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Kapitel 6 Die Mütter

Penulis: Black Pen
last update Tanggal publikasi: 2026-09-08 23:12:25

Bella wusste seit einem Jahr und vier Monaten, dass Lucas nicht Adrians Sohn war.

Sie hatte es nicht durch einen Detektiv herausgefunden. Nicht durch einen bösen Brief. Sondern durch eine Blutgruppe.

Lucas hatte sich auf dem Spielplatz das Knie aufgeschlagen. Stark geblutet. Bella war mit ihm in die Notaufnahme gefahren, weil Adrian in London war und Margaret gesagt hatte: "Ruf mich nicht wegen jeder Kleinigkeit an."

In der Notaufnahme hatte die Ärztin gefragt: "Blutgruppe des Vaters?"

Bella hatte gesagt: "AB positiv."

Die Ärztin hatte die Stirn gerunzelt. "Und die Mutter? Unbekannt, steht hier. Das Kind ist 0 negativ. Das ist... genetisch unmöglich bei einem AB-Vater."

Bella hatte in dieser Nacht nicht geschlafen. Sie hatte recherchiert. Sie hatte alte Akten im Arbeitszimmer von Charles Blackwood gefunden, der damals schon sehr krank war und die Schubladen nicht mehr abschloss. Eine Überweisung an eine Adoptionsagentur in Delaware. 150.000 Dollar. Vermerk: Diskretion oberste Priorität. C.B.

Sie hatte nichts gesagt. Aus einem einfachen Grund: Sie hatte Lucas angesehen, wie er in seinem Bett schlief, mit seinem Dinosaurier-Pyjama, und sie hatte verstanden, dass es keine Rolle spielte.

Ob sein Blut AB oder 0 war, ob sein Vater Adrian oder ein Fremder war – er war der Junge, dem sie beigebracht hatte, wie man Schnürsenkel bindet. Der Junge, für den sie nachts aufgestanden war, wenn er von Monstern träumte.

Sie hatte das Wissen in eine Schublade gelegt. Wie damals ihre Träume. Aber diesmal nicht aus Schwäche. Sondern aus Liebe.

Bis Vivienne zurückkam.

---

"Du wusstest es", sagte Adrian.

Er stand in der Tür von Marlowe House. Es war 22 Uhr. Es regnete wieder. Es regnete in dieser Geschichte immer, wenn er kam.

Bella stand in der Küche, barfuß, in einer alten Jogginghose, und hielt Mörtel fest, der bei Gewitter immer zitterte. Sie hatte ihn durch das Fenster kommen sehen und Sofia und Jun nach Hause geschickt. Nathan war nicht da. Gott sei Dank war Nathan nicht da.

"Was wusste ich?", fragte sie, obwohl sie genau wusste, was er meinte.

"Dass Lucas nicht mein Sohn ist."

Stille. Nur das Prasseln des Regens auf das reparierte Dach und Mörtels Hecheln.

"Seit wann?", fragte Adrian. Seine Stimme war heiser. Er sah aus, als hätte er seit Tagen nicht geschlafen.

"Seit letztem März."

"Und du hast nichts gesagt."

"Was hätte ich sagen sollen?" Bella setzte Mörtel ab. Ihre Hände zitterten, aber ihre Stimme nicht. "Herzlichen Glückwunsch, Adrian, dein Vater hat dich belogen, dein Sohn ist nicht dein Sohn und deine Frau weiß es seit einem Jahr? Hätte das etwas geändert?"

"Es hätte alles geändert!"

"Nein", sagte Bella leise. "Es hätte gar nichts geändert. Du hättest Lucas trotzdem geliebt. Weil du sein Vater bist. Nicht wegen Blut, sondern weil du jeden Abend, wenn du zu Hause warst, an seinem Bett saßt. Weil du ihm beigebracht hast, wie man einen Ball wirft. Blut macht keinen Vater, Adrian. Anwesenheit macht einen Vater. Und du warst anwesend. Mehr als dein Vater es je bei dir war."

