LOGINKapitel Vier — Die Fotografie
Lena starrte auf das Foto, bis ihre Augen schmerzten.
„Nein.”
Adrian warf ihr einen Blick zu. „Was?”
Sie zoomte in das Bild hinein. Die Spiegelung im Autofenster war unscharf, aber das Gesicht war vertraut. Zu vertraut.
„Ich kenne diese Person.”
Sein Ausdruck veränderte sich. „Wer?”
„Daniel. Mias Verlobter.”
Adrian wurde langsamer. „Bist du sicher?”
„Ich kenne ihn seit drei Jahren. Das ist er.”
Er nahm das Telefon und betrachtete die Spiegelung länger, als sie erwartet hatte. „Du bist dir sicher.”
„Ich stand heute Abend neben ihm.”
„Das macht ihn nicht automatisch zu einem Beteiligten.”
„Dann erklär mir, warum er Fotos von uns gemacht hat.”
Er gab ihr das Telefon zurück, ohne zu antworten, was ihr mehr sagte als jede Antwort es getan hätte.
Daniel war ihr gegenüber immer freundlich gewesen, hatte Mia durch schwere Zeiten geholfen, Lena wie Familie behandelt. Der Gedanke, dass er daran beteiligt sein könnte, verkrampfte ihren Magen.
„Wir müssen zurück.”
„Nein.”
„Meine beste Freundin ist dort.”
„Genau deshalb fahren wir nicht zurück.”
„Adrian—”
„Hör mir zu.” Seine Stimme wurde schärfer. „Wenn Daniel involviert ist, liefern wir ihnen genau das, was sie wollen, wenn wir auftauchen, um Mia zu suchen. Dich, die wieder mitten hineinläuft.”
„Und wenn du dich in ihm irrst?”
„Dann haben wir nichts verloren, indem wir vorsichtig waren.”
„Und wenn du recht hast?”
„Dann ist die Nacht noch nicht vorbei, und es wird schlimmer, bevor es besser wird.”
Er gab Gas. Lena prüfte das Rückfenster, das schwarze Auto war verschwunden. Zum ersten Mal, seit sie das Hotel verlassen hatten, erlaubte sie sich zu atmen.
Dann klingelte sein Telefon.
„Hallo?”
Eine Männerstimme kam durch. „Adrian Cole.”
Seine Augen verengten sich. „Wer ist das?”
„Du weißt genau, wer ich bin.”
Der Anruf endete, bevor Adrian noch etwas sagen konnte.
„Was hat er gesagt?”
„Nichts, das sich zu wiederholen lohnt.”
„Du lügst schon wieder.”
Er atmete aus. „Du wirst dich daran gewöhnen müssen, dass das heute Nacht öfter passiert.”
„Woran genau?”
„Dass du beim ersten Versuch die volle Wahrheit erwartest.”
„Dann gib mir keine Gründe mehr, an dir zu zweifeln.”
Für einen Moment sah er trotz allem fast amüsiert aus. „Immer noch unmöglich zu handhaben.”
„Und du bist immer noch nervig.”
„Diese Beleidigung habe ich vermisst.”
Ihr Herz setzte einen Schlag aus, und sie sah schnell weg. „Lass das.”
„Was lassen?”
„So etwas sagen.”
„Warum nicht?”
„Weil wir diese Menschen nicht mehr sind.”
Was auch immer sich in ihm gelöst hatte, verschwand wieder. „Nein”, sagte er leise. „Das sind wir nicht.”
Die darauffolgende Stille lastete schwerer als zuvor.
Ein paar Minuten später hielten sie vor einem kleinen Haus, das sich hinter einer Baumreihe verbarg.
„Wo sind wir?”
„Bei mir zu Hause.”
„Du wohnst hier?”
„Manchmal.”
„Beruhigend.”
Er ignorierte den Kommentar und schloss die Tür auf. Innen wirkte das Haus fast gewöhnlich, ein Sofa, eine Küche, ein paar Bücherregale. Nichts daran sah aus wie ein Versteck für einen Mann, der sie gerade aus einem Angriff gezogen hatte. Er verriegelte die Tür hinter ihnen, dann ein zweites Schloss, dann ein drittes.
„Im Ernst?”
„Ich bin vorsichtig.”
„Du hast drei Schlösser.”
