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Kapitel 3: Der Einstieg

Author: Ammy gold
last update publish date: 2026-07-27 18:30:16

Ich blieb länger vor dem Spiegel stehen, als ich sollte.

Das Spiegelbild, das mir entgegenstarrte, fühlte sich falsch an. Mein schwarzes Haar hatte das übliche Silber ersetzt. Luciens Gesicht blickte zurück statt meines eigenen. Es war, als würde ein Leben, das nicht für mich bestimmt war, durch das Glas starren. Ich richtete den Kragen meiner Northcrest-Academy-Uniform erneut, obwohl er perfekt saß. Winzige Kontrolle. Das war alles, was mir noch blieb.

Aus dem Flur schnitt Dominics Stimme durch. „Zeit.“

Ein Wort. Immer so endgültig.

Ich holte tief Luft und öffnete die Tür.

Dominics Blick war ruhig, emotionslos. „Du verstehst, was auf dem Spiel steht.“

Ich nickte. „Das Rudel.“

„Und die Meisterschaft.“

„Dasselbe gilt für dich.“

Das brachte mir einen kurzen, unlesbaren Blick ein. Ich wandte mich ab, bevor die Stille sich ausdehnen konnte. Auf Dominics Zustimmung zu warten machte alles nur schlimmer.

***

Die Fahrt zur Northcrest Academy war friedlich. Ruhig.

Ich beobachtete, wie die Welt draußen am Fenster vorbeizog, viel zu schnell, als würde sie sich nicht darum scheren, wer ich heute zu sein versuchte. Luciens Leben war so ordentlich. Jedes Detail an seinem perfekten Platz. Jede Erwartung bereits gesetzt.

Das Auto hielt. Ich richtete meine Tasche und stieg aus.

Die Schultore waren groß, poliert und laut vor Bewegung. Schüler füllten den Eingang, lachten und redeten, als wäre ihnen in ihrem Leben noch nie etwas genommen worden.

Flüstern setzte fast sofort ein.

„Das ist Lucien Vale.“

„Er sieht heute anders aus.“

Ich ging weiter. Ich verlangsamte nicht.

***

Ich fand Luciens Spind, ohne zu fragen. Dominic hatte dafür gesorgt, dass ich mir in der Nacht zuvor alles einprägte.

Drei Jungen warteten bereits dort. Kelvin, Lucas und Travis. Luciens Freunde. Ich mochte dieses Wort nicht. Sie wirkten eher wie Leute, die es genossen, in der Nähe von Macht zu stehen.

Kelvin lehnte sich an den Spind. „Du warst weg.“

„Familienangelegenheit“, sagte ich.

Lucas lächelte leicht. „Die hast du immer.“

Ich antwortete nicht. Ich öffnete den Spind und begann, Bücher zu ordnen, die mir egal waren.

Travis sah mich freundlich an. „Der Coach hat erwähnt, dass du das Training verpasst hast.“

Ich hielt inne. „Ich werde mich darum kümmern.“

Kelvin tauschte einen Blick mit Lucas. Beide spürten, dass etwas an mir nicht ganz stimmte. Ich spürte es auch. Lucien sollte offener sein. Entspannter. Unbeschwert. So fühlte ich mich heute nicht.

Ich bewahrte einen ruhigen Ausdruck und schloss die Spindtür behutsam.

Die Glocke läutete. Eine Pause von weiteren Fragen.

***

Der Geschichtsunterricht war still. Ich saß hinten, den Kopf leicht gesenkt.

Ich brauchte nicht viel Anstrengung, dem Unterricht zu folgen. Ich war von Natur aus besser in dieser Art des Denkens als Lucien. Dieser Gedanke blieb länger hängen, als er sollte.

Der Lehrer schrieb an die Tafel. „Wer kann erklären, warum der Moonfang-Vertrag zerbrach?“

Stille.

Lucien hätte diese Frage nicht beantwortet. Er interessierte sich nicht für Geschichte. Er interessierte sich für Bewegung, Geschwindigkeit und Wettbewerb.

Ich meldete mich.

Köpfe drehten sich neugierig. Kelvin sah überrascht aus.

Ich zögerte, dann sprach ich. „Der Vertrag zerbrach, weil beide Rudel ihre Grenzen ignorierten und sich auf Dominanz statt auf Verhandlung verließen.“

Der Lehrer nickte. „Genau.“

Als ich mich setzte, fühlte sich die Stille schwerer an. Ich spürte Blicke auf mir. Nicht mit Bewunderung. Mit Verwirrung. Als wäre etwas fehl am Platz.