Adrian lehnte sich gegen den Türrahmen, als würden ihn die Beine nicht mehr tragen.

"Vivienne hat es mir erzählt", sagte er.

"Ich weiß. Sie hat mich angerufen."

"Du hast sie getroffen."

"Ja. Vor zwei Wochen. Im Krankenhaus."

"Warum?"

Bella ging zum Tisch und schenkte zwei Gläser Wasser ein. Eine Gewohnheit, die sie nicht ablegen konnte – immer für andere sorgen, selbst wenn sie wütend war.

"Weil sie weinte", sagte Bella. "Im Harbor District. Ich habe sie weinen sehen, auf einer Bank. Sie hatte Lucas gerade von weitem gesehen, auf dem Spielplatz der Rosemont. Sie hat sich nicht getraut, zu ihm zu gehen. Da bin ich zu ihr hin."

Adrian nahm das Glas, trank aber nicht.

"Sie liebt ihn", sagte Bella. "Nicht wie eine Mutter, die Ansprüche stellt. Sondern wie eine Mutter, die weiß, dass sie kein Recht mehr hat, Mutter genannt zu werden. Sie hat ihn freigegeben, weil sie dachte, sie könnte ihm kein gutes Leben geben. Und dein Vater hat diese Verzweiflung benutzt."

"Mein Vater hat alles benutzt", sagte Adrian bitter. "Mich. Vivienne. Dich. Lucas."

"Ja."

Sie schwiegen. Der Regen trommelte.

"Warum hast du es mir nicht gesagt?", fragte er noch einmal, leiser diesmal. Nicht als Vorwurf. Als echte Frage.

Bella sah ihn an. Zum ersten Mal seit ihrer Scheidung sah sie nicht die CEO von Vale & Co. und nicht die verletzte Ehefrau. Sie sah nur den Mann, der gerade erfahren hatte, dass sein ganzes Leben auf einer Lüge seines Vaters aufgebaut war.

"Weil ich Angst hatte", sagte sie ehrlich. "Angst, dass du denkst, ich benutze es als Waffe. Angst, dass du denkst, ich hätte dich nur geheiratet, weil ich das Geheimnis kannte. Angst, dass du Lucas dann anders ansehen würdest. Und ich... ich konnte nicht zulassen, dass noch ein Kind in dieser Familie das Gefühl bekommt, es sei nur ein Deal."

Adrian stellte das Glas ab. Er kam einen Schritt näher. Er roch nicht mehr nach Parfüm. Er roch nach Regen und nach dem alten Archiv.

"Liebst du ihn immer noch?", fragte er.

"Wen?"

"Lucas."

Bella musste fast lachen. "Adrian, ich habe ihn geliebt, als ich dachte, er sei dein Sohn mit einer anderen Frau. Ich habe ihn geliebt, als ich dachte, er sei das Kind einer Frau, die du mehr liebst als mich. Glaubst du, ich höre auf, ihn zu lieben, nur weil ich jetzt weiß, dass sein Blut nicht deins ist? Er ist mein Sohn. Nicht biologisch. Aber er ist mein Sohn. Wenn du willst, dass ich gehe und ihn nie wieder sehe, dann..."

"Nein", unterbrach er sie scharf. "Nein. Gott, nein. Er fragt jeden Tag nach dir. Jeden Tag, Bella. Er sagt, Frau Miller macht die Brotdose falsch."

Tränen stiegen in Bellas Augen. Sie kämpfte dagegen an.

"Er hat dich immer geliebt", sagte Adrian leise. "Er wusste nur nicht, wie er es zeigen soll. So wie ich."

Das war zu viel. Bella drehte sich weg und wischte sich über die Augen.

"Du musst gehen", sagte sie.

"Bella..."

"Bitte geh, Adrian. Ich kann nicht... ich kann nicht gleichzeitig deine Ex-Frau und Lucas' Mutter und Viviennes Verbündete und deine Konkurrentin sein. Nicht heute."

