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KAPITEL 3: DIE GRAUSAME HAND DER STIEFMUTTER

Author: DIMZYY WRITES
last update publish date: 2026-10-23 19:11:58

Perspektive: Catrina

Catrina schlief nicht.

Sie saß auf dem kalten Boden ihres winzigen Zimmers, den Rücken gegen die Wand gedrückt und die Knie an die Brust gezogen. Die Streichholzschachtel hielt sie noch immer fest in ihrer Hand. Der Geruch von Schwefel haftete an ihren Fingern.

Du wirst heiraten.

Die Worte hallten immer wieder in ihrem Kopf wider, wie eine Schallplatte mit einem Sprung.

Sie dachte an die Männer in Anzügen. An den mit der Narbe. An die Art, wie er sie angesehen hatte, als wäre sie ein Stück Fleisch auf einem Markt. Sie dachte an Veronicas Lächeln. Kalt. Triumphierend.

Du solltest mir dankbar sein.

Catrina drückte ihre Stirn gegen ihre Knie. Ihre Schulter pochte vor Schmerzen. Ihre Augen brannten. Doch es kamen keine Tränen.

Sie hatte vor Jahren all ihre Tränen vergossen.

Das erste Licht der Morgendämmerung drang durch das winzige Fenster.

Catrina stand auf. Ihre Beine waren steif. Ihr Rücken schmerzte. Stundenlang hatte sie in derselben Position gesessen, regungslos, und darauf gewartet, dass die Sonne aufging.

Sie wusste nicht, was sie tun sollte.

Sie hatte kein Geld. Kein Telefon. Keine Freunde. Keine Familie. Ihr Vater lag im Koma und war an lebenserhaltende Geräte in einem Krankenhaus angeschlossen, dessen Besuch sie sich nicht leisten konnte. Ihre Mutter war fort. Tot und begraben.

Sie war allein.

Ein Klopfen an der Tür ließ sie zusammenzucken.

„Steh auf“, durchschnitt Veronicas Stimme die Stille. „Wir haben heute viel zu erledigen.“

Catrina rührte sich nicht.

Die Tür schwang auf. Veronica stand im Türrahmen, bereits in einem cremefarbenen Hosenanzug gekleidet. Ihre Haare saßen perfekt, ihr Make-up war makellos. Sie betrachtete Catrina mit unverhohlener Abscheu.

„Du siehst schrecklich aus“, sagte Veronica. „Wasch dir das Gesicht. Wir fahren in einer Stunde los.“

„Losfahren?“, fragte Catrina mit heiserer Stimme.

„Um deinen zukünftigen Ehemann kennenzulernen.“ Veronica lächelte. „Hast du das etwa schon wieder vergessen?“

Catrina wurde übel. „Ich werde nicht mitkommen.“

Veronicas Lächeln verschwand. Sie trat in das Zimmer, ihre Absätze klackerten auf dem kahlen Boden. Noch bevor Catrina reagieren konnte, schoss Veronicas Hand nach vorn und packte sie an den Haaren.

Catrina keuchte auf. Ein stechender Schmerz durchfuhr ihre Kopfhaut.

„Du wirst mitkommen“, zischte Veronica und riss ihren Kopf nach hinten. „Du wirst lächeln. Du wirst höflich sein. Und du wirst genau das tun, was man dir sagt. Hast du mich verstanden?“

Catrinas Augen füllten sich mit Tränen. Sie versuchte, sich loszureißen, doch Veronicas Griff war eisern.

„Hast du mich verstanden?“

„Ja“, brachte Catrina erstickt hervor.

Veronica ließ sie los. Catrina stolperte rückwärts und griff sich sofort an die Kopfhaut. Tränen stachen ihr in die Augen, doch sie weigerte sich, sie fallen zu lassen.

„Gut“, sagte Veronica und strich ihre Bluse glatt. „Mach dich jetzt fertig. Und zieh etwas Schönes an. Du triffst einen Milliardär, keinen Bettler.“

Sie ging hinaus und schlug die Tür hinter sich zu.

Catrina stand regungslos in der Stille. Ihr Atem ging stoßweise, ihre Kopfhaut brannte und ihr Herz raste.

