LOGINKapitel Zwei — Flucht
Drei Sekunden lang konnte Lena sich nicht rühren. Der Ballsaal war im Chaos versunken, Menschen schrien, Stühle kratzten über den Boden, irgendwo in der Nähe kippte ein Tisch um, Gläser zersplitterten auf den Fliesen. Mitten in all dem blieb Adrians Hand fest um ihre geschlossen.
„Lass nicht los”, sagte er.
„Adrian, was ist hier los?”
„Später.”
„Das ist keine Antwort.”
„Es ist die einzige, die ich gerade habe.”
Ein weiterer Krach ertönte hinter ihnen, und Adrian zog sie zum Seitenausgang. Lena stolperte hinter ihm her, halb rennend, um mitzuhalten.
„Langsamer!”
„Wenn ich langsamer werde, schaffen wir es vielleicht nicht raus.”
Das reichte, um sie zum Schweigen zu bringen.
Sie erreichten den Flur, wo die Notbeleuchtung eingesprungen war und alles in ein trübes, unruhiges Rot tauchte. Lena warf einen Blick zurück. Der Eingang zum Ballsaal war bereits voller Menschen, die sich nach draußen drängten.
„Wo ist Mia?”
„Ich hole sie.”
„Nein.” Adrian blieb stehen, und Lena drehte sich zu ihm um. „Du lässt mich nicht allein.”
Etwas huschte über sein Gesicht, nicht ganz Überraschung, eher Wiedererkennen. „Du hast dich wirklich nicht verändert.”
„Du auch nicht.”
„Was soll das heißen?”
„Es heißt, dass du immer noch glaubst, du könntest einfach verschwinden, sobald es schwierig wird.”
„Darum geht es hier nicht.”
„Dann sag mir, worum es geht.”
„Würde ich, wenn ich Zeit hätte.” Er warf einen Blick zurück zum Ballsaal, und was auch immer er dort sah, ließ ihn nach ihrem Ellbogen greifen, anstatt zu antworten. „Beweg dich. Jetzt.”
Ihr Magen zog sich zusammen. „Wer ist da hinten?”
„Frag mich im Auto.”
Er zog sie durch eine weitere Tür in einen schmalen Dienstflur, beleuchtet von einer einzigen flackernden Glühbirne.
„Wohin gehen wir?”
„Parkhaus.”
„Woher kennst du überhaupt dieses Gebäude?”
„Übung.”
„Das ist auch keine Antwort.”
„Es ist die, die du bekommst.”
Sie erreichten den Notausgang, und Adrian stieß die Tür auf.
„Runter.”
Sie hatten kaum zwei Stockwerke geschafft, als über ihnen Schritte widerhallten. Lena erstarrte.
„Adrian.”
„Ich höre es.”
Die Schritte wurden lauter, jemand kam schnell herunter. Adrian stellte sich wortlos vor sie.
„Bleib hinter mir.”
„Wer ist das?”
„Wer auch immer es ist, sie bleiben nicht stehen, um sich vorzustellen.”
Die Schritte hielten inne. Stille senkte sich über sie, so dicht, dass Lena ihren eigenen Puls hören konnte. Dann schlug etwas gegen die Tür des Treppenhauses über ihnen, einmal, zweimal, und der ganze Rahmen erzitterte. Adrian packte ihre Hand.
„Lauf.”
Sie flogen die letzten Stockwerke hinunter, Lenas Herz schlug so heftig, dass sie es in ihrem Hals spüren konnte. Sie wusste nicht, was sie mehr erschreckte, wer auch immer sie verfolgte, oder wie ruhig Adrian genau zu wissen schien, was zu tun war.
Sie stürmten in das Parkhaus. Adrian zog einen Schlüsselbund aus seiner Tasche.
„Moment, du hast hier einfach zufällig ein Auto?”
„Ich habe hier seit Jahren eins.”
„Natürlich hast du das.”
Er entriegelte eine schwarze Limousine und riss die Beifahrertür auf. „Steig ein.”
Lena zögerte. „Ich steige nicht in das Auto eines Fremden.”
„Lena.”
„Vor fünf Jahren bist du ohne Erklärung verschwunden. Heute Abend hat jemand eine Verlobungsfeier angegriffen, du hast mir gesagt, sie seien hinter mir her, und jetzt willst du, dass ich in ein Auto steige.”