„Vier”, sagte er und deutete auf den Riegel, den sie übersehen hatte.
„Setz dich.”
„Ich setze mich nicht.”
„Lena.”
„Ich will Antworten, keinen Stuhl.”
„Du bekommst beides. Setz dich zuerst.”
Sie setzte sich.
Er zog eine kleine Metallkiste aus einem Schrank und stellte sie auf den Tisch. Darin befanden sich Fotografien, Dokumente, Zeitungsausschnitte, handgeschriebene Notizen. Sie hob eines auf, das Gesicht ihres Vaters blickte ihr entgegen.
„Was ist das alles?”
„Alles, was dein Vater untersucht hat, bevor er starb.”
Sie blätterte durch die Papiere, Namen, Firmen, Daten, Kontoauszüge, bis ein Nachname sie erstarren ließ.
Cole.
Sie sah auf. „Deine Familie?”
„Meine Familie.”
„Was hat deine Familie mit meiner zu tun?”
Er setzte sich ihr gegenüber und wählte seine Worte, als würde jedes einzelne etwas kosten. „Mein Vater und deiner waren einst Partner. Sie haben zusammen eine Firma aufgebaut, einander vollkommen vertraut. Dann fand mein Vater heraus, dass jemand daraus stahl, still, über Jahre hinweg.”
„Wer?”
„So weit sind wir nie gekommen. Deiner ist gestorben, bevor wir es herausfinden konnten.”
„Und da hast du angefangen zu graben.”
„Da habe ich deinen Namen in seinen Unterlagen vergraben gefunden und erkannt, dass du bereits Teil davon warst, ob du es wusstest oder nicht.”
„Ich war kaum erwachsen.”
„Ich weiß.”
„Warum sollte irgendetwas davon mich betreffen?”
„Weil dein Vater etwas hinterlassen hat, das sie noch nicht gefunden haben.”
Ihr Puls schoss in die Höhe. „Der Umschlag?”
„Kleiner als das.” Er griff in die Kiste und zog einen kleinen silbernen Schlüssel heraus. „Der öffnet seinen Safe.”
„Wo ist er?”
„Das ist das Problem, wir wissen es nicht.”
„Woher weißt du dann überhaupt, dass er echt ist?”
„Weil er es mir selbst gesagt hat, das letzte Mal, als ich ihn lebend sah. Ich habe fünf Jahre damit verbracht, ihn zu finden, bevor sie es tun.”
Sie stand abrupt auf. „Also war heute Nacht alles, die Party, die Männer, alles—”
„War nicht zufällig. Nein.”
„Was hat er in diesem Safe hinterlassen?”
Er öffnete den Mund, und was auch immer er hatte sagen wollen, erstarb dort. Sein Telefon summte, und sein Gesicht erstarrte auf eine Weise, die ihr mehr Angst machte als jede Antwort es getan hätte.
„Was jetzt?”
Er drehte den Bildschirm zu ihr. Es war ein Foto, Mia, allein vor dem Hotel stehend, das Telefon ans Ohr gepresst. Darunter eine einzige Zeile:
WIR HABEN DEINE FREUNDIN.
Lenas Blut gefror. „Mia.” Sie griff nach ihrer Tasche.
Adrian stand auf. „Wo willst du hin?”
„Sie holen.”
„Genau das wollen sie.”
„Es ist mir egal, was sie wollen. Sie braucht mich.”
„Sie benutzen sie, um an dich heranzukommen.”
„Genau. Also gehen wir, ob du mitkommst oder nicht.”
Er hielt ihrem Blick einen Moment stand, wog etwas ab, dann griff er nach seinen Schlüsseln, anstatt weiter zu widersprechen. „Bleib dicht bei mir.”
Keiner von beiden bemerkte die winzige Kamera über dem Bücherregal, ihr rotes Licht blinkte einmal, dann zweimal, geduldig wie ein angehaltener Atem.
Lena griff nach der Türklinke. Adrian packte ihren Arm.
„Warte.”
Sie drehte sich um. Er deutete auf das Fenster, eine dunkle Gestalt stand draußen, beobachtend, reglos. Lenas Herz setzte aus. Die Gestalt hob ein Telefon, und einen Moment später summte es in Adrians Tasche.
UNBEKANNTE NUMMER: Du hast sie tatsächlich zurückgebracht.
