LOGINBella blieb drei Tage allein in dem Apartment in Queens.
Am ersten Tag hat sie fast nichts gemacht. Sie hat auf dem Bett gelegen, das Handy in der Hand, und auf eine Nachricht von Luca gewartet. Es kam keine. Nur die Stille und ab und zu das Geräusch von Autos draußen.
Am zweiten Tag wurde sie unruhig. Sie ist aufgestanden, hat die Wohnung abgesucht, den Kühlschrank geöffnet. Drinnen war fast nichts. Nur Wasser, ein paar Riegel und eine Flasche Whiskey. Sie hat einen Riegel gegessen und den Rest des Tages am Fenster gesessen. Das Handy lag neben ihr. Immer noch nichts.
Abends hat sie ihm geschrieben.
Lebst du noch?
Keine Antwort.
Sie hat die Nachricht gelöscht und sich wieder hingelegt.
Am dritten Tag konnte sie es nicht mehr aushalten. Sie hat geduscht, sich angezogen und ist rausgegangen. Nur kurz. Nur um Luft zu holen. Sie ist zwei Blocks gelaufen, hat sich einen Kaffee geholt und ist sofort wieder zurück. Das Gefühl, beobachtet zu werden, ließ sie nicht los.
Als sie die Tür aufschloss, saß Luca schon auf der Couch.
Er sah aus wie Scheiße. Dunkle Schatten unter den Augen, ein Schnitt an der Lippe, die Haare ungeordnet. Aber er war da.
Bella blieb in der Tür stehen.
„Du hast nicht geschrieben“, sagte sie.
„Konnte nicht.“ Er stand auf. „Dein Vater hat die Suche hochgefahren. Ich musste mich tief legen.“
Sie machte die Tür zu und lehnte sich dagegen. „Und jetzt?“
„Jetzt bin ich hier.“
Er kam auf sie zu. Bella hob die Hand und berührte die Stelle an seiner Lippe. „Was ist passiert?“
„Einer von euren Leuten ist mir zu nah gekommen. Ich musste ihn ausschalten.“
Sie ließ die Hand sinken. „Tot?“
„Ja.“
Einen Moment lang sagten sie nichts. Dann griff Luca nach ihrem Nacken und zog sie in einen Kuss. Es war nicht zärtlich. Es war hungrig und ein bisschen verzweifelt. Bella erwiderte ihn sofort. Ihre Hände fuhren unter sein Shirt. Seine Haut war heiß.
Sie schafften es diesmal nur bis zur Wand. Luca drückte sie dagegen, zog ihr den Hoodie aus und küsste ihren Hals. Bella öffnete seinen Gürtel. Es ging schnell. Fast zu schnell. Als er in sie stieß, biss sie ihm in die Schulter, um nicht zu schreien.
Danach blieben sie stehen, die Stirn aneinander, der Atem schwer.
„Ich hasse diese drei Tage“, murmelte Bella.
„Ich auch.“
Er nahm ihr Gesicht in beide Hände. „Wir können so nicht weitermachen. Sie kommen näher.“
„Ich weiß.“
„Dein Vater will mich lebend. Er will den Namen der Frau. Wenn sie dich finden…“
„Dann finden sie mich.“ Bella sah ihn an. „Ich lauf nicht weg, Luca.“
Er schloss kurz die Augen. Dann nickte er.
Sie setzten sich auf die Couch. Luca zündete sich eine Zigarette an. Bella nahm ihm die Zigarette ab, nahm einen Zug und gab sie zurück.
„Was ist in den drei Tagen passiert?“ fragte sie.
Luca blies den Rauch aus. „Dein Vater hat zwei weitere Informanten ausgeschaltet. Einer davon war einer von uns. Carlo ist wütend. Er will zurückschlagen. Richtig zurückschlagen.“
„Krieg?“
„Sieht so aus.“
Bella starrte auf den Boden. „Und wir mittendrin.“
„Ja.“
Eine Weile war es still. Nur der Rauch und ihr Atem.
„Ich will dich nicht verlieren“, sagte Bella irgendwann.
Luca drehte den Kopf. „Du wirst mich nicht verlieren.“
„Du kannst das nicht versprechen.“
„Doch.“ Er drückte die Zigarette aus. „Ich verspreche es trotzdem.“
Sie lehnte sich an ihn. Sein Arm legte sich um ihre Schultern. Für einen Moment fühlte es sich fast normal an. Fast sicher.
Dann vibrierte Lucas Handy.
Er sah auf die Nachricht und sein Gesicht veränderte sich.
