LOGINANGELAS PERSPEKTIVE
Das Penthouse war lächerlich.
Ich wusste, dass Liam reich war – das wusste jeder – aber zu wissen und zu sehen waren zwei völlig unterschiedliche Erfahrungen. Die bodentiefen Fenster erstreckten sich über den gesamten Wohnbereich und boten einen Panoramablick über die Stadt, der mir den Magen umdrehte. Moderne Möbel in Grau- und Cremetönen füllten den offenen Grundriss, und allein die Küche war größer als das Schlafzimmer, das ich mir mit Ethan geteilt hatte. Ich stand inmitten all dessen, immer noch in denselben zerknitterten Klamotten vom Freizeitpark, fühlte mich völlig fehl am Platz und war mir schmerzlich bewusst, dass jede Oberfläche wahrscheinlich mehr kostete als meine gesamte Garderobe.
„Hör auf, dich anzustellen wie ein verlorener Welpe", rief Liam irgendwo hinter mir. „Du lässt den Ort billig aussehen."
Ich wirbelte herum und fand ihn an der Kücheninsel lehnend, die Arme verschränkt, dieses infuriierende Grinsen schon wieder auf dem Gesicht. Der Mann hatte die Dreistigkeit, mühelos umwerfend auszusehen, während ich aussah wie ein Waschbär, der eine Autowäsche über sich ergehen lassen musste – meine Wimperntusche klebte vermutlich immer noch wie Kriegsbemalung auf meinen Wangen.
„Du bist unerträglich", murmelte ich und verschränkte die Arme. „Das weißt du, oder?"
„Unerträglich charmant", korrigierte er, stieß sich von der Insel ab und kam auf mich zu. „Das ist ein Unterschied."
„Ist es wirklich nicht."
Er blieb ein paar Schritte entfernt stehen, neigte den Kopf und musterte mich mit diesen durchdringenden Augen, die scheinbar jede Mauer durchschauten, die ich zu errichten versuchte. Die Weichheit von vorhin war verschwunden, ersetzt durch etwas Schärferes, Verspielteres, und ich stellte mit Erleichterung fest, dass ich seltsamerweise froh darüber war. Ich glaubte nicht, dass ich noch einen Moment dieser zärtlichen, herzzerreißenden Version von Liam ertragen hätte. Mit dieser Version wusste ich zu kämpfen.
„Das Gästezimmer ist den Flur links runter", sagte er und deutete mit dem Daumen über die Schulter. „Bad ist angeschlossen. Handtücher sind im Schrank, und wenn du mein teures Shampoo klaust, ziehe ich es dir von deiner nicht existierenden Miete ab."
„Ich klaue keine Sachen."
„Du hast vor drei Jahren meinen Hoodie geklaut und nie zurückgegeben."
Meine Wangen wurden rot. „Das war ein Unfall."
„Das war eine Geiselnahme, und ich will ihn zurück."
„Ich habe ihn nicht einmal mehr."
„Lügnerin." Er grinste, und der Anblick löste etwas Kompliziertes in meiner Brust aus. „Ich habe dich vor sechs Monaten in dem Coffee-Shop damit gesehen. Es ist dein Lieblingsteil."
Ich öffnete den Mund, um zu widersprechen, und schloss ihn wieder, weil er recht hatte. Es war mein Lieblingsteil. Der weiche schwarze Stoff roch selbst nach einem Dutzend Waschgängen noch nach ihm, und ich hatte ihn an jedem schlechten Tag getragen, seit ich ihn versehentlich nach einer Party mitgenommen hatte. Ich hatte das nie jemandem gestanden, schon gar nicht ihm, und die Tatsache, dass es ihm aufgefallen war, ließ meine Haut unangenehm prickeln. Liam bemerkte die kleinsten Dinge an mir, von den Snacks, die ich mochte, bis zum Shampoo, das ich benutzte, und diese Erkenntnis verunsicherte mich mehr, als ich zugeben wollte. Ethan war drei Jahre lang mit mir zusammen gewesen und hatte nie auf solche Details geachtet, doch Liam sah irgendwie Dinge, die ich nie laut ausgesprochen hatte.