„Wenn du es so sagst, klingt es verrückt.”
„Es ist verrückt.”
„Ich weiß. Steig trotzdem ein.”
Sie stieg ein. Adrian schloss die Tür, lief um das Auto herum zur Fahrerseite und startete den Motor. Als er losfuhr, wandte sich Lena zu ihm um.
„Jetzt erklär es mir.”
„Sobald wir in Sicherheit sind.”
„Adrian.”
„Ich werde fünf Jahre nicht in den dreißig Sekunden erklären, die wir brauchen, um aus dem Parkhaus zu kommen.”
Sie sah aus dem Fenster, als das Hotel hinter ihnen verschwand. Keiner von beiden sprach eine Weile. Dann bemerkte sie einen schwarzen SUV, der hinter ihnen auf die Straße einbog.
„Werden wir verfolgt?”
Er blickte in den Spiegel, und sein Gesichtsausdruck erstarrte zu etwas Vorsichtigem. „Sieht so aus.”
„Das ist doch ein Scherz.”
„Fühlt sich das für dich wie ein Scherz an?”
„Was machen wir?”
„Halt dich fest—” Er gab Gas, bevor er den Satz beendet hatte.
Lena klammerte sich an den Rand ihres Sitzes. „Adrian!”
Der SUV beschleunigte hinter ihnen.
„Versuchst du, uns umzubringen?”
„Ich versuche, dass wir nicht umgebracht werden. Das ist ein Unterschied.”
Er riss das Lenkrad in eine scharfe Kurve, und der SUV folgte. Ihr Herz raste.
„Wer sind sie?”
„Ich habe ein paar Vermutungen und keine Beweise.”
„Diese Antwort fängt an, mich wirklich zu stören.”
Er lächelte fast. „Da ist sie wieder. Die Lena, an die ich mich erinnere.”
„Das ist jetzt nicht der richtige Moment.”
„Nein. Wirklich nicht.”
Er bog in eine schmale Gasse zwischen zwei Gebäuden ein, und der SUV verlor an Boden. Adrian schlüpfte auf eine belebtere Straße, und nach ein paar weiteren Minuten wurde er langsamer. Der SUV war verschwunden.
Lena stieß einen Atemzug aus, von dem sie nicht gewusst hatte, dass sie ihn angehalten hatte. „Okay. Jetzt erzählst du mir alles.”
Er behielt seine Augen auf der Straße, einen Moment zu lange still.
„Wer waren diese Leute?”
„Ich habe noch keinen Namen für sie.”
„Warum waren sie hinter mir her?”
„Das ist komplizierter.”
„Warum hast du mich vor fünf Jahren verlassen?”
Diese Frage traf ihn anders, das konnte sie an der Art erkennen, wie seine Schultern leicht sanken. „Weil dein Vater in Schwierigkeiten steckte.”
Ihr Gesicht veränderte sich. „Mein Vater? Er ist vor drei Jahren gestorben.”
„Ich weiß.”
„Warum bringst du ihn dann jetzt zur Sprache?”
Er schluckte schwer. „Weil er mir vor seinem Tod etwas gegeben hat.” Er griff in seine Jacke und zog einen kleinen, alten und abgenutzten Umschlag heraus, ihr Name quer darauf geschrieben, in einer Handschrift, die sie überall wiedererkennen würde.
LENA.
Sie starrte ihn an. „Das ist—”
„Er gehört dir.”
„Woher hast du ihn?”
„Dein Vater hat ihn mir persönlich in die Hand gegeben.”
Sie griff danach, aber er zog ihn zurück, bevor ihre Finger das Papier berührten.
„Noch nicht.”
„Warum?”
„Weil du das zuerst von mir hören solltest, nicht kalt lesen.” Zum ersten Mal an diesem Abend war sein Gesicht offen, ungeschützt. „Ich bin nicht gegangen, weil ich aufgehört habe, dich zu lieben.”
Ihr Atem stockte. „Warum dann?”
„Weil mir jemand gesagt hat, sie würden dich töten, wenn ich bliebe.”
