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Kapitel 5. Die Akte

Author: Aria Stark
last update publish date: 2026-06-27 22:30:55

DAMIAN

Der Ordner lag zwischen uns wie eine geladene Waffe.

Celine konnte nicht aufhören, ihn anzustarren. Dick. Schwer. Gefüllt mit genug Beweisen, um Ethan Vance zu zerstören. Um den Ruf seines Vaters zu zerstören. Um alles zu zerstören, was er auf Lügen aufgebaut hatte.

Ihre Hände zitterten immer noch von der Nachricht. „Ich weiß alles, Celine. Deine Mutter. Dein Stipendium. Harlow. Du kannst dich nicht vor mir verstecken. Wir sehen uns bald. —E“

Die Worte hatten sich in ihre Netzhaut eingebrannt. Sie hatte sie sechsmal gelesen. Sieben. Acht. Jedes Mal schnitten sie tiefer.

„Er weiß es“, wiederholte sie. „Er weiß über meine Mutter Bescheid. Über Harlow. Über alles.“

Ich stand neben ihr. Mein Kiefer war angespannt. Meine Hände zu Fäusten geballt an meinen Seiten. „Wie? Wie konnte er es nur wissen?“

Sie schüttelte den Kopf. „Ich weiß es nicht. Vielleicht hat er die Briefe gefunden. Vielleicht hat er mich beobachtet. Vielleicht hat Harlow es ihm gesagt.“

„Harlow würde es ihm nicht sagen. Ethan ist nur ein Bauer. Ein Werkzeug. Harlow würde es nicht riskieren, sich selbst zu entlarven.“

„Wie dann?“

Ich war einen langen Moment still. Meine Augen waren dunkel. Berechnend.

„Vielleicht weiß er nicht alles“, sagte ich langsam. „Vielleicht blufft er. Versucht, dir Angst zu machen.“

Celine hielt das Handy hoch. „Das klingt nicht nach Bluff.“

„Dann finden wir es heraus.“ Ich nahm ihr das Handy aus der Hand. Meine Finger streiften ihre. Warm und ruhig. „Wir finden genau heraus, was er weiß, und dann zerstören wir ihn, bevor er es benutzen kann.“

Sie sah mich an. Ich war vor drei Tagen ein Fremder. Ich hatte sie im Dunkeln gehalten und ihren Test vermasselt. Ich hatte sie geküsst, als wäre sie Sauerstoff.

„Glaubst du wirklich, dass wir ihn schlagen können?“, fragte sie. „Sie beide schlagen? Harlow zieht seit elf Jahren die Fäden. Er ist mächtig. Einflussreich. Er kontrolliert meine Familie seit einem Jahrzehnt.“

Ich trat näher. Meine Hände umfassten ihr Gesicht. Meine Daumen strichen über ihre Wangenknochen.

„Ich weiß“, sagte ich. „Und ich weiß, dass ich kein Recht habe, dich zu bitten, mir zu vertrauen. Ich habe dich in diesem Hotelzimmer zurückgelassen. Ich habe deinen Test vermasselt. Ich habe dich weggeschoben.“

„Du hattest deine Gründe.“

„Ich hatte Ausreden.“ Meine Stimme war rau. „Ich hatte Angst. Ich habe immer Angst. Ich bin mein ganzes Leben vor allem davongelaufen. Vor Marcus Webb. Vor meiner Tochter. Vor meiner Ex-Frau. Vor der Schuld, die mir überallhin folgt.“

Celine wich nicht zurück. Sie ließ mich sie halten.

„Aber ich bin fertig mit Weglaufen“, fuhr ich fort. „Ich bin fertig damit, ein Feigling zu sein. Ich bin fertig damit, Angst mich kontrollieren zu lassen.“

„Was wirst du dann tun?“

Ich sah in ihre brennenden Augen. „Ich werde kämpfen. Ich werde für dich kämpfen. Für uns. Für was auch immer das ist.“

„Was auch immer das ist?“ Sie zog eine Augenbraue hoch. „Du weißt nicht, was das ist?“

„Ich weiß, dass ich nicht aufhören konnte, an dich zu denken“, gab ich zu. „Ich weiß, dass ich mich noch nie so für jemanden gefühlt habe. Ich wusste, dass der Gedanke, dich zu verlieren, mich mehr erschreckte als alles andere auf dieser Welt.“

Die Worte trafen sie wie eine Welle. Ihre Mauern bröckelten. Die Mauern, die sie gebaut hatte, nachdem ihr Vater gegangen war. Nachdem Ethan sie verraten hatte. Nachdem jeder, der versprach zu bleiben, und dann wegging.

„Ich habe auch Angst“, flüsterte sie. „Ich habe Angst, dir zu vertrauen. Ich habe Angst, wieder verletzt zu werden.“

„Ich weiß.“

„Aber ich habe mehr Angst davor, es nicht zu versuchen.“ Sie sah mir in die Augen. „Ich habe mehr Angst davor, mich zu fragen, was hätte sein können.“

Ich küsste sie sanft und zärtlich. Voller Versprechen. Für einen Moment stand die Welt still. Es gab keinen Ethan. Keinen Harlow. Keine Erpressung. Nur ihre Lippen auf meinen und ihre Hände in meinem Haar und den Klang unserer Herzen, die zusammen schlugen.

Dann zerbrach der Moment.

Sie zog sich zurück. „Wir müssen uns konzentrieren. Wir brauchen einen Plan.“

Ich nickte. Ich ging zu meinem Schreibtisch und öffnete den Ordner.

