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Vor ihnen allen

Autor: Rose vale
last update Data de publicação: 2026-10-24 00:45:09

Der Ratssaal lag im Herzen des Haupthauses – lang, mit niedriger Decke und ausgekleidet mit dunklem Holz, das immer noch nach altem Rauch roch. Ein breiter Tisch beherrschte die Mitte. Zwölf Stühle. Die meisten bereits besetzt.

Lyra spürte, wie jeder Blick auf ihr lastete, in dem Moment, als sie hinter Alexander durch die Tür trat.

Sie trug immer noch sein Hemd, die Ärmel bis zu den Ellbogen hochgekrempelt, die schlichte silberne Kette sichtbar an ihrem Schlüsselbein. Niemand hatte ihr andere K
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  • Blut der Vergessenen   Vor ihnen allen

    Der Ratssaal lag im Herzen des Haupthauses – lang, mit niedriger Decke und ausgekleidet mit dunklem Holz, das immer noch nach altem Rauch roch. Ein breiter Tisch beherrschte die Mitte. Zwölf Stühle. Die meisten bereits besetzt.Lyra spürte, wie jeder Blick auf ihr lastete, in dem Moment, als sie hinter Alexander durch die Tür trat.Sie trug immer noch sein Hemd, die Ärmel bis zu den Ellbogen hochgekrempelt, die schlichte silberne Kette sichtbar an ihrem Schlüsselbein. Niemand hatte ihr andere Kleidung angeboten. Sie hatte nicht danach gefragt. Sollten sie ruhig starren.Alexander hielt nicht inne. Er ging geradewegs zum Kopfende des Tisches und zog den Stuhl zu seiner Rechten heraus. Keine Bitte. Ein Befehl.Lyra setzte sich.Calista war bereits da, drei Plätze weiter auf der gegenüberliegenden Seite. Sie trug Schwarz, das Haar perfekt glatt, der Ausdruck ruhig. Nur ihre Augen glitten einmal über Lyras geliehenes Hemd, einmal über die schwachen Markierungen, die noch an Alexanders Hal

  • Blut der Vergessenen   Der Morgen danach

    Lyra wachte vom Geräusch des Regens an den Fenstern und dem schweren Gewicht eines Arms über ihrer Taille auf.Ein paar Sekunden lang rührte sie sich nicht. Das Zimmer war noch dunkel. Sie erhob sich von Alexanders Brust und ließ sich sanft auf den Rücken sinken. Sein Atem war warm an ihrem Nacken. Eines seiner Beine war mit ihrem verschlungen.Das Band lag still zwischen ihnen, aber längst nicht verschwunden. Es summte leise und gleichmäßig, wie ein zweiter Herzschlag. Sie hätte sich sicherer fühlen sollen.Stattdessen blitzte das Bild der offenen Augen des toten Jungen vor ihrem inneren Auge auf. Die Stimme der Frau aus der Vision. Der Blick, mit dem Calista sie angesehen hatte – als wäre sie bereits zum Entfernen markiert.Lyra glitt vorsichtig unter Alexanders Arm hervor. Er wachte nicht auf. Sie zog sein liegengelassenes Hemd über, der Stoff reichte ihr bis über die Hüften, knapp über die Knie.Der Wald sah im grauen Morgenlicht anders aus. Nass. Wachsam. Sie berührte die sch

  • Blut der Vergessenen   Was das Band verlangt.

    Auf dem Rückweg sprachen sie kein Wort.Das Compound war still, als sie es erreichten. Der Großteil des Rudels hatte sich zurückgezogen, nachdem der Körper gebracht worden war. Alexander entließ die letzten beiden Wachen mit einem Blick und führte Lyra die Treppe hinauf. Er brachte sie nicht ins Gästezimmer.Er brachte sie in sein Zimmer.Die Tür fiel hart hinter ihnen zu. Einen Moment lang standen sie nur da im Dunkeln und atmeten dieselbe Luft. Das Band zwischen ihnen fühlte sich jetzt dichter an, fast sichtbar – ein lebender Strom unter der Haut.Lyras Hände zitterten immer noch von der Vision. Von den offenen Augen des toten Jungen. Von der Frauenstimme, die so sicher geklungen hatte, als sie ihren Namen als Waffe befohlen hatte. Trauer lag schwer in ihrer Brust. Darunter brannte etwas Heißeres.Alexander drehte den Schlüssel um.Dann war er über ihr.Es gab nichts Behutsames an der Art, wie er sie diesmal küsste. Mund offen, Zähne schabten, eine Hand ballte sich in ihrem Haar, um

