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Kapitel 2 – Der Morgen danach

last update publish date: 2026-10-14 04:04:44

Bella wachte auf, weil ihr Handy vibrierte.

Es war noch dunkel im Zimmer. Nur das schwache Licht von draußen fiel durch die Vorhänge. Luca lag neben ihr, auf dem Bauch, ein Arm unter dem Kissen. Die Decke war bis zu seinen Hüften gerutscht. Narben. Mehrere. Eine besonders lange zog sich über seinen Rücken.

Sie starrte einen Moment darauf.

Dann griff sie nach dem Handy.

Papa: Wo bist du?

Drei Nachrichten. Die letzte vor zwanzig Minuten.

Bella setzte sich langsam auf. Der Körper tat weh. Angenehm und gleichzeitig falsch. Sie schob die Haare aus dem Gesicht und tippte eine Antwort.

Unterwegs. Bin gleich da.

Lüge.

Sie stand auf und suchte ihre Sachen. Das Kleid lag zerknüllt auf dem Boden. Die Spitze war zerrissen. Sie zog sich trotzdem an. Luca bewegte sich hinter ihr.

„Gehst du schon?“ Seine Stimme war rau vom Schlaf.

„Muss.“

Er drehte sich auf den Rücken und sah sie an. Kein Lächeln. Nur dieser direkte Blick.

„Wann seh ich dich wieder?“

Bella blieb mit dem Reißverschluss in der Hand stehen. „Das ist dumm.“

„Ja.“

„Wir sollten das lassen.“

„Ja.“

Keiner von beiden glaubte daran.

Luca setzte sich auf, griff nach seinem Handy und tippte etwas. Dann hielt er es ihr hin. Eine Nummer.

„Speicher das. Nicht unter meinem Namen.“

Bella nahm das Handy und speicherte die Nummer unter „L“. Mehr nicht.

Sie ging zur Tür. Als sie den Griff berührte, sagte er hinter ihr:

„Bella.“

Sie drehte sich um.

„Pass auf dich auf.“

Mehr sagte er nicht. Sie nickte kurz und ging raus.

Draußen war der Regen vorbei. Die Straßen glänzten noch. Bella nahm ein Taxi. Auf dem Rücksitz starrte sie aus dem Fenster und versuchte, normal zu atmen.

Ihr Körper erinnerte sie an jede Stelle, die er berührt hatte.

Als das Taxi vor dem Haus in Brooklyn hielt, saß schon ein schwarzer Wagen vor der Einfahrt. Einer von den Männern ihres Vaters.

Sie zahlte und stieg aus.

Drinnen roch es nach Kaffee und Zigarren. Vincent Moretti saß am großen Tisch in der Küche. Noch in Hemd und Hose von gestern. Die Augen rot.

„Wo warst du?“

„Galerie. Danach noch mit einer Kundin was trinken.“

Er sah sie lange an. Bella hielt dem Blick stand. Sie hatte das schon oft gemacht. Lügen gehörten dazu.

„Nächstes Mal sagst du Bescheid.“

„Ja, Papa.“

Er nickte und drehte sich wieder zu seinen Unterlagen. Bella ging nach oben.

In ihrem Zimmer schloss sie die Tür ab, lehnte sich dagegen und schloss die Augen.

Scheiße.

Luca stand unter der Dusche und ließ das heiße Wasser über den Nacken laufen.

Er hatte keinen Schlaf mehr gefunden, nachdem sie gegangen war. Die Suite roch noch nach ihr. Nach Parfüm und Sex.

Er trocknete sich ab, zog frische Sachen an und fuhr zu seinem Onkel.

Don Carlo Romano wohnte in einer Penthouse-Wohnung mit Blick über den Central Park. Als Luca eintrat, saß der alte Mann schon am Fenster und rauchte.

„Du siehst aus wie Scheiße“, sagte Carlo ohne Begrüßung.