„Was ist?“
„Matteo. Dein Vater hat das Apartment in Brooklyn durchsucht. Sie haben Spuren gefunden. Haare. DNA. Sie schicken es ins Labor.“
Bella spürte, wie kalt es ihr den Rücken runterlief. „Meine DNA.“
„Ja.“
Sie stand auf. „Wie lange dauert so was?“
„Ein paar Tage. Vielleicht weniger, wenn sie Druck machen.“
Luca stand ebenfalls auf. „Wir müssen die Stadt verlassen. Für eine Weile.“
„Und einfach abhauen?“
„Ja. Bevor sie den Treffer haben.“
Bella ging zum Fenster und sah raus. Die Straße war ruhig. Zu ruhig.
„Wohin?“
„Ich habe ein Haus upstate. Unter anderem Namen. Niemand weiß davon. Nicht mal Carlo.“
Sie drehte sich um. „Und die Familien?“
„Die Familien können uns beide umbringen, wenn sie wollen. Aber wenn wir hierbleiben, passiert das sicher.“
Bella biss sich auf die Lippe. Dann nickte sie.
„Wann fahren wir?“
„Heute Nacht.“
Sie haben den Rest des Tages gepackt. Nicht viel. Nur das Nötigste. Bella hatte sowieso fast nichts dabei. Luca hatte in dem Apartment eine Tasche mit Kleidung und Bargeld versteckt. Er holte sie hervor und legte sie aufs Bett.
Gegen Mitternacht verließen sie das Gebäude über den Hintereingang. Der Wagen stand zwei Straßen weiter. Luca fuhr. Bella saß neben ihm und starrte aus dem Fenster, während die Lichter der Stadt hinter ihnen kleiner wurden.
Sie sprachen kaum. Nur ab und zu ein Satz.
„Hast du Hunger?“
„Nein.“
„Schlaf, wenn du kannst.“
„Kann ich nicht.“
Nach zwei Stunden hielt Luca an einer Tankstelle. Er tankte, kaufte Kaffee und etwas zu essen und kam zurück. Bella nahm den Kaffee, trank einen Schluck und verzog das Gesicht.
„Zu süß.“
„Besser als nichts.“
Sie fuhren weiter. Die Straßen wurden dunkler. Weniger Autos. Irgendwann hörte der Regen wieder an zu tropfen.
Gegen vier Uhr morgens bogen sie auf eine unbefestigte Straße ab. Nach weiteren zwanzig Minuten standen sie vor einem kleinen Haus. Holz. Dunkel. Keine Nachbarn in Sicht.
Luca stellte den Wagen ab und sah sie an.
„Willkommen in unserem Versteck.“
Bella stieg aus. Die Luft roch nach Wald und nasser Erde. Luca schloss die Tür auf und ließ sie zuerst reingehen. Drinnen war es kalt, aber sauber. Ein großes Wohnzimmer, eine Küche, zwei Schlafzimmer. Einfach. Funktional.
Luca warf die Tasche auf den Boden und schloss die Tür ab.
„Wir bleiben hier, bis die DNA-Sache durch ist. Oder bis wir einen Plan haben.“
Bella setzte sich auf die Couch. Die Polster knirschten.
„Und wenn sie uns finden?“
„Dann kämpfen wir.“
Er setzte sich neben sie. Eine Weile saßen sie einfach nur da. Dann drehte Bella den Kopf und küsste ihn. Diesmal langsamer. Weniger verzweifelt. Als hätten sie plötzlich Zeit.
Luca zog sie auf seinen Schoß. Seine Hände glitten unter ihr Shirt. Bella öffnete sein. Die Kleidung landete Stück für Stück auf dem Boden. Diesmal nahmen sie sich Zeit. Auf der Couch. Dann auf dem Weg zum Schlafzimmer. Dann im Bett.
Als sie fertig waren, lag Bella auf seiner Brust und hörte seinen Herzschlag.
„Glaubst du, wir schaffen das?“ fragte sie leise.
Luca strich über ihren Rücken. „Ich weiß es nicht. Aber ich hör nicht auf, es zu versuchen.“
Draußen wurde es langsam hell. Irgendwo rief ein Vogel.
Bella schloss die Augen.
Zum ersten Mal seit Tagen schlief sie ein, ohne Angst zu haben, dass jemand die Tür eintreten würde.
Aber die Angst war nur verschoben.
Nicht weg.
Am nächsten Morgen wachte sie allein auf. Das Bett war noch warm. Aus der Küche kam der Geruch von Kaffee. Bella stand auf, zog eines von Lucas Shirts über und ging raus.
