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Die Fotografie

Author: Pretty
last update publish date: 2026-08-23 19:32:05

Kapitel Vier — Die Fotografie

Lena starrte auf das Foto, bis ihre Augen schmerzten.

„Nein.”

Adrian warf ihr einen Blick zu. „Was?”

Sie zoomte in das Bild hinein. Die Spiegelung im Autofenster war unscharf, aber das Gesicht war vertraut. Zu vertraut.

„Ich kenne diese Person.”

Sein Ausdruck veränderte sich. „Wer?”

„Daniel. Mias Verlobter.”

Adrian wurde langsamer. „Bist du sicher?”

„Ich kenne ihn seit drei Jahren. Das ist er.”

Er nahm das Telefon und betrachtete die Spiegelung länger, als sie erwartet hatte. „Du bist dir sicher.”

„Ich stand heute Abend neben ihm.”

„Das macht ihn nicht automatisch zu einem Beteiligten.”

„Dann erklär mir, warum er Fotos von uns gemacht hat.”

Er gab ihr das Telefon zurück, ohne zu antworten, was ihr mehr sagte als jede Antwort es getan hätte.

Daniel war ihr gegenüber immer freundlich gewesen, hatte Mia durch schwere Zeiten geholfen, Lena wie Familie behandelt. Der Gedanke, dass er daran beteiligt sein könnte, verkrampfte ihren Magen.

„Wir müssen zurück.”

„Nein.”

„Meine beste Freundin ist dort.”

„Genau deshalb fahren wir nicht zurück.”

„Adrian—”

„Hör mir zu.” Seine Stimme wurde schärfer. „Wenn Daniel involviert ist, liefern wir ihnen genau das, was sie wollen, wenn wir auftauchen, um Mia zu suchen. Dich, die wieder mitten hineinläuft.”

„Und wenn du dich in ihm irrst?”

„Dann haben wir nichts verloren, indem wir vorsichtig waren.”

„Und wenn du recht hast?”

„Dann ist die Nacht noch nicht vorbei, und es wird schlimmer, bevor es besser wird.”

Er gab Gas. Lena prüfte das Rückfenster, das schwarze Auto war verschwunden. Zum ersten Mal, seit sie das Hotel verlassen hatten, erlaubte sie sich zu atmen.

Dann klingelte sein Telefon.

„Hallo?”

Eine Männerstimme kam durch. „Adrian Cole.”

Seine Augen verengten sich. „Wer ist das?”

„Du weißt genau, wer ich bin.”

Der Anruf endete, bevor Adrian noch etwas sagen konnte.

„Was hat er gesagt?”

„Nichts, das sich zu wiederholen lohnt.”

„Du lügst schon wieder.”

Er atmete aus. „Du wirst dich daran gewöhnen müssen, dass das heute Nacht öfter passiert.”

„Woran genau?”

„Dass du beim ersten Versuch die volle Wahrheit erwartest.”

„Dann gib mir keine Gründe mehr, an dir zu zweifeln.”

Für einen Moment sah er trotz allem fast amüsiert aus. „Immer noch unmöglich zu handhaben.”

„Und du bist immer noch nervig.”

„Diese Beleidigung habe ich vermisst.”

Ihr Herz setzte einen Schlag aus, und sie sah schnell weg. „Lass das.”

„Was lassen?”

„So etwas sagen.”

„Warum nicht?”

„Weil wir diese Menschen nicht mehr sind.”

Was auch immer sich in ihm gelöst hatte, verschwand wieder. „Nein”, sagte er leise. „Das sind wir nicht.”

Die darauffolgende Stille lastete schwerer als zuvor.

Ein paar Minuten später hielten sie vor einem kleinen Haus, das sich hinter einer Baumreihe verbarg.

„Wo sind wir?”

„Bei mir zu Hause.”

„Du wohnst hier?”

„Manchmal.”

„Beruhigend.”

Er ignorierte den Kommentar und schloss die Tür auf. Innen wirkte das Haus fast gewöhnlich, ein Sofa, eine Küche, ein paar Bücherregale. Nichts daran sah aus wie ein Versteck für einen Mann, der sie gerade aus einem Angriff gezogen hatte. Er verriegelte die Tür hinter ihnen, dann ein zweites Schloss, dann ein drittes.

„Im Ernst?”

„Ich bin vorsichtig.”

„Du hast drei Schlösser.”

„Vier”, sagte er und deutete auf den Riegel, den sie übersehen hatte.

„Setz dich.”

„Ich setze mich nicht.”

„Lena.”

„Ich will Antworten, keinen Stuhl.”

„Du bekommst beides. Setz dich zuerst.”

Sie setzte sich.

Er zog eine kleine Metallkiste aus einem Schrank und stellte sie auf den Tisch. Darin befanden sich Fotografien, Dokumente, Zeitungsausschnitte, handgeschriebene Notizen. Sie hob eines auf, das Gesicht ihres Vaters blickte ihr entgegen.

