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KAPITEL 2: ASCHE UND SEIFENWASSER

Author: DIMZYY WRITES
last update publish date: 2026-10-23 19:06:19

Perspektive: Catrina

Die Wärme der Öfen wärmte Catrinas Gesicht, doch sie konnte nicht aufhören zu zittern.

Sie stand an der Edelstahlarbeitsfläche. Ihre Hände steckten in einem Berg Mehl, während sie Teig knetete, der sich einfach nicht richtig verarbeiten ließ. Unter ihrem dünnen Pullover pochte ihre Schulter. Jedes Mal, wenn sie den Arm nach vorn bewegte, schoss ein stechender Schmerz bis hinunter zu ihrem Ellbogen.

Links. Rechts. Drücken. Falten.

Sie wiederholte die Bewegungen wie ein Gebet.

„Du bist heute so still.“

Mrs. Patterson trat neben sie und wischte sich die Hände an ihrer Schürze ab. Ihr rundes Gesicht war von Sorgenfalten durchzogen, während ihre grauen Augen Catrina viel zu aufmerksam musterten.

Catrina senkte den Kopf. „Ich bin nur müde.“

„Müde.“ Mrs. Patterson schnaubte. „Mädchen, du bist schon müde, seit ich dich kenne. Aber heute siehst du aus, als hättest du einen Geist gesehen.“

Catrinas Finger hielten mitten im Teig inne. Sie dachte an das Foto auf Veronicas Schreibtisch. An den Mann mit dem kalten Lächeln und dem gierigen Blick.

Liam Dante.

„Mir geht es gut“, sagte sie. „Wirklich.“

Mrs. Patterson schien nicht überzeugt. Sie öffnete den Mund, um etwas zu erwidern, doch in diesem Moment klingelte die Glocke über der Eingangstür. Ein Kunde war hereingekommen.

Sie tätschelte Catrina sanft den unverletzten Arm und eilte nach vorn.

Catrina atmete erleichtert aus. Sie drückte ihre Handflächen fester als nötig in den Teig.

Halte einfach diesen Tag durch.

Die Bäckerei schloss um vier Uhr.

Catrina wischte die Arbeitsflächen ab, fegte den Boden und stapelte die leeren Backbleche. Ihr Körper schmerzte an Stellen, von denen sie nicht einmal gewusst hatte, dass sie schmerzen konnten. Ihre Füße pochten. Ihre Schulter brannte. Doch sie hörte nicht auf, sich zu bewegen.

Stillzustehen bedeutete nachzudenken. Nachzudenken bedeutete, sich zu erinnern.

Und Erinnerungen bedeuteten Schmerz.

„Catrina.“

Sie blickte auf. Mrs. Patterson stand in der Tür zum hinteren Raum. Sie hatte ihren Mantel bereits angezogen und hielt ihre Handtasche mit beiden Händen fest.

„Ich mache mich auf den Heimweg“, sagte Mrs. Patterson. „Du solltest auch nach Hause gehen. Du siehst aus, als würdest du jeden Moment umfallen.“

„Das werde ich“, log Catrina.

Mrs. Patterson zögerte. Einen Moment lang glaubte Catrina, die ältere Frau würde etwas sagen. Etwas Freundliches. Etwas Aufrichtiges.

Doch schließlich nickte sie nur und ging zur Tür hinaus.

Die Glocke klingelte. Das Schloss klickte.

Catrina war allein.

Sie lehnte sich gegen die Arbeitsfläche, während ihre Beine plötzlich schwach wurden. Die Stille legte sich schwer und erstickend um sie. Sie schloss die Augen.

Du bist nicht zerbrochen, sagte sie sich. Du bist nicht zerbrochen.

Doch die Worte klangen hohl.

Veronicas Haus ragte vor ihr auf wie ein Gefängnis.

