LOGINIch erinnere mich noch genau an den Tag, an dem ich ihn zum ersten Mal sah.
Damals wusste ich noch nicht, dass dieser eine Augenblick mein gesamtes Leben verändern würde. Ich wusste nicht, dass sein Name eines Tages in meinen Träumen auftauchen würde. Ich wusste nicht, dass ich sein Lächeln gleichzeitig lieben und fürchten würde. Und vor allem wusste ich nicht, dass der Junge, der vor mir stand, eines Tages der Dämonenprinz von Noctharis sein würde. Damals war er für mich einfach nur ein Fremder. Ein seltsamer Fremder mit goldenen Augen. Aber bevor ich euch von ihm erzähle, sollte ich euch vielleicht erzählen, wer ich damals war. Mein Name ist Pifima. Ich bin eine F*e aus Elarion, dem Reich des Dämmerungs Volkes. Und obwohl ich mein ganzes Leben dort verbracht hatte, fühlte ich mich nie wirklich wie eine gewöhnliche F*e. Schon als kleines Kind hatte ich gespürt, dass etwas mit meiner Magie anders war. Andere Feen wussten sofort, welchem Element sie angehörten. Meine beste Freundin konnte beispielsweise kleine Flammen auf ihrer Handfläche entstehen lassen. Ihr Element war Feuer. Eine andere F*e aus meinem Dorf konnte Wasser aus der Luft ziehen. Mein eigener Bruder beherrschte den Wind. Bei mir war es anders. Meine Magie hatte keinen Namen. Zumindest kannte niemand einen. Wenn ich mich freute, begannen Blumen in meiner Nähe zu leuchten. Wenn ich wütend wurde, verdunkelte sich die Umgebung. Und wenn ich Angst bekam, geschah manchmal beides gleichzeitig. Licht und Schatten. Meine Eltern sagten mir immer, ich solle mich nicht davor fürchten. Doch ich wusste, dass sie selbst Angst hatten. Ich habe es in den Augen meiner Mutter gesehen. Nicht vor mir. Sondern vor dem, was ich sein könnte. Deshalb lernte ich schon früh, meine Gefühle zu verbergen. Ich lächelte, wenn ich traurig war. Ich schwieg, wenn ich wütend war. Und wenn meine Magie außer Kontrolle geriet, lief ich in den Wald. Der Wald war der einzige Ort, an dem ich mich wirklich frei fühlte. Dort fragte niemand, warum meine Magie manchmal violett leuchtete. Dort musste ich mich nicht erklären. Und genau dort begegnete ich ihm. An jenem Abend war der Himmel über Elarion in ein tiefes Orange und Violett getaucht. Die Sonne war bereits hinter den Bergen verschwunden, doch die Nacht hatte noch nicht begonnen. Die Dämmerung. Meine liebste Zeit des Tages. Ich saß auf einem alten Baumstamm und hielt eine kleine silberne Blüte in meinen Händen. »Du bist heute aber spät dran.« Ich blickte auf. Eine kleine F*e schwebte vor mir. »Ich weiß«, antwortete ich. »Du solltest längst zu Hause sein.« Ich seufzte. »Ich wollte noch ein bisschen bleiben.« Sie verschränkte die Arme. »Pifima, deine Mutter wird sich Sorgen machen.« »Sie macht sich immer Sorgen.« »Weil du ständig verschwindest.« Ich musste lächeln. »Vielleicht mag ich es einfach, wenn niemand weiß, wo ich bin.« Meine Freundin verdrehte die Augen. »Du bist wirklich unmöglich.« Sie verabschiedete sich schließlich und flog zurück Richtung Dorf. Ich blieb allein zurück. Zumindest dachte ich das. Ich stand auf und ging tiefer in den Wald. Die Luft wurde kühler. Die Geräusche des Feenreichs verschwanden langsam hinter mir. Kein Lachen mehr. Keine Stimmen. Nur der Wind, der durch die Blätter strich. Ich liebte diese Stille. Doch plötzlich blieb ich stehen. Etwas war anders. Ich spürte es. Eine fremde Präsenz. Dunkel. Kalt. Aber nicht böse. Ich sah mich um. »Hallo?« Keine Antwort. Ich ging vorsichtig weiter. Dann hörte ich Schritte. Mein Herz begann schneller zu schlagen. Ich legte eine Hand auf meine Brust. Die Magie in meinem Inneren begann zu reagieren. Ein schwaches violettes Licht erschien zwischen meinen Fingern. »Wer ist da?« Wieder keine Antwort. Dann trat jemand zwischen den Bäumen hervor. Ein Junge. Nein. Ein junger Mann. Er war größer als ich und trug schwarze Kleidung, die im schwachen Licht der Dämmerung fast mit den Schatten verschmolz. Sein braunes Haar war zerzaust, als hätte der Wind darin gespielt. Doch das Erste, was mir auffiel, waren seine Hörner. Dunkel. Groß. Unübersehbar. Ich erstarrte. Ein Dämon. Mein erster Gedanke war, wegzulaufen. Mein zweiter war, dass ich mich nicht bewegen konnte. Seine Augen trafen meine. Gold. So ungewöhnlich goldene Augen hatte ich noch nie gesehen. Er sah mich an. Lange. Dann hob er leicht eine Augenbraue. »Du hast keine Angst.« Ich schluckte. »Doch.« Sein Gesichtsausdruck veränderte sich. »Das sieht man dir nicht an.« »Vielleicht will ich es mir nicht anmerken lassen.« Ein kleines Lächeln erschien auf seinen Lippen. »Interessant.« Ich musterte ihn. »Was macht ein Dämon hier?« »Das könnte ich dich genauso fragen.« »Ich wohne hier.« »Ich nicht.« »Das ist mir aufgefallen.« Er lachte leise. Es war ein unerwartet warmes Lachen. Gar nicht so, wie ich es mir bei einem Dämon vorgestellt hatte. »Wie heißt du?«, fragte er. Ich zögerte. Warum wollte ich ihm meinen Namen sagen? Etwas in mir sagte, dass ich es nicht tun sollte. Doch etwas anderes war stärker. »Pifima.« Sein Blick wurde plötzlich ernst. »Pifima.« Er sprach meinen Namen so aus, als würde er ihn sich merken wollen. »Und du?« Für einen Moment schwieg er. Dann sagte er: »Tanor.« Nur Tanor. Damals wusste ich noch nicht, dass dieser Name in der gesamten magischen Welt gefürchtet war. Ich wusste nicht, dass er der Sohn des Dämonenkönigs war. Ich wusste nicht, dass ich gerade dem zukünftigen Herrscher von Noctharis gegenüberstand. Für mich war er einfach Tanor. Der fremde Junge aus dem Schatten. »Warum bist du hier?«, fragte ich. Er sah in Richtung der Bäume. »Ich wollte wissen, wie die Welt außerhalb meines Reiches aussieht.« »Und?« Er blickte wieder zu mir. »Sie ist schöner, als ich erwartet habe.« Ich lächelte. »Dann solltest du öfter herkommen.« »Vielleicht.« Er machte einen Schritt auf mich zu. Sofort spannte sich mein Körper an. Meine Magie reagierte. Die Schatten um uns herum bewegten sich. Gleichzeitig begannen die Blumen neben meinen Füßen zu leuchten. Tanor blieb stehen. Seine Augen wanderten zu den Blumen. Dann zu meinen Händen. »Du bist eine ungewöhnliche F*e.« Ich sah weg. »Das sagen viele.« »Was ist dein Element?« Ich schwieg. »Ich weiß es nicht.« Er sah mich überrascht an. »Du weißt es nicht?« »Meine Magie funktioniert anders.« Ich hob meine Hand. Ein kleiner Lichtfunke entstand. Darum herum sammelten sich Schatten. Licht und Dunkelheit tanzten miteinander. Tanor starrte darauf. »Das habe ich noch nie gesehen.« »Ich auch nicht.« Er trat näher. Diesmal wich ich nicht zurück. Seine Hand hob sich langsam. Er berührte den Schatten, der um meine Finger schwebte. In dem Moment durchströmte mich eine Wärme. Unsere Magie berührte sich. Und plötzlich sah ich etwas. Ein schwarzes Schloss. Flammen. Einen Thron. Eine Krone. Und Tanor. Allein. Ich riss meine Hand zurück. Das Bild verschwand. Tanor sah mich erschrocken an. »Was hast du gesehen?« Ich konnte nicht antworten. Denn in diesem Moment wusste ich etwas. Etwas, das ich eigentlich noch gar nicht wissen konnte. Dieser Junge würde mein Leben verändern. Und vielleicht würde ich sein Leben ebenso verändern. Weit entfernt schlug plötzlich eine Glocke. Ich zuckte zusammen. »Ich muss gehen.« Tanor nickte. Doch bevor ich mich umdrehen konnte, sagte er: »Pifima.« Ich blieb stehen. »Ja?« Seine goldenen Augen lagen auf mir. »Wirst du wiederkommen?« Ich sah ihn an. Und obwohl jede Vernunft mir sagte, dass ich Nein sagen sollte, lächelte ich. »Vielleicht.« Dann flog ich zurück nach Elarion. Ich wusste noch nicht, dass Tanor mich noch in derselben Nacht suchen würde. Ich wusste nicht, dass unser Treffen beobachtet worden war. Und ich wusste schon gar nicht, dass tief unter den ältesten Mauern von Elarion etwas erwachte. Etwas, das seit Millionen von Jahren geschlafen hatte. Etwas, das meinen Namen kannte. Pifima. Und während ich durch den Nachthimmel nach Hause flog, öffnete irgendwo im Schatten ein uraltes Wesen seine Augen. Unsere Begegnung hatte begonnen. Doch unsere Geschichte hatte bereits viel früher angefangen. Ich flog durch den dunkler werdenden Nachthimmel zurück nach Elarion. Der Wind peitschte mir durch die Haare und ließ den Stoff meines Kleides hinter mir flattern. Normalerweise liebte ich dieses Gefühl. Das Gefühl von Freiheit, wenn nichts zwischen mir und dem Himmel war. Wenn unter mir nur die endlosen Wälder, silbernen Flüsse und die schimmernden Lichter meiner Heimat lagen. Doch heute fühlte es sich anders an. Schwerer. Meine Gedanken kehrten immer wieder zu ihm zurück. Zu Tanor. Zu seinen goldenen Augen. Zu den Bildern, die ich gesehen habe. Ich wusste noch immer nicht, was genau geschehen war. Ich wusste nur, dass etwas in mir aufgewühlt worden war, seit meine Hand seine berührt hatte. Für einen kurzen Moment hatte es sich angefühlt, als hätte die Welt aufgehört zu existieren. Als hätte es nur uns beide gegeben. Und dann war da dieses Bild gewesen. Diese seltsame, unmögliche Vision. Ich schloss für einen Moment die Augen, während ich weiterflog. Sofort erschien sein Gesicht vor meinem inneren Auge. Ich öffnete die Augen wieder. »Hör auf, Pifima«, murmelte ich zu mir selbst. Doch mein Herz hörte nicht auf mich. Je näher ich Elarion kam, desto heller wurde der Himmel unter mir. Die Stadt lag auf einer gewaltigen Felsformation, umgeben von schimmernden Wasserfällen und uralten Bäumen. Die Türme des Königspalastes ragten hoch in den Himmel und spiegelten das Licht des Mondes wider. Elarion. Meine Heimat. Mein Zuhause. Eigentlich hätte ich erleichtert sein müssen. Doch kaum setzte ich zum Landeanflug an, spürte ich es. Etwas stimmte nicht. Auf den äußeren Mauern standen mehr Wachen als gewöhnlich. Fackeln brannten entlang der Türme, und mehrere Soldaten liefen über die Brücken, die zum Palast führten. Ich verlangsamte meinen Flug. Warum waren so viele Wachen unterwegs? War etwas passiert? Als ich schließlich auf dem Balkon meines Zimmers landete, hatte ich kaum Zeit, meine Flügel zu falten. Denn er wartete bereits dort. Mein Bruder. Er stand mit verschränkten Armen vor der geöffneten Balkontür. Und sein Gesicht sah alles andere als erfreut aus. Ich blieb stehen. »Du bist noch wach?