Luca stand am Herd und machte Eier. Er trug nur eine Jogginghose. Die Narben auf seinem Rücken waren im Morgenlicht deutlich zu sehen.
„Guten Morgen“, sagte er, ohne sich umzudrehen.
„Morgen.“
Sie setzte sich an den kleinen Tisch. Luca stellte ihr einen Teller hin und setzte sich gegenüber.
„Ich habe mit Matteo gesprochen“, sagte er nach einer Weile. „Die DNA-Ergebnisse kommen früher als gedacht. Vielleicht schon morgen.“
Bella legte die Gabel hin. „Und dann?“
„Dann wissen sie, dass es eine Moretti ist. Und dann wird die Jagd richtig anfangen.“
Sie starrte auf den Teller. „Wir können nicht für immer hierbleiben.“
„Nein.“
„Also was machen wir?“
Luca lehnte sich zurück. „Wir haben zwei Möglichkeiten. Entweder wir stellen uns und versuchen, die Familien dazu zu bringen, den Krieg zu beenden. Oder wir verschwinden komplett. Neue Namen. Neues Land. Alles.“
Bella sah ihn an. „Willst du das? Alles hinter dir lassen?“
„Mit dir? Ja. Ohne dich? Nein.“
Die Worte hingen zwischen ihnen.
Bella stand auf, ging um den Tisch und setzte sich auf seinen Schoß. Sie nahm sein Gesicht in beide Hände.
„Dann finden wir einen Weg. Egal welchen.“
Luca küsste sie. Langsam. Fest.
Draußen fing es wieder an zu regnen.
Und irgendwo in der Stadt warteten zwei Familien darauf, die Wahrheit zu erfahren.
Die zwei Toten vom letzten Abend lagen wie Blei in der Luft.Bella saß am Küchentisch und starrte auf die kalte Tasse Kaffee. Luca stand am Fenster und rauchte. Die vierte Zigarette seit dem Aufstehen. Der Rauch zog in dünnen Schwaden durch den Spalt der Tür.„Einer von uns. Einer von euch“, sagte er heiser. „Saubere Nummer. Keine Zeugen. Keine Spuren. Professionell.“„Rache für Enzo.“„Ja. Und die Dons tun so, als hätten sie damit nichts zu tun. Weil sie es vielleicht wirklich nicht tun. Die jungen Hunde handeln schon allein.“Bella rieb sich die Augen. Sie hatte kaum geschlafen. Jedes Mal, wenn ein Auto draußen vorbeifuhr, war sie hochgeschreckt.„Wie lange hält das noch?“„Keine Ahnung. Aber nicht bis zum Ende der drei Monate. Das spürt jeder.“Luca drückte die Zigarette aus und setzte sich ihr gegenüber. Seine Augen waren gerötet.„Raffaele und Salvatore wollen uns sehen. Heute Abend. Gleicher Ort wie letztes Mal.“Bella nickte. Mehr fiel ihr nicht ein.Das Lagerhaus am Dock roch
Das Begräbnis war vorbei.Die schwarzen Wagen rollten vom Friedhof. Die Männer gingen. Die Erde lag frisch auf Enzos Sarg. Bella und Luca fuhren zurück in das Haus am Stadtrand. Keiner von beiden sprach unterwegs. Die Anspannung hing noch in der Luft wie Rauch.Zuhause angekommen, zog Bella die Jacke aus und warf sie über einen Stuhl. Luca schloss die Tür ab und lehnte sich dagegen.„Es hat gehalten“, sagte er.„Für einen Tag.“„Ein Tag ist mehr als nichts.“Bella setzte sich aufs Bett und rieb sich das Gesicht. Die Augen brannten. Sie hatte die ganze Zeremonie über kaum geblinzelt. Jeder Blick, jede Bewegung, jedes Zucken in der Menge war eine mögliche Gefahr gewesen.Luca setzte sich neben sie. Seine Schulter berührte ihre.„Die jungen Soldaten haben das Gesicht verzogen“, sagte er. „Besonders bei uns. Die wollen Blut. Das Begräbnis hat sie nur wütender gemacht.“„Bei den Morettis genauso. Ich hab die Blicke gesehen.“Sie saßen eine Weile schweigend da. Draußen fuhr ein Auto vorbei.