Das Auto wurde still. Sie wollte lachen. Sie wollte ihm sagen, dass es unmöglich sei. Mehr als beides wollte sie ihm glauben.
Bevor sie etwas sagen konnte, klingelte sein Telefon. Er nahm ab, ohne den Blick von der Straße zu nehmen. „Hallo?”
Eine Männerstimme kam durch, leise genug, dass sie nur Fetzen davon mitbekam.
„Ist sie bei dir?”
Adrians Kiefer verschob sich, kaum merklich. „Ja.”
Eine Pause, diesmal länger. Was auch immer die Stimme als Nächstes sagte, ließ seine Knöchel am Lenkrad weiß anlaufen. Der Anruf endete ohne Verabschiedung.
„Wer war das?”
Er legte das Telefon mit dem Display nach unten auf die Mittelkonsole, statt zu antworten.
Lena schaute weg, aus dem Fenster, und da sah sie es im Seitenspiegel. Ein zweites schwarzes Auto, näher als das erste je gekommen war, das sich direkt hinter sie in die Spur schob.
„Adrian.”
„Ich sehe es.”
Die Lichter gingen langsam an, so, wie es in echten Häfen üblich war. Nicht nur eine einzelne Glühbirne über einem verlassenen Steg, sondern eine ganze beleuchtete Uferlinie, orange und weiß, mit einem Maschendrahtzaun und einem Wachhäuschen, das hell genug erleuchtet war, um darin eine Zeitung lesen zu können.„Das ist echt“, sagte Adrian, als müsste er es laut aussprechen, um es selbst glauben zu können. „Eine Küstenwachstation kann man nicht einfach vortäuschen.“„Heute Nacht kann man eine Menge Dinge vortäuschen.“„Keine Kameras an einem Bundesgebäude. Und schon gar nicht so viele.“Lena hielt sie trotzdem hundert Meter entfernt, den Gashebel nur leicht gedrückt, während sie beobachtete, wie das andere Boot unter den hellsten Lichtern in einen Liegeplatz glitt. Ein Mann stieg aus, noch bevor sie ihren eigenen Motor abgestellt hatten. Er war vielleicht Mitte dreißig, trug eine Jacke, die für diese Uhrzeit viel zu dünn war, und hielt die Hände leer und sichtbar, sobald seine Füße de
„Sie bewegt sich nicht wie ein Polizeiboot“, sagte Mia. „Die Polizei wartet nicht vier Minuten lang untätig, bevor sie sich zu etwas entschließt.“Adrian hatte den Motor ihres Bootes bereits weiter heruntergedrosselt und ließ es treiben, statt eine Bugwelle zu erzeugen, an der jemand sie verfolgen könnte.„Lichter?“„Keine. Das ist auch nicht gerade beruhigend.“Lena zog die Mappe wieder zu sich und blätterte über die Eigentumsseite hinweg bis zu der Klausel, die sie beim ersten Lesen zu hastig überflogen hatte.„Warte. Hier steht ein Datum.“„Was für ein Datum?“„Die jährliche Einreichung von Thornfield. Die Gesellschafterversammlung. Es ist …“ Sie überprüfte das Datum zweimal, als könnte sich die Zahl ändern, wenn sie kurz weg- und dann wieder hinsah. „Heute um neun Uhr morgens.“Mia erstarrte.„Das ist kein Zufall. Deshalb die Frist bis zum Sonnenaufgang. Wenn bis zum Abgabetermin keine Einigung über die Abstimmung erzielt wurde, greift die Satzung für einen festgefahrenen Vorstand
„Mach es aus“, sagte Adrian.„Wenn ich es ausschalte, ruft er in fünf Minuten einfach wieder an. Nur werden wir beim nächsten Mal nicht wissen, was er uns anbieten will, bevor er bereits handelt.“ Lena griff an ihm vorbei und drückte selbst die Sprechtaste des Funkgeräts. Ihre Stimme klang fester, als sie erwartet hatte. „Ich bin hier, Gerald.“„Da ist sie ja.“ Seine Stimme klang warm und gelassen, genau wie damals, als er im Regen gestanden hatte, eine Waffe auf niemanden gerichtet und doch jedem eine Drohung entgegenwerfend. „Ich nehme an, du hast die Unterlagen inzwischen gefunden. Mia ist gründlich, wenn sie es sein will. Das ist eine der wenigen Eigenschaften an ihr, die ich tatsächlich bewundert habe.“„Rede nicht über sie, als würdest du sie kennen.“„Ich kannte sie, bevor du sie kanntest, Schätzchen. Ich war nur nicht derjenige, den sie sich ausgesucht hat, um ihn zu lieben.“ Er machte eine Pause, wie jemand, der Satzzeichen benutzte, um seine Worte wirken zu lassen, bevor er