« Keine Antwort. Er sah mich einfach nur an. Sein Blick wanderte von meinem Gesicht zu meinen zerzausten Haaren und schließlich zu meinen Kleidern, die noch immer vom Wind zerknittert waren. Dann hob er langsam eine Augenbraue. »Wo warst du?« Seine Stimme war ruhig. Zu ruhig. Ich schluckte. »Ich war unterwegs.« »Das sehe ich.« Ich versuchte zu lächeln. »Dann ist doch alles geklärt.« Er bewegte sich keinen Millimeter. »Pifima.« Ich kannte diesen Ton. Das war nicht mehr der Ton meines Bruders. Das war der Ton eines Prinzen. Ich seufzte und trat an ihm vorbei ins Zimmer. »Ich wollte nur ein wenig fliegen.« »Mitten in der Nacht?« »Ich konnte nicht schlafen.« »Und deshalb bist du verschwunden, ohne irgendjemandem Bescheid zu sagen?« Ich drehte mich zu ihm um. »Ich bin nicht verschwunden.« »Für drei Stunden warst du nicht auffindbar.« Ich erstarrte. Drei Stunden? So lange? Es hatte sich überhaupt nicht so angefühlt. Mein Bruder bemerkte meinen Gesichtsausdruck. »Was ist passiert?« Ich wich seinem Blick aus. »Nichts.« Er schwieg. Ich spürte seinen Blick auf mir. »Du lügst.« Mein Herz begann schneller zu schlagen. »Tue ich nicht.« »Du kannst mich schlecht anlügen.« Ich biss mir auf die Unterlippe. Er kannte mich zu gut. Schon als Kinder wusste er immer , wann ich etwas verheimlichte. Ich hatte nie verstanden, wie er das schaffte. Vielleicht lag es daran, dass er mein Bruder war. Vielleicht daran, dass er mich besser kannte als jeder andere. Oder vielleicht lag es daran, dass er genau wusste, wie gefährlich meine Neugier sein konnte. Er trat näher. »Hast du jemanden getroffen?« Ich hielt den Atem an. Tanor. Allein sein Name löste etwas in mir aus. Ich schüttelte den Kopf. »Nein.« Seine Augen verengten sich. »Pifima.« Ich drehte mich weg. »Ich sagte doch, dass nichts passiert ist.« »Dann sieh mich an und sag es noch einmal.« Langsam drehte ich mich wieder zu ihm. Unsere Blicke trafen sich. Für einen Moment sagte keiner von uns etwas. Dann fragte er leiser: »Hast du jemanden getroffen?« Ich wollte Nein sagen. Wirklich. Doch plötzlich hörte ich wieder seine Stimme. Wirst du wiederkommen? Und ohne es zu wollen, lächelte ich. Nur ganz leicht. Mein Bruder bemerkte es sofort. Sein Gesicht veränderte sich. »Oh nein.« Ich runzelte die Stirn. »Was?« »Du hast jemanden getroffen.« »Was? Nein!« »Du lächelst.« »Ich darf doch wohl lächeln.« »Nicht so.« Ich verschränkte die Arme. »Wie denn?« Er sah mich einige Sekunden lang an. »So, als wäre etwas passiert, von dem du selbst noch nicht weißt, was du davon halten sollst.« Mein Lächeln verschwand. Er hatte recht. Und genau das machte mir Angst. Mein Bruder bemerkte die Veränderung in meinem Gesicht. »Wer war es?« Ich schwieg. »Pifima.« Wieder dieser Ton. Ich setzte mich auf die Kante meines Bettes und sah aus dem Fenster. Der Mond stand inzwischen hoch über Elarion. »Ich habe jemanden kennengelernt«, sagte ich schließlich. Mein Bruder antwortete nicht sofort. »Wen?« Ich zögerte. »Sein Name ist Tanor.« Die Wirkung seines Namens war sofort zu erkennen. Mein Bruder wurde blass. Seine Augen weiteten sich. »Was hast du gesagt?« Ich sah ihn verwirrt an. »Tanor.« Er machte einen Schritt zurück. »Wo hast du ihn getroffen?« »Warum ist das so wichtig?« »Wo?« Seine Stimme war plötzlich schärfer. Ich stand auf. »Im Wald.« »Welchem Wald?« »Außerhalb der östlichen Grenze.« Er wurde vollkommen still. Dann ging er langsam zum Fenster und blickte hinaus. »Das kann nicht sein.« »Was kann nicht sein?« Er antwortete nicht. »Bruder.« Seine Hände ballten sich zu Fäusten. »Pifima, du darfst dich ihm nicht noch einmal nähern.« Ich starrte ihn an. »Warum?« Er drehte sich zu mir um. Sein Gesicht war jetzt nicht mehr wütend. Es war Angst. Echte Angst. Und plötzlich wusste ich, dass er mir etwas verschwieg. »Wer ist Tanor?«, fragte ich leise. Mein Bruder sah mich lange an. Dann sagte er: »Der Sohn dessen, vor dem Elarion seit Jahrhunderten Angst hat.« Mir lief ein kalter Schauer über den Rücken. »Der Dämonenkönig?« Er nickte langsam. »Und Tanor ist sein Prinz.« Ich spürte, wie mein Herz stehen blieb. Tanor. Der Junge mit den goldenen Augen. Derjenige, dessen Hand ich berührt hatte. Derjenige, der mich gefragt hatte, ob ich wiederkommen würde. Ein Dämonenprinz. Ich wich einen Schritt zurück. Doch tief in meinem Inneren regte sich etwas. Keine Angst. Nicht wirklich. Etwas anderes. Eine Stimme, die ich nicht hören konnte und trotzdem verstand. Du wirst ihn wiedersehen. Ich schloss die Augen. Und plötzlich war da wieder dieses Bild. Goldene Augen. Dunkle Haare. Eine ausgestreckte Hand. Und hinter ihm eine Welt, die ich nicht kannte. Ich riss die Augen auf. Mein Bruder stand noch immer vor mir. »Was ist los?« Ich schüttelte den Kopf. »Nichts.« Doch diesmal glaubte ich meine eigene Lüge nicht einmal mehr. Draußen schlug die große Glocke von Elarion. Einmal. Zweimal. Dreimal. Die Geräusche hielten durch die Nacht. Mein Bruder ging zur Tür. »Du bleibst hier.« »Was?« »Morgen werde ich mit Vater sprechen.« »Worüber?« Er sah mich an. »Über Tanor.« Dann verließ er mein Zimmer. Die Tür fiel hinter ihm ins Schloss. Ich blieb allein zurück. Langsam ging ich zum Fenster. Der Mond spiegelte sich in meinen Augen. Ich legte eine Hand auf meine Brust. Mein Herz schlug noch immer viel zu schnell. Tanor. Ich hätte Angst haben müssen. Vielleicht hatte ich das auch. Aber unter dieser Angst lag etwas anderes. Eine Gewissheit. Eine, die ich nicht erklären konnte. Ich würde ihn wiedersehen. Und irgendwo weit entfernt, jenseits der Grenzen von Elarion, wusste jemand bereits, dass ich nach Hause zurückgekehrt war. Jemand, der auf genau diesen Moment gewartet hatte. Denn während ich am Fenster stand und in den Nachthimmel blickte, bewegte sich tief unter dem Palast etwas. Ein kaum hörbares Knacken durchdrang die alten Steine. Staub rieselte von einer vergessenen Mauer. Und aus der Dunkelheit kam ein Flüstern. »Pifima...« Dann öffneten sich zwei uralte Augen. Tief unter dem Palast von Elarion. So tief, dass selbst das Licht der Sonne diesen Ort seit unzähligen Zeitaltern nicht mehr erreicht hatte. Ein kalter Wind strich durch die unterirdischen Gänge, obwohl es dort unten eigentlich keinen Wind geben durfte. Er bewegte den Staub, der sich über die alten Steinplatten gelegt hatte, und ließ die Flammen vergessener Fackeln aufflackern. Eine nach der anderen. Als würde etwas erwachen. Die erste Fackel entzündete sich von selbst. Dann die zweite. Dann die dritte. Ein schwaches, bläuliches Licht breitete sich durch den langen Gang aus. An den Wänden standen Zeichen. Älter als Elarion. Älter als die vier Reiche. Zeichen, deren Bedeutung längst aus den Büchern der Menschen verschwunden war. Doch nun begannen sie wieder zu leuchten. Ganz langsam. Ein silbernes Leuchten kroch durch die Rillen der alten Steine.mUnd dann ertönte eine Stimme. Tief. Rau. So alt, dass selbst die Mauern unter ihr zu erzittern schienen. »Sie ist zurück.« Stille. Dann ein leises Lachen. »Endlich.« In meinem Zimmer wusste ich davon nichts. Ich stand noch immer am Fenster. Mein Blick hing am Mond. Ich konnte nicht schlafen. Immer wieder dachte ich an die Worte meines Bruders. Der Sohn des Dämonenkönigs. Tanor. Allein der Gedanke an ihn ließ mein Herz schneller schlagen. Ich verstand mich selbst nicht mehr. Warum hatte ich ihn nicht gefürchtet? Warum hatte sich seine Nähe so vertraut angefühlt? Und warum hatte ich das Gefühl, ihn schon einmal gesehen zu haben? Nicht in einem Traum. Nicht in einer Erinnerung. Sondern irgendwo dazwischen. Ich setzte mich auf die Fensterbank und zog die Knie an meine Brust. »Wer bist du wirklich, Tanor?«, flüsterte ich. Der Wind bewegte die Vorhänge. Für einen Moment glaubte ich, eine Stimme zu hören. Ganz leise. Fast wie ein Flüstern direkt neben meinem Ohr. Pifima. Ich fuhr herum. Niemand. Mein Blick wanderte durch das Zimmer. Das Bett. Der Schreibtisch. Die Bücher. Der große Spiegel neben der Tür. Nichts. Ich atmete langsam aus. »Ich werde verrückt.« Doch dann fiel mein Blick auf den Spiegel. Ich erstarrte. Mein Spiegelbild sah mich an. Aber für einen winzigen Moment... ...war es nicht mein Spiegelbild. Hinter mir stand eine Gestalt. Eine Frau. Ihre langen schwarzen Haare schimmerten im Mondlicht. Ihr Kleid war dunkel und mit feinen goldenen Mustern verziert. Und ihre Augen... silver blau wie der Mond selbst . Ich drehte mich blitzartig um. Niemand. Mein Herz raste. Langsam sah ich wieder in den Spiegel. Nur ich. Nur mein eigenes Gesicht. »Was war das?« Ich berührte vorsichtig die Oberfläche des Spiegels. Eiskalt. Sofort schoss ein stechender Schmerz durch meinen Kopf. Ich zog meine Hand zurück. Bilder flackerten vor meinen Augen auf. Ein weißer Palast. Silberne Türme. Ein Meer aus Wolken. Eine goldene Sonne. Dann veränderte sich der Himmel. Er wurde schwarz. Etwas fiel vom Himmel. Feuer. Überall Feuer. Ich sah Menschen davonlaufen. Ich hörte Schreie. Und dann sah ich eine kleine Hand. Eine Kinderhand. Sie hielt eine weiße Blume. Eine Lilie. »Pifima.