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Kapitel 3: Fünf Jahre voller Hass

مؤلف: Øwen
last update تاريخ النشر: 2026-10-28 19:48:18

„Wenn du willst, dass dein Bruder lebt, musst du aufhören, Zeit mit der Suche nach gewöhnlicher Medizin zu verschwenden."

Die Worte der Heilerin trafen mich härter als jeder Schlag.

Ich stand neben Liams Bett und starrte den Jungen an, der einst mit mir um die Wette durch den Wald gerannt war. Fünf Jahre waren seit der Nacht vergangen, in der sein Mal erschienen war, und jedes Jahr hatte ihm etwas gestohlen.

Seine Kraft.

Sein Lachen.

Seinen Wolf.

Jetzt war seine Haut blass wie Kerzenwachs, sein Atem dünn, und das schwarze Mal hatte sich über die halbe Schulter ausgebreitet. Er war achtzehn Jahre alt und wog weniger als mit dreizehn.

Ich umklammerte die Bettkante. „Sag mir, was ich tun soll."

Maren sah mir in die Augen. Ihr Haar war seit der Nacht, in der sie mich zur Hintertür hinausgeschoben hatte, völlig weiß geworden, und ihre Hände zitterten, wenn sie ihre Tinkturen einschenkte. Sie hatte mich zwei Jahre nach jener Nacht gefunden, in einer Bergstadt, in der ich Spurensuche gegen Medizin eintauschte, und seitdem war sie mit mir gereist.

„Bring ihn zu Alpha Kael Blackthorn."

Der Raum kippte unter meinen Füßen.

„Niemals."

„Dann bereite dich darauf vor, ihn zu begraben."

Ich verließ das Häuschen, bevor sie mein Gesicht sehen konnte.

Draußen presste ich den Rücken gegen die Steinwand und atmete, bis das Zittern aufhörte. Fünf Jahre. Ich hatte fünf Jahre voller kalter Nächte, leerer Geldbeutel und vor mir zugeschlagener Türen überlebt. Ich hatte gelernt, jemand zu sein, den Kael Blackthorn nicht wiedererkennen würde.

Ich war jetzt Fährtenleserin und Kurierin für umherziehende Heiler. Ich konnte einer Wildspur über nackten Fels folgen, ein Gift am Geruch benennen und an der Art, wie ein Mann seine Schultern hielt, erkennen, ob er mich gleich anlügen würde. Ich hatte gelernt, leicht zu schlafen und niemandem zu vertrauen, besonders nicht mächtigen Wölfen, die mit glatter Stimme Versprechen machten.

Das Mädchen, das auf jener Lichtung gestanden und um eine Erklärung gefleht hatte, lag so tief begraben, dass man es kaum noch hören konnte. Ich dachte seltener an Kael. Wenn ich es tat, empfand ich Wut statt Sehnsucht, woran ich erkannte, dass ich heilte.

Oder redete es mir zumindest ein.

Als ich wieder hineinging, waren Liams Augen offen. Er schenkte mir ein schwaches Lächeln.

„Du machst schon wieder dieses Gesicht."

„Welches Gesicht?"

„Das, das du machst, wenn du gleich etwas Dummes tun wirst."

Ich musste beinahe lachen. „Dann solltest du schnell gesund werden. Jemand muss mich aufhalten."

Sein Lächeln verblasste. „Lena, wenn ich sterbe, versprich mir, dass du dein Leben nicht damit verschwendest, mich retten zu wollen."

Ich umklammerte seine Hand. „Wag es nicht, mich um dieses Versprechen zu bitten."

„Warum?"

„Weil ich Dad schon verloren habe. Ich werde dich nicht auch noch verlieren."

In jener Nacht saß Maren mir am Küchentisch gegenüber, eine einzelne Kerze brannte zwischen uns, und sie erzählte mir endlich die Wahrheit, die sie jahrelang umkreist hatte.

„Das Mal ist alte Magie", sagte sie. „Es vergiftet Liams Wolf von innen, langsam, so wie eine Wurzel Stein spaltet. Gewöhnliche Medizin kann es nur verlangsamen. Aufhalten kann sie es nicht."

„Das weiß ich. Ich habe fünf Jahre damit verbracht, genau das zu lernen."

„Das Mal reagiert auf Macht, Elena. Auf die Macht eines Alphas." Sie berührte die Kerzenflamme mit einer Fingerspitze. