MasukDer Älteste Corvin Ashgrove ließ mich mit dem Tod meines Vaters in den Händen allein im Korridor zurück.
Er sah sich nicht um. Er verschränkte die Finger hinter dem Rücken wie ein Mann, der durch einen Garten spaziert, und summte eine leise, melodielose Weise, während er davonging. Der Klang schwebte noch lange durch den steinernen Gang, nachdem das Lampenlicht ihn verschluckt hatte.
Ich stand wie erstarrt, der Befehl zitterte in meiner Handfläche. Die rote Tinte war noch nicht einmal ganz getrocknet. Sie glänzte feucht im Lampenlicht, jeder Buchstabe scharf wie ein Schnitt.
*WENN DANIEL HART ÜBERLEBT, DARF ELENA IHREN ACHTZEHNTEN GEBURTSTAG NIEMALS ERREICHEN.*
Ich las es noch einmal. Dann wieder, als könnten die Worte weicher werden, wenn ich sie nur lange genug anstarrte.
Das taten sie nicht.
Mein Vater war ein stiller Mann gewesen, der Zäune flickte und mir beibrachte, welche Pilze man meiden musste. Er hatte nie die Stimme erhoben. Er hatte nie ein einziges Mal den Thron des Alphas erwähnt. Und irgendwo auf der Welt gab es ein Stück Papier, das besagte, sein Leben sei gegen meines abgewogen und für zu teuer befunden worden.
Meine Beine gaben nach. Ich rutschte die Wand hinab, bis der kalte Stein gegen meine Wirbelsäule drückte.
Am anderen Ende des Korridors flog krachend eine Tür auf.
Ich musste nicht aufsehen. Das Band sagte mir, wer es war, noch bevor meine Augen es konnten. Ein Ziehen hinter meinen Rippen, ein Faden, der sich spannte, und dann Schritte, die sich zu schnell bewegten, um ruhig zu sein.
Kael bog um die Ecke, das Hemd halb zugeknöpft, die Augen golden im Dunkeln brennend. Sein Wolf war dicht unter der Oberfläche. Ich sah es daran, wie sich seine Schultern verspannten und seine Hände sich krümmten.
„Rhys hat mir gesagt, dass Corvin auf deine Etage gekommen ist", sagte er. Seine Stimme war rau. „Elena, geh weg von ..."
Er brach ab.
Sein Blick war auf das Papier in meinen Händen gefallen.
Alle Farbe wich aus seinem Gesicht. Einen Moment lang sah er genauso aus wie in der großen Halle, als er Liams Foto erblickt hatte, ein Mann, der etwas anstarrt, von dem er jahrelang gehofft hatte, dass es nie jemand finden würde.
Ich stand langsam auf und drückte den Rücken gegen die Wand, um das Gleichgewicht zu halten. Ich hielt den Befehl wie einen Schild zwischen uns.
„Sag mir, dass das eine Fälschung ist."
Er antwortete nicht.
„Kael. Sag es mir."
„Die Unterschrift ist meine."
Die Worte fielen in die Stille wie Steine in einen Brunnen. Ich wartete auf das Echo, das ihnen eine andere Bedeutung geben würde, eine verzeihliche.
Es kam keines.
„Dann sag mir, dass du meinen Vater nicht getötet hast."
Ein Muskel zuckte in seiner Kinnlade. Er machte einen Schritt auf mich zu, und ich zuckte zurück, und ich hasste, dass ich zurückzuckte. Die Bewegung schnitt über sein Gesicht wie ein Schlag. Er blieb stehen, wo er war, und ließ die Hände offen an seinen Seiten sinken.
„Das werde ich beantworten", sagte er sehr leise, „wenn ich es tun kann, ohne dass ein Dutzend Ohren zuhört."
„Hier ist niemand."
„Hier ist immer jemand."
Ich lachte, ein rissiger, hässlicher Laut. „Das ist ein bequemer Satz für eine Frau, die den Todesbefehl ihres Vaters in der Hand hält."
„Ich weiß, wie das klingt."
„Tust du das? Ich habe fünf Jahre damit verbracht, mich zu fragen, was ich falsch gemacht habe. Ich bin zurückgekommen in dem Glauben, das Schlimmste, was du je getan hast, sei, mich vor einer Menge zurückzuweisen." Meine Stimme zitterte. „Und jetzt liegt ein Papier in meiner Hand, das besagt, dass du vielleicht etwas so viel Schlimmeres getan hast."
Er schloss die Augen. Als er sie wieder öffnete, waren sie feucht, obwohl keine einzige Träne fiel.
