LOGINLyra hat ihr ganzes Leben damit verbracht, vor Ravencrest zu fliehen. Als ihre Mutter vor ihren Augen getötet wurde, hinterließ man ihr nur einen silbernen Anhänger und eine Warnung Kehre niemals nach Ravencrest zurück. Doch die Wahrheit begann sich zu offenbaren, als sie aufhörte zu rennen und sich ihren Ängsten stellen musste, indem sie nach Ravencrest zurückkehrte. Sie ist das letzte Blut des alten Alphas–des Mannes, der das Rudel verraten hat. Der neue Alpha will sie tot sehen. Doch in dem Moment, in dem sie sich begegnen, schnappt ein unzerbrechliches Mate-Band zu und er hasst es. Es gibt nur eine Lösung: Die letzte Owen an den Alpha durch eine politische Ehe zu binden. Fünf Jahre vergehen ohne Küsse, ohne Berührungen, nur in Schweigen. An ihrem Jahrestag findet Lyra Lippenstift an den Kleidern ihres Mannes und den Duft einer anderen Frau auf seiner Haut – und etwas in ihr bricht endgültig. In dieser Nacht, auf dem maskierten Night of Veils, gibt sie sich einem Fremden hin, den sie zum ersten Mal trifft. Ohne zu wissen, dass der Mann hinter der Maske ihr Ehemann ist. Bei Tagesanbruch wird sie gezwungen, betäubt und von jemandem markiert, dem sie niemals hätte vertrauen dürfen. Dem Rudel wird erzählt, sie sei verbrannt. Doch sie überlebt und schwört einen Schwur: Sie alle werden zahlen. Zwei Jahre später betritt eine Fremde mit neuem Gesicht und neuem Namen Ravencrest. Der Alpha wird von seiner Trauer verzehrt, die Frau, die einst seine Krone wollte, führt nun sein Rudel – und der Mann, der alles geplant hat, sitzt immer noch an seiner rechten Seite. Lyra ist zurückgekehrt, um Ravencrest dem Erdboden gleichzumachen. Doch das Mate-Band, das sie für tot hielt, ist noch nicht fertig mit ihr. Und das Geheimnis, das sie in sich trägt, auch nicht. Diesmal ist sie die Jägerin.
View MoreDer Raum roch nach Bleichmittel, und Rauch erfüllte die Luft.
Lyra saß am Rand des Bettes, die Knie eng an den Körper gezogen. Sie beobachtete die Hände ihrer Mutter, die denselben kleinen Stapel Geld zum scheinbar dritten Mal zählte. Das leise Rascheln des Papiers sorgte für ein beruhigendes Hintergrundgeräusch. Ihr Daumen hakte immer wieder an der gefalteten Ecke fest.
„Wir fahren bei Tagesanbruch los“, sagte Elise zu ihr. „Die Busse fahren nach Norden. Bis morgen Abend sind wir drei Staaten entfernt.“
Als Lyra den Rand des silbernen Anhängers vorsichtig mit dem Daumen entlang der Kette streichelte, merkte sie, dass er jetzt warm an ihrer Haut lag. Das tat sie immer, wenn die Luft zu dünn wirkte.
Draußen, die Straße hinunter, fuhr ein Lastwagen die Autobahn entlang. Als er vor dem Motel vorbeikam, flackerte das rote Vacancy-Schild durch die dünnen Vorhänge und wieder zurück. Weiter den Flur entlang lachte jemand einmal kurz und scharf auf. Als hätte er gelacht, bevor er merkte, dass er es tat.
Nachdem sie fertig gezählt hatte, drehte Elise die Scheine um und steckte sie in die Seitentasche ihrer Tasche. Sie setzte sich auf das zweite Bett und drückte mit beiden Handflächen gegen ihre Schläfen.
„Du musst dich ausruhen.“
Elises Kehle fühlte sich trocken an. „Mir geht’s gut.“
Der Mund ihrer Mutter zuckte leicht, aber es war kein echtes Lächeln. „Dir geht es nie gut. Du gibst einfach nicht zu, dass du dich schlecht fühlst.“
Sie löschten das Licht. Lyra legte sich auf die Seite und starrte auf den dunklen Umriss des Vorhangs. Sie zählte die Atemzüge ihrer Mutter. Der Raum blieb ein paar Minuten still. Man hätte eine Stecknadel fallen hören können. Es fühlte sich fast an wie ein Ort, an dem Menschen wohnen könnten.