„Ich besorge dir einen neuen", sagte ich schließlich, meine Stimme kleiner als beabsichtigt.
„Lass es. Ich will das Original. Es hat sentimentalen Wert."
„Sentimentaler Wert wegen eines Hoodies?"
„Wegen des Gesichts, das du gemacht hast, als du gemerkt hast, dass du erwischt wurdest." Sein Grinsen wurde breiter. „Jetzt geh duschen. Du riechst nach Zuckerwatte und Herzschmerz."
Ich hätte beleidigt sein sollen. Stattdessen ertappte ich mich dabei, wie ich ein Lächeln unterdrückte, als ich mich umdrehte und den Flur entlangging, meine Füße in den flauschigen Teppich einsinkend, als würde ich auf Wolken gehen. Das Gästezimmer war riesig, mit einem Kingsize-Bett in weißen Laken und einem Fenster, das den funkelnden Stadthimmel überblickte. Eine Vase mit frischen Blumen stand auf dem Nachttisch, und ich fragte mich, ob er sie für mich hingestellt hatte oder ob sein Penthouse einfach immer so aggressiv perfekt war.
Die Dusche war eine Offenbarung. Mehrere Düsen hämmerten gegen meine müden Muskeln, wuschen die getrockneten Tränen und den anhaftenden Geruch des Vergnügungsparks weg. Ich stand gefühlte Ewigkeiten unter dem heißen Wasser, ließ es auf meine Schultern prasseln, bis sich die Anspannung in meinem Nacken endlich zu lösen begann. Als ich schließlich herauskam, in eines seiner lächerlich flauschigen Handtücher gehüllt, fühlte ich mich fast wieder wie ein Mensch.
Fast.
Ich fand eine Schublade voller Kleidung, die brandneu aussah, teilweise noch mit Preisschildern. T-Shirts, Jogginghosen, sogar ein paar Kleider. Alle in meiner Größe. Ich starrte sie einen langen Moment an, mein Herz tat etwas Seltsames und Schmerzhaftes in meiner Brust. Ich fragte nicht, woher sie kamen. Ich wollte die Antwort nicht wissen.
Ich zog ein weiches graues T-Shirt und eine schwarze Leggings an, die saßen, als wären sie für mich gemacht, und trottete dann zurück ins Wohnzimmer. Liam lag ausgestreckt auf dem riesigen Sofa, scrollte durch sein Handy, und sah auf, als ich hereinkam. Sein Blick huschte über mich, schnell und abwägend, und ich sah etwas in seinen Augen aufblitzen, bevor er es mit seiner üblichen Belustigung überdeckte.
„Leihst du dir jetzt meine Klamotten?" fragte er und zog eine Augenbraue hoch. „Du hast Glück, dass ich großzügig bin."
„Die lagen in einer Schublade."
„Eben. Leihen."
„Du hast sie für mich gekauft", sagte ich leise, und der Satz hing zwischen uns in der Luft.
Liams Kiefer spannte sich fast unmerklich. „Ich habe sie für einen hypothetischen Gast gekauft, der sie vielleicht brauchen könnte. Du passt zufällig auf die Beschreibung."
„Aha."
„Du bist so misstrauisch."
„Ich bin nicht misstrauisch. Ich bin aufmerksam."
„Das Gleiche, kleine Schleife."
Ich fuhr bei dem Spitznamen zusammen, die Wärme in meiner Brust kollidierte mit Verärgerung. „Nenn mich nicht so."
„Zu spät. Das ist jetzt dein Name."
„Das ist nicht mein Name. Ich heiße Angela."
„Angela ist dein amtlicher Name. Kleine Schleife ist dein Seelenname. Ich mache die Regeln nicht."