« Ich riss meine Hand vom Spiegel. Die Vision verschwand. Ich stolperte zurück und fiel auf mein Bett. Mein Atem ging schnell. Was geschah mit mir? Warum sah ich Dinge, die nicht existierten? Oder... waren sie vielleicht nie verschwunden? Ich schloss die Augen. »Wer bin ich?« Eine Frage, auf die ich keine Antwort hatte. Doch tief unter mir wusste jemand die Antwort längst. Zur selben Zeit stand mein Bruder im langen Korridor des Palastes. Er war nicht weit gekommen. Er lehnte mit dem Rücken an der Wand und hatte die Augen geschlossen. Seine Hände zitterten leicht. Er hatte mir nicht die ganze Wahrheit erzählt. Das wusste er. Aber er hatte keine andere Wahl gehabt. Noch nicht. Er öffnete langsam die Augen und sah zum Ende des Korridors. Dort stand mein Vater. Der König von Elarion. Sein Gesicht war ernst. »Du hast sie getroffen«, sagte mein Vater. Mein Bruder nickte. »Ja.« »Sie hat ihn gesehen?« »Ja.« Der König schwieg. Für einen Moment schien es, als hätte selbst er seine Fassung verloren. »Wie viel weiß sie?« »Noch nichts.« »Und Tanor?« Mein Bruder sah ihn an. »Er weiß ihren Namen.« Der König schloss die Augen. »Das darf nicht passieren.« »Es ist bereits passiert.« Stille. Dann ertönte tief unter ihnen ein Geräusch. Ein dumpfer Schlag. Beide Männer sahen gleichzeitig zum Boden. Noch einer. Bumm. Der Kronleuchter über ihnen begann leicht zu zittern. »Was war das?«, fragte mein Bruder. Der König antwortete nicht. Sein Gesicht war plötzlich kreidebleich. »Nein.« »Vater?« Ein weiterer Schlag. Diesmal so stark, dass feiner Staub von der Decke rieselte. Der König flüsterte: »Es ist erwacht.« Mein Bruder sah ihn erschrocken an. »Das ist unmöglich.« »Ich habe gehofft, dass es unmöglich wäre.« »Du meinst...« Der König nickte. »Das Wesen unter Elarion.« Mein Bruder wurde still. Jeder im Königshaus kannte die Legende. Eine Geschichte, die seit Generationen nur hinter verschlossenen Türen erzählt wurde. Eine Geschichte über etwas, das bereits existiert hatte, bevor die vier Reiche entstanden waren. Etwas, das nicht Mensch war. Nicht Dämon. Nicht Engel. Nicht einmal ein Wesen, das in die bekannte Welt gehörte. Etwas, das einst versiegelt worden war. Und der Grund für dieses Siegel war niemals niedergeschrieben worden. Nur ein Satz war überliefert worden. »Wenn es erwacht, wird die Welt sich daran erinnern, warum sie einst Angst hatte.« Für einen Moment sagte niemand etwas. Dann ertönte ein Geräusch. Tief. Dumpf. Es kam nicht aus dem Thronsaal. Es kam von weit unter ihnen. Der Boden vibrierte. Mein Bruder wich einen Schritt zurück. »Vater... was bedeutet das?« Der König sah ihn an. In seinen Augen lag etwas, das ich dort noch nie zuvor gesehen hatte. Angst. »Es bedeutet«, sagte er leise, »dass das Siegel gebrochen wird.« Ein weiterer Schlag erschütterte das Schloss. Diesmal sprangen mehrere Fenster aus ihren Rahmen. Draußen schrien die Wachen. Pferde wieherten panisch. Und irgendwo tief unter dem Palast begann etwas zu atmen. Einmal. Langsam. Schwer. Als würde ein Wesen nach Jahrhunderten zum ersten Mal wieder Luft holen. Mein Bruder starrte zur steinernen Wand. »Das kann nicht sein.« Der König schüttelte den Kopf. »Ich wünschte, du hättest recht.« Plötzlich flammten die magischen Kristalle im Thronsaal auf. Einer nach dem anderen. Sonnengold,Mitternachtsblau, Abendrot und reines weiß. Die Farben der vier Reiche. Die vier Kristalle schwebten über ihren Sockeln und tauchten den gesamten Thronsaal in ein unwirkliches Licht. Doch etwas stimmte nicht. Das Licht der Kristalle war nicht ruhig. Es flackerte. Zitterte. Als würden selbst die uralten Farben vor etwas Angst haben. Mein Bruder trat langsam näher. »Vater...« Der König antwortete nicht. Sein Blick lag auf dem weißen Kristall. Er leuchtete heller als die anderen.,Viel heller..So hell, dass ich instinktiv die Augen zusammenkneifen musste. »Warum reagiert der weiße Kristall?«, fragte mein Bruder. Der König blieb stumm. »Vater!«. Schließlich hob er den Blick. »Weil sie zurückgekehrt ist.« Mein Bruder erstarrte. »Wer?« Der König sah ihn an. »Du weißt, von wem ich spreche.« Mein Bruder schüttelte langsam den Kopf. »Nein.« »Doch.« »Das ist nur eine Legende.« Der König trat auf die Kristalle zu. »Nein. Es ist eine Erinnerung.« Ein weiterer Schlag ging durch den Palast. Diesmal bebte der Boden so stark, dass mein Bruder sich an einer Säule festhalten musste. Einige der Fackeln erloschen. Dann wurde es plötzlich still. Unnatürlich still. Der König sah zur Tür. »Alle Wachen sollen die unteren Ebenen versiegeln.« »Aber—« »Sofort!« Mein Bruder nickte und wollte sich gerade umdrehen, als der weiße Kristall plötzlich einen grellen Lichtstrahl aussandte. Er traf den Boden. Ein Kreis aus weißen Runen erschien auf den schwarzen Steinplatten. Mein Bruder blieb stehen. »Was ist das?« Der König trat langsam näher. Sein Gesicht verlor jede Farbe. »Das Siegel.« »Das Siegel?« »Es war nie unter dem Palast.« Mein Bruder sah ihn verständnislos an. »Was meinst du?« Der König deutete auf den leuchtenden Kreis. »Der Palast wurde über dem Siegel errichtet.« Mein Bruder starrte ihn an. »Ihr habt ihn also absichtlich hier gebaut?« »Unsere Vorfahren haben es getan.« »Warum?« Der König schwieg. Dann sagte er: »Damit niemand jemals vergisst, was darunter liegt.« Ein tiefes Grollen ertönte. Diesmal kam es nicht aus den Tiefen. Es kam aus dem Kristall. Der weiße Kristall begann Risse zu bekommen. »Nein«, flüsterte der König. Knack. Ein weiterer Riss zog sich durch seine Oberfläche. Mein Bruder wich zurück. »Er zerbricht.« »Nein.« Der König sah ihn an. »Er wird nicht zerbrechen.« »Was dann?« Der König antwortete mit leiser Stimme: »Er gibt etwas frei.« In diesem Moment erloschen die drei anderen Kristalle. Nur der weiße blieb. Sein Licht wurde schwächer. Immer schwächer. Bis nur noch ein kleiner Punkt übrig blieb. Dann verschwand auch dieser. Der Thronsaal lag vollkommen im Dunkeln. Für einige Sekunden geschah nichts. Dann... hörten sie es. Ein Herzschlag. Dumm. Mein Bruder hielt den Atem an. Dumm. Der zweite Herzschlag war stärker. DUMM. Die Wände erzitterten. Und beim vierten Schlag erschien unter dem weißen Kristall ein schwarzer Riss. Er kroch über den Boden. Langsam. Wie eine lebendige Ader. Mein Bruder zog sein Schwert. »Vater.« Der König sah auf den Riss. »Steck es weg.« »Was?« »Dein Schwert wird dir gegen dieses Wesen nichts nützen.« »Woher willst du das wissen?« Der König sah ihn an. »Weil bereits jemand versucht hat, es zu töten.« Mein Bruder wurde blass. »Wer?« »Der erste König von Elarion.« »Und?« Der König sah zum Boden. »Er hat verloren.« Stille. In meinem Zimmer öffnete ich wieder die Augen. Ich wusste nichts von dem Gespräch meines Bruders. Nichts von dem Wesen unter dem Palast. Nichts von der uralten Prophezeiung. Ich wusste nur, dass ich Tanor wiedersehen wollte. Dieser Gedanke erschreckte mich mehr als alles andere. Ich legte mich ins Bett und zog die Decke über mich. Doch Schlaf wollte nicht kommen. Immer wieder sah ich seine goldenen Augen. Immer wieder hörte ich seine Stimme. Wirst du wiederkommen? Ich drehte mich auf die Seite. »Vielleicht«, flüsterte ich. Dann schloss ich die Augen. Irgendwann übermannte mich die Müdigkeit. Doch kurz bevor ich einschlief, hörte ich etwas. Ein Flüstern. Ganz nah. Nicht aus dem Zimmer. Nicht aus dem Flur. Sondern aus meinem Inneren. Du bist nicht zurückgekehrt, Pifima. Ich öffnete die Augen. Mein Herz blieb stehen. Du bist nach Hause gekommen. Dann wurde alles schwarz. Weit entfernt von Elarion stand Tanor auf einer Klippe. Der Wind zog an seinem dunklen Mantel. Unter ihm erstreckte sich das Reich der Dämonen, verborgen zwischen schwarzen Bergen und einem Meer aus Nebel. Er blickte in Richtung Elarion. Seine goldenen Augen leuchteten in der Dunkelheit. Neben ihm erschien eine dunkle Gestalt. »Prinz Tanor.« Tanor antwortete nicht. »Wir sollten zurückkehren.« »Nein.« »Euer Vater erwartet Euch.« Tanor wandte den Blick nicht ab. »Dann soll er warten.« Die Gestalt zögerte. »Habt Ihr sie gefunden?« Tanor schwieg. Dann lächelte er. Zum ersten Mal seit langer Zeit. »Nein.« Die Gestalt runzelte die Stirn. »Nein?« Tanor sah hinauf zum Mond. »Sie hat mich gefunden.« Und irgendwo tief unter Elarion begann etwas zu lachen. Denn die Begegnung zwischen Pifima und Tanor war niemals ein Zufall gewesen. Sie war der erste Schritt einer Geschichte... Und während ich schlief, begann im Palast von Elarion ein Kampf, von dem ich nichts wusste. Während mein Atem ruhig wurde und ich mich immer tiefer in den Schlaf verlor, herrschte unter den ältesten Mauern des Königspalastes Chaos. Mein Vater stand im großen Thronsaal. Doch der König von Elarion war nicht mehr der Mann, den ich wenige Stunden zuvor gesehen hatte. Seine königliche Ruhe war verschwunden. Seine Augen waren auf den Boden gerichtet, wo sich inzwischen mehrere Risse durch die steinernen Platten zogen. Aus ihnen drang ein schwaches, schwarzes Leuchten. Mein Bruder stand einige Schritte hinter ihm. »Vater, wir müssen etwas tun!« Der König hob langsam eine Hand. »Ich weiß.« »Dann tut etwas!« »Ich versuche es.