Du bist nicht zerbrochen.

Sie schloss die Augen.

Du bist nur verbogen.

Perspektive: Liam

Liam wachte mit Kopfschmerzen auf.

Er lag im Bett und starrte an die Decke, während die Ereignisse der vergangenen Nacht langsam in sein Gedächtnis zurückkehrten. Der Club. Der Champagner. Das Ultimatum seines Vaters.

Das Foto.

Er stöhnte und drehte sich auf die Seite. Sein Handy lag auf dem Nachttisch und blinkte wegen der ungelesenen Nachrichten. Er ignorierte sie.

Catrina.

Ihr Name schwebte wie Rauch durch seine Gedanken. Er wusste nicht, warum er sie nicht aus dem Kopf bekam. Sie war niemand. Nur ein Mädchen auf einem Foto. Ein Mädchen, das sein Vater für ihn ausgesucht hatte.

Doch irgendetwas an ihren Augen ließ seine Brust eng werden.

Reiß dich zusammen, sagte er sich. Sie ist nur eine Ehefrau. Eine Transaktion. Nichts weiter.

Er schlug die Decke zurück und ging ins Badezimmer. Das kalte Wasser riss ihn aus seiner Benommenheit. Er betrachtete sein Spiegelbild. Dunkle Augenringe. Müde Augen. Ein vor Anspannung verkrampfter Kiefer.

Du bist ein einziges Chaos, dachte er.

Er spritzte sich noch mehr Wasser ins Gesicht.

Sein Vater wartete bereits im Esszimmer auf ihn.

Dante saß am Kopfende des Tisches. In einer Hand hielt er eine Zeitung, in der anderen eine Tasse Kaffee. Als Liam hereinkam, blickte er nicht einmal auf.

„Du bist früh auf“, sagte Dante.

„Ich konnte nicht schlafen.“

„Gut. Das solltest du auch nicht.“ Dante faltete die Zeitung zusammen und legte sie beiseite. „Wir müssen vor dem Treffen einiges besprechen.“

Liam ließ sich auf den Stuhl ihm gegenüber fallen. Ein Diener trat heran und stellte ihm einen Teller mit Essen hin. Liam ignorierte ihn.

„Was gibt es denn noch zu besprechen?“, fragte er. „Du hast doch bereits alles entschieden.“

Dantes Augen verengten sich. „Achte auf deinen Ton.“

Liam lehnte sich zurück und zwang sich zu einem spöttischen Lächeln. „Oder was? Du drehst mir den Geldhahn zu? Damit hast du mir bereits gedroht.“

„Ich drohe dir nicht, Liam. Ich versuche, dir zu helfen.“ Dantes Stimme war ruhig und bedächtig. „Diese Ehe ist zu deinem eigenen Besten. Catrina ist ein gutes Mädchen. Sie wird dich ausgleichen.“

„Ich brauche keinen Ausgleich.“

„Du brauchst Disziplin. Verantwortung. Einen Grund, endlich erwachsen zu werden.“

Liam lachte bitter. „Und eine Ehefrau soll mir das alles geben?“

„Eine Ehefrau wird dir Stabilität geben“, sagte Dante. „Außerdem werden ihre familiären Verbindungen unsere Position stärken.“

Liams spöttisches Lächeln verschwand. „Ihre familiären Verbindungen?“

Dante nahm seine Kaffeetasse und trank langsam einen Schluck. „Ihre Stiefmutter hat Verbindungen zu einigen sehr mächtigen Leuten. Zu Leuten, die wir auf unserer Seite brauchen.“

Liams Blut gefror in seinen Adern. „Du benutzt sie.“

„Ich treffe eine strategische Entscheidung“, korrigierte Dante ihn. „Und du tust dasselbe. Ob es dir gefällt oder nicht.“

Liam stand auf. Sein Stuhl scharrte über den Boden.

„Du bist widerlich.“

„Setz dich.“

„Nein.“

„Setz. Dich.“

Liam ballte die Hände zu Fäusten. Er wollte hinausgehen. Er wollte schreien. Doch er wusste, dass sich dadurch nichts ändern würde.