„Du bist unmöglich."
„Und doch, hier bist du. Lebst in meinem Penthouse. Trägst meine Klamotten. Benutzt meine Dusche." Er legte sein Handy weg und setzte sich auf, klopfte auf das Kissen neben sich. „Komm, setz dich. Wir müssen Grundregeln aufstellen."
Ich zögerte, durchquerte dann langsam den Raum und ließ mich auf das andere Ende des Sofas sinken, so weit wie möglich von ihm entfernt. Er verdrehte die Augen wegen des Abstands, aber er kommentierte es nicht.
„Okay", sagte er und rieb sich die Hände. „Mitbewohnervereinbarung. Lass uns das durchgehen."
„Wir sind nicht wirklich Mitbewohner. Das ist vorübergehend."
„Klar, klar. Vorübergehend. Aber solange du hier bist, brauchen wir Grenzen."
„Grenzen", wiederholte ich skeptisch.
„Genau. Ich fang an. Regel eins: kein Weinen in den Gemeinschaftsräumen nach Mitternacht. Das ist schlecht für die Stimmung."
Ich starrte ihn an. „Das ist keine echte Regel."
„Regel zwei: Die Küche ist Gemeinschaftsraum, aber das oberste Regalfach im Kühlschrank gehört mir. Fass meine Proteinshakes an, und ich mach dich fertig."
„Du trinkst doch gar keine Proteinshakes."
„Vielleicht fange ich damit an. Regel drei: nicht unter der Dusche singen. Ich hab dich gehört, und es war tragisch."
„Liam."
„Regel vier –"
„Lass mich auch ein paar Regeln machen", unterbrach ich ihn und richtete mich auf. „Regel eins: nicht oberkörperfrei herumlaufen."
Seine Augenbrauen schossen hoch. „Entschuldigung?"
„Du hast mich gehört. Du hast die Angewohnheit, ohne Shirt herumzulaufen, und das ist ablenkend."
„Ablenkend?" Seine Stimme senkte sich, und ich konnte das Grinsen darin hören, selbst ohne ihn anzusehen. „Also findest du mich ablenkend?"
„Ich finde es rücksichtslos. Das ist ein gemeinsamer Wohnraum."
„Angela, es ist mein Penthouse."
„Und ich bin dein Gast. Zeig etwas Anstand."
Er lachte, tief und warm, und ich spürte, wie es sich wie Honig in meiner Brust ausbreitete. „Na gut. Aber nur, weil du so nett gefragt hast. Regel zwei für dich: meinen Hoodie nicht klauen."
„Ich hab dir doch schon gesagt, dass ich ihn nicht habe."
„Lügnerin."
„Du bist besessen von diesem Hoodie."
„Ich bin besessen von dem Prinzip. Regel drei: keine fremden Frauen."
Liams Grinsen verrutschte. „Was?"
„Keine fremden Frauen", wiederholte ich und verschränkte die Arme. „Ich will nicht aus meinem Zimmer kommen und eine Wildfremde in der Küche antreffen."
„Angela, ich bringe keine fremden Frauen hierher."
„Dein Ruf sagt etwas anderes."
„Mein Ruf ist übertrieben." Da war jetzt eine Schärfe in seiner Stimme, etwas Hartes und fast Verletztes. „Ich bringe niemanden hierher. Niemals. Du bist der erste Mensch, der diesen Ort außer mir gesehen hat."
Das Geständnis traf mich wie ein Schlag in die Magengrube. Ich öffnete den Mund, um zu antworten, aber es kam nichts heraus. Er sah mich mit einer Intensität an, die meine Haut prickeln ließ, und plötzlich war mir sehr bewusst, wie nah wir uns waren, wie das gedämpfte Licht die scharfen Konturen seines Gesichts irgendwie weicher wirken ließ.
„Okay", sagte ich schließlich, meine Stimme kaum mehr als ein Flüstern. „Schon gut. Keine fremden Frauen. Ich streiche das von der Liste."