„Was ist das alles?”

„Alles, was dein Vater untersucht hat, bevor er starb.”

Sie blätterte durch die Papiere, Namen, Firmen, Daten, Kontoauszüge, bis ein Nachname sie erstarren ließ.

Cole.

Sie sah auf. „Deine Familie?”

„Meine Familie.”

„Was hat deine Familie mit meiner zu tun?”

Er setzte sich ihr gegenüber und wählte seine Worte, als würde jedes einzelne etwas kosten. „Mein Vater und deiner waren einst Partner. Sie haben zusammen eine Firma aufgebaut, einander vollkommen vertraut. Dann fand mein Vater heraus, dass jemand daraus stahl, still, über Jahre hinweg.”

„Wer?”

„So weit sind wir nie gekommen. Deiner ist gestorben, bevor wir es herausfinden konnten.”

„Und da hast du angefangen zu graben.”

„Da habe ich deinen Namen in seinen Unterlagen vergraben gefunden und erkannt, dass du bereits Teil davon warst, ob du es wusstest oder nicht.”

„Ich war kaum erwachsen.”

„Ich weiß.”

„Warum sollte irgendetwas davon mich betreffen?”

„Weil dein Vater etwas hinterlassen hat, das sie noch nicht gefunden haben.”

Ihr Puls schoss in die Höhe. „Der Umschlag?”

„Kleiner als das.” Er griff in die Kiste und zog einen kleinen silbernen Schlüssel heraus. „Der öffnet seinen Safe.”

„Wo ist er?”

„Das ist das Problem, wir wissen es nicht.”

„Woher weißt du dann überhaupt, dass er echt ist?”

„Weil er es mir selbst gesagt hat, das letzte Mal, als ich ihn lebend sah. Ich habe fünf Jahre damit verbracht, ihn zu finden, bevor sie es tun.”

Sie stand abrupt auf. „Also war heute Nacht alles, die Party, die Männer, alles—”

„War nicht zufällig. Nein.”

„Was hat er in diesem Safe hinterlassen?”

Er öffnete den Mund, und was auch immer er hatte sagen wollen, erstarb dort. Sein Telefon summte, und sein Gesicht erstarrte auf eine Weise, die ihr mehr Angst machte als jede Antwort es getan hätte.

„Was jetzt?”

Er drehte den Bildschirm zu ihr. Es war ein Foto, Mia, allein vor dem Hotel stehend, das Telefon ans Ohr gepresst. Darunter eine einzige Zeile:

WIR HABEN DEINE FREUNDIN.

Lenas Blut gefror. „Mia.” Sie griff nach ihrer Tasche.

Adrian stand auf. „Wo willst du hin?”

„Sie holen.”

„Genau das wollen sie.”

„Es ist mir egal, was sie wollen. Sie braucht mich.”

„Sie benutzen sie, um an dich heranzukommen.”

„Genau. Also gehen wir, ob du mitkommst oder nicht.”

Er hielt ihrem Blick einen Moment stand, wog etwas ab, dann griff er nach seinen Schlüsseln, anstatt weiter zu widersprechen. „Bleib dicht bei mir.”

Keiner von beiden bemerkte die winzige Kamera über dem Bücherregal, ihr rotes Licht blinkte einmal, dann zweimal, geduldig wie ein angehaltener Atem.

Lena griff nach der Türklinke. Adrian packte ihren Arm.

„Warte.”

Sie drehte sich um. Er deutete auf das Fenster, eine dunkle Gestalt stand draußen, beobachtend, reglos. Lenas Herz setzte aus. Die Gestalt hob ein Telefon, und einen Moment später summte es in Adrians Tasche.

UNBEKANNTE NUMMER: Du hast sie tatsächlich zurückgebracht.

Sein Gesicht wurde bleich.

„Zurück wohin?”

Eine weitere Nachricht kam durch, bevor er die erste beantworten konnte.

UNBEKANNTE NUMMER: Frag sie, was in der Nacht geschah, in der ihr Vater starb.

Lenas Blut gefror. Er wandte sich langsam zu ihr um, und zum ersten Mal an diesem Abend sah sie etwas in seinem Gesicht, das wie Angst aussah, die nicht ihm selbst galt.

„Lena…”

„Ich weiß nicht, wovon sie reden.”

„Bist du sicher?”

Sie öffnete den Mund, um zu antworten, und das Licht ging aus. Dunkelheit verschlang den Raum, vollständig und sofort, und irgendwo draußen sprach eine Stimme, die sie schon einmal gehört hatte, eine, die sie nie wieder zu hören erwartet hatte, in die Dunkelheit hinein, als hätte sie die ganze Nacht auf diese Gelegenheit gewartet.

„Sag Adrian, was dein Vater dich versprechen ließ.”

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