« Er schloss die Augen. Für einen Moment geschah gar nichts. Dann begann die Krone auf seinem Kopf zu leuchten. Nicht das Metall selbst. Etwas, das tief in ihr verborgen war. Ein uralter Zauber, der von König zu König weitergegeben worden war. Goldene Linien erschienen auf dem Boden. Sie breiteten sich vom Thron aus und liefen durch den gesamten Saal. Über die Wände. Über die Säulen. Bis hinunter in die Tiefen des Palastes. Mein Bruder sah sich um. »Was macht Ihr?« »Ich verstärke das Siegel.« »Allein?« Der König sah ihn an. »Nein.« Er hob beide Hände. »Mit der Macht des gesamten Königshauses.« Die Kristalle der vier Reiche begannen erneut zu leuchten. Sonnengold. Mitternachtsblau. Abendrot. Und Weiß. Die Farben vermischten sich. Goldene Lichtfäden schossen durch die Luft. Blaue Runen erschienen auf den Wänden. Rote Flammen zogen sich wie ein Ring um den Thronsaal. Und schließlich breitete sich ein weißes Licht über alles aus. Mein Bruder musste den Arm vor das Gesicht halten. »Es ist zu stark!« »Das muss es sein.« Der König kniete nieder und legte beide Hände auf den Boden. »Ich brauche deine Hilfe.« Mein Bruder trat sofort zu ihm. »Was soll ich tun?« »Gib mir deine Magie.« Er zögerte nur einen Moment. Dann legte er seine Hand auf die Schulter seines Vaters. Sofort durchströmte eine gewaltige Kraft den Raum. Der Boden bebte. Die Fenster klirrten. Die Fackeln gingen aus. Und tief unter ihnen... öffnete sich etwas. Ein Auge. Nur für einen Sekundenbruchteil. Es war riesig. Viel zu groß. Und vollkommen schwarz. Dann schloss es sich wieder. Mein Bruder wich erschrocken zurück. »Vater!« »Nicht aufhören!« »Es ist wach!« »Ich weiß!« Der König presste die Zähne zusammen. Schweiß lief über seine Stirn. Die Adern an seinen Händen traten hervor. »Solange ich lebe, wird es nicht durchbrechen.« »Und wenn Eure Kraft nicht reicht?« Der König antwortete nicht. Mein Bruder verstand. »Nein.« »Wir haben keine andere Wahl.« »Ihr werdet sterben.« Der König sah ihn ruhig an. »Wenn ich dafür meine Tochter beschützen kann, dann ist das ein Preis, den ich bezahle.« Mein Bruder erstarrte. »Pifima?« Der König schloss die Augen. »Sie darf niemals erfahren, was in ihr verborgen liegt.« Ein gewaltiger Schlag erschütterte den Palast. Die Magie des Königs brach für einen Moment zusammen. Der weiße Kristall flackerte. »Vater!« »Noch einmal!« »Ich kann nicht!« »DOCH!« Mein Bruder sammelte seine letzten Kräfte. Die vier Farben flammten auf. Und plötzlich ertönte eine Stimme aus der Tiefe. »Ihr könnt mich nicht wieder einsperren.« Der König erstarrte. Mein Bruder sah ihn an. »Hat es gesprochen?« Der König nickte. Die Stimme lachte. »Ihr habt mich einst vergessen.« Die Mauern bebten. »Ihr habt meinen Namen aus euren Büchern gelöscht.« Ein weiterer Riss erschien. »Ihr habt eure Städte über meine Gefangenschaft gebaut.« Das schwarze Licht wurde stärker. »Und ihr habt geglaubt, ich würde schlafen.« Der König hob beide Hände. »Schweig!« Ein gewaltiger Lichtstrahl schoss aus den vier Kristallen. »Ich werde nicht zulassen, dass du sie bekommst.« Stille. Dann fragte die Stimme: »Sie?« Der König sagte nichts. »Du meinst das Mädchen.« Mein Bruder sah seinen Vater erschrocken an. Die Stimme begann zu lachen. »Pifima.« Der König schrie: »NEIN!« Die Magie explodierte. Eine Druckwelle raste durch den gesamten Palast. In meinem Zimmer bewegten sich die Vorhänge, obwohl alle Fenster geschlossen waren. Ich schlief weiter. Unwissend. Mein Gesicht war friedlich. Doch meine Hand lag auf meiner Brust. Direkt über meinem Herzen. Dort begann etwas schwach zu leuchten. Ein winziger weißer Schimmer. So klein, dass niemand ihn hätte bemerken können. Doch tief unter dem Palast spürte das Wesen ihn. Und es flüsterte: »Ich habe dich gefunden.« Mein Vater sank auf die Knie. Die Magie hatte aufgehört. Die Risse im Boden waren verschwunden. Der weiße Kristall leuchtete wieder ruhig. Mein Bruder atmete schwer. »Ist es vorbei?« Mein Vater blieb einige Sekunden reglos. Dann sah er zum Boden. »Für heute.« »Was bedeutet das?« »Das Siegel hält.« Mein Bruder ließ sich erleichtert gegen eine Säule sinken. Doch mein Vater sah nicht erleichtert aus. Denn er wusste etwas, das mein Bruder noch nicht verstanden hatte. Das Siegel war stärker geworden. Aber nicht stark genug. Denn etwas hatte sich verändert. Etwas, das es vor dieser Nacht nicht gegeben hatte. Eine Verbindung. Zwischen dem Wesen unter Elarion...und mir. Mein Vater stand langsam auf. »Bring morgen alle Magier des Hofes zusammen.« »Warum?« »Wir müssen herausfinden, wie wir das Siegel dauerhaft erneuern können.« Mein Bruder nickte. Dann blieb er stehen. »Und Pifima?« Mein Vater sah zur Tür. Seine Stimme wurde leiser. »Niemand darf ihr erzählen, was heute Nacht geschehen ist.« »Aber sie ist in Gefahr.« »Genau deshalb.« Er ging einige Schritte. Dann blieb er noch einmal stehen. »Und wenn sie nach Tanor fragt...« Mein Bruder sah ihn an. »Was soll ich ihr sagen?« Der König schwieg lange. »Sag ihr die Wahrheit.« Mein Bruder wirkte überrascht. »Welche Wahrheit?« Der König sah ihn ernst an. »Dass wir nicht wissen, ob Tanor ihr größter Feind sein wird.« Eine Pause. »Oder der Einzige, der sie retten kann.« Zur selben Zeit schlief ich tief und fest. Ich wusste nichts von meinem Vater. Nichts von meinem Bruder. Nichts vom Siegel. Und nichts von dem Wesen unter meinen Füßen. Ich träumte. Ich stand auf einer endlosen weißen Ebene. Über mir war kein Himmel. Nur Dunkelheit. Vor mir stand Tanor. Doch diesmal trug er keine schwarze Kleidung. Er trug eine Rüstung. Schwarz wie die Nacht. Goldene Zeichen zogen sich über seine Brust. Seine Augen waren auf mich gerichtet. »Pifima.« Ich ging einen Schritt auf ihn zu. »Tanor?« Er schüttelte den Kopf. »Du darfst nicht hier sein.« »Warum?« Er sah hinter mich. Sein Gesicht veränderte sich. Angst. »Sie haben dich gefunden.« Ich drehte mich um. Hinter mir stand das kleine Mädchen mit der weißen Lilie. Sie lächelte. Dann hob sie langsam den Finger und zeigte auf mich. »Du bist die Letzte.« Ich wollte fIch erinnere mich noch genau an den Tag, an dem ich ihn zum ersten Mal sah. Damals wusste ich noch nicht, dass dieser eine Augenblick mein gesamtes Leben verändern würde. Ich wusste nicht, dass sein Name eines Tages in meinen Träumen auftauchen würde. Ich wusste nicht, dass ich sein Lächeln gleichzeitig lieben und fürchten würde. Und vor allem wusste ich nicht, dass der Junge, der vor mir stand, eines Tages der Dämonenprinz von Noctharis sein würde. Damals war er für mich einfach nur ein Fremder. Ein seltsamer Fremder mit goldenen Augen. Aber bevor ich euch von ihm erzähle, sollte ich euch vielleicht erzählen, wer ich damals war. Mein Name ist Pifima. Ich bin eine F*e aus Elarion, dem Reich des Dämmerungs Volkes. Und obwohl ich mein ganzes Leben dort verbracht hatte, fühlte ich mich nie wirklich wie eine gewöhnliche F*e. Schon als kleines Kind hatte ich gespürt, dass etwas mit meiner Magie anders war. Andere Feen wussten sofort, welchem Element sie angehörten. Meine beste Freundin konnte beispielsweise kleine Flammen auf ihrer Handfläche entstehen lassen. Ihr Element war Feuer. Eine andere F*e aus meinem Dorf konnte Wasser aus der Luft ziehen. Mein eigener Bruder beherrschte den Wind. Bei mir war es anders. Meine Magie hatte keinen Namen. Zumindest kannte niemand einen. Wenn ich mich freute, begannen Blumen in meiner Nähe zu leuchten. Wenn ich wütend wurde, verdunkelte sich die Umgebung. Und wenn ich Angst bekam, geschah manchmal beides gleichzeitig. Licht und Schatten. Meine Eltern sagten mir immer, ich solle mich nicht davor fürchten. Doch ich wusste, dass sie selbst Angst hatten. Ich habe es in den Augen meiner Mutter gesehen. Nicht vor mir. Sondern vor dem, was ich sein könnte. Deshalb lernte ich schon früh, meine Gefühle zu verbergen. Ich lächelte, wenn ich traurig war. Ich schwieg, wenn ich wütend war. Und wenn meine Magie außer Kontrolle geriet, lief ich in den Wald. Der Wald war der einzige Ort, an dem ich mich wirklich frei fühlte. Dort fragte niemand, warum meine Magie manchmal violett leuchtete. Dort musste ich mich nicht erklären. Und genau dort begegnete ich ihm. An jenem Abend war der Himmel über Elarion in ein tiefes Orange und Violett getaucht. Die Sonne war bereits hinter den Bergen verschwunden, doch die Nacht hatte noch nicht begonnen. Die Dämmerung. Meine liebste Zeit des Tages. Ich saß auf einem alten Baumstamm und hielt eine kleine silberne Blüte in meinen Händen. »Du bist heute aber spät dran.« Ich blickte auf. Eine kleine F*e schwebte vor mir. »Ich weiß«, antwortete ich. »Du solltest längst zu Hause sein.« Ich seufzte. »Ich wollte noch ein bisschen bleiben.« Sie verschränkte die Arme. »Pifima, deine Mutter wird sich Sorgen machen.« »Sie macht sich immer Sorgen.« »Weil du ständig verschwindest.« Ich musste lächeln. »Vielleicht mag ich es einfach, wenn niemand weiß, wo ich bin.« Meine Freundin verdrehte die Augen. »Du bist wirklich unmöglich.« Sie verabschiedete sich schließlich und flog zurück Richtung Dorf. Ich blieb allein zurück. Zumindest dachte ich das. Ich stand auf und ging tiefer in den Wald. Die Luft wurde kühler. Die Geräusche des Feenreichs verschwanden langsam hinter mir. Kein Lachen mehr. Keine Stimmen. Nur der Wind, der durch die Blätter strich. Ich liebte diese Stille. Doch plötzlich blieb ich stehen. Etwas war anders. Ich spürte es. Eine fremde Präsenz. Dunkel. Kalt. Aber nicht böse. Ich sah mich um. »Hallo?« Keine Antwort. Ich ging vorsichtig weiter. Dann hörte ich Schritte. Mein Herz begann schneller zu schlagen. Ich legte eine Hand auf meine Brust. Die Magie in meinem Inneren begann zu reagieren. Ein schwaches violettes Licht erschien zwischen meinen Fingern. »Wer ist da?