LOGINDas Licht erlosch. Ein Schrei durchschnitt den Ballsaal. Und die Hand eines Fremden fand ihre im Dunkeln. „Sie haben dich gefunden.” Mehr sagt Adrian Cole nicht, bevor irgendwo hinter ihnen Glas zerspringt und Lena Hart durch die Verlobungsfeier ihrer besten Freundin rennt — mit einem Mann, den sie seit fünf Jahren nicht gesehen hat. Demselben Mann, der einst spurlos verschwand, ohne ein Wort, ohne einen Abschied, ohne eine einzige Erklärung. Jetzt zieht er sie durch Dienstgänge und Treppenhäuser, als hätte er das schon einmal getan, als hätte er gewusst, dass diese Nacht kommen würde. Er drückt ihr einen Umschlag in die Hand, ihr Name in der Handschrift ihres toten Vaters. Lena, falls Adrian jemals zurückkommt, vertrau ihm nicht. Doch die schwarzen Autos kreisen bereits. Die Nachrichten treffen bereits ein — der Beweis, dass jemand nah genug war, um sie durch das Fenster eines fahrenden Autos zu fotografieren, nah genug, um genau zu wissen, welches Gesicht in der Menge sie blind vertrauen würde. Und irgendwo unter fünf Jahren Trauer liegt ein Versprechen begraben, das sie als Kind gegeben hat und sich nie wieder erinnern sollte. Ich werde niemandem verraten, wer ihn getötet hat. Ihr Vater ist nicht so tot, wie man ihr erzählt hat. Und derjenige, der ihn verraten hat, ist noch immer nah genug, um ihren Namen zu rufen. Manche Versprechen sind nicht dafür gemacht, gehalten zu werden. Manche sind dafür gemacht, dich zu begraben.
View MoreKapitel Eins — Der Mann an Tisch Sieben
Lena Hart hatte drei Regeln, um eine Verlobungsfeier zu überstehen: niemals etwas trinken, dessen Einschenken man nicht selbst beobachtet hat, niemals beim frisch verlobten Paar sitzen, und niemals einem Mann in die Augen sehen, der nach Ärger aussieht. Sie brach die dritte Regel, bevor ihr überhaupt bewusst wurde, dass sie es tat.
„Lena!” Mia winkte ihr quer durch den Ballsaal zu, als würde sie ein Flugzeug herbeiwinken. Lena steckte ihr Handy in die Tasche und bahnte sich einen Weg durch die Menge. „Du kommst zu spät”, sagte Mia, noch bevor sie stehen geblieben war. „Acht Minuten.”
„Genau acht Minuten.”
„Du heiratest, du startest keine Rakete.”
„Ich weiß. Deshalb hab ich ein Geschenk mitgebracht.” Sie hielt die Schachtel hin, und Mia riss sie sofort auf, die Augen weit aufgerissen. Für einen Moment, während sie sich umarmten, fühlte sich alles wieder leicht an, so wie früher, bevor beide Gründe hatten, Menschen nicht mehr zu vertrauen.
Die Band spielte etwas Langsames. Paare drehten träge Kreise auf der Tanzfläche, Kellner schlängelten sich mit Champagnertabletts durch die Menge, und Lena entspannte sich mit einem Glas Saft in der Hand. Ein normaler Abend. Kein Drama, keine komplizierten Männer.
Mia beugte sich so nah heran, dass ihr Atem warm an Lenas Ohr war. „Schau nicht hin, aber da drüben sitzt ein wahnsinnig gutaussehender Mann, der dich seit fünf Minuten anstarrt.”
„Jetzt muss ich hinschauen.”
Sie drehte sich um, bevor Mia sie aufhalten konnte. Er saß allein an Tisch Sieben, schwarzer Anzug, dunkles Haar, eine Hand auf dem Tisch ruhend. Er sprach mit niemandem. Er beobachtete sie, und als sich ihre Blicke trafen, wich er nicht als Erster aus. Sein Mundwinkel hob sich, langsam, als hätte er sie bei etwas ertappt.
Sie drehte sich schnell wieder um. „Gruselig.”
Mia lachte. „Vielleicht findet er dich hübsch.”
„Das kann er auch von dort drüben aus tun.”
„Geh und rede mit ihm.”
„Ich habe Ansprüche.”
„Du bist Single.”
„Deshalb habe ich Ansprüche.” Mia verdrehte die Augen, murmelte etwas davon, die Tanzfläche zu suchen, und verschwand in der Menge.