„Gut."
„Regel vier: nenn mich nicht kleine Schleife."
Er grinste, die Spannung brach wie eine Welle am Ufer. „Auf keinen Fall."
„Liam."
„Das ist keine Regel. Das ist ein Vorschlag. Und ich ignoriere ihn."
„Das ist mein Ernst."
„Ich auch. Du bist die kleine Schleife. So bist du nun mal." Er beugte sich vor, seine Augen blitzten. „Du kannst dem nicht entkommen."
Ich wollte widersprechen, aber der Kampfgeist wich aus mir. Es fühlte sich seltsam schön an, mit etwas genannt zu werden, das nur mir gehörte, etwas, das nicht das Gewicht all meiner anderen Namen trug. Gebrochen. Zweite Wahl. Das Mädchen, mit dem Ethan sich zufriedengegeben hatte. Kleine Schleife fühlte sich irgendwie leichter an, als könnte ich darin atmen.
„Du bist nervig", sagte ich stattdessen.
„Durchaus möglich. Aber du bist immer noch hier."
„Wo sollte ich sonst hingehen?"
Die Frage rutschte mir heraus, bevor ich sie stoppen konnte, und ich sah, wie Liams Miene sich veränderte, etwas blitzte hinter seinen Augen auf. Er antwortete nicht sofort. Stattdessen sah er mich nur an, als hätte ich etwas Wichtiges gesagt, etwas, das er für später aufhob.
„Nirgendwo", sagte er schließlich, seine Stimme weicher, als ich erwartet hatte. „Das ist der Punkt."
Ich sah weg, meine Kehle war eng. „Okay. Dann Regel fünf: wir reden nicht über Ethan."
Liams Kiefer spannte sich. „Einverstanden. Aber nur, weil ich das ohnehin vorschlagen wollte."
„Lügner."
Er lachte wieder, und der Klang lockerte etwas in meiner Brust. „Erwischt. Aber im Ernst: Wir reden nicht über ihn. Er existiert nicht in diesem Penthouse. Er ist für mich gestorben."
„Das ist dramatisch."
„Das ist großzügig. Ich hätte eine dauerhaftere Regelung vorgezogen, aber ich bin rücksichtsvoll."
„Rücksichtsvoll", wiederholte ich und unterdrückte ein Lächeln. „Nennst du das so?"
„Ich nenne das ein guter Gastgeber. Gern geschehen, übrigens."
„Wofür?"
„Dass ich dich hier wohnen lasse. Dass ich dir das beste Zimmer gebe. Dass ich keine Miete verlange."
„Das hast du alles nicht getan. Ich bin einfach aufgetaucht."
„Und ich habe meine Tür geöffnet. Das ist der schwierige Teil."
Ich schüttelte den Kopf, aber jetzt lächelte ich, ein echtes Lächeln, das sich fremd auf meinem Gesicht anfühlte. „Du bist unmöglich."
„Hattest du schon."
Wir verstummten, aber es war nicht unangenehm. Es fühlte sich fast natürlich an, als hätten wir das schon seit Jahren gemacht statt nur Stunden. Ich lehnte mich auf dem Sofa zurück und ließ meine Augen zufallen, und ich hörte, wie Liam sich neben mir bewegte.
„Angela?"
„Ja?"
„Was ich vorhin gesagt habe, das war ernst gemeint. Du bist nicht gebrochen."
Ich öffnete die Augen und traf seinen Blick. Da war kein Spott in seinem Gesicht, kein Necken. Nur etwas Offenes und Rohes, das mir das Herz schmerzen ließ.
„Ich weiß", sagte ich leise. „Ich bin nur verletzt."
„Das ist erlaubt."
„Ist es das?"
„Immer." Er sah mich einen langen Moment an, dann stand er abrupt auf. „Ich mach uns Tee. Willst du auch?"