« Wieder keine Antwort. Dann trat jemand zwischen den Bäumen hervor. Ein Junge. Nein. Ein junger Mann. Er war größer als ich und trug schwarze Kleidung, die im schwachen Licht der Dämmerung fast mit den Schatten verschmolz. Sein braunes Haar war zerzaust, als hätte der Wind darin gespielt. Doch das Erste, was mir auffiel, waren seine Hörner. Dunkel. Groß. Unübersehbar. Ich erstarrte. Ein Dämon. Mein erster Gedanke war, wegzulaufen. Mein zweiter war, dass ich mich nicht bewegen konnte. Seine Augen trafen meine. Gold. So ungewöhnlich goldene Augen hatte ich noch nie gesehen. Er sah mich an. Lange. Dann hob er leicht eine Augenbraue. »Du hast keine Angst.« Ich schluckte. »Doch.« Sein Gesichtsausdruck veränderte sich. »Das sieht man dir nicht an.« »Vielleicht will ich es mir nicht anmerken lassen.« Ein kleines Lächeln erschien auf seinen Lippen. »Interessant.« Ich musterte ihn. »Was macht ein Dämon hier?« »Das könnte ich dich genauso fragen.« »Ich wohne hier.« »Ich nicht.« »Das ist mir aufgefallen.« Er lachte leise. Es war ein unerwartet warmes Lachen. Gar nicht so, wie ich es mir bei einem Dämon vorgestellt hatte. »Wie heißt du?«, fragte er. Ich zögerte. Warum wollte ich ihm meinen Namen sagen? Etwas in mir sagte, dass ich es nicht tun sollte. Doch etwas anderes war stärker. »Pifima.« Sein Blick wurde plötzlich ernst. »Pifima.« Er sprach meinen Namen so aus, als würde er ihn sich merken wollen. »Und du?« Für einen Moment schwieg er. Dann sagte er: »Tanor.« Nur Tanor. Damals wusste ich noch nicht, dass dieser Name in der gesamten magischen Welt gefürchtet war. Ich wusste nicht, dass er der Sohn des Dämonenkönigs war. Ich wusste nicht, dass ich gerade dem zukünftigen Herrscher von Noctharis gegenüberstand. Für mich war er einfach Tanor. Der fremde Junge aus dem Schatten. »Warum bist du hier?«, fragte ich. Er sah in Richtung der Bäume. »Ich wollte wissen, wie die Welt außerhalb meines Reiches aussieht.« »Und?« Er blickte wieder zu mir. »Sie ist schöner, als ich erwartet habe.« Ich lächelte. »Dann solltest du öfter herkommen.« »Vielleicht.« Er machte einen Schritt auf mich zu. Sofort spannte sich mein Körper an. Meine Magie reagierte. Die Schatten um uns herum bewegten sich. Gleichzeitig begannen die Blumen neben meinen Füßen zu leuchten. Tanor blieb stehen. Seine Augen wanderten zu den Blumen. Dann zu meinen Händen. »Du bist eine ungewöhnliche F*e.« Ich sah weg. »Das sagen viele.« »Was ist dein Element?« Ich schwieg. »Ich weiß es nicht.« Er sah mich überrascht an. »Du weißt es nicht?« »Meine Magie funktioniert anders.« Ich hob meine Hand. Ein kleiner Lichtfunke entstand. Darum herum sammelten sich Schatten. Licht und Dunkelheit tanzten miteinander. Tanor starrte darauf. »Das habe ich noch nie gesehen.« »Ich auch nicht.« Er trat näher. Diesmal wich ich nicht zurück. Seine Hand hob sich langsam. Er berührte den Schatten, der um meine Finger schwebte. In dem Moment durchströmte mich eine Wärme. Unsere Magie berührte sich. Und plötzlich sah ich etwas. Ein schwarzes Schloss. Flammen. Einen Thron. Eine Krone. Und Tanor. Allein. Ich riss meine Hand zurück. Das Bild verschwand. Tanor sah mich erschrocken an. »Was hast du gesehen?« Ich konnte nicht antworten. Denn in diesem Moment wusste ich etwas. Etwas, das ich eigentlich noch gar nicht wissen konnte. Dieser Junge würde mein Leben verändern. Und vielleicht würde ich sein Leben ebenso verändern. Weit entfernt schlug plötzlich eine Glocke. Ich zuckte zusammen. »Ich muss gehen.« Tanor nickte. Doch bevor ich mich umdrehen konnte, sagte er: »Pifima.« Ich blieb stehen. »Ja?« Seine goldenen Augen lagen auf mir. »Wirst du wiederkommen?« Ich sah ihn an. Und obwohl jede Vernunft mir sagte, dass ich Nein sagen sollte, lächelte ich. »Vielleicht.« Dann flog ich zurück nach Elarion. Ich wusste noch nicht, dass Tanor mich noch in derselben Nacht suchen würde. Ich wusste nicht, dass unser Treffen beobachtet worden war. Und ich wusste schon gar nicht, dass tief unter den ältesten Mauern von Elarion etwas erwachte. Etwas, das seit Millionen von Jahren geschlafen hatte. Etwas, das meinen Namen kannte. Pifima. Und während ich durch den Nachthimmel nach Hause flog, öffnete irgendwo im Schatten ein uraltes Wesen seine Augen. Unsere Begegnung hatte begonnen. Doch unsere Geschichte hatte bereits viel früher angefangen. Ich flog durch den dunkler werdenden Nachthimmel zurück nach Elarion. Der Wind peitschte mir durch die Haare und ließ den Stoff meines Kleides hinter mir flattern. Normalerweise liebte ich dieses Gefühl. Das Gefühl von Freiheit, wenn nichts zwischen mir und dem Himmel war. Wenn unter mir nur die endlosen Wälder, silbernen Flüsse und die schimmernden Lichter meiner Heimat lagen. Doch heute fühlte es sich anders an. Schwerer. Meine Gedanken kehrten immer wieder zu ihm zurück. Zu Tanor. Zu seinen goldenen Augen. Zu den Bildern, die ich gesehen habe. Ich wusste noch immer nicht, was genau geschehen war. Ich wusste nur, dass etwas in mir aufgewühlt worden war, seit meine Hand seine berührt hatte. Für einen kurzen Moment hatte es sich angefühlt, als hätte die Welt aufgehört zu existieren. Als hätte es nur uns beide gegeben. Und dann war da dieses Bild gewesen. Diese seltsame, unmögliche Vision. Ich schloss für einen Moment die Augen, während ich weiterflog. Sofort erschien sein Gesicht vor meinem inneren Auge. Ich öffnete die Augen wieder. »Hör auf, Pifima«, murmelte ich zu mir selbst. Doch mein Herz hörte nicht auf mich. Je näher ich Elarion kam, desto heller wurde der Himmel unter mir. Die Stadt lag auf einer gewaltigen Felsformation, umgeben von schimmernden Wasserfällen und uralten Bäumen. Die Türme des Königspalastes ragten hoch in den Himmel und spiegelten das Licht des Mondes wider. Elarion. Meine Heimat. Mein Zuhause. Eigentlich hätte ich erleichtert sein müssen. Doch kaum setzte ich zum Landeanflug an, spürte ich es. Etwas stimmte nicht. Auf den äußeren Mauern standen mehr Wachen als gewöhnlich. Fackeln brannten entlang der Türme, und mehrere Soldaten liefen über die Brücken, die zum Palast führten. Ich verlangsamte meinen Flug. Warum waren so viele Wachen unterwegs? War etwas passiert? Als ich schließlich auf dem Balkon meines Zimmers landete, hatte ich kaum Zeit, meine Flügel zu falten. Denn er wartete bereits dort. Mein Bruder. Er stand mit verschränkten Armen vor der geöffneten Balkontür. Und sein Gesicht sah alles andere als erfreut aus. Ich blieb stehen. »Du bist noch wach?« Keine Antwort. Er sah mich einfach nur an. Sein Blick wanderte von meinem Gesicht zu meinen zerzausten Haaren und schließlich zu meinen Kleidern, die noch immer vom Wind zerknittert waren. Dann hob er langsam eine Augenbraue. »Wo warst du?« Seine Stimme war ruhig. Zu ruhig. Ich schluckte. »Ich war unterwegs.« »Das sehe ich.« Ich versuchte zu lächeln. »Dann ist doch alles geklärt.« Er bewegte sich keinen Millimeter. »Pifima.« Ich kannte diesen Ton. Das war nicht mehr der Ton meines Bruders. Das war der Ton eines Prinzen. Ich seufzte und trat an ihm vorbei ins Zimmer. »Ich wollte nur ein wenig fliegen.« »Mitten in der Nacht?« »Ich konnte nicht schlafen.« »Und deshalb bist du verschwunden, ohne irgendjemandem Bescheid zu sagen?« Ich drehte mich zu ihm um. »Ich bin nicht verschwunden.« »Für drei Stunden warst du nicht auffindbar.« Ich erstarrte. Drei Stunden? So lange? Es hatte sich überhaupt nicht so angefühlt. Mein Bruder bemerkte meinen Gesichtsausdruck. »Was ist passiert?« Ich wich seinem Blick aus. »Nichts.« Er schwieg. Ich spürte seinen Blick auf mir. »Du lügst.« Mein Herz begann schneller zu schlagen. »Tue ich nicht.« »Du kannst mich schlecht anlügen.« Ich biss mir auf die Unterlippe. Er kannte mich zu gut. Schon als Kinder wusste er immer , wann ich etwas verheimlichte. Ich hatte nie verstanden, wie er das schaffte. Vielleicht lag es daran, dass er mein Bruder war. Vielleicht daran, dass er mich besser kannte als jeder andere. Oder vielleicht lag es daran, dass er genau wusste, wie gefährlich meine Neugier sein konnte. Er trat näher. »Hast du jemanden getroffen?« Ich hielt den Atem an. Tanor. Allein sein Name löste etwas in mir aus. Ich schüttelte den Kopf. »Nein.« Seine Augen verengten sich. »Pifima.« Ich drehte mich weg. »Ich sagte doch, dass nichts passiert ist.« »Dann sieh mich an und sag es noch einmal.« Langsam drehte ich mich wieder zu ihm. Unsere Blicke trafen sich. Für einen Moment sagte keiner von uns etwas. Dann fragte er leiser: »Hast du jemanden getroffen?« Ich wollte Nein sagen. Wirklich. Doch plötzlich hörte ich wieder seine Stimme. Wirst du wiederkommen? Und ohne es zu wollen, lächelte ich. Nur ganz leicht. Mein Bruder bemerkte es sofort. Sein Gesicht veränderte sich. »Oh nein.« Ich runzelte die Stirn. »Was?« »Du hast jemanden getroffen.« »Was? Nein!« »Du lächelst.« »Ich darf doch wohl lächeln.« »Nicht so.« Ich verschränkte die Arme. »Wie denn?« Er sah mich einige Sekunden lang an. »So, als wäre etwas passiert, von dem du selbst noch nicht weißt, was du davon halten sollst.« Mein Lächeln verschwand. Er hatte recht. Und genau das machte mir Angst. Mein Bruder bemerkte die Veränderung in meinem Gesicht. »Wer war es?« Ich schwieg. »Pifima.« Wieder dieser Ton. Ich setzte mich auf die Kante meines Bettes und sah aus dem Fenster. Der Mond stand inzwischen hoch über Elarion. »Ich habe jemanden kennengelernt«, sagte ich schließlich. Mein Bruder antwortete nicht sofort. »Wen?« Ich zögerte. »Sein Name ist Tanor.