Lena wandte sich wieder dem Getränketisch zu, froh über eine Beschäftigung für ihre Hände, und hatte gerade ein frisches Glas aufgenommen, als eine Stimme hinter ihr sagte, leise und viel zu vertraut: „Du hasst es immer noch, im Mittelpunkt zu stehen.”
Ihre Finger erstarrten um das Glas. Sie erkannte diese Stimme, noch bevor sie sich umgedreht hatte. Nein. Nicht heute Abend.
Adrian Cole. Fünf Jahre, und sie erkannte die Linie seiner Schultern, noch bevor sie sein Gesicht sah. Älter jetzt, irgendwie schärfer, aber seine Augen hatten sich überhaupt nicht verändert.
„Hallo, Lena.”
Ihr Herz tat etwas Dummes und Unmittelbares. „Du”, brachte sie hervor, weil es das einzige Wort war, das ihr zur Verfügung stand.
„Ich.” Kein richtiges Lächeln. „Du bist hier.”
„Es ist eine Verlobungsfeier.”
„Ich weiß, was für eine Feier das ist. Warum bist du hier?”
„Aus demselben Grund wie alle anderen.” Sie verschränkte die Arme. „Du hast dich nicht verändert.”
„Und du bist immer noch nervig.”
Das Fast-Lächeln verschwand. Für einen Moment sagte keiner von beiden etwas, dann glitt sein Blick an ihr vorbei, zu Tisch Sieben, und sie folgte ihm, ohne es zu wollen. Der Mann war verschwunden. Der Stuhl stand leer, schräg zurückgeschoben, als hätte er es eilig gehabt zu gehen.
„Kennst du ihn?”
„Wen kennen?” Sein Gesicht war auf eine Art unlesbar geworden, die sie zu hassen erinnerte.
„Den Mann, der dort saß.”
Er sah einen Moment zu lange zum leeren Tisch, bevor er antwortete. „Nein.”
Er log. Das hatte sie immer schon erkannt. „Du warst darin noch nie gut.”
„Und du warst immer zu aufmerksam für dein eigenes Wohl.”
„Warum bist du hier, Adrian? Der wahre Grund.”
„Ich musste dich sehen.”
Sie lachte, kurz und humorlos. „Nach fünf Jahren.”
„Ich weiß, wie das klingt.”
„Du bist verschwunden. Kein Anruf. Keine Nachricht. Nichts.”
„Ich konnte nicht.”
„Du hast immer eine Ausrede.”
Sein Kiefer verspannte sich, nur ganz leicht. „Ich wollte dich nicht verletzen.”
„Nun. Es ist dir trotzdem gelungen.” Sie wollte gehen, und seine Hand schloss sich um ihr Handgelenk, nicht fest, nur genug, um sie aufzuhalten, und ließ sofort wieder los, als sie hinuntersah.
„Es tut mir leid.”
„Lass es.”
„Lena. Es gibt Dinge, die du wissen musst.”
„Ich brauche nichts von dir.”
Sein Handy summte. Er sah ohne wirklich nachzudenken darauf, und was auch immer auf dem Bildschirm stand, ließ etwas aus seinem Gesicht weichen.
„Was?”
„Nichts.”
„Adrian.” Seine Augen hatten sich bereits an ihr vorbei bewegt — zum Eingang, dann zu den Fenstern. „Wir müssen gehen. Jetzt.”
„Wie bitte?”
„Lena. Jetzt.”
„Warum—”
Er sah sie an, und sie hatte diesen Blick noch nie bei ihm gesehen.
„Weil dieser Mann nicht hier war, um dich zu bewundern. Er war hier, um dich zu finden.”
Das Licht ging aus, bevor sie fragen konnte, was das bedeutete. Ein Schrei irgendwo hinter ihr, dann das Krachen von Glas, und Adrians Hand fand ihre in der Dunkelheit — diesmal zog sie sich nicht zurück.
Seine Stimme war kaum mehr als Atem an ihrem Ohr.
„Sie haben dich gefunden.”