Er nickte. Er verstand. Zum ersten Mal verstand er wirklich, wann er gehen musste.

An der Tür blieb er stehen.

"Vale & Co. hat das zweite Lagerhaus bekommen", sagte er. "Herzlichen Glückwunsch."

"Danke."

"Und Bella? Dein Onkel – also mein Onkel Richard... er versucht, das dritte Lagerhaus zu kaufen. Er bietet doppelt so viel wie du. Er will dich aus dem Harbor District drängen."

Bella erstarrte. Richard Blackwood. Adrians Onkel, der seit Charles' Tod im Vorstand saß und immer gelächelt hatte, wenn Bella den Raum betrat. Ein Lächeln, das nie die Augen erreichte.

"Woher weißt du das?"

"Weil er mich heute angerufen hat und gesagt hat: 'Deine kleine Ex-Frau wird bald pleite sein. Dann kommt sie angekrochen.'"

Adrian sah sie an. Seine Augen waren hart, aber nicht kalt. Zum ersten Mal seit langem war da Wut – nicht auf sie, sondern für sie.

"Ich habe ihm gesagt, er soll sich zum Teufel scheren", sagte Adrian. "Und ich habe dem Stadtrat gesagt, dass Blackwood International kein Interesse mehr am Harbor District hat. Das dritte Lagerhaus gehört dir. Wenn du es willst."

Bella starrte ihn an. "Warum tust du das?"

"Weil es richtig ist", sagte er. "Und weil... weil ich drei Jahre lang deine Ideen als meine ausgegeben habe. Es wird Zeit, dass jemand deine Ideen als deine ausgibt."

Er ging hinaus in den Regen. Diesmal rief sie ihn nicht zurück. Aber sie sah ihm nach, bis seine Rücklichter verschwanden.

Auf dem Küchentisch lag ihr Handy. Eine Nachricht von Vivienne: Er war bei mir. Es tut mir leid, Bella. Ich habe es ihm gesagt. Ich hoffe, du bist mir nicht böse.

Bella tippte zurück: Ich bin dir nicht böse. Komm morgen vorbei. Wir müssen über Richard reden. Ich glaube, dein Vater und mein Schwiegervater haben mehr als nur uns manipuliert.

Sie drückte auf Senden.

Dann nahm sie Mörtel hoch, setzte sich auf den Boden, der nicht mehr kalt war, weil die Heizung jetzt funktionierte, und weinte. Nicht um Adrian. Nicht um Lucas.

Um das Mädchen, das sie vor drei Jahren gewesen war. Das Mädchen, das gedacht hatte, man müsse sich Liebe verdienen.

Das Mädchen war endlich gegangen.

Und eine Frau war geblieben.

Draußen hörte der Regen auf.

---

Am nächsten Morgen um 9 Uhr standen zwei Frauen vor dem Rathaus von Aurelia City, die sich vor sechs Monaten noch nie gesehen hatten und die eigentlich Rivalinnen hätten sein müssen.

Isabella Vale in ihrem Hosenanzug mit breiten Schultern.

Vivienne Hart in ihrem Arztkittel, weil sie direkt aus dem Nachtdienst kam.

Sie sahen sich an, nickten und gingen zusammen hinein.

Sie hatten einen Termin beim Bürgermeister. Und sie hatten Beweise dabei, dass Richard Blackwood seit zwei Jahren Geld aus Blackwood International in Briefkastenfirmen leitete – Firmen, die zufällig dieselben Lagerhäuser im Harbor District kaufen wollten, die Bella kaufen wollte.

Es war kein Treffen zweier Frauen, die um einen Mann kämpften.

Es war ein Treffen zweier Frauen, die verstanden hatten, dass sie von derselben Familie benutzt worden waren.

Und die beschlossen hatten, sich nicht mehr benutzen zu lassen.

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