MasukIch ritt so hart, dass mein Pferd Schaum vor dem Maul hatte.Kael ritt neben mir, schweigend und grau im Gesicht, mit Rhys und zwölf Kriegern, die hinter uns herdonnerten. Jeder Hufschlag klang wie dasselbe Wort.*Liam. Liam. Liam.*Ich griff über unser Familienband nach ihm. Es war immer ein dünner Faden gewesen, doch an diesem Morgen war er so straff gespannt, dass es schmerzte, ihn zu halten. Er war nicht durchtrennt. Er lebte.Der Pass öffnete sich am späten Vormittag, ein enger Schlund aus schwarzem Fels, in dem sich die Straße zwischen zwei Klippen wand. Krähen pickten an etwas nahe der Biegung.„Bleib auf deinem Pferd, Elena", sagte Kael.Ich war schon abgestiegen.Die Kutsche lag quer über der Straße auf der Seite, ein Rad zersplittert und noch immer im Wind drehend. Blut hatte den Schnee in einem breiten, dunklen Fleck getränkt. Darüber verstreut, wie Blätter nach einem Sturm, lagen Marens Kräuter, Bündel von Schafgarbe und Weidenrinde und die kleinen Stoffsäckchen mit Mondwu
Der Älteste Corvin Ashgrove ließ mich mit dem Tod meines Vaters in den Händen allein im Korridor zurück.Er sah sich nicht um. Er verschränkte die Finger hinter dem Rücken wie ein Mann, der durch einen Garten spaziert, und summte eine leise, melodielose Weise, während er davonging. Der Klang schwebte noch lange durch den steinernen Gang, nachdem das Lampenlicht ihn verschluckt hatte.Ich stand wie erstarrt, der Befehl zitterte in meiner Handfläche. Die rote Tinte war noch nicht einmal ganz getrocknet. Sie glänzte feucht im Lampenlicht, jeder Buchstabe scharf wie ein Schnitt.*WENN DANIEL HART ÜBERLEBT, DARF ELENA IHREN ACHTZEHNTEN GEBURTSTAG NIEMALS ERREICHEN.*Ich las es noch einmal. Dann wieder, als könnten die Worte weicher werden, wenn ich sie nur lange genug anstarrte.Das taten sie nicht.Mein Vater war ein stiller Mann gewesen, der Zäune flickte und mir beibrachte, welche Pilze man meiden musste. Er hatte nie die Stimme erhoben. Er hatte nie ein einziges Mal den Thron des Alpha
Das Erste, was Alpha Kael Blackthorn bei meiner Rückkehr tat, war der Versuch, mich zu töten.Seine Klauen zerschnitten die Luft nur Zentimeter vor meinem Gesicht. Die Wachen schrien, aber keiner von ihnen wagte sich näher.Ich hätte rennen sollen. Jeder Instinkt schrie mich an zu rennen.Stattdessen trat ich näher.„Sieh mich an, Kael!"Seine goldenen Augen hefteten sich auf meine. „Geh weg von mir!"„Dann hör auf, mich zerreißen zu wollen!"Er sprang vor. Ich fing sein Handgelenk.Der ganze Raum verstummte. Seine Klauen zogen sich zurück. Das Knurren erstarb in seiner Kehle, und das Monster, das alle fürchteten, sah plötzlich aus wie ein Mann, der gerade seinen eigenen Tod gesehen hatte.Er starrte auf meine Hand um sein Handgelenk. Dann flüsterte er: „Wie machst du das?"Ich ließ ihn sofort los. „Schmeichle dir nicht. Ich bin wegen meines Bruders hier, nicht wegen dir."Er zuckte zusammen, als hätte ich ihn geschlagen. Dann richtete er sich auf, wischte sich das Blut von den Händen
„Wenn du willst, dass dein Bruder lebt, musst du aufhören, Zeit mit der Suche nach gewöhnlicher Medizin zu verschwenden."Die Worte der Heilerin trafen mich härter als jeder Schlag.Ich stand neben Liams Bett und starrte den Jungen an, der einst mit mir um die Wette durch den Wald gerannt war. Fünf Jahre waren seit der Nacht vergangen, in der sein Mal erschienen war, und jedes Jahr hatte ihm etwas gestohlen.Seine Kraft.Sein Lachen.Seinen Wolf.Jetzt war seine Haut blass wie Kerzenwachs, sein Atem dünn, und das schwarze Mal hatte sich über die halbe Schulter ausgebreitet. Er war achtzehn Jahre alt und wog weniger als mit dreizehn.Ich umklammerte die Bettkante. „Sag mir, was ich tun soll."Maren sah mir in die Augen. Ihr Haar war seit der Nacht, in der sie mich zur Hintertür hinausgeschoben hatte, völlig weiß geworden, und ihre Hände zitterten, wenn sie ihre Tinkturen einschenkte. Sie hatte mich zwei Jahre nach jener Nacht gefunden, in einer Bergstadt, in der ich Spurensuche gegen M
Liams Schrei war so furchtbar, dass sämtliche Fenster in unserem Häuschen auf einmal zersprangen.Ich warf mich neben ihn, während Glas über den Boden regnete. „Liam! Sieh mich an! Sag mir, wo es wehtut!"Er kratzte an seinem Nacken, sein Körper wand sich, als bewegte sich etwas unter seiner Haut. „Es brennt, Lena! Bitte mach, dass es aufhört!"Ich schnappte mir einen nassen Lappen aus der Schüssel und presste ihn auf das Mal. Der Stoff wurde in meinen Händen schwarz.Ich ließ ihn entsetzt fallen. „Was geschieht mit dir?"Seine Augen verdrehten sich nach hinten. Dann sprach er mit einer Stimme, die nicht ihm gehörte, tief und alt und geduldig.„Dein Vater hätte sein Versprechen halten sollen."Mein Blut gefror. „Was hast du gesagt?"Seine Augen sprangen auf. Er sah mich an, verwirrt und verängstigt, ein dreizehnjähriger Junge, der keine Ahnung hatte, was soeben aus seinem Mund gekommen war.„Elena", flüsterte er. „Warum weinst du?"Ich trug ihn zu seinem Bett und durchwühlte das Häusc
Ich wusste, dass jemand sterben würde, bevor der Mond seinen höchsten Punkt erreichte.Ich wusste nur nicht, dass es das Mädchen sein würde, das ich achtzehn Jahre lang zu beschützen versucht hatte.Ein scharfes Krachen hallte hinter dem Rudelhaus wider. Ich drehte mich gerade rechtzeitig um, um zu sehen, wie ein Wächter aus den Schatten stolperte und sich den blutenden Arm hielt. Bevor ich fragen konnte, was geschehen war, packte er mein Handgelenk.„Was auch immer heute Nacht geschieht, Elena, lass den Alpha nicht dein Blut berühren."Ich starrte ihn an. „Wovon sprichst du?"Sein Blick huschte zur herannahenden Menge. „Dein Vater hätte dich niemals ..."Ein zweiter Wächter tauchte auf und zerrte ihn fort, bevor er den Satz beenden konnte.Ich stand allein in der Kälte, meine Haut prickelte. Es war mein achtzehnter Geburtstag. Heute Nacht würde sich jeder Wolf im Blackthorn-Gebiet unter dem Vollmond versammeln, und ich würde endlich meinem Gefährten begegnen. Ich weigerte mich, mir d