„Ich habe ihn nicht mit meinen Händen getötet", sagte er.
„Das ist keine Antwort."
„Es ist die einzige, die ich dir heute Nacht geben darf."
*Darf.* Das Wort drehte sich in meinem Kopf wie ein Schlüssel in einem Schloss, das sich nicht öffnen ließ. Von wem erlaubt? Vom Rat, dessen Ältester mich soeben im Dunkeln verhöhnt hatte? Von irgendeinem Eid? Oder von seiner eigenen Feigheit, verkleidet als Pflicht?
Ich konnte es nicht sagen. Das war das Schlimmste. Jede Linie seines Gesichts sagte, dass er litt, und jedes Wort, das er sprach, sagte, dass er mir nicht verraten würde, warum. Grausamkeit und Trauer sahen an ihm genau gleich aus.
„Du wirst es mir irgendwann sagen", sagte ich. „Oder ich finde es ohne dich heraus."
„Ich weiß."
„Dann steh nicht da und sieh mich an, als wäre ich diejenige, die zerbricht."
Er holte einen zittrigen Atemzug. Eine lange Weile war das einzige Geräusch im Korridor das leise Zischen der Lampen.
Dann streckte er die Hand aus. „Darf ich es sehen?"
Ich hätte ablehnen sollen. Jeder vernünftige Teil von mir schrie, die Seite zu falten und in meinem Mantel zu verstecken. Aber etwas in seiner Stimme, ein seltsamer, hohler Hunger, ließ mich es ihm reichen.
Er nahm es vorsichtig an den Rändern. Sein Blick wanderte die Seite hinab, über die Schwünge seiner eigenen Unterschrift, über das Datum, das Siegel, die Patrouillenroute. Er las wie ein Mann, der die Linien einer Karte nachzeichnet, die er vor langer Zeit auswendig gelernt hat.
Dann hielt sein Blick unten inne.
Bei der roten Zeile.
Seine Lippen öffneten sich. Sein ganzer Körper wurde still, als hätte jemand alle Saiten in ihm auf einmal gezupft.
„Dieser Satz", flüsterte er, „stand nicht da, als ich unterschrieben habe."
Mein Herzschlag stolperte. „Was?"
„Die rote Tinte." Er berührte den Rand der Zeile, ohne die Finger darauf ruhen zu lassen. „Jemand hat sie nachträglich hinzugefügt. Wer auch immer das geschrieben hat, tat es, nachdem ..."
Er biss den Satz ab wie einen Faden.
„Nachdem was, Kael?"
Er antwortete nicht. Sein Blick huschte zum Ende des Korridors, zu den Schatten, in denen Corvins Summen verklungen war, und etwas in seinem Gesicht verhärtete sich zu Entschlossenheit.
„Vergib mir", sagte er.
Er durchquerte den Korridor in drei langen Schritten, erreichte die nächste Lampe und hielt die Seite über ihre Flamme.
„Nein!"
Ich stürzte auf ihn zu. Sein Arm schob mich mit einer Sanftheit zurück, die es noch schlimmer machte. Das Papier fing an der Ecke Feuer, kräuselte sich und schwärzte sich. Das Feuer raste über den Namen meines Vaters. Die rote Tinte warf Blasen und verlief, als blutete die Seite selbst.
„Das war ein Beweis!", schrie ich. „Das war der einzige Beweis, den ich hatte!"
„Das war eine Waffe", sagte er, „und er hat sie dir in die Hand gegeben, damit du sie gegen mich einsetzt."
„Oder gegen ihn!"
„Elena." Seine Stimme brach bei meinem Namen. „Wenn man diese Seite in deinem Besitz findet, wird der Rat sagen, du hättest sie gefälscht, um den Alpha zu belasten. Sie werden dich bis zum Morgen in den Kerkern haben. Und dein Bruder wird ohne mich keine Woche überleben."
Ich starrte ihn an, mein Atem ging schwer. Der letzte Fetzen des Befehls flatterte aus seinen Fingern und zerbröckelte auf dem Stein.
„Jetzt kann niemand ihn gegen dich verwenden", sagte er leise.
„Oder gegen dich."
Sein Mund verzog sich zu etwas, das nicht ganz ein Lächeln war. „Ja. Oder gegen mich."
Ich wollte ihn anschreien. Ich wollte auf ihn einschlagen, bis seine Fassung zerbrach. Ich wollte, Gott helfe mir, mich vorbeugen und mich von ihm halten lassen.
Nichts davon tat ich.
„Du hast es verbrannt, weil du Angst hattest", sagte ich. „Nicht um meinetwillen."