  • Blut der Vergessenen   Blut im Bach

    Lyra blieb vier Minuten, nachdem die Vordertür zugefallen war.Dann zog sie ihre Stiefel an, schob den silbernen Anhänger unter ihr Hemd und folgte ihm.Die Nachtluft traf kalt und scharf. Sie folgte der Richtung, in die der Rudelangehörige gewiesen hatte – nach Süden, durch die Bäume, wo der Boden zu einem schmalen Bach hin abfiel. Stimmen trugen voraus. Leise. Angespannt. Sie blieb im Schatten, bewegte sich so, wie ihre Mutter es sie gelehrt hatte: Ferse zur Zehe, Atem ruhig, Augen auf die Lücken zwischen den Stämmen.Sie fand sie am Wasserrand.Alexander stand mit drei anderen Wölfen in Menschengestalt da, alle blickten hinunter auf den Körper.Es war ein junger Mann, vielleicht zwanzig. Die Kehle aufgerissen. Blut hatte sich in das Moos gesogen und das Bachwasser rosa gefärbt. Seine Augen waren noch offen.Lyras Magen drehte sich um. Sie drückte eine Hand gegen den nächsten Baum und zwang die Übelkeit hinunter.Alexander hockte sich neben den Körper. Er berührte ihn nicht. Schließ

  • Blut der Vergessenen   Die Frau, die Luna werden sollte.

    Lyra schloss die Tür ab.Dann schloss sie sie wieder auf und öffnete sie gerade weit genug, um zu hören, was sie sagten.Stimmen drangen die Treppe hinauf – Alexanders tief und kontrolliert, die einer Frau schärfer, mit einem Unterton, der fast wie Lachen klang.„Du hast eine Owen ins Haus gebracht.“ Die Stimme der Frau war glatt, kultiviert. „Nach allem, was dieses Rudel getan hat, um diesen Namen zu begraben.“„Sie steht unter meinem Schutz.“„Sie ist eine Belastung. Und du lässt das Band für dich denken.“Lyra trat näher an das Geländer. Die Luft unten roch jetzt anders – Parfüm über dem Holzrauch, süß und teuer. Sie konnte gerade den Rand eines dunklen Mantels sehen, einen langen Fall schwarzer Haare, die scharfe Linie eines Frauenprofils.Calista.„Sie ist halb tot und blutet“, sagte Alexander. „Ich werfe sie nicht in den Wald.“„Wie edel.“ Calista trat vollständig ins Blickfeld. Sie war schön. Ihre Augen hoben sich, fanden den Spalt in der oberen Tür und hielten inne. Ein langsa

  • Blut der Vergessenen   Unter seinem Dach

    Das Haus stand auf dem höchsten Hügel des Territoriums – ganz aus dunklem Holz und Stein, die Fenster leuchteten wie wachsame Augen. Alexander sagte kein Wort, während er sie die breiten Stufen hinaufführte. Die Tür öffnete sich, bevor er sie erreichte. Eine Frau mit grauweißem Haar und einem vorsichtigen Gesicht trat wortlos zur Seite und senkte den Kopf. Ihre Augen huschten einmal zu Lyra, dann zum Anhänger und wieder hinunter.Drinnen war die Luft wärmer. Sie roch nach Holzrauch, Leder und nach ihm.Alexander blieb im Eingang stehen. „Du blutest.“Lyra blickte hinunter. Die Schnitte an ihren Handflächen hatten sich wieder geöffnet. Blut war in dünnen braunen Linien über ihre Handgelenke getrocknet.„Mir geht’s gut.“Er gab einen tiefen Laut von sich, der nicht ganz Zustimmung war. „Gästezimmer ist oben. Zweite Tür links. Bad ist dabei. Wasch dich. Ich schicke Essen.“Sie bewegte sich nicht. „Bin ich Gast oder Gefangene?“Sein Blick hielt den ihren. Das Gold in seinen Augen hatte si

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