« Die Wirkung seines Namens war sofort zu erkennen. Mein Bruder wurde blass. Seine Augen weiteten sich. »Was hast du gesagt?« Ich sah ihn verwirrt an. »Tanor.« Er machte einen Schritt zurück. »Wo hast du ihn getroffen?« »Warum ist das so wichtig?« »Wo?« Seine Stimme war plötzlich schärfer. Ich stand auf. »Im Wald.« »Welchem Wald?« »Außerhalb der östlichen Grenze.« Er wurde vollkommen still. Dann ging er langsam zum Fenster und blickte hinaus. »Das kann nicht sein.« »Was kann nicht sein?« Er antwortete nicht. »Bruder.« Seine Hände ballten sich zu Fäusten. »Pifima, du darfst dich ihm nicht noch einmal nähern.« Ich starrte ihn an. »Warum?« Er drehte sich zu mir um. Sein Gesicht war jetzt nicht mehr wütend. Es war Angst. Echte Angst. Und plötzlich wusste ich, dass er mir etwas verschwieg. »Wer ist Tanor?«, fragte ich leise. Mein Bruder sah mich lange an. Dann sagte er: »Der Sohn dessen, vor dem Elarion seit Jahrhunderten Angst hat.« Mir lief ein kalter Schauer über den Rücken. »Der Dämonenkönig?« Er nickte langsam. »Und Tanor ist sein Prinz.« Ich spürte, wie mein Herz stehen blieb. Tanor. Der Junge mit den goldenen Augen. Derjenige, dessen Hand ich berührt hatte. Derjenige, der mich gefragt hatte, ob ich wiederkommen würde. Ein Dämonenprinz. Ich wich einen Schritt zurück. Doch tief in meinem Inneren regte sich etwas. Keine Angst. Nicht wirklich. Etwas anderes. Eine Stimme, die ich nicht hören konnte und trotzdem verstand. Du wirst ihn wiedersehen. Ich schloss die Augen. Und plötzlich war da wieder dieses Bild. Goldene Augen. Dunkle Haare. Eine ausgestreckte Hand. Und hinter ihm eine Welt, die ich nicht kannte. Ich riss die Augen auf. Mein Bruder stand noch immer vor mir. »Was ist los?« Ich schüttelte den Kopf. »Nichts.« Doch diesmal glaubte ich meine eigene Lüge nicht einmal mehr. Draußen schlug die große Glocke von Elarion. Einmal. Zweimal. Dreimal. Die Geräusche hielten durch die Nacht. Mein Bruder ging zur Tür. »Du bleibst hier.« »Was?« »Morgen werde ich mit Vater sprechen.« »Worüber?« Er sah mich an. »Über Tanor.« Dann verließ er mein Zimmer. Die Tür fiel hinter ihm ins Schloss. Ich blieb allein zurück. Langsam ging ich zum Fenster. Der Mond spiegelte sich in meinen Augen. Ich legte eine Hand auf meine Brust. Mein Herz schlug noch immer viel zu schnell. Tanor. Ich hätte Angst haben müssen. Vielleicht hatte ich das auch. Aber unter dieser Angst lag etwas anderes. Eine Gewissheit. Eine, die ich nicht erklären konnte. Ich würde ihn wiedersehen. Und irgendwo weit entfernt, jenseits der Grenzen von Elarion, wusste jemand bereits, dass ich nach Hause zurückgekehrt war. Jemand, der auf genau diesen Moment gewartet hatte. Denn während ich am Fenster stand und in den Nachthimmel blickte, bewegte sich tief unter dem Palast etwas. Ein kaum hörbares Knacken durchdrang die alten Steine. Staub rieselte von einer vergessenen Mauer. Und aus der Dunkelheit kam ein Flüstern. »Pifima...« Dann öffneten sich zwei uralte Augen. Tief unter dem Palast von Elarion. So tief, dass selbst das Licht der Sonne diesen Ort seit unzähligen Zeitaltern nicht mehr erreicht hatte. Ein kalter Wind strich durch die unterirdischen Gänge, obwohl es dort unten eigentlich keinen Wind geben durfte. Er bewegte den Staub, der sich über die alten Steinplatten gelegt hatte, und ließ die Flammen vergessener Fackeln aufflackern. Eine nach der anderen. Als würde etwas erwachen. Die erste Fackel entzündete sich von selbst. Dann die zweite. Dann die dritte. Ein schwaches, bläuliches Licht breitete sich durch den langen Gang aus. An den Wänden standen Zeichen. Älter als Elarion. Älter als die vier Reiche. Zeichen, deren Bedeutung längst aus den Büchern der Menschen verschwunden war. Doch nun begannen sie wieder zu leuchten. Ganz langsam. Ein silbernes Leuchten kroch durch die Rillen der alten Steine.mUnd dann ertönte eine Stimme. Tief. Rau. So alt, dass selbst die Mauern unter ihr zu erzittern schienen. »Sie ist zurück.« Stille. Dann ein leises Lachen. »Endlich.« In meinem Zimmer wusste ich davon nichts. Ich stand noch immer am Fenster. Mein Blick hing am Mond. Ich konnte nicht schlafen. Immer wieder dachte ich an die Worte meines Bruders. Der Sohn des Dämonenkönigs. Tanor. Allein der Gedanke an ihn ließ mein Herz schneller schlagen. Ich verstand mich selbst nicht mehr. Warum hatte ich ihn nicht gefürchtet? Warum hatte sich seine Nähe so vertraut angefühlt? Und warum hatte ich das Gefühl, ihn schon einmal gesehen zu haben? Nicht in einem Traum. Nicht in einer Erinnerung. Sondern irgendwo dazwischen. Ich setzte mich auf die Fensterbank und zog die Knie an meine Brust. »Wer bist du wirklich, Tanor?«, flüsterte ich. Der Wind bewegte die Vorhänge. Für einen Moment glaubte ich, eine Stimme zu hören. Ganz leise. Fast wie ein Flüstern direkt neben meinem Ohr. Pifima. Ich fuhr herum. Niemand. Mein Blick wanderte durch das Zimmer. Das Bett. Der Schreibtisch. Die Bücher. Der große Spiegel neben der Tür. Nichts. Ich atmete langsam aus. »Ich werde verrückt.« Doch dann fiel mein Blick auf den Spiegel. Ich erstarrte. Mein Spiegelbild sah mich an. Aber für einen winzigen Moment... ...war es nicht mein Spiegelbild. Hinter mir stand eine Gestalt. Eine Frau. Ihre langen schwarzen Haare schimmerten im Mondlicht. Ihr Kleid war dunkel und mit feinen goldenen Mustern verziert. Und ihre Augen... silver blau wie der Mond selbst . Ich drehte mich blitzartig um. Niemand. Mein Herz raste. Langsam sah ich wieder in den Spiegel. Nur ich. Nur mein eigenes Gesicht. »Was war das?« Ich berührte vorsichtig die Oberfläche des Spiegels. Eiskalt. Sofort schoss ein stechender Schmerz durch meinen Kopf. Ich zog meine Hand zurück. Bilder flackerten vor meinen Augen auf. Ein weißer Palast. Silberne Türme. Ein Meer aus Wolken. Eine goldene Sonne. Dann veränderte sich der Himmel. Er wurde schwarz. Etwas fiel vom Himmel. Feuer. Überall Feuer. Ich sah Menschen davonlaufen. Ich hörte Schreie. Und dann sah ich eine kleine Hand. Eine Kinderhand. Sie hielt eine weiße Blume. Eine Lilie. »Pifima.« Ich riss meine Hand vom Spiegel. Die Vision verschwand. Ich stolperte zurück und fiel auf mein Bett. Mein Atem ging schnell. Was geschah mit mir? Warum sah ich Dinge, die nicht existierten? Oder... waren sie vielleicht nie verschwunden? Ich schloss die Augen. »Wer bin ich?« Eine Frage, auf die ich keine Antwort hatte. Doch tief unter mir wusste jemand die Antwort längst. Zur selben Zeit stand mein Bruder im langen Korridor des Palastes. Er war nicht weit gekommen. Er lehnte mit dem Rücken an der Wand und hatte die Augen geschlossen. Seine Hände zitterten leicht. Er hatte mir nicht die ganze Wahrheit erzählt. Das wusste er. Aber er hatte keine andere Wahl gehabt. Noch nicht. Er öffnete langsam die Augen und sah zum Ende des Korridors. Dort stand mein Vater. Der König von Elarion. Sein Gesicht war ernst. »Du hast sie getroffen«, sagte mein Vater. Mein Bruder nickte. »Ja.« »Sie hat ihn gesehen?« »Ja.« Der König schwieg. Für einen Moment schien es, als hätte selbst er seine Fassung verloren. »Wie viel weiß sie?« »Noch nichts.« »Und Tanor?« Mein Bruder sah ihn an. »Er weiß ihren Namen.« Der König schloss die Augen. »Das darf nicht passieren.« »Es ist bereits passiert.« Stille. Dann ertönte tief unter ihnen ein Geräusch. Ein dumpfer Schlag. Beide Männer sahen gleichzeitig zum Boden. Noch einer. Bumm. Der Kronleuchter über ihnen begann leicht zu zittern. »Was war das?«, fragte mein Bruder. Der König antwortete nicht. Sein Gesicht war plötzlich kreidebleich. »Nein.« »Vater?« Ein weiterer Schlag. Diesmal so stark, dass feiner Staub von der Decke rieselte. Der König flüsterte: »Es ist erwacht.« Mein Bruder sah ihn erschrocken an. »Das ist unmöglich.« »Ich habe gehofft, dass es unmöglich wäre.« »Du meinst...« Der König nickte. »Das Wesen unter Elarion.« Mein Bruder wurde still. Jeder im Königshaus kannte die Legende. Eine Geschichte, die seit Generationen nur hinter verschlossenen Türen erzählt wurde. Eine Geschichte über etwas, das bereits existiert hatte, bevor die vier Reiche entstanden waren. Etwas, das nicht Mensch war. Nicht Dämon. Nicht Engel. Nicht einmal ein Wesen, das in die bekannte Welt gehörte. Etwas, das einst versiegelt worden war. Und der Grund für dieses Siegel war niemals niedergeschrieben worden. Nur ein Satz war überliefert worden. »Wenn es erwacht, wird die Welt sich daran erinnern, warum sie einst Angst hatte.« Für einen Moment sagte niemand etwas. Dann ertönte ein Geräusch. Tief. Dumpf. Es kam nicht aus dem Thronsaal. Es kam von weit unter ihnen. Der Boden vibrierte. Mein Bruder wich einen Schritt zurück. »Vater... was bedeutet das?« Der König sah ihn an. In seinen Augen lag etwas, das ich dort noch nie zuvor gesehen hatte. Angst. »Es bedeutet«, sagte er leise, »dass das Siegel gebrochen wird.« Ein weiterer Schlag erschütterte das Schloss. Diesmal sprangen mehrere Fenster aus ihren Rahmen. Draußen schrien die Wachen. Pferde wieherten panisch. Und irgendwo tief unter dem Palast begann etwas zu atmen. Einmal. Langsam. Schwer. Als würde ein Wesen nach Jahrhunderten zum ersten Mal wieder Luft holen. Mein Bruder starrte zur steinernen Wand. »Das kann nicht sein.« Der König schüttelte den Kopf. »Ich wünschte, du hättest recht.« Plötzlich flammten die magischen Kristalle im Thronsaal auf. Einer nach dem anderen. Sonnengold,Mitternachtsblau, Abendrot und reines weiß. Die Farben der vier Reiche. Die vier Kristalle schwebten über ihren Sockeln und tauchten den gesamten Thronsaal in ein unwirkliches Licht. Doch etwas stimmte nicht. Das Licht der Kristalle war nicht ruhig. Es flackerte. Zitterte. Als würden selbst die uralten Farben vor etwas Angst haben. Mein Bruder trat langsam näher. »Vater...