldenen Sohn spielte. Das Gewicht einer Familie, die mich nie gewollt hatte, bis ich nützlich wurde. Alles zerfiel in einem Augenblick wegen dieses arroganten Mannes, der vor mir stand, als hätte er bereits gewonnen.

„Das würdest du nicht“, schaffte ich es zu flüstern. Meine Stimme brach beim zweiten Wort.

Rolands Augen blitzten mit einem dunklen, triumphierenden Lächeln. „Versuch es“, sagte er weich, aber bestimmt. „Ich besitze dich jetzt, Jeffery. Jeden nervösen Atemzug. Jeden Nervenkitzel, den du fühlst, wenn ich dich gegen die Bande drücke. Jedes Mal, wenn dein Herz rast, weil ich zu nah stehe. Ich besitze das alles.“

Etwas in mir zerbrach.

Ich dachte nicht nach. Ich bewegte mich einfach. Ich stieß Roland mit beiden Händen heftig weg und traf diese solide Wand aus Muskeln unter seiner Haut. Er taumelte zurück, echte Überraschung huschte zum ersten Mal seit unserer Begegnung über sein Gesicht. Er schaffte es, sich an der Wand abzustützen, seine Hand klatschte auf den Beton, um das Gleichgewicht zu halten, aber der Moment war bereits vorbei.

Ein Kamerablitz blitzte aus der Ecke auf.

Marcus. Einer von Rolands treuen Anhängern, ein dünner Typ mit schnellem Handy und langsamem Gehirn. Er stand da mit offenem Mund, das Handy erhoben, das rote Aufnahmelicht blinkte noch.

„Scheiße“, murmelte Marcus und trat bereits rückwärts, als wollte er verschwinden.

„Lösch das!“, schrie ich und stürzte vor, den Arm ausgestreckt. Meine Finger griffen beinahe nach seinem Ärmel.

Aber Roland war schneller. Er packte meinen Arm und zog mich hart an seine Brust, hart genug, dass mir die Luft aus den Lungen wich.

„Lass es laufen“, sagte Roland sanft, mit einem klaren Unterton von Amüsement in der Stimme. Sein Atem war warm an meinem Ohr. „Die Welt wird gleich sehen, wer du wirklich bist.“

***

Am Abend war der Clip überall.

„TEAMKAPITÄN VON MITSPIELER IN UMKLEIDEKABINEN-AUSRASTEREI ANGEGRIFFEN“, schrie die Schlagzeile über jedes Hockey-Forum, jeden T*****r-Feed und jede I*******m-Story, durch die ich scrollte. Das Video fing meinen wütenden Stoß in atemberaubender Qualität ein. Rolands überraschtes Gesicht. Die intensive Wut, die zwischen uns wie ein unter Strom stehender Draht flackerte.

Kommentare strömten herein, jeder bösartiger als der letzte. Die Leute nannten mich unstabil. Gefährlich. Eine Belastung. Manche fragten, ob Lucien schon immer so aggressiv gewesen sei. Andere verteidigten Roland und nannten ihn einen geduldigen Kapitän, der mit einem gebrochenen Mitspieler umgehe.

Mein Handy vibrierte um 2 Uhr morgens. Dominics Name blinkte auf dem Bildschirm. Ich zögerte, der Daumen schwebte über dem Annahme-Button. Dann nahm ich mit zitternden Händen ab.

Seine Stimme war scharf, erfüllt von reiner Wut. Kein Hallo. Keine Begrüßung. Nur bittere Worte, die schneiden sollten.

„Du egoistischer kleiner Scheißkerl. Hast du den Kapitän vor der Kamera gestoßen? Bist du da draußen und beschädigst Luciens Ruf? Unseren Ruf? Weil du zu schwach bist, um mit dem Druck umzugehen?“

Ich versuchte zu erklären, ihm zu sagen, was Roland gesagt hatte, was er getan hatte. Aber Dominic unterbrach mich, bevor ich drei Worte herausbrachte.

„Spar dir das. Ich habe das Video gesehen. Jeder hat es gesehen. Sponsoren rufen bereits an und fragen, ob du unstabil bist. Du solltest der Perfekte sein. Unantastbar. Stattdessen benimmst du dich wie irgendein emotionaler Omega, der sich nicht unter Kontrolle hat.“

Das Wort Omega traf wie ein Schlag ins Gesicht. Dominic kannte die ganze Geschichte nicht. Er wusste nicht, was Roland mir ins Ohr geflüstert hatte oder wie mein Körper reagiert hatte. Aber diese Beleidigung tat trotzdem tief weh. Tiefer, als ich zugeben wollte.