„Registrierung“, sagte Lena laut, als könnte das Wort schneller einen Sinn ergeben, wenn sie es aussprach. „Warum sollte sie sich für die Bootsregistrierung interessieren?“Mia durchsuchte bereits wieder die Metallbox. Sie ging am Kontobuch und den Fotografien vorbei bis zu einer Mappe ganz unten, die keiner von ihnen bisher geöffnet hatte. Sie zog sie heraus und legte sie flach auf den ausklappbaren Tisch unter der Batterielampe.Gründungsunterlagen. Eine Holdinggesellschaft, dicht bedruckte Seiten in grauer Schrift, ein Name, den Lena nicht kannte – Thornfield Maritime Holdings. Unter dem Punkt „Eigentumsverhältnisse“ stand eine einzige Zeile, die die Kabine schlagartig verstummen ließ.LENA HART — 31 %, wirksam ab ihrem achtzehnten Geburtstag, treuhänderisch verwaltet.„Das ist unmöglich“, sagte sie. „Ich habe in meinem ganzen Leben noch nie von dieser Firma gehört.“„Du solltest auch nichts von ihr erfahren.“ Mia blätterte schnell weiter und überflog die nächste Seite. „Dein Vater
„Motor“, sagte Adrian. „Jetzt. Ich kümmere mich um die Leinen.“„Du weißt gar nicht, wie man ein Boot steuert.“„Ich bin zwischen Docks aufgewachsen, Lena. Ich weiß, wie man ein Boot steuert.“ Er war bereits an ihr vorbei und durch die Kabinentür nach draußen, bevor sie über das eigentliche Problem streiten konnte: Auf der anderen Seite standen drei Männer, und er war allein.Sie ging stattdessen zu den Steuerkontrollen, denn Streiten kostete Zeit, die sie nicht hatten. Der Schlüssel steckte bereits im Zündschloss, als hätte ihr Vater ihn absichtlich dort gelassen, als hätte ein Teil von ihm schon immer gewusst, dass irgendwann jemand diesen Steg in aller Eile verlassen müsste.Der Motor hustete, sprang an und lief.Draußen krachte etwas gegen den Rumpf. Ein Körper oder eine Hand, schwer zu sagen. Adrians Stimme drang durch die offene Tür, scharf vor Anstrengung, nicht vor Angst.„Die Bugleine ist durchtrennt. Mach dich bereit.“Mia hatte sich am gegenüberliegenden Kabinenfenster posi
Mia war auf den Beinen, noch bevor die Schritte die Gangway erreichten.„Mach die Lampe aus.“Adrian hatte sie bereits in der Hand. Die Kabine versank in völliger Dunkelheit, bis auf den grauen Schein der Sicherheitslampe, der durch das einzige Bullauge fiel.Sie warteten.Die Schritte hielten am Rand des Liegeplatzes an. Zwei Personen, ohne Eile. Dann erklang eine Stimme, die sich nicht einmal die Mühe machte, leiser zu werden, weil sie bereits genau wusste, wer zuhörte.„Mia. Du kannst das Licht wieder anmachen. Ich weiß bereits, dass du auf dem Boot bist. Ich habe dich den Steg entlanggehen sehen.“Daniel.Mias Kiefer spannte sich einmal an, bevor sie antwortete. Und als sie es tat, war nichts von der Ruhe in ihrer Stimme, die sie in der Gasse noch gehabt hatte.„Geh nach Hause, Daniel.“„So etwas habe ich nicht mehr. Dafür hast du gesorgt, als du beschlossen hast, dass heute Nacht der Abend ist, an dem du ein Gewissen bekommst.“„Ich hatte die ganze Zeit ein Gewissen. Das war nie