„Ich trinke keinen Tee."
„Heute Nacht schon."
„Liam –"
„Vertrau mir." Er ging bereits in Richtung Küche. „Ich mache guten Tee. Der hilft dir beim Einschlafen."
Ich sah ihm zu, wie er durch die Küche huschte, seine Bewegungen effizient und anmutig, und ich spürte, wie sich etwas in mir verschob. Etwas, das ich nicht benennen und nicht zu genau untersuchen wollte. Er sollte unerträglich sein, nervig, unmöglich. Er sollte nicht so sein. Er sollte mich nicht das Gefühl von Sicherheit geben lassen.
Ich schüttelte den Gedanken ab und stand auf, ging zum Flur. „Ich gehe ins Bett."
„Gute Nacht, kleine Schleife."
„Nenn mich nicht so."
„Nie."
Ich ging in mein Zimmer und schloss die Tür hinter mir, die Stille des Raumes drückte von allen Seiten auf mich ein. Das Bett war weich, die Laken glatt, und ich sank hinein, als würde ich in den Wolken verschwinden. Aber mein Kopf hörte nicht auf zu kreisen.
Ethan hatte mir nicht geschrieben.
Ich holte mein Handy hervor und scrollte durch meine Nachrichten. Nichts. Kein „Bist du gut angekommen?" Kein „Es tut mir leid für heute." Keine Bestätigung, dass ich überhaupt existierte. Ich war seit Stunden weg, und er hatte es nicht einmal bemerkt.
Die Tränen kamen, bevor ich sie aufhalten konnte, lautlos und heiß, rannen meine Wangen hinab und sog das Kopfkissen auf. Ich presste meine Hand auf den Mund, um den Laut zu dämpfen, aber sie kamen immer weiter, Welle um Welle von Kummer, den ich die ganze Nacht zurückgehalten hatte. Es ging nicht nur um heute. Es ging um drei Jahre des Schrumpfens, drei Jahre, in denen ich mich klein gemacht hatte, damit Ethan groß sein konnte, drei Jahre des Liebens zu jemandem, der mich nie zurückgeliebt hatte.
Ich weinte, bis meine Augen brannten, bis meine Kehle wund war, bis nichts mehr in mir übrig war als ein hohler Schmerz, der in der Stille des Raumes nachzuhallen schien.
Ich hörte nicht, wie die Tür aufging. Ich hörte keine Schritte. Aber als ich mich schließlich aufsetzte und mit zitternden Händen mein Gesicht abwischte, bemerkte ich etwas auf dem Boden neben der Tür.
Eine Tasse Tee, noch dampfend. Eine zusätzliche Decke, ordentlich danebengefaltet.
Ich starrte sie einen langen Moment an, mein Herz brach auf eine Weise auf, die ich nicht ganz verstand. Liam hatte nicht geklopft. Er hatte sich nicht aufgedrängt, nicht versucht, mich zu trösten. Er hatte einfach diese Dinge hier gelassen, ein stilles Angebot, und war gegangen.
Ich nahm den Tee, umschloss die Wärme mit meinen Fingern, und spürte, wie die Tränen erneut kamen. Aber diesmal waren sie anders. Weicher irgendwie, mit einem Gewicht, das ich nicht benennen konnte.
Ich kuschelte mich unter die zusätzliche Decke, der Tee kühlte neben mir, und ich ließ mich fühlen. Den Verlust. Den Kummer. Das seltsame, furchterregende Aufflackern von etwas anderem, das ich nicht zu benennen wagte.
Ich wusste nicht, was morgen bringen würde. Ich wusste nicht, wie lange ich hier bleiben würde oder was passierte, wenn ich endlich gehen musste. Aber für heute Nacht, in diesem stillen Zimmer, umgeben von Wärme und Stille und dem Echo von Schritten, die direkt vor meiner Tür stehen geblieben waren, ließ ich mich atmen.