„Lange Nacht.“

„Arbeit?“

„Privatsache.“

Carlo drehte den Kopf. Die Augen waren immer noch scharf, trotz der siebzig Jahre. „Seit wann hast du Privatsachen, die dich so aussehen lassen?“

Luca zuckte mit den Schultern und schenkte sich Kaffee ein.

„Die Morettis werden unruhig“, sagte Carlo. „Vincent hat gestern zwei unserer Leute beobachten lassen. Irgendwas ist im Busch.“

Luca trank einen Schluck. Der Kaffee war zu heiß. „Ich kümmere mich drum.“

„Tu das.“ Carlo drehte sich wieder zum Fenster. „Und Luca… bleib sauber. Wir können uns keine Fehler leisten.“

Zu spät, dachte Luca.

Den ganzen Tag über schrieb Bella ihm nicht.

Luca auch nicht.

Abends lag sie auf dem Bett und starrte an die Decke. Das Handy lag neben ihr. Die Nummer „L“ war gespeichert.

Sie nahm es trotzdem nicht.

Um halb elf vibrierte es.

L: Bist du wach?

Bella starrte auf die Nachricht. Fünf Minuten lang. Dann tippte sie.

Ja.

Ich bin in der Nähe.

Sie setzte sich auf. Das Herz schlug sofort schneller.

Wo?

Drei Blocks von dir. Schwarzer Wagen.

Bella biss sich auf die Lippe. Das war riskant. Wahnsinnig riskant. Ihr Vater hatte Leute in der Gegend.

Trotzdem stand sie auf, zog eine Hose und einen Hoodie an und schlich sich raus.

Der Wagen stand in einer ruhigen Seitenstraße. Scheiben getönt. Als sie die Tür öffnete, saß Luca schon drin. Motor aus. Nur das schwache Licht vom Display.

Sie stieg ein und machte die Tür zu.

Für einen Moment sagten sie nichts.

Dann griff Luca nach ihrem Nacken und zog sie in einen Kuss. Hart. Hungrig. Als hätte er den ganzen Tag darauf gewartet. Bella erwiderte ihn sofort. Ihre Hände fuhren in sein Haar.

Als sie sich lösten, atmeten beide schwer.

„Das ist dumm“, flüsterte sie.

„Ich weiß.“

Er startete den Wagen und fuhr los. Nicht weit. Nur ein paar Straßen weiter, zu einem kleinen Apartment, das er unter einem anderen Namen gemietet hatte. Oben, Dachgeschoss, Hintereingang.

Drinnen roch es nach Holz und frischer Farbe. Kaum Möbel. Nur ein großes Bett, eine Couch, ein Kühlschrank.

Luca schloss ab und drehte sich zu ihr um.

„Komm her.“

Bella ging.

Diesmal war es langsamer. Immer noch intensiv, aber nicht so hektisch wie in der Nacht. Er zog ihr den Hoodie aus, dann das Top. Seine Hände waren warm. Bella öffnete sein Hemd und küsste die Narbe unter seinem Schlüsselbein.

„Woher hast du die?“ murmelte sie.

„Moretti-Leute. Vor drei Jahren.“

Sie hielt inne. Er sah sie an.

„Macht das was?“

Bella schüttelte den Kopf. „Nein.“

Sie zog ihn aufs Bett.

Diesmal nahm er sich Zeit. Er küsste jeden Zentimeter, ließ sie warten, bis sie ungeduldig wurde und an seinem Haar zog. Als er endlich in sie stieß, war es tief und kontrolliert. Bella biss ihm in die Schulter, um nicht zu laut zu sein.

Danach lagen sie nebeneinander und starrten an die Decke.

„Wie oft können wir das machen, bevor jemand was merkt?“ fragte Bella.

„Keine Ahnung.“ Luca drehte den Kopf zu ihr. „Aber ich hör nicht auf, bis jemand uns erwischt.“

Sie sagte nichts.

Irgendwann stand sie auf und zog sich an. Luca rauchte eine Zigarette am Fenster und sah zu, wie sie sich fertig machte.