Sein Gesicht wurde bleich.
„Zurück wohin?”
Eine weitere Nachricht kam durch, bevor er die erste beantworten konnte.
UNBEKANNTE NUMMER: Frag sie, was in der Nacht geschah, in der ihr Vater starb.
Lenas Blut gefror. Er wandte sich langsam zu ihr um, und zum ersten Mal an diesem Abend sah sie etwas in seinem Gesicht, das wie Angst aussah, die nicht ihm selbst galt.
„Lena…”
„Ich weiß nicht, wovon sie reden.”
„Bist du sicher?”
Sie öffnete den Mund, um zu antworten, und das Licht ging aus. Dunkelheit verschlang den Raum, vollständig und sofort, und irgendwo draußen sprach eine Stimme, die sie schon einmal gehört hatte, eine, die sie nie wieder zu hören erwartet hatte, in die Dunkelheit hinein, als hätte sie die ganze Nacht auf diese Gelegenheit gewartet.
„Sag Adrian, was dein Vater dich versprechen ließ.”
Glas explodierte durch das nächstgelegene Fenster nach innen.Lenas Schrei entrang sich ihrer Kehle, als sie hart auf die Dielen fiel.„Runter!“Adrians Hand packte ihre Schulter und zog sie gerade noch hinter das Sofa, als eine weitere Kugel durch die Wand über ihren Köpfen schlug und sie mit Putzstaub überschüttete.Der Fremde bewegte sich, als hätte er jeden einzelnen Schritt längst geplant. Er stieß die Metallbox vom Tisch. Sie rutschte und drehte sich über den Boden, während der Deckel klappernd aufsprang.„Los!“Adrian riss den Kopf zu ihm herum.„Du wusstest, dass sie kommen.“„Ich habe dir gesagt, dass sie hier sind.“Ein weiterer Schuss krachte. Irgendwo nahe der Decke splitterte Holz.Adrians Finger schlossen sich um Lenas Handgelenk.„Hintertür. Jetzt.“Sie stolperte hinter ihm her, blieb dann aber abrupt stehen, als sie den Schlüssel sah, der neben dem Tischbein auf dem Boden lag.„Mein Schlüssel—“„Lass ihn liegen.“„Nein.“Sie riss sich los.Adrian packte sie erneut, sei
Der Mann stand in der Tür, als würde er hierhergehören.Lena bekam keine Luft. Ihre Lungen schienen sich zu verschließen.Sie kannte dieses Gesicht. Nicht von dem Foto auf dem Tisch. Nicht von heute Abend. Von vor fünf Jahren, als der Regen gegen die Fenster im Büro ihres Vaters prasselte und ein dunkles Auto mit ausgeschalteten Scheinwerfern am Straßenrand stand.Dieselbe Stimme, tief und beinahe sanft.Du hast nichts gesehen.Ihre Finger gruben sich so fest in Adrians Ärmel, dass sie ihm vermutlich Spuren hinterlassen würde.„Du.“Seine Mundwinkel hoben sich. Kein richtiges Lächeln. Etwas Älteres.Adrian stellte sich instinktiv vor sie, sein Körper eine feste Barriere.„Bleib hinter mir.“Der Blick des Fremden glitt über ihn, beinahe amüsiert.„Du warst schon immer so beschützend, wenn es um sie ging.“Adrian erstarrte. Diese Art von Bewegungslosigkeit, die kurz davor war, etwas zerbrechen zu lassen.„Du solltest nicht hier sein.“„Du auch nicht.“Lena konnte den Blick nicht von ihm
Kapitel Fünf — Der Mann an der TürDie Stimme kam erneut, und diesmal konnte Lena sich überhaupt nicht mehr rühren.„Sag Adrian, was dein Vater dich versprechen ließ.”Sie kannte diese Stimme. Nicht von heute Nacht — von vor fünf Jahren, aus der Nacht, in der alles schiefgegangen war, einer Nacht, die sie ein halbes Jahrzehnt lang davon überzeugt hatte, sich nie vollständig daran erinnern zu müssen.„Papa?” Das Wort entkam ihr, bevor sie es aufhalten konnte.Adrians Hand fand ihre im Dunkeln und zog sie vom Fenster zurück. „Beweg dich nicht.”Das Haus war still geworden. Keine Schritte, kein Atmen. Dann zerbrach etwas in der Küche, und Lena zuckte zusammen. Adrian stand bereits zwischen ihr und dem Geräusch.„Bleib hinter mir.”„Wer war das?”Er antwortete nicht.„Adrian—”„Ruhig.”Ein zweiter Krach ertönte von der anderen Seite des Raumes. Das Licht flackerte, einmal, zweimal, dann stabilisierte es sich wieder. Das Fenster stand leer. Was auch immer sie beobachtet hatte, war verschwu