Also setzte er sich wieder.

„Gut“, sagte Dante. „Iss jetzt dein Frühstück. Wir fahren in zwei Stunden los.“

Die Autofahrt verlief schweigend.

Liam saß auf dem Rücksitz und starrte aus dem Fenster. Die Stadt zog an ihm vorbei: hohe Gebäude, überfüllte Straßen und Menschen, die ihrem Alltag nachgingen. Menschen, die keine Fremden heiraten mussten.

Er dachte wieder an das Foto. Catrina. Ihre traurigen Augen. Ihr stilles Gesicht.

Wer bist du?

Das Auto hielt vor einem Restaurant. Es war vornehm, einer dieser Orte, an denen sich die Reichen trafen, um Geschäfte abzuschließen und ihre Macht zur Schau zu stellen. Liam war schon einmal hier gewesen. Er hasste diesen Ort.

„Denk daran“, sagte Dante, als sie auf den Eingang zugingen. „Sei höflich. Sei charmant. Bring mich nicht in Verlegenheit.“

Liam schwieg.

Sie traten ein. Das Restaurant war warm und in gedämpftes Licht getaucht. Weiße Tischdecken und Kristalllüster verliehen dem Raum eine elegante Atmosphäre. Eine Empfangsdame führte sie in einen privaten Raum im hinteren Teil des Restaurants.

Und da saß sie.

Catrina.

Sie saß an einem Tisch, die Hände im Schoß gefaltet und den Blick auf den Boden gerichtet. Sie trug ein schlichtes blaues Kleid, das ihr nicht ganz richtig passte. Ihre Haare waren zurückgebunden, doch einige Strähnen hatten sich gelöst und umrahmten ihr Gesicht.

Sie blickte auf.

Ihre Augen trafen sich.

Liam stockte der Atem.

Sie war schöner als auf dem Foto. Zerbrechlicher. Gebrochener.

Und aus irgendeinem Grund schmerzte ihm deswegen die Brust.

POV: Catrina

Er starrte sie an.

Catrinas Hände zitterten in ihrem Schoß. Sie wollte wegsehen, doch sie konnte nicht. Seine Augen hielten sie gefangen. Dunkel. Intensiv. Hungrig.

Er war größer, als sie erwartet hatte. Breiter gebaut. Sein Anzug saß perfekt, seine Haare waren sorgfältig gestylt und sein Kiefer war markant. Er sah aus wie ein Raubtier.

Und sie war die Beute.

„Catrina“, sagte Veronica mit einer Stimme, die so süß wie Gift klang. „Das ist Liam Dante.“

Catrina zwang sich aufzustehen. Ihre Beine fühlten sich an wie Wackelpudding. Sie streckte ihm die Hand entgegen.

„Hallo“, flüsterte sie.

Liam nahm ihre Hand. Sein Griff war warm. Fest. Er hielt sie einen Moment länger, als nötig gewesen wäre.

„Hallo“, sagte er mit tiefer, geschmeidiger Stimme. „Schön, dich kennenzulernen.“

Catrina nickte. Sie brachte kein Wort heraus. Ihr Hals war wie zugeschnürt.

„Setzt euch“, sagte Dante. „Wir haben einiges zu besprechen.“

Sie nahmen Platz. Liam saß ihr gegenüber, Veronica neben ihr. Die beiden Väter saßen am Kopfende des Tisches.

Catrina hielt den Blick auf ihren Schoß gerichtet. Sie spürte, wie Liam sie beobachtete. Sein Blick lastete schwer auf ihr. Es war unangenehm.

„Also“, begann Dante, „die Hochzeit findet in zwei Wochen statt.“

Catrina riss den Kopf hoch. „In zwei Wochen?“

Veronicas Hand schloss sich um ihr Handgelenk. Eine Warnung.

„In zwei Wochen“, wiederholte Dante. „Wir haben bereits alles arrangiert.“

Catrinas Herz raste. Zwei Wochen. Sie hatte noch zwei Wochen, bis ihr Leben vorbei war.