„Beides kann wahr sein."
„Das sagen mir alle ständig."
Etwas flackerte hinter seinen Augen, als hätte ich einen blauen Fleck berührt. Er widersprach nicht. Er sah mich nur an, und in diesem Blick sah ich den Jungen vom Erntefest, an den ich mich bis zu diesem Augenblick nicht erinnert hatte. Ein großer, unbeholfener Junge mit einem hölzernen Wolf in der Tasche und einem Gesicht, das für sein Alter zu ernst war.
Ich schob den Gedanken weg.
„Geh ins Bett, Kael", sagte ich. „Du hast eine Hochzeit zu planen."
Er nickte langsam. Er hatte sich gerade zum Gehen gewandt, als die großen Türen am Ende der Halle dröhnend aufflogen und Stiefel auf den Stein hämmerten. Rhys Calder kam gerannt, einen zerrissenen grauen Schal in der Faust, das Gesicht verschmiert mit Ruß und Blut.
„Alpha!", keuchte er. „Luna!"
Hinter ihm blutete die Morgendämmerung durch die Fenster. Ich hatte nicht bemerkt, wie lang die Nacht gewesen war.
„Die Eskorte, die wir bei Einbruch der Dunkelheit nach Ravenfall geschickt haben, um die Heilerin und Euren Bruder abzuholen", sagte Rhys. Seine Stimme brach. „Die Kutsche wurde am Pass überfallen. Wir fanden sie umgestürzt. Die Heilerin ist kaum noch am Leben."
Mein Blut gefror zu Eis.
„Und mein Bruder?", flüsterte ich.
Rhys hielt den Schal hoch. Er war durchnässt und roch nach Lavendel.
„Fort", sagte er. „Luna, Liam ist fort."
Ich ritt so hart, dass mein Pferd Schaum vor dem Maul hatte.Kael ritt neben mir, schweigend und grau im Gesicht, mit Rhys und zwölf Kriegern, die hinter uns herdonnerten. Jeder Hufschlag klang wie dasselbe Wort.*Liam. Liam. Liam.*Ich griff über unser Familienband nach ihm. Es war immer ein dünner Faden gewesen, doch an diesem Morgen war er so straff gespannt, dass es schmerzte, ihn zu halten. Er war nicht durchtrennt. Er lebte.Der Pass öffnete sich am späten Vormittag, ein enger Schlund aus schwarzem Fels, in dem sich die Straße zwischen zwei Klippen wand. Krähen pickten an etwas nahe der Biegung.„Bleib auf deinem Pferd, Elena", sagte Kael.Ich war schon abgestiegen.Die Kutsche lag quer über der Straße auf der Seite, ein Rad zersplittert und noch immer im Wind drehend. Blut hatte den Schnee in einem breiten, dunklen Fleck getränkt. Darüber verstreut, wie Blätter nach einem Sturm, lagen Marens Kräuter, Bündel von Schafgarbe und Weidenrinde und die kleinen Stoffsäckchen mit Mondwu
Der Älteste Corvin Ashgrove ließ mich mit dem Tod meines Vaters in den Händen allein im Korridor zurück.Er sah sich nicht um. Er verschränkte die Finger hinter dem Rücken wie ein Mann, der durch einen Garten spaziert, und summte eine leise, melodielose Weise, während er davonging. Der Klang schwebte noch lange durch den steinernen Gang, nachdem das Lampenlicht ihn verschluckt hatte.Ich stand wie erstarrt, der Befehl zitterte in meiner Handfläche. Die rote Tinte war noch nicht einmal ganz getrocknet. Sie glänzte feucht im Lampenlicht, jeder Buchstabe scharf wie ein Schnitt.*WENN DANIEL HART ÜBERLEBT, DARF ELENA IHREN ACHTZEHNTEN GEBURTSTAG NIEMALS ERREICHEN.*Ich las es noch einmal. Dann wieder, als könnten die Worte weicher werden, wenn ich sie nur lange genug anstarrte.Das taten sie nicht.Mein Vater war ein stiller Mann gewesen, der Zäune flickte und mir beibrachte, welche Pilze man meiden musste. Er hatte nie die Stimme erhoben. Er hatte nie ein einziges Mal den Thron des Alpha