Kapitel Vier — Die FotografieLena starrte auf das Foto, bis ihre Augen schmerzten.„Nein.”Adrian warf ihr einen Blick zu. „Was?”Sie zoomte in das Bild hinein. Die Spiegelung im Autofenster war unscharf, aber das Gesicht war vertraut. Zu vertraut.„Ich kenne diese Person.”Sein Ausdruck veränderte sich. „Wer?”„Daniel. Mias Verlobter.”Adrian wurde langsamer. „Bist du sicher?”„Ich kenne ihn seit drei Jahren. Das ist er.”Er nahm das Telefon und betrachtete die Spiegelung länger, als sie erwartet hatte. „Du bist dir sicher.”„Ich stand heute Abend neben ihm.”„Das macht ihn nicht automatisch zu einem Beteiligten.”„Dann erklär mir, warum er Fotos von uns gemacht hat.”Er gab ihr das Telefon zurück, ohne zu antworten, was ihr mehr sagte als jede Antwort es getan hätte.Daniel war ihr gegenüber immer freundlich gewesen, hatte Mia durch schwere Zeiten geholfen, Lena wie Familie behandelt. Der Gedanke, dass er daran beteiligt sein könnte, verkrampfte ihren Magen.„Wir müssen zurück.”„N
Kapitel Drei — Das Geheimnis im UmschlagDas schwarze Auto hinter ihnen kam näher. Lenas Finger krallten sich in den Sitz.„Adrian.”„Ich sehe es.”„Warum tust du dann nichts?”„Weil ich wissen muss, wer sie sind, bevor ich entscheide, was ich mit ihnen mache.”„Vielleicht könnten wir das herausfinden, während sie nicht direkt hinter uns fahren.”Er warf ihr einen Blick zu, seine Mundwinkel zuckten. „Immer noch sarkastisch, wenn du Angst hast.”„Immer noch nervig, wenn du dir Sorgen machst”, schoss sie zurück, und für einen kurzen Moment ließ die Anspannung im Auto nach.Dann beschleunigte das Auto hinter ihnen, und was auch immer sich in seinem Gesicht gelöst hatte, verschloss sich wieder.„Halt dich fest.”Er bog scharf in eine andere Straße ein, und Lena klammerte sich ans Armaturenbrett.„Du musst wirklich aufhören, das zu tun.”„Notiert. Abgelegt unter Dinge, über die ich später nachdenke.”„Du lächelst.”„Ich konzentriere mich. Das sieht nur so aus wie Lächeln.”„Wäre dir veräng
Kapitel Zwei — FluchtDrei Sekunden lang konnte Lena sich nicht rühren. Der Ballsaal war im Chaos versunken, Menschen schrien, Stühle kratzten über den Boden, irgendwo in der Nähe kippte ein Tisch um, Gläser zersplitterten auf den Fliesen. Mitten in all dem blieb Adrians Hand fest um ihre geschlossen.„Lass nicht los”, sagte er.„Adrian, was ist hier los?”„Später.”„Das ist keine Antwort.”„Es ist die einzige, die ich gerade habe.”Ein weiterer Krach ertönte hinter ihnen, und Adrian zog sie zum Seitenausgang. Lena stolperte hinter ihm her, halb rennend, um mitzuhalten.„Langsamer!”„Wenn ich langsamer werde, schaffen wir es vielleicht nicht raus.”Das reichte, um sie zum Schweigen zu bringen.Sie erreichten den Flur, wo die Notbeleuchtung eingesprungen war und alles in ein trübes, unruhiges Rot tauchte. Lena warf einen Blick zurück. Der Eingang zum Ballsaal war bereits voller Menschen, die sich nach draußen drängten.„Wo ist Mia?”„Ich hole sie.”„Nein.” Adrian blieb stehen, und Lena