„Ich … ich weiß nicht.“

„Catrina.“ Veronicas Stimme klang scharf. „Sei nicht unhöflich.“

Catrina schluckte. Sie sah Liam an. Er beobachtete sie mit einem Gesichtsausdruck, den sie nicht deuten konnte.

„Ist das für dich in Ordnung?“, fragte sie leise.

Liam hob eine Augenbraue. „Spielt das eine Rolle?“

„Nein“, gab sie zu. „Ich schätze, das tut es nicht.“

Etwas flackerte in seinen Augen auf. Etwas, das sie nicht benennen konnte. Er beugte sich vor und stützte die Ellbogen auf den Tisch.

„Willst du mich heiraten?“, fragte er.

Die Frage überraschte sie völlig. Sie blinzelte. „Was?“

„Willst du mich heiraten?“, wiederholte er. „Ja oder nein.“

Catrina öffnete den Mund. Dann schloss sie ihn wieder. Sie wusste nicht, was sie sagen sollte. Noch nie hatte jemand sie gefragt, was sie wollte.

Nein, wollte sie schreien. Ich will dich nicht heiraten. Ich will überhaupt niemanden heiraten. Ich will frei sein.

Doch Veronicas Griff wurde fester. Eine stumme Drohung.

„Ich …“ Catrinas Stimme brach. „Ich habe keine Wahl.“

Liam starrte sie lange an. Dann lehnte er sich zurück und lächelte. Doch es war kein glückliches Lächeln. Es war bitter. Resigniert.

„Ich auch nicht“, sagte er.

Das Treffen endete eine Stunde später.

Catrina verließ das Restaurant wie in Trance. Die Sonne war viel zu hell. Die Luft war viel zu kalt. Sie fühlte sich, als würde sie ertrinken.

„Steig ins Auto“, befahl Veronica.

Catrina gehorchte. Sie kletterte auf den Rücksitz und lehnte ihre Stirn gegen die Fensterscheibe. Die Stadt zog verschwommen an ihr vorbei. Sie nahm nichts davon wahr.

Zwei Wochen.

Sie schloss die Augen.

Noch zwei Wochen, dann werde ich seine Frau.

Ihre Hand wanderte zu ihrer Schulter. Der Bluterguss von Veronicas Schlägen war noch da. Er schmerzte noch immer bei jeder Berührung.

Noch zwei Wochen, dann ist mein Leben vorbei.

Perspektive: Liam

Liam sah ihr nach.

Sie ging wie ein Geist, die Schultern nach vorn gesunken und die Augen leer. Sie wirkte, als wäre sie innerlich bereits tot.

Was ist dir zugestoßen?, fragte er sich.

Sein Vater redete, doch Liam hörte nicht zu. Er dachte an Catrina. Daran, wie ihre Stimme gebrochen war, als sie sagte, dass sie keine Wahl habe. Daran, wie ihre Hände in ihrem Schoß gezittert hatten.

Sie ist gebrochen, erkannte er. Genau wie ich.

Aber sie war nicht wie er. Er hatte sich selbst für diesen Zustand entschieden. Er hatte sich in Clubs, Frauen und Champagner ertränkt. Sie hatte sich für nichts davon entschieden. Sie war ein Opfer. Eine Schachfigur.

Eine Gefangene.

Der Gedanke ließ ihm den Magen umdrehen.

„Liam.“ Dantes Stimme riss ihn aus seinen Gedanken. „Hörst du mir zu?“

„Nein“, antwortete Liam ehrlich.

Dante seufzte. „Die Hochzeit findet in zwei Wochen statt. Ich muss mich darauf verlassen können, dass du bereit bist.“

„Ich habe dich schon beim ersten Mal gehört.“

„Gut.“ Dante drehte sich um und ging zum Auto. „Gehen wir nach Hause.“

Liam rührte sich nicht. Er blieb auf dem Gehweg stehen und starrte auf die Stelle, an der Catrinas Auto verschwunden war.

Ich habe keine Wahl.

Ihre Worte hallten in seinem Kopf wider.

Ich auch nicht.

Doch zum ersten Mal in seinem Leben fragte sich Liam, ob es vielleicht einen anderen Weg gab.

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