« Der König antwortete nicht. Sein Blick lag auf dem weißen Kristall. Er leuchtete heller als die anderen.,Viel heller..So hell, dass ich instinktiv die Augen zusammenkneifen musste. »Warum reagiert der weiße Kristall?«, fragte mein Bruder. Der König blieb stumm. »Vater!«. Schließlich hob er den Blick. »Weil sie zurückgekehrt ist.« Mein Bruder erstarrte. »Wer?« Der König sah ihn an. »Du weißt, von wem ich spreche.« Mein Bruder schüttelte langsam den Kopf. »Nein.« »Doch.« »Das ist nur eine Legende.« Der König trat auf die Kristalle zu. »Nein. Es ist eine Erinnerung.« Ein weiterer Schlag ging durch den Palast. Diesmal bebte der Boden so stark, dass mein Bruder sich an einer Säule festhalten musste. Einige der Fackeln erloschen. Dann wurde es plötzlich still. Unnatürlich still. Der König sah zur Tür. »Alle Wachen sollen die unteren Ebenen versiegeln.« »Aber—« »Sofort!« Mein Bruder nickte und wollte sich gerade umdrehen, als der weiße Kristall plötzlich einen grellen Lichtstrahl aussandte. Er traf den Boden. Ein Kreis aus weißen Runen erschien auf den schwarzen Steinplatten. Mein Bruder blieb stehen. »Was ist das?« Der König trat langsam näher. Sein Gesicht verlor jede Farbe. »Das Siegel.« »Das Siegel?« »Es war nie unter dem Palast.« Mein Bruder sah ihn verständnislos an. »Was meinst du?« Der König deutete auf den leuchtenden Kreis. »Der Palast wurde über dem Siegel errichtet.« Mein Bruder starrte ihn an. »Ihr habt ihn also absichtlich hier gebaut?« »Unsere Vorfahren haben es getan.« »Warum?« Der König schwieg. Dann sagte er: »Damit niemand jemals vergisst, was darunter liegt.« Ein tiefes Grollen ertönte. Diesmal kam es nicht aus den Tiefen. Es kam aus dem Kristall. Der weiße Kristall begann Risse zu bekommen. »Nein«, flüsterte der König. Knack. Ein weiterer Riss zog sich durch seine Oberfläche. Mein Bruder wich zurück. »Er zerbricht.« »Nein.« Der König sah ihn an. »Er wird nicht zerbrechen.« »Was dann?« Der König antwortete mit leiser Stimme: »Er gibt etwas frei.« In diesem Moment erloschen die drei anderen Kristalle. Nur der weiße blieb. Sein Licht wurde schwächer. Immer schwächer. Bis nur noch ein kleiner Punkt übrig blieb. Dann verschwand auch dieser. Der Thronsaal lag vollkommen im Dunkeln. Für einige Sekunden geschah nichts. Dann... hörten sie es. Ein Herzschlag. Dumm. Mein Bruder hielt den Atem an. Dumm. Der zweite Herzschlag war stärker. DUMM. Die Wände erzitterten. Und beim vierten Schlag erschien unter dem weißen Kristall ein schwarzer Riss. Er kroch über den Boden. Langsam. Wie eine lebendige Ader. Mein Bruder zog sein Schwert. »Vater.« Der König sah auf den Riss. »Steck es weg.« »Was?« »Dein Schwert wird dir gegen dieses Wesen nichts nützen.« »Woher willst du das wissen?« Der König sah ihn an. »Weil bereits jemand versucht hat, es zu töten.« Mein Bruder wurde blass. »Wer?« »Der erste König von Elarion.« »Und?« Der König sah zum Boden. »Er hat verloren.« Stille. In meinem Zimmer öffnete ich wieder die Augen. Ich wusste nichts von dem Gespräch meines Bruders. Nichts von dem Wesen unter dem Palast. Nichts von der uralten Prophezeiung. Ich wusste nur, dass ich Tanor wiedersehen wollte. Dieser Gedanke erschreckte mich mehr als alles andere. Ich legte mich ins Bett und zog die Decke über mich. Doch Schlaf wollte nicht kommen. Immer wieder sah ich seine goldenen Augen. Immer wieder hörte ich seine Stimme. Wirst du wiederkommen? Ich drehte mich auf die Seite. »Vielleicht«, flüsterte ich. Dann schloss ich die Augen. Irgendwann übermannte mich die Müdigkeit. Doch kurz bevor ich einschlief, hörte ich etwas. Ein Flüstern. Ganz nah. Nicht aus dem Zimmer. Nicht aus dem Flur. Sondern aus meinem Inneren. Du bist nicht zurückgekehrt, Pifima. Ich öffnete die Augen. Mein Herz blieb stehen. Du bist nach Hause gekommen. Dann wurde alles schwarz. Weit entfernt von Elarion stand Tanor auf einer Klippe. Der Wind zog an seinem dunklen Mantel. Unter ihm erstreckte sich das Reich der Dämonen, verborgen zwischen schwarzen Bergen und einem Meer aus Nebel. Er blickte in Richtung Elarion. Seine goldenen Augen leuchteten in der Dunkelheit. Neben ihm erschien eine dunkle Gestalt. »Prinz Tanor.« Tanor antwortete nicht. »Wir sollten zurückkehren.« »Nein.« »Euer Vater erwartet Euch.« Tanor wandte den Blick nicht ab. »Dann soll er warten.« Die Gestalt zögerte. »Habt Ihr sie gefunden?« Tanor schwieg. Dann lächelte er. Zum ersten Mal seit langer Zeit. »Nein.« Die Gestalt runzelte die Stirn. »Nein?« Tanor sah hinauf zum Mond. »Sie hat mich gefunden.« Und irgendwo tief unter Elarion begann etwas zu lachen. Denn die Begegnung zwischen Pifima und Tanor war niemals ein Zufall gewesen. Sie war der erste Schritt einer Geschichte... Und während ich schlief, begann im Palast von Elarion ein Kampf, von dem ich nichts wusste. Während mein Atem ruhig wurde und ich mich immer tiefer in den Schlaf verlor, herrschte unter den ältesten Mauern des Königspalastes Chaos. Mein Vater stand im großen Thronsaal. Doch der König von Elarion war nicht mehr der Mann, den ich wenige Stunden zuvor gesehen hatte. Seine königliche Ruhe war verschwunden. Seine Augen waren auf den Boden gerichtet, wo sich inzwischen mehrere Risse durch die steinernen Platten zogen. Aus ihnen drang ein schwaches, schwarzes Leuchten. Mein Bruder stand einige Schritte hinter ihm. »Vater, wir müssen etwas tun!« Der König hob langsam eine Hand. »Ich weiß.« »Dann tut etwas!« »Ich versuche es.« Er schloss die Augen. Für einen Moment geschah gar nichts. Dann begann die Krone auf seinem Kopf zu leuchten. Nicht das Metall selbst. Etwas, das tief in ihr verborgen war. Ein uralter Zauber, der von König zu König weitergegeben worden war. Goldene Linien erschienen auf dem Boden. Sie breiteten sich vom Thron aus und liefen durch den gesamten Saal. Über die Wände. Über die Säulen. Bis hinunter in die Tiefen des Palastes. Mein Bruder sah sich um. »Was macht Ihr?« »Ich verstärke das Siegel.« »Allein?« Der König sah ihn an. »Nein.« Er hob beide Hände. »Mit der Macht des gesamten Königshauses.« Die Kristalle der vier Reiche begannen erneut zu leuchten. Sonnengold. Mitternachtsblau. Abendrot. Und Weiß. Die Farben vermischten sich. Goldene Lichtfäden schossen durch die Luft. Blaue Runen erschienen auf den Wänden. Rote Flammen zogen sich wie ein Ring um den Thronsaal. Und schließlich breitete sich ein weißes Licht über alles aus. Mein Bruder musste den Arm vor das Gesicht halten. »Es ist zu stark!« »Das muss es sein.« Der König kniete nieder und legte beide Hände auf den Boden. »Ich brauche deine Hilfe.« Mein Bruder trat sofort zu ihm. »Was soll ich tun?« »Gib mir deine Magie.« Er zögerte nur einen Moment. Dann legte er seine Hand auf die Schulter seines Vaters. Sofort durchströmte eine gewaltige Kraft den Raum. Der Boden bebte. Die Fenster klirrten. Die Fackeln gingen aus. Und tief unter ihnen... öffnete sich etwas. Ein Auge. Nur für einen Sekundenbruchteil. Es war riesig. Viel zu groß. Und vollkommen schwarz. Dann schloss es sich wieder. Mein Bruder wich erschrocken zurück. »Vater!« »Nicht aufhören!« »Es ist wach!« »Ich weiß!« Der König presste die Zähne zusammen. Schweiß lief über seine Stirn. Die Adern an seinen Händen traten hervor. »Solange ich lebe, wird es nicht durchbrechen.« »Und wenn Eure Kraft nicht reicht?« Der König antwortete nicht. Mein Bruder verstand. »Nein.« »Wir haben keine andere Wahl.« »Ihr werdet sterben.« Der König sah ihn ruhig an. »Wenn ich dafür meine Tochter beschützen kann, dann ist das ein Preis, den ich bezahle.« Mein Bruder erstarrte. »Pifima?« Der König schloss die Augen. »Sie darf niemals erfahren, was in ihr verborgen liegt.« Ein gewaltiger Schlag erschütterte den Palast. Die Magie des Königs brach für einen Moment zusammen. Der weiße Kristall flackerte. »Vater!« »Noch einmal!« »Ich kann nicht!« »DOCH!« Mein Bruder sammelte seine letzten Kräfte. Die vier Farben flammten auf. Und plötzlich ertönte eine Stimme aus der Tiefe. »Ihr könnt mich nicht wieder einsperren.« Der König erstarrte. Mein Bruder sah ihn an. »Hat es gesprochen?« Der König nickte. Die Stimme lachte. »Ihr habt mich einst vergessen.« Die Mauern bebten. »Ihr habt meinen Namen aus euren Büchern gelöscht.« Ein weiterer Riss erschien. »Ihr habt eure Städte über meine Gefangenschaft gebaut.« Das schwarze Licht wurde stärker. »Und ihr habt geglaubt, ich würde schlafen.« Der König hob beide Hände. »Schweig!« Ein gewaltiger Lichtstrahl schoss aus den vier Kristallen. »Ich werde nicht zulassen, dass du sie bekommst.« Stille. Dann fragte die Stimme: »Sie?« Der König sagte nichts. »Du meinst das Mädchen.« Mein Bruder sah seinen Vater erschrocken an. Die Stimme begann zu lachen. »Pifima.« Der König schrie: »NEIN!« Die Magie explodierte. Eine Druckwelle raste durch den gesamten Palast. In meinem Zimmer bewegten sich die Vorhänge, obwohl alle Fenster geschlossen waren. Ich schlief weiter. Unwissend. Mein Gesicht war friedlich. Doch meine Hand lag auf meiner Brust. Direkt über meinem Herzen. Dort begann etwas schwach zu leuchten. Ein winziger weißer Schimmer. So klein, dass niemand ihn hätte bemerken können. Doch tief unter dem Palast spürte das Wesen ihn. Und es flüsterte: »Ich habe dich gefunden.