„Ich habe versucht, uns zu schützen“, sagte ich, die Stimme kaum mehr als ein Flüstern.

„Uns wie einen dysfunktionalen Zirkus aussehen zu lassen, ist kein Schutz. Mach das wieder gut, oder ich sage dem Rudel, wie deine Aktionen alles zerstören, wofür Lucien gearbeitet hat.“

Er legte auf, ohne auf eine Antwort zu warten. Die Leitung war tot. Die Stille danach war lauter als sein Schreien.

Ich saß still am Rand meines Bettes im Dunkeln und umklammerte mein Handy so fest, dass meine Knöchel weiß wurden. Der Schmerz von früher, die neckenden Berührungen von Roland und dieser quetschende Kuss im Flur, war längst in eine dumpfe Übelkeit übergegangen, die schwer in meinem Magen lag.

***

Am nächsten Morgen kam die Vorladung.

Büro des Coaches. 9 Uhr. Pünktlich. Ich kam zuerst an, die Schultern angespannt, das Gewicht der gestrigen Scham wie einen physischen Mantel tragend, den ich nicht ablegen konnte. Roland folgte zwei Minuten später, behielt seine übliche Ruhe und trug dieses freche Grinsen, als hätte er den Sieg bereits erklärt, bevor die Schlacht überhaupt begonnen hatte.

Der Raum fühlte sich zu voll an. Der Coach saß hinter seinem Schreibtisch, flankiert von zwei ernst aussehenden Sponsoren in scharfen Anzügen mit Gesichtern wie aus Stein gehauen. Die Atmosphäre war schwer von Enttäuschung, und doch lag auch ein schwacher Unterton von Alpha-Autorität in der Luft, der die Spannung verstärkte. Ich konnte kaum atmen.

„Erklärt“, sagte der Coach knapp und übersprang alle Formalitäten. Seine Augen wanderten zwischen uns hin und her wie Pendel.

Roland lehnte sich mit entspannter Selbstsicherheit an die Wand. „Nur eine kleine Meinungsverschiedenheit, die hitzig wurde. Umkleidekram. Ihr wisst, wie das ist.“

„Dieses Video lässt uns schwach aussehen“, unterbrach ein Sponsor und klatschte einen ausgedruckten Screenshot auf den Schreibtisch. „Sponsoren ziehen sich zurück. Fans hinterfragen den Teamgeist. Wir können uns diese Art von Drama nicht leisten.“

Mein Mund fühlte sich trocken an wie Sandpapier. Ich spürte Rolands Blick auf mir. Beobachtend. Wartend. Genießend mein Unbehagen, als wäre es seine Lieblingsspeise.

„Es war mein Fehler“, sagte ich plötzlich und schmeckte die Worte wie Asche auf der Zunge. „Ich habe die Beherrschung verloren. Roland hat nichts falsch gemacht.“

Roland hob eine Augenbraue, echte Überraschung flackerte für eine halbe Sekunde über sein Gesicht.

Der Coach rieb sich die Schläfen. „Wir haben in dich investiert. Das Team glaubt an dich. Wir können nicht zulassen, dass dieses Verhalten weitergeht. Ein weiterer Vorfall, und du sitzt auf der Bank. Vielleicht Schlimmeres.“

Die Warnung war klar. Kristallklar.

Während das Gespräch weiterging, Zahlen, Optik und Schadensbegrenzung diskutiert wurden, spürte ich, wie Roland näher hinter mich trat. Niemand sonst bemerkte, als seine Finger leicht den Nacken streiften, wie ein Flüstern, dem ich nicht entkommen konnte.

„Siehst du, was passiert, wenn du dich wehrst?“, flüsterte Roland so leise, dass nur ich es hörte. „Jetzt schaut jeder zu. Und ich habe ihnen noch nicht mal den besten Teil erzählt. Dass du jedes Mal hart für mich wirst, wenn ich dich berühre.“

Mein Atem stockte. Mein Gesicht erhitzte sich trotz allem.

Der Sponsor redete weiter über Ruf und Verträge. Aber ich konnte mich nur auf Rolands Gegenwart hinter mir konzentrieren, wie ein Sturm, der über meinem Kopf auszubrechen drohte.

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