„Ethan hat seit dem ersten Jahr geschummelt“, sagte ich. „Ich habe Beweise. Prüfungsarbeiten. Entwürfe der Abschlussarbeit. Zahlungsnachweise. Er hat jemanden dafür bezahlt, seine gesamte Abschlussarbeit zu schreiben.“

Celine nahm eines der Dokuments. Es war eine E-Mail. Ethan an einen Ghostwriter. Explizite Anweisungen. Zahlungsdetails.

„Das reicht, um ihn zu exmatrikulieren.“

„Reicht, um ihm die Zulassung zu entziehen. Wenn er es überhaupt bis zur Jurafakultät schafft.“

„Und das Glücksspiel?“

Ich zog ein weiteres Dokument hervor. Kontoauszüge. Große Abhebungen. Späte Zahlungen. Darlehensverträge.

„Er steckt in Schulden. Tief. Er hat von den Konten seines Vaters gestohlen, um sie zu decken.“

„Sein Vater. Der Bundesrichter.“

„Genau. Stell dir vor, was passiert, wenn die Presse davon erfährt. Der Sohn eines Bundesrichters. Schummeln. Stehlen. Glücksspiel. Das würde den Namen Sterling zerstören.“

Celine sah auf die Dokumente. Die Beweise. Die Munition.

„Das ist eine nukleare Option“, sagte sie. „Wenn wir das benutzen, erklären wir den Krieg.“

„Er hat bereits den Krieg erklärt.“ Meine Stimme war kalt. „Er hat dich bedroht. Er hat deine Mutter bedroht. Er hat alles bedroht, wofür du gearbeitet hast.“

Sie schloss den Ordner. Ihre Hände waren jetzt ruhig und sicher.

„Dann schlagen wir zurück.“

„Okay“, sagte sie. „Aber wir brauchen mehr. Wir brauchen Beweise. Wir brauchen etwas, das Harlow direkt mit dem medizinischen Betrug in Verbindung bringt.“

Sie zog wieder ihr Handy heraus. Scrollte zu den Fotos. Den Briefen. Den Drohungen. Der Erpressung.

„Das sind die Briefe, die meine Mutter aufbewahrt hat“, sagte sie. „Aber sie reichen nicht. Sie beweisen, dass Harlow sie bedroht hat. Sie beweisen nicht, warum.“

„Weißt du, wo sie die Originale aufbewahrt hat?“

„Die Original-Krankenakten?“ Sie schüttelte den Kopf. „Sie sagte mir, sie habe sie versteckt. Aber sie hat mir nie gesagt, wo. Sie sagte, es sei sicherer, wenn ich es nicht wüsste.“

Ich runzelte die Stirn. „Sicherer? Oder gefährlicher?“

„Ich weiß es nicht. Sie hat versucht, mich zu beschützen.“

„Vor Harlow. Vor der Wahrheit.“

„Vor allem.“ Sie sah mich an. „Meine Mutter hat dieses Geheimnis seit elf Jahren mit sich herumgetragen. Elf Jahre Erpressung. Elf Jahre Angst und sie hat das alles getan, um mich zu beschützen.“

Ich war einen Moment still. Dann sprach ich.

„Dann müssen wir ihr einen Grund geben, uns zu vertrauen. Wir müssen ihr zeigen, dass wir kämpfen können. Wir müssen ihr zeigen, dass wir gewinnen können.“

„Wie?“

Ich sah sie an. Meine Augen brannten.

„Indem wir einen Fall aufbauen. Einen echten Fall. Mit Beweisen. Mit Zeugen. Mit allem, was wir brauchen, um Harlow ein für alle Mal zu zerstören.“

Celines Augen weiteten sich. „Die Ashford-Mädchen.“

„Was?“

„Quinn. Margo. Priya.“ Sie griff nach ihrem Handy. „Sie haben Ethan seit Jahren beobachtet. Sie wissen Dinge. Sie haben Beweise. Screenshots. Bar-Aufnahmen. Alles.“

Ich zog eine Augenbraue hoch. „Die Mädchen, die dich mobben?“

„Sie werden mich nicht mehr mobben.“ Sie sah mich an. „Ich habe Quinn einmal geholfen. Als ihr Vater verhaftet wurde. Ich habe ihr einen Anwalt besorgt. Sie schuldete mir etwas.“

„Glaubst du, sie wird helfen?“

„Ich glaube, sie hasst Ethan mehr als sie mich hasst.“

Ich nickte langsam. „Dann ruf sie an. Ruf sie alle an. Wir brauchen jede Hilfe, die wir bekommen können.“

Sie wählte Quinns Nummer. Ihr Herz pochte. Es klingelte einmal. Zweimal. Dreimal.

Quinn ging beim vierten Klingeln ran. „Vale? Warum rufst du mich an?“

Celine holte tief Luft. „Ich brauche deine Hilfe.“

Eine Pause. „Wobei?“

„Ethan. Harlow. Alles.“

Noch eine Pause. Diesmal länger.

„Ich bin in zehn Minuten da“, sagte Quinn.

Und dann legte sie auf. Celine sah mich an. Ihre Hände zitterten.

„Sie kommt.“

Ich nahm ihre Hand und drückte sie.

„Dann kämpfen wir“, sagte ich. „Zusammen.“

Wir atmeten einen Moment und dann fühlte sich die Stille wie Hoffnung an. Dann hallten Schritte im Flur wider, sie waren gemessen und bedacht. Die Tür öffnete sich. Dekan Harlow stand im Türrahmen. Sein Lächeln war kalt.

„Ich hatte gehofft, du würdest das sagen.“

Celines Herz blieb stehen. Er hatte alles gehört. Den Anruf, den Plan, die Allianz. Er wusste alles.

Und er lächelte.

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