Catrina stand am Eingangstor und legte eine Hand auf die kalten Eisengitter. Die Fenster waren dunkel, und die Einfahrt war leer. Einen kurzen Moment lang erlaubte sie sich zu hoffen, dass Veronica nicht zu Hause war.

Dann sah sie, wie im Schlafzimmer im oberen Stockwerk das Licht anging.

Sie ist zu Hause.

Catrinas Magen zog sich zusammen. Sie öffnete das Tor und ging auf die Haustür zu. Jeder Schritt fühlte sich schwerer an als der vorherige. Als sie die Veranda erreichte, zitterten ihre Hände.

Geh einfach hinein. Geh in dein Zimmer. Mach keinen Lärm.

Sie öffnete die Tür langsam und vorsichtig und trat in die Eingangshalle.

Das Haus roch nach Parfüm und Wein. Aus dem Wohnzimmer drang klassische Musik. Veronica empfing Gäste.

Das bedeutete, dass Catrina unsichtbar bleiben musste.

Sie zog ihre Schuhe aus und schlich auf die Treppe zu.

„Catrina.“

Die Stimme ließ sie wie angewurzelt stehen bleiben.

Sie drehte sich um. Veronica stand in der Tür zum Wohnzimmer und hielt ein Glas Rotwein in der Hand. Sie trug ein schwarzes Abendkleid, und ihr Haar war zu einer eleganten Hochsteckfrisur frisiert. Hinter ihr konnte Catrina zwei Männer in Anzügen erkennen. Das Kerzenlicht ließ ihre Gesichter verschwommen erscheinen.

„Komm her“, befahl Veronica.

Catrinas Füße bewegten sich, bevor ihr Verstand reagieren konnte. Sie ging auf das Wohnzimmer zu, während ihr Herz heftig schlug.

Veronica lächelte.

Es war kein freundliches Lächeln.

„Diese Herren sind hier, um geschäftliche Angelegenheiten zu besprechen“, erklärte Veronica und deutete auf die Männer. „Sie wollten dich kennenlernen.“

Catrina wurde eiskalt. „Mich?“

„Ja.“ Veronicas Augen funkelten. „Dich.“

Einer der Männer erhob sich. Er war groß und breitschultrig. Eine Narbe zog sich durch seine linke Augenbraue. Er betrachtete Catrina so, wie ein Wolf ein Kaninchen ansieht.

„Also, das ist das Mädchen“, sagte er.

Veronica nickte. „Genau sie.“

Der Mann umrundete Catrina langsam. Sie stand wie erstarrt da, die Hände an ihren Seiten zu Fäusten geballt und den Atem in der Kehle gefangen.

„Sie ist hübsch“, bemerkte der Mann. „Ein bisschen dünn. Aber hübsch.“

„Sie arbeitet hart“, fügte Veronica hinzu. „Sie ist gehorsam.“

Gehorsam.

Das Wort traf Catrina wie eine Ohrfeige.

Der Mann blieb vor ihr stehen. Er streckte die Hand aus, packte ihr Kinn und hob ihr Gesicht an. Seine Finger waren rau und schwielig. Sein Atem roch nach Whiskey.

„Sie wird es tun“, sagte er.

Catrinas Herz schien stehen zu bleiben.

Was sollte sie tun?

Veronica lächelte und hob ihr Glas. „Dann sind wir uns einig.“

Perspektive: Liam

Liam konnte nicht schlafen.

Er lag in seinem Bett und starrte an die Decke, während seine Gedanken unaufhörlich kreisten. Das Foto hatte sich in sein Gedächtnis eingebrannt. Catrina. Das Mädchen mit den traurigen Augen.

Wer ist sie?

Er wusste nicht, warum sie ihn so beschäftigte. Sie war niemand. Nur irgendein Mädchen, das sein Vater für ihn ausgesucht hatte. Ein Werkzeug. Eine Spielfigur. Eine Möglichkeit, dafür zu sorgen, dass das Geld weiterhin floss.