Dann kratzte etwas an der Wand.
Lyras Augen rissen auf. Sie bewegte sich nicht.
Ein weiteres Kratzen. Diesmal näher am Fenster.
Inzwischen saß Elise bereits aufrecht und griff unter das Bett. Ihre Finger umschlossen die Tasche.
Das Fenster barst auf.
Splitterndes Glas auf dem Boden.
Kalte Luft strömte herein. Etwas Großes kam durch das zerbrochene Fenster – zu groß für den Raum, die Schultern gebeugt, die Augen nassgolden. Elise stieß Lyra mit aller Kraft zur Badezimmertür, hart genug, dass Lyras Schulter gegen die Tür knallte.
„Geh.“
Lyra drehte sich um. Die Kreatur hatte Elise an der Schulter gepackt. Die Mutter gab einen kleinen Laut von sich, als versuche sie, niemanden zu wecken.
Lyra griff nach der Lampe. Der Fuß zerschmetterte gegen die Schläfe des Tiers. Es ließ Elise los und drehte sich um. Blut durchtränkte die Vorderseite von Elises Hemd in einer sich ausbreitenden dunklen Form. Sie versuchte immer noch, sich auf einen Ellbogen hochzustemmen.
„Lyra.“
Der Wolf sprang plötzlich mit voller Wucht vor.
Lyra warf sich seitwärts. Krallen zerrissen die Matratze genau dort, wo ihre Rippen gewesen waren. Sie kroch hastig und mühsam über den Boden. Glas schnitt in ihre Handflächen. Sie erreichte die Tür. Der Griff rutschte einmal unter dem Blut weg, dann drehte er sich.
Sie blickte zurück.
Elise kniete. Eine Hand presste sie auf die Wunde. Die andere streckte sich nach Lyra aus.
„Komm nicht zurück zu mir“, sagte sie. Ihre Stimme war rau, fast beiläufig. „Versprich es.“
Lyras Mund öffnete sich. Nichts kam heraus.
Der Wolf drehte den Kopf.
Elises Augen trafen die ihren ein letztes Mal.
„Lauf.“
Lyra rannte.
Sie erinnerte sich nicht an den Parkplatz. Nicht an die Autobahn, nicht an die Kälte und nicht daran, wie lange ihre Beine sich bewegten. Nur an den Anhänger, der gegen ihren Hals sprang, und daran, wie ihre Handflächen immer wieder aneinander klebten.
Bei Tagesanbruch saß sie an einem Metallzaun auf einem leeren Straßenstück. Ihre Kleidung war zerrissen. Die Schnitte an den Händen schmerzten nicht mehr. Sie spürte sie überhaupt nicht.
Sie zog das gefaltete Papier aus der Jackentasche. Dasselbe Papier, das ihre Mutter ihr Monate zuvor gegeben und sie schwören lassen hatte, es nicht zu öffnen.
Ein Wort in sorgfältiger Handschrift.
Ravencrest.
Kartenzeichner.
Lyra starrte eine Weile auf den Brief.
Ihr ganzes Leben lang war sie in die entgegengesetzte Richtung dieses Namens gelaufen. Jetzt war es die einzige Richtung, die noch blieb.
Sie faltete das Papier sorgfältig zusammen und steckte es zurück. Sie stand auf. Ihre Beine fühlten sich schwach und fremd an, als gehörten sie jemand anderem.
Trotzdem begann sie zu gehen.
Richtung Berge.
Richtung dessen, was in der Dunkelheit zwischen den Bäumen wartete.
Ein kleiner, hartnäckiger Teil von ihr – derselbe Teil, der sie jahrelang vorwärtsgetrieben hatte – glaubte immer noch, es müsse einen Grund geben, warum ihre Mutter sie so lange am Leben gehalten hatte.
Sie hatte sich entschieden: Sie würde herausfinden, was es war.
Selbst wenn es auch sie tötete.