Das Erste, was Alpha Kael Blackthorn bei meiner Rückkehr tat, war der Versuch, mich zu töten.Seine Klauen zerschnitten die Luft nur Zentimeter vor meinem Gesicht. Die Wachen schrien, aber keiner von ihnen wagte sich näher.Ich hätte rennen sollen. Jeder Instinkt schrie mich an zu rennen.Stattdessen trat ich näher.„Sieh mich an, Kael!"Seine goldenen Augen hefteten sich auf meine. „Geh weg von mir!"„Dann hör auf, mich zerreißen zu wollen!"Er sprang vor. Ich fing sein Handgelenk.Der ganze Raum verstummte. Seine Klauen zogen sich zurück. Das Knurren erstarb in seiner Kehle, und das Monster, das alle fürchteten, sah plötzlich aus wie ein Mann, der gerade seinen eigenen Tod gesehen hatte.Er starrte auf meine Hand um sein Handgelenk. Dann flüsterte er: „Wie machst du das?"Ich ließ ihn sofort los. „Schmeichle dir nicht. Ich bin wegen meines Bruders hier, nicht wegen dir."Er zuckte zusammen, als hätte ich ihn geschlagen. Dann richtete er sich auf, wischte sich das Blut von den Händen
„Wenn du willst, dass dein Bruder lebt, musst du aufhören, Zeit mit der Suche nach gewöhnlicher Medizin zu verschwenden."Die Worte der Heilerin trafen mich härter als jeder Schlag.Ich stand neben Liams Bett und starrte den Jungen an, der einst mit mir um die Wette durch den Wald gerannt war. Fünf Jahre waren seit der Nacht vergangen, in der sein Mal erschienen war, und jedes Jahr hatte ihm etwas gestohlen.Seine Kraft.Sein Lachen.Seinen Wolf.Jetzt war seine Haut blass wie Kerzenwachs, sein Atem dünn, und das schwarze Mal hatte sich über die halbe Schulter ausgebreitet. Er war achtzehn Jahre alt und wog weniger als mit dreizehn.Ich umklammerte die Bettkante. „Sag mir, was ich tun soll."Maren sah mir in die Augen. Ihr Haar war seit der Nacht, in der sie mich zur Hintertür hinausgeschoben hatte, völlig weiß geworden, und ihre Hände zitterten, wenn sie ihre Tinkturen einschenkte. Sie hatte mich zwei Jahre nach jener Nacht gefunden, in einer Bergstadt, in der ich Spurensuche gegen M
Liams Schrei war so furchtbar, dass sämtliche Fenster in unserem Häuschen auf einmal zersprangen.Ich warf mich neben ihn, während Glas über den Boden regnete. „Liam! Sieh mich an! Sag mir, wo es wehtut!"Er kratzte an seinem Nacken, sein Körper wand sich, als bewegte sich etwas unter seiner Haut. „Es brennt, Lena! Bitte mach, dass es aufhört!"Ich schnappte mir einen nassen Lappen aus der Schüssel und presste ihn auf das Mal. Der Stoff wurde in meinen Händen schwarz.Ich ließ ihn entsetzt fallen. „Was geschieht mit dir?"Seine Augen verdrehten sich nach hinten. Dann sprach er mit einer Stimme, die nicht ihm gehörte, tief und alt und geduldig.„Dein Vater hätte sein Versprechen halten sollen."Mein Blut gefror. „Was hast du gesagt?"Seine Augen sprangen auf. Er sah mich an, verwirrt und verängstigt, ein dreizehnjähriger Junge, der keine Ahnung hatte, was soeben aus seinem Mund gekommen war.„Elena", flüsterte er. „Warum weinst du?"Ich trug ihn zu seinem Bett und durchwühlte das Häusc
Ich wusste, dass jemand sterben würde, bevor der Mond seinen höchsten Punkt erreichte.Ich wusste nur nicht, dass es das Mädchen sein würde, das ich achtzehn Jahre lang zu beschützen versucht hatte.Ein scharfes Krachen hallte hinter dem Rudelhaus wider. Ich drehte mich gerade rechtzeitig um, um zu sehen, wie ein Wächter aus den Schatten stolperte und sich den blutenden Arm hielt. Bevor ich fragen konnte, was geschehen war, packte er mein Handgelenk.„Was auch immer heute Nacht geschieht, Elena, lass den Alpha nicht dein Blut berühren."Ich starrte ihn an. „Wovon sprichst du?"Sein Blick huschte zur herannahenden Menge. „Dein Vater hätte dich niemals ..."Ein zweiter Wächter tauchte auf und zerrte ihn fort, bevor er den Satz beenden konnte.Ich stand allein in der Kälte, meine Haut prickelte. Es war mein achtzehnter Geburtstag. Heute Nacht würde sich jeder Wolf im Blackthorn-Gebiet unter dem Vollmond versammeln, und ich würde endlich meinem Gefährten begegnen. Ich weigerte mich, mir d