« Mein Vater sank auf die Knie. Die Magie hatte aufgehört. Die Risse im Boden waren verschwunden. Der weiße Kristall leuchtete wieder ruhig. Mein Bruder atmete schwer. »Ist es vorbei?« Mein Vater blieb einige Sekunden reglos. Dann sah er zum Boden. »Für heute.« »Was bedeutet das?« »Das Siegel hält.« Mein Bruder ließ sich erleichtert gegen eine Säule sinken. Doch mein Vater sah nicht erleichtert aus. Denn er wusste etwas, das mein Bruder noch nicht verstanden hatte. Das Siegel war stärker geworden. Aber nicht stark genug. Denn etwas hatte sich verändert. Etwas, das es vor dieser Nacht nicht gegeben hatte. Eine Verbindung. Zwischen dem Wesen unter Elarion...und mir. Mein Vater stand langsam auf. »Bring morgen alle Magier des Hofes zusammen.« »Warum?« »Wir müssen herausfinden, wie wir das Siegel dauerhaft erneuern können.« Mein Bruder nickte. Dann blieb er stehen. »Und Pifima?« Mein Vater sah zur Tür. Seine Stimme wurde leiser. »Niemand darf ihr erzählen, was heute Nacht geschehen ist.« »Aber sie ist in Gefahr.« »Genau deshalb.« Er ging einige Schritte. Dann blieb er noch einmal stehen. »Und wenn sie nach Tanor fragt...« Mein Bruder sah ihn an. »Was soll ich ihr sagen?« Der König schwieg lange. »Sag ihr die Wahrheit.« Mein Bruder wirkte überrascht. »Welche Wahrheit?« Der König sah ihn ernst an. »Dass wir nicht wissen, ob Tanor ihr größter Feind sein wird.« Eine Pause. »Oder der Einzige, der sie retten kann.« Zur selben Zeit schlief ich tief und fest. Ich wusste nichts von meinem Vater. Nichts von meinem Bruder. Nichts vom Siegel. Und nichts von dem Wesen unter meinen Füßen. Ich träumte. Ich stand auf einer endlosen weißen Ebene. Über mir war kein Himmel. Nur Dunkelheit. Vor mir stand Tanor. Doch diesmal trug er keine schwarze Kleidung. Er trug eine Rüstung. Schwarz wie die Nacht. Goldene Zeichen zogen sich über seine Brust. Seine Augen waren auf mich gerichtet. »Pifima.« Ich ging einen Schritt auf ihn zu. »Tanor?« Er schüttelte den Kopf. »Du darfst nicht hier sein.« »Warum?« Er sah hinter mich. Sein Gesicht veränderte sich. Angst. »Sie haben dich gefunden.« Ich drehte mich um. Hinter mir stand das kleine Mädchen mit der weißen Lilie. Sie lächelte. Dann hob sie langsam den Finger und zeigte auf mich. »Du bist die Letzte.« Ich wollte fragen, was das bedeutete. Doch bevor ich ein Wort sagen konnte, öffnete sich unter meinen Füßen ein schwarzer Spalt. Tanor rannte auf mich zu. »Pifima!« Ich stürzte. Und während ich fiel, hörte ich eine Stimme. Die Stimme des Wesens. »Endlich.« Dann wachte ich auf. Schweißgebadet. Mein Herz raste. Der erste Sonnenstrahl fiel durch mein Fenster. Ich setzte mich langsam auf. Für einen Moment wusste ich nicht, wo ich war. Dann sah ich mich um. Mein Zimmer. Elarion. Mein Zuhause. Ich legte eine Hand auf mein Herz. Der Traum war verschwunden. Fast. Denn auf meiner Handfläche lag eine einzelne weiße Blütenblätter. Eine Lilie. Und ich wusste nicht, woher sie gekommen war. ragen, was das bedeutete. Doch bevor ich ein Wort sagen konnte, öffnete sich unter meinen Füßen ein schwarzer Spalt. Tanor rannte auf mich zu. »Pifima!« Ich stürzte. Und während ich fiel, hörte ich eine Stimme. Die Stimme des Wesens. »Endlich.« Dann wachte ich auf. Schweißgebadet. Mein Herz raste. Der erste Sonnenstrahl fiel durch mein Fenster. Ich setzte mich langsam auf. Für einen Moment wusste ich nicht, wo ich war. Dann sah ich mich um. Mein Zimmer. Elarion. Mein Zuhause. Ich legte eine Hand auf mein Herz. Der Traum war verschwunden. Fast. Denn auf meiner Handfläche lag eine einzelne weiße Blütenblätter. Eine Lilie. Und ich wusste nicht, woher sie gekommen war.Ich wusste nicht, wohin der Dämonenkönig mich bringen wollte.Seit wir den Ballsaal verlassen hatten, hatte er kein Wort gesagt. Seine Schritte waren ruhig und sicher, während ich neben ihm herging und versuchte, nicht zu offensichtlich zu zeigen, wie unwohl ich mich fühlte. Wir hatten die belebteren Gänge des Schlosses längst hinter uns gelassen.Je weiter wir gingen, desto stiller wurde es.Keine Diener.Keine Wachen.Keine Stimmen, die hinter Türen hervordrangen.Nur das leise Echo unserer Schritte auf dem dunklen Stein.Ich warf einen vorsichtigen Blick zu Zareth. Sein Gesicht war wie immer kaum zu lesen.»Wo gehen wir hin?«, fragte ich schließlich. Er blieb nicht stehen.»An einen Ort, an dem dich niemand stören wird.« Das beruhigte mich nicht gerade.»Warum?« Nun sah er kurz zu mir.Seine Augen waren dunkel und wirkten im schwachen Licht beinahe unnatürlich.»Weil du jemanden kennenlernen sollst.« Mein Herz machte einen kleinen Sprung.»Wen?«Doch Zareth antwortete nicht sofort.
Widerwillig sah ich meinem Vater nach, wie er Pifima von mir wegführte.Ich starrte noch eine Weile auf die Stelle, an der sie verschwunden waren. Irgendetwas in mir sträubte sich dagegen, sie einfach gehen zu lassen. Ich wollte ihnen folgen. Wollte wissen, was mein Vater mit ihr besprechen wollte.Doch ich wusste, dass es nichts bringen würde.Mein Vater würde mir ohnehin nicht sagen, worum es ging, wenn er nicht wollte, dass ich es wusste. Schließlich wandte ich mich ab. Gerade als ich mich auf den Weg machen wollte, erklang hinter mir eine wohlbekannte Stimme.»Prinz Tanor. Lange nicht mehr gesehen.« Ich erstarrte kurz.Diese Stimme würde ich wohl selbst nach hundert Jahren noch erkennen.Langsam drehte ich mich zu ihr um. Vor mir stand Rosetta.Ihr dunkles, sorgfältig frisiertes Haar fiel ihr über die Schultern, während sie mich mit einem vertrauten Lächeln ansah. Ihr schwarzes Kleid war mit feinen roten Stickereien verziert und unterstrich ihre dämonische Herkunft.»Fräulein Rose
Ich verließ den Trainingsplatz der Ritter, noch immer spürte ich die Kühle des Schwertgriffs in meinen Händen. Ich hatte noch nie mit einem Schwert trainiert. Und trotzdem hatte sich dieses schwere Stück Metall in meinen Händen irgendwie richtig angefühlt.Vielleicht sogar zu richtig.Ich schüttelte leicht den Kopf. Darüber konnte ich später nachdenken.Jetzt musste ich zurück. Mit dem wunderschönen Ballkleid in meinen Händen, das Tanor mir geschenkt hatte lief ich richtig meines Zimmers.Allein der Gedanke an ihn ließ mein Herz für einen kurzen Moment schneller schlagen.Ich betrachtete das Kleid noch einmal. Der Stoff schimmerte selbst im schwachen Licht der Fackeln, und ich konnte noch immer kaum glauben, dass es wirklich für mich bestimmt war.Mit vorsichtigen Schritten machte ich mich auf den Weg zurück zu meinem Zimmer.Doch kaum hatte ich die Tür geöffnet, griff Lyra bereits nach meinem Arm und zog mich hinein. Als ich die Tür zu meinem Zimmer öffnete, kam ich jedoch nicht einm
Unsere Blicke trafen sich.Für einen kurzen Moment schien der Lärm des Trainingsplatzes um uns herum zu verschwinden.Ich sah nur sie.Pifima.Sie stand am Rand des Platzes, das Schwert noch immer in der Hand. Neben ihr Kael, der offenbar genauso überrascht wirkte wie sie. Mein Blick wanderte erneut zu dem Schwert.Dann zurück zu ihr.Was hatte sie hier zu suchen?Und warum hielt sie ein Schwert in der Hand?Ich konnte mir nicht erklären, warum mich dieser Anblick so sehr irritierte. Pifima war eine Fee. Eine Prinzessin. Und trotzdem stand sie dort, als wäre sie längst ein Teil dieser Welt geworden.Ich setzte mich in Bewegung. Ohne weiter darüber nachzudenken, lief ich auf sie zu.Je näher ich kam, desto deutlicher konnte ich ihren Gesichtsausdruck erkennen.Überraschung.Vielleicht sogar ein wenig Nervosität.Ich blieb schließlich vor ihr stehen. Mein Blick fiel noch einmal auf das Schwert in ihrer Hand.»Seit wann kannst du mit einem Schwert umgehen?«, fragte ich.Pifima öffnete
Ich war immer noch in meinem Zimmer im Dämonenschloss.Und langsam begann ich mich zu fragen, ob ich überhaupt noch wusste, wie mein eigenes Gesicht aussah. Lyra. stand hinter mir und steckte mir bereits die nächste Haarsträhne fest.»Nicht bewegen, Pifima.«Ich seufzte.»Ich bewege mich doch gar nicht.«»Doch.«»Wann?«»Gerade eben.«Ich verdrehte die Augen. Um mich herum herrschte ein regelrechtes Chaos.Mehrere Dienerinnen liefen geschäftig hin und her. Eine hielt verschiedene Kleider vor mich, eine andere kümmerte sich um meine Haare und wieder eine andere suchte nach Schmuck, der angeblich perfekt zu meinem Kleid passen sollte.»Das hier vielleicht?«»Nein, zu auffällig.«»Dann diese Kette?«»Viel zu schlicht.«»Vielleicht die Ohrringe?«»Welche?«»Die mit den kleinen Steinen.«»Nein, die anderen.«Ich schloss kurz die Augen. Wie war ich nur hier hineingeraten?Alles hatte mit dem Ball angefangen. Ein einziger Abend.Ein Ball im Dämonenschloss. Und plötzlich behandelten mich all
Ich blieb noch lange auf dem Balkon sitzen.Der Wind strich durch meine dunklen Haare und trug die Kälte von Noctharis mit sich. Er war scharf und kühl, wie es für die Nächte unseres Reiches typisch war. Normalerweise hätte mich dieses Gefühl beruhigt. Die Dunkelheit von Noctharis war mir vertraut. Ich war in ihr aufgewachsen. Ich kannte ihre Geräusche, ihre Gerüche und die Schatten, die sich zwischen den schwarzen Türmen bewegten.Doch heute war alles anders.Immer wieder kehrte mein Blick zu meinen Händen zurück.Zu der Hand, die ihre berührt hatte.Pifima.Allein ihr Name ließ etwas in mir unruhig werden.Ich wusste selbst nicht, warum.Ich kannte sie erst seit wenigen Stunden. Eigentlich hätte sie für mich nicht mehr sein dürfen als eine ungewöhnliche Fee, der ich zufällig im Wald begegnet war.Doch irgendetwas an ihr hatte sich in meinen Gedanken festgesetzt.Ihr kastanienbraunes Haar. Ihre haselnussbraunen Augen hinter der Brille.Diese ungewöhnlichen Flügel, die im Mondlicht be