Lyra wachte vom Geräusch des Regens an den Fenstern und dem schweren Gewicht eines Arms über ihrer Taille auf.Ein paar Sekunden lang rührte sie sich nicht. Das Zimmer war noch dunkel. Sie erhob sich von Alexanders Brust und ließ sich sanft auf den Rücken sinken. Sein Atem war warm an ihrem Nacken. Eines seiner Beine war mit ihrem verschlungen.Das Band lag still zwischen ihnen, aber längst nicht verschwunden. Es summte leise und gleichmäßig, wie ein zweiter Herzschlag. Sie hätte sich sicherer fühlen sollen.Stattdessen blitzte das Bild der offenen Augen des toten Jungen vor ihrem inneren Auge auf. Die Stimme der Frau aus der Vision. Der Blick, mit dem Calista sie angesehen hatte – als wäre sie bereits zum Entfernen markiert.Lyra glitt vorsichtig unter Alexanders Arm hervor. Er wachte nicht auf. Sie zog sein liegengelassenes Hemd über, der Stoff reichte ihr bis über die Hüften, knapp über die Knie.Der Wald sah im grauen Morgenlicht anders aus. Nass. Wachsam. Sie berührte die sch
Auf dem Rückweg sprachen sie kein Wort.Das Compound war still, als sie es erreichten. Der Großteil des Rudels hatte sich zurückgezogen, nachdem der Körper gebracht worden war. Alexander entließ die letzten beiden Wachen mit einem Blick und führte Lyra die Treppe hinauf. Er brachte sie nicht ins Gästezimmer.Er brachte sie in sein Zimmer.Die Tür fiel hart hinter ihnen zu. Einen Moment lang standen sie nur da im Dunkeln und atmeten dieselbe Luft. Das Band zwischen ihnen fühlte sich jetzt dichter an, fast sichtbar – ein lebender Strom unter der Haut.Lyras Hände zitterten immer noch von der Vision. Von den offenen Augen des toten Jungen. Von der Frauenstimme, die so sicher geklungen hatte, als sie ihren Namen als Waffe befohlen hatte. Trauer lag schwer in ihrer Brust. Darunter brannte etwas Heißeres.Alexander drehte den Schlüssel um.Dann war er über ihr.Es gab nichts Behutsames an der Art, wie er sie diesmal küsste. Mund offen, Zähne schabten, eine Hand ballte sich in ihrem Haar, um
Lyra blieb vier Minuten, nachdem die Vordertür zugefallen war.Dann zog sie ihre Stiefel an, schob den silbernen Anhänger unter ihr Hemd und folgte ihm.Die Nachtluft traf kalt und scharf. Sie folgte der Richtung, in die der Rudelangehörige gewiesen hatte – nach Süden, durch die Bäume, wo der Boden zu einem schmalen Bach hin abfiel. Stimmen trugen voraus. Leise. Angespannt. Sie blieb im Schatten, bewegte sich so, wie ihre Mutter es sie gelehrt hatte: Ferse zur Zehe, Atem ruhig, Augen auf die Lücken zwischen den Stämmen.Sie fand sie am Wasserrand.Alexander stand mit drei anderen Wölfen in Menschengestalt da, alle blickten hinunter auf den Körper.Es war ein junger Mann, vielleicht zwanzig. Die Kehle aufgerissen. Blut hatte sich in das Moos gesogen und das Bachwasser rosa gefärbt. Seine Augen waren noch offen.Lyras Magen drehte sich um. Sie drückte eine Hand gegen den nächsten Baum und zwang die Übelkeit hinunter.Alexander hockte sich neben den Körper. Er berührte ihn nicht. Schließ
Lyra schloss die Tür ab.Dann schloss sie sie wieder auf und öffnete sie gerade weit genug, um zu hören, was sie sagten.Stimmen drangen die Treppe hinauf – Alexanders tief und kontrolliert, die einer Frau schärfer, mit einem Unterton, der fast wie Lachen klang.„Du hast eine Owen ins Haus gebracht.“ Die Stimme der Frau war glatt, kultiviert. „Nach allem, was dieses Rudel getan hat, um diesen Namen zu begraben.“„Sie steht unter meinem Schutz.“„Sie ist eine Belastung. Und du lässt das Band für dich denken.“Lyra trat näher an das Geländer. Die Luft unten roch jetzt anders – Parfüm über dem Holzrauch, süß und teuer. Sie konnte gerade den Rand eines dunklen Mantels sehen, einen langen Fall schwarzer Haare, die scharfe Linie eines Frauenprofils.Calista.„Sie ist halb tot und blutet“, sagte Alexander. „Ich werfe sie nicht in den Wald.“„Wie edel.“ Calista trat vollständig ins Blickfeld. Sie war schön. Ihre Augen hoben sich, fanden den Spalt in der oberen Tür und hielten inne. Ein langsa