Doch irgendetwas an ihr ließ ihn nicht los.

Er warf die Decke zurück und ging zum Fenster. Unter ihm glitzerten die Lichter der Stadt, kalt und fern. Er dachte an den Nachtclub, die Musik und die Frauen. Plötzlich kam ihm das alles hohl vor. Bedeutungslos.

Sein Handy vibrierte.

Liam warf einen Blick auf das Display. Eine Nachricht von seinem Vater.

Besprechung morgen. 10 Uhr. Komm nicht zu spät.

Liam presste die Kiefer zusammen und warf das Handy aufs Bett.

Morgen.

Morgen würde er seine zukünftige Ehefrau kennenlernen.

Perspektive: Catrina

Die Männer gingen um Mitternacht.

Catrina stand in der Eingangshalle. Ihr Körper zitterte, und ihre Gedanken waren wie ausgelöscht. Sie wusste nicht, was gerade geschehen war. Sie wusste nicht, welchen Handel Veronica abgeschlossen hatte.

Doch sie wusste, dass nichts Gutes dabei herausgekommen war.

„Geh schlafen“, sagte Veronica, während sie an ihr vorbeiging. „Du musst morgen arbeiten.“

Catrina rührte sich nicht.

Veronica blieb am Fuß der Treppe stehen und drehte sich um. Ihre Augen verengten sich.

„Hast du mich gehört?“

„Was hast du getan?“, flüsterte Catrina.

Veronicas Lippen verzogen sich zu einem höhnischen Lächeln. „Ich habe deine Zukunft gesichert. Du solltest dankbar sein.“

„Meine Zukunft?“

„Ja.“ Veronica kam näher. Ihre Absätze klackerten über den Marmorboden. „Du wirst heiraten.“

Die Worte ergaben keinen Sinn. Sie hallten in Catrinas Kopf wider, ohne dass sie ihre Bedeutung wirklich erfassen konnte.

„Heiraten?“, wiederholte sie.

„Einen sehr mächtigen Mann“, erklärte Veronica. „Er ist reich, hat einflussreiche Verbindungen und ist bereit, viel Geld für eine Ehefrau zu bezahlen.“

Catrina wurde übel. „Du verkaufst mich.“

Veronica lachte. „Sei nicht so dramatisch. Ich verschaffe dir ein besseres Leben. Du solltest mir danken.“

Catrina ballte die Hände zu Fäusten. Ihre Schulter pochte. Ihr Herz raste. Sie wollte schreien. Sie wollte davonlaufen. Sie wollte Veronica schlagen und sie auch nur einen Bruchteil des Schmerzes spüren lassen, den sie selbst ertragen hatte.

Doch sie tat nichts davon.

Denn sie wusste, dass es ohnehin nichts ändern würde.

„Wann?“, fragte Catrina. Ihre Stimme war kaum mehr als ein Flüstern.

„Morgen“, antwortete Veronica. „Morgen wirst du ihn kennenlernen.“

Sie drehte sich um und ging die Treppe hinauf. Catrina ließ sie allein in der Dunkelheit zurück.

Catrina ging nicht in ihr Zimmer.

Stattdessen ging sie in die Küche. In dieselbe Küche, in der sie am Morgen die Böden geschrubbt hatte. In dieselbe Küche, in der Veronica sie mit einem Holzlöffel geschlagen hatte.

Sie öffnete die Schublade neben dem Herd und holte eine Schachtel Streichhölzer heraus.

Ihre Hände zitterten.

Sie dachte an ihre Mutter. An ihren Vater. An das Leben, das sie verloren hatte. An das Mädchen, das sie einst gewesen war.

Du bist nicht zerbrochen.

Sie entzündete ein Streichholz. Die Flamme loderte auf, hell und heiß.

Du bist nur verbogen.

Sie starrte in die Flamme, bis sie sich an den Fingern verbrannte. Dann blies sie sie aus.

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