Und zum ersten Mal seit Jahren tat es nicht mehr ganz so weh.
Vor meiner Tür hörte ich das leise Geräusch von Schritten, die den Flur hinuntergingen, und ich wusste, dass er gewartet hatte. Gewartet, um sicherzugehen, dass es mir gut ging. Gewartet, um zu gehen, ohne es peinlich zu machen.
Liam klopfte nicht. Er drängte sich nicht auf. Er ließ einfach Tee und eine Decke da und verschwand.
Und irgendwie bedeutete das mehr als alles, was Ethan in drei Jahren jemals für mich getan hatte.
ANGELAS POVAm dritten Tag hatte die Hochzeit bereits begonnen, sich in eine Erinnerung zu verwandeln, anstatt weiterhin etwas Gegenwärtiges zu sein.Ich bemerkte es an der Art, wie das grüne Kleid von der Rückenlehne des Stuhls in die Reinigungstasche neben der Tür gewandert war. An der Art, wie Liams Anzugjacke ohne ein einziges Wort ordentlich in den Kleiderschrank gehängt worden war. Und daran, dass keiner von uns das Thema von sich aus ansprach, solange sich keine natürliche Gelegenheit dazu ergab.Die formelle Seite unserer Geschichte war geschrieben worden.Doch das Buch lag weiterhin offen vor uns, auf dem gewöhnlichen Kapitel, das wir schon lange gemeinsam lebten.Es gab etwas Beruhigendes daran.Ich hatte erwartet, dass sich die Tage nach der Hochzeit vielleicht anders anfühlen würden. Nicht unbedingt aufregender oder bedeutungsvoller, aber vielleicht ein wenig ungewöhnlicher. Vielleicht würde ich häufiger auf meinen Ring schauen oder mich dabei ertappen, dass ich Liam ander
LIAMS POVDer zweite Tag unserer Ehe sah beinahe genauso aus wie der letzte Tag, an dem wir noch nicht verheiratet gewesen waren.Ich wachte im selben blassen Licht auf, das durch die Vorhänge fiel, spürte dieselbe verbleibende Kälte an den Rändern der Fenster und dasselbe vertraute Gewicht von Angelas Bein unter der zusätzlichen Decke gegen meines gedrückt. Ihre Hand lag in der Nähe meiner Brust, und der Ring an ihrem Finger fing einen schwachen Lichtschein ein, als sie sich im Schlaf leicht bewegte.Eine Weile blieb ich einfach liegen.Es gab keinen Grund, aufzustehen. Keinen Termin, den ich einhalten musste, und keine Verpflichtung, die mich dazu zwang, diesen Augenblick zu verlassen. Angela atmete ruhig neben mir, und ich beobachtete, wie sich ihre Schulter mit jedem Atemzug leicht hob und wieder senkte.Der einzige Unterschied zwischen diesem Morgen und all den Morgen zuvor war das stille Wissen, dass die formelle Seite unserer Geschichte nun geschrieben war.Und trotzdem verlang
ANGELAS POVAm Morgen nach der Hochzeit sah die Wohnung genauso aus wie am Tag zuvor.Ich wachte im blassen Winterlicht auf und spürte Liams vertrautes Gewicht, seinen Arm um meine Taille gelegt. Lange Zeit bewegte ich mich nicht. Der Ring an meiner linken Hand fühlte sich weder schwerer noch fremder an. Diese Tatsache setzte sich tiefer in mir fest als all die förmlichen Worte, die am vorherigen Nachmittag unter der Eiche gesprochen worden waren.Über Nacht hatte sich nichts Grundlegendes verändert.Die Räume waren dieselben. Der Heizkörper tickte noch immer in unregelmäßigen Abständen. Der Frost bildete weiterhin feine, federartige Muster an den Ecken der Fensterscheibe. Auf dem Nachttisch stand das Glas Wasser, das ich am Abend zuvor dort abgestellt hatte. Liams Buch lag noch immer mit dem Rücken nach oben auf seiner Seite des Bettes, genau dort, wo er es vor dem Einschlafen hingelegt hatte.Die Zeremonie hatte unser Leben nicht neu geschrieben. Sie hatte weder die vertrauten Gegens