Die Lichter gingen langsam an, so, wie es in echten Häfen üblich war. Nicht nur eine einzelne Glühbirne über einem verlassenen Steg, sondern eine ganze beleuchtete Uferlinie, orange und weiß, mit einem Maschendrahtzaun und einem Wachhäuschen, das hell genug erleuchtet war, um darin eine Zeitung lesen zu können.„Das ist echt“, sagte Adrian, als müsste er es laut aussprechen, um es selbst glauben zu können. „Eine Küstenwachstation kann man nicht einfach vortäuschen.“„Heute Nacht kann man eine Menge Dinge vortäuschen.“„Keine Kameras an einem Bundesgebäude. Und schon gar nicht so viele.“Lena hielt sie trotzdem hundert Meter entfernt, den Gashebel nur leicht gedrückt, während sie beobachtete, wie das andere Boot unter den hellsten Lichtern in einen Liegeplatz glitt. Ein Mann stieg aus, noch bevor sie ihren eigenen Motor abgestellt hatten. Er war vielleicht Mitte dreißig, trug eine Jacke, die für diese Uhrzeit viel zu dünn war, und hielt die Hände leer und sichtbar, sobald seine Füße de
„Sie bewegt sich nicht wie ein Polizeiboot“, sagte Mia. „Die Polizei wartet nicht vier Minuten lang untätig, bevor sie sich zu etwas entschließt.“Adrian hatte den Motor ihres Bootes bereits weiter heruntergedrosselt und ließ es treiben, statt eine Bugwelle zu erzeugen, an der jemand sie verfolgen könnte.„Lichter?“„Keine. Das ist auch nicht gerade beruhigend.“Lena zog die Mappe wieder zu sich und blätterte über die Eigentumsseite hinweg bis zu der Klausel, die sie beim ersten Lesen zu hastig überflogen hatte.„Warte. Hier steht ein Datum.“„Was für ein Datum?“„Die jährliche Einreichung von Thornfield. Die Gesellschafterversammlung. Es ist …“ Sie überprüfte das Datum zweimal, als könnte sich die Zahl ändern, wenn sie kurz weg- und dann wieder hinsah. „Heute um neun Uhr morgens.“Mia erstarrte.„Das ist kein Zufall. Deshalb die Frist bis zum Sonnenaufgang. Wenn bis zum Abgabetermin keine Einigung über die Abstimmung erzielt wurde, greift die Satzung für einen festgefahrenen Vorstand
„Mach es aus“, sagte Adrian.„Wenn ich es ausschalte, ruft er in fünf Minuten einfach wieder an. Nur werden wir beim nächsten Mal nicht wissen, was er uns anbieten will, bevor er bereits handelt.“ Lena griff an ihm vorbei und drückte selbst die Sprechtaste des Funkgeräts. Ihre Stimme klang fester, als sie erwartet hatte. „Ich bin hier, Gerald.“„Da ist sie ja.“ Seine Stimme klang warm und gelassen, genau wie damals, als er im Regen gestanden hatte, eine Waffe auf niemanden gerichtet und doch jedem eine Drohung entgegenwerfend. „Ich nehme an, du hast die Unterlagen inzwischen gefunden. Mia ist gründlich, wenn sie es sein will. Das ist eine der wenigen Eigenschaften an ihr, die ich tatsächlich bewundert habe.“„Rede nicht über sie, als würdest du sie kennen.“„Ich kannte sie, bevor du sie kanntest, Schätzchen. Ich war nur nicht derjenige, den sie sich ausgesucht hat, um ihn zu lieben.“ Er machte eine Pause, wie jemand, der Satzzeichen benutzte, um seine Worte wirken zu lassen, bevor er
„Registrierung“, sagte Lena laut, als könnte das Wort schneller einen Sinn ergeben, wenn sie es aussprach. „Warum sollte sie sich für die Bootsregistrierung interessieren?“Mia durchsuchte bereits wieder die Metallbox. Sie ging am Kontobuch und den Fotografien vorbei bis zu einer Mappe ganz unten, die keiner von ihnen bisher geöffnet hatte. Sie zog sie heraus und legte sie flach auf den ausklappbaren Tisch unter der Batterielampe.Gründungsunterlagen. Eine Holdinggesellschaft, dicht bedruckte Seiten in grauer Schrift, ein Name, den Lena nicht kannte – Thornfield Maritime Holdings. Unter dem Punkt „Eigentumsverhältnisse“ stand eine einzige Zeile, die die Kabine schlagartig verstummen ließ.LENA HART — 31 %, wirksam ab ihrem achtzehnten Geburtstag, treuhänderisch verwaltet.„Das ist unmöglich“, sagte sie. „Ich habe in meinem ganzen Leben noch nie von dieser Firma gehört.“„Du solltest auch nichts von ihr erfahren.“ Mia blätterte schnell weiter und überflog die nächste Seite. „Dein Vater