Enzo war tot.Bella saß auf dem Küchenboden und starrte auf das Handy, als würde sich der Text noch ändern. Luca stand am Fenster und rauchte. Die dritte Zigarette hintereinander. Der Rauch zog unter dem Spalt der Tür nach draußen.„Offizielle Todesursache Herzinfarkt“, sagte er heiser. „Inoffiziell hat ihn jemand vergiftet. Jemand aus den eigenen Reihen.“„Carlo?“„Vielleicht. Oder einer der Jungen, die den Frieden hassen. Oder jemand, der will, dass der Krieg weitergeht.“Bella zog die Knie an die Brust. „Der Waffenstillstand ist noch keine sechs Wochen alt.“„Und schon bröckelt er.“Luca drückte die Zigarette im Waschbecken aus und setzte sich ihr gegenüber auf den Boden. Seine Augen waren gerötet.„Wir müssen mit Raffaele und Salvatore reden. Heute. Bevor einer von ihnen auch dran glaubt.“Bella nickte. Die Kehle war trocken.Raffaele antwortete erst nach drei Stunden.Kurze Nachricht. Treffen in zwei Stunden. Anderer Ort. Altes Lager hinter den Docks. Nur sie drei und Salvatore.
Die ersten Tage nach dem Treffen fühlten sich unreal an.Bella und Luca fuhren nicht zurück in eines der alten Verstecke. Stattdessen brachte Raffaele sie in ein kleines Haus am Stadtrand, das unter seinem Namen lief. Kein Luxus. Aber sicher genug. Zwei von seinen Männern blieben in der Nähe. Nicht als Bewacher. Als stille Beobachter.„Ihr seid unter Beobachtung“, hatte Raffaele gesagt, bevor er ging. „Von beiden Seiten. Macht nichts Dummes.“Jetzt saßen sie in der Küche des Hauses und tranken Kaffee, der zum ersten Mal seit Wochen nicht aus einer Dose kam.„Drei Monate“, sagte Bella in die Stille.„Drei Monate“, wiederholte Luca.Sie sahen sich an. Zum ersten Mal seit der Flucht lag keine unmittelbare Todesgefahr in der Luft. Nur die schwere, zähe Ungewissheit.Die erste Woche verlief seltsam ruhig.Keine Schüsse. Keine Nachrichten über neue Tote. Die Straßen, die vorher Kriegsgebiet gewesen waren, blieben still. Bella und Luca blieben größtenteils im Haus. Manchmal gingen sie abends
Die fünf Tage bis zum Treffen fühlten sich an wie fünf Jahre.Bella und Luca wechselten noch einmal den Ort. Ein kleines, heruntergekommenes Apartment am Rand von Queens. Dritter Stock. Hintereingang. Die Vorhänge blieben den ganzen Tag zu. Luca ging nur raus, wenn es absolut nötig war. Bella blieb drinnen und zählte die Stunden.Am ersten Tag schwiegen sie viel.Am zweiten Tag redeten sie über alles, was schiefgehen konnte.Am dritten Tag hörten sie auf zu reden und fingen an, sich festzuhalten.Am Morgen des dritten Tages saß Bella am Fenster und starrte auf die graue Straße. Luca kam hinter sie und legte die Arme um ihren Bauch.„Noch zwei Tage“, murmelte er gegen ihr Haar.„Zwei Tage, und dann entscheiden zwei alte Männer über unser Leben.“„Nein. Wir entscheiden mit. Wir sind am Tisch.“Bella drehte sich in seinen Armen um. „Und wenn sie Nein sagen?“„Dann kämpfen wir. Oder wir sterben. Aber wir sterben nicht auf den Knien.“Sie küsste ihn. Der Kuss war langsam und tief. Sie land
Die zwei Tage bis zum Treffen zogen sich wie Wochen.Bella und Luca blieben in dem kleinen Apartment im dritten Stock. Die Vorhänge blieben den ganzen Tag zugezogen. Luca ging nur raus, um die Umgebung zu prüfen und Essen zu holen. Bella blieb drinnen. Sie putzte die Waffen, die sie hatten. Sie übte, die Pistole schnell aus der Tasche zu ziehen. Sie starrte an die Wand und rechnete durch, wie viele Dinge schiefgehen konnten.Am Abend vor dem Treffen saßen sie auf dem Bett und aßen kalte Pasta aus Plastikschalen.„Die Capos heißen Enzo und Salvatore“, sagte Luca. „Enzo ist von uns. Alt. Hat zwei Söhne verloren. Salvatore ist von den Morettis. Dein Vater vertraut ihm nicht ganz, aber er hat Gewicht.“Bella nickte. „Und Raffaele bringt sie beide.“„Ja. Wenn niemand abspringt.“Sie stellten die Schalen beiseite. Luca legte sich zurück und zog sie mit. Der Sex war langsam und still. Als wollten sie die Nacht festhalten. Danach lag Bella mit dem Kopf auf seiner Brust und hörte den Herzschla