LIAMS POVDer Hochzeitstag kam mit derselben schneidenden, klaren Kälte wie die Tage zuvor.Ich wachte auf, bevor das Licht sich vollständig für die Gestalt des Morgens entschieden hatte. Angela schlief noch, eine Hand nahe an ihrem Gesicht, der Ring selbst im schwachen Grau sichtbar. Lange Zeit bewegte ich mich nicht. In der Wohnung lag die verbleibende Stille der Nacht, jene besondere Ruhe, die sich einstellt, wenn das Ziel, auf das man die ganze Zeit zugelaufen ist, endlich mit einem im Raum steht.Als sie aufwachte, griff sie weder nach ihrem Handy noch fragte sie nach dem Wetter. Sie sah mich an, ihre Augen klar, und sagte: „Heute ist es so weit.“„Heute ist es so weit.“Keiner von uns fügte etwas hinzu. Diese Tatsache genügte.Wir bewegten uns durch den Morgen wie durch die meisten unserer Morgen – Kaffee, das gemeinsame Waschbecken im Badezimmer, die stille Aushandlung darüber, wer zuerst den Spiegel benutzte. Der einzige Unterschied waren die Kleidungsstücke, die auf dem Stuhl
ANGELAS POVDer Tag vor der Hochzeit kam, ohne sich anzukündigen.Ich wachte zum dünnen, präzisen Licht des Spätherbstes auf und hörte das Ticken des Heizkörpers, der gegen die Kälte anarbeitete. Liam war neben mir bereits wach. Ein Arm lag hinter seinem Kopf, seine Augen waren geöffnet, doch sein Blick schien nirgendwo wirklich hinzusehen. Lange Zeit sprach keiner von uns. Die Wohnung bewahrte die Restwärme der Nacht und jene besondere Stille, die entsteht, wenn das, worauf man sich zubewegt hat, endlich so nahe ist, dass man es berühren könnte.Schließlich drehte er den Kopf auf dem Kissen zu mir.„Heute fühlt sich gewöhnlich an“, sagte er.„Ich weiß. Ich warte ständig darauf, dass es sich anders anfühlt.“„Vielleicht ist genau das der Sinn daran, dass es gewöhnlich ist.“Ich dachte darüber nach. Die ältere Version von mir hätte sich vielleicht gewünscht, dass der Tag vor einer Hochzeit von mehr Spannung erfüllt wäre. Die Version, die die lange Fernbeziehung und die sorgfältige Arbe
LIAMS POVZwei Tage vor der Hochzeit war die Eishalle fast leer, als ich ankam.Der öffentliche Eislauf war wegen der Temperaturen früher zu Ende gegangen. Unter den Lichtern lag das Eis wie ein sauberes Blatt Papier, auf das noch niemand etwas geschrieben hatte. Ich schnürte meine Schlittschuhe in der stillen Umkleidekabine und ging hinaus, um ein paar lange, langsame Runden zu drehen, bevor jemand anderes auftauchte. Die Kälte, die von der Eisfläche aufstieg, war präzise. Sie weckte jene Teile meiner Aufmerksamkeit, die durch die Luft im Büro immer abgestumpft wurden.Mateo war das erste Kind, das durch die Türen kam. Als er mich sah, hob er die Hand und begann seine übliche Runde am Rand der Eisfläche, ohne auf eine Anweisung zu warten. In den nächsten fünfzehn Minuten trafen nach und nach einige andere ein, ihre Gesichter vom Fußweg gerötet, die Handschuhe noch halb angezogen. Ich hielt die Trainingseinheit kurz und ließ die Spiele länger dauern. Bei einem solchen Wetter war nur e