Kelvin beugte sich zu Lucas. „Seit wann weiß Lucien das?“

Lucas schüttelte leicht den Kopf.

Ich starrte auf die Tafel und schwieg. Ich konnte mir keine weiteren Fehler wie diesen leisten.

***

Das Mittagessen war noch schwieriger.

Luciens Tisch war zu vertraut. Zu laut. Voller Leute, die redeten, ohne nachzudenken.

Ein Teller Pommes mit geschmolzenem Käse stand vor mir. Ein Becher Cola daneben. Luciens Favorit. Ich fühlte mich gleichgültig.

Kelvin bemerkte es. „Willst du dein Getränk?“

Ich nahm den Becher. „Ich habe es geändert.“

Travis lachte leise. „Seit wann ändert Lucien Vale irgendetwas?“

Ich schaffte ein kleines Lächeln. „Menschen ändern sich.“

Stille folgte. Schwerer als Fragen.

***

Die Eisbahn war kälter, als ich mich erinnerte.

Scharfe Geräusche von Schlittschuhen auf dem Eis hallten um mich wider. Ich machte einen vorsichtigen Schritt vorwärts. In dem Moment, als meine Kufe Kontakt machte, wankte mein Gleichgewicht. Falsch. Mein Körper reagierte nicht, wie er sollte.

Ich rutschte beinahe aus.

Nahe Spieler kicherten leise. „Lucien ist heute nicht in Form“, sagte jemand.

Ich richtete mich auf und stabilisierte mich.

Der Coach pfiff. „Vale. Beweg dich.“

Ich stieß mich vorwärts. Jede Bewegung fühlte sich seltsam an, als trüge ich den Körper eines anderen. Fast richtig, aber nicht ganz.

Ein Puck wurde zu mir gespielt. Ich griff danach, um ihn zu stoppen. Er prallte von meinem Schläger ab. Mehr leises Lachen.

Ich umklammerte den Schläger fester und versuchte es erneut. Besser. Aber nur gerade so.

Der Coach beobachtete mich länger als üblich. Ich spürte es. Als würde ich studiert. Nicht als Lucien. Als jemand, der nicht ganz dazugehörte.

***

Dann schwangen die Türen am anderen Ende der Eisbahn auf.

Alles veränderte sich. Ich spürte es, bevor ich es sah. Die Luft verschob sich. Anders.

Roland Hayes trat herein.

Northcrest schien einzufrieren. Nicht weil Roland Aufmerksamkeit forderte. Weil er sie nicht brauchte.

Er trat ohne Eile aufs Eis. Sein Blick schweifte einmal über die Bahn, bevor er sich auf mich legte.

Etwas regte sich in mir. Nicht Angst. Nicht Neugier. Etwas Tieferes. Instinktiveres. Wiedererkennen, ohne zu wissen warum.

Roland fuhr näher heran. Hielt in kurzer Entfernung an. Der Lärm der Eisbahn verblasste im Hintergrund.

Er musterte mich schweigend. Dann sprach er leise. „Du fühlst dich heute anders an.“

Ich schluckte schwer. Ich kämpfte darum, meine Stimme ruhig zu halten. „Ich bin derselbe.“

Eine Pause. Rolands Ausdruck schärfte sich. Als versuchte er etwas zu verstehen, das nicht ganz Sinn ergab.

Etwas in mir verschob sich. Ich spürte seine Gegenwart wie einen Zug, den ich nicht erklären konnte.

Roland sah schließlich weg. Es schien echte Anstrengung zu kosten. „Wir werden uns wiedersehen.“

Er fuhr an mir vorbei.

Ich blieb reglos auf dem Eis stehen. Mein Herz raste nicht, wie es beim Treffen eines Feindes sollte. Es fühlte sich an, als hätte etwas in mir ihn bereits akzeptiert. Auch wenn ich nicht vollständig verstand, warum.

Ich drehte den Kopf leicht. Ich sah zu, wie Roland über die Bahn verschwand.

Und zum ersten Mal, seit ich Luciens Leben betreten hatte, wurde ein Gedanke kristallklar.

Das war nicht mehr nur Vortäuschen.

Roland Hayes wusste möglicherweise bereits genau, wer ich wirklich war.

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