„Nächstes Mal du“, sagte er. „Schreib mir, wann.“

Bella nickte. An der Tür blieb sie stehen.

„Luca.“

„Hm?“

„Wenn das schiefgeht…“

„Dann gehen wir zusammen unter.“ Er drückte die Zigarette aus. „Ich bereu es trotzdem nicht.“

Sie ging.

Zwei Tage später passierte der erste enge Moment.

Bella war in der Galerie. Eine Ausstellung wurde vorbereitet. Plötzlich stand einer von Lucas Leuten in der Tür – Matteo, ein junger Soldat der Romanos. Er tat so, als würde er sich für ein Bild interessieren.

Bella spürte sofort, dass etwas nicht stimmte.

Als er an ihr vorbeiging, murmelte er nur: „Er sagt, du sollst heute Abend nicht rausgehen. Irgendwas ist im Busch.“

Dann war er weg.

Bella ging auf die Toilette und schrieb Luca.

Was ist los?

Die Antwort kam sofort.

Dein Vater trifft sich mit jemandem. Wir wissen noch nicht mit wem. Bleib heute drin.

Sie starrte auf die Nachricht.

Später am Abend saß sie im Wohnzimmer, als ihr Vater nach Hause kam. Vincent Moretti sah müde aus. Er küsste sie auf die Stirn und ging direkt in sein Büro.

Bella wartete zehn Minuten, dann schlich sie sich den Flur entlang. Die Tür war einen Spalt offen.

„…die Romanos werden nervös“, hörte sie ihren Vater sagen. „Carlo schickt schon wieder Leute in unsere Gegend. Ich will wissen, warum.“

Eine andere Stimme antwortete. Einer seiner Capos. „Wir haben einen Informanten. Der sagt, Luca Romano hat seit ein paar Tagen ein Privatleben. Ungewöhnlich für den.“

Bella fror.

„Findet raus, mit wem“, sagte Vincent ruhig. „Und wenn es wichtig ist, bringt es mir.“

Sie ging leise zurück in ihr Zimmer und schloss die Tür ab.

Das Handy vibrierte.

L: Alles okay?

Bella tippte mit zitternden Fingern.

Mein Vater hat angefangen, nach dir zu fragen. Nach deinem Privatleben.

Lange keine Antwort.

Dann:

Komm nicht raus. Ich kümmere mich drum.

Bella legte das Handy weg und legte sich aufs Bett. Das Herz schlug zu schnell.

Sie wusste, dass das hier nicht gut enden würde.

Trotzdem dachte sie nur an den nächsten Moment, in dem sie ihn wiedersehen würde.

Drei Nächte später trafen sie sich wieder.

Diesmal in dem kleinen Apartment. Bella kam über den Hintereingang. Luca wartete schon. Sobald die Tür zu war, hatte er sie gegen die Wand gedrückt und küsste sie, als hätte er Angst, sie zu verlieren.

„Ich hab die ganze Zeit an dich gedacht“, murmelte er gegen ihren Mund.

„Ich auch.“

Sie schafften es kaum bis zum Bett. Die Kleidung landete überall. Diesmal war es härter, fast wütend. Als ob beide wussten, dass die Zeit weglief.

Danach lag Bella auf seiner Brust und hörte seinen Herzschlag.

„Sie wissen, dass du was verheimlichst“, sagte sie leise.

„Ich weiß.“

„Und trotzdem machst du weiter.“

Luca strich über ihren Rücken. „Ja.“

„Warum?“

Er brauchte einen Moment. „Weil ich zum ersten Mal seit Jahren was will, das nicht mit Macht oder Blut zu tun hat. Und das bist du.“

Bella schloss die Augen.

Draußen fuhr irgendwo ein Auto vorbei. Irgendwo in der Stadt suchten schon Leute nach Antworten.

Und hier, in diesem kleinen Apartment, taten zwei Menschen so, als hätten sie noch Zeit.

Obwohl beide wussten, dass sie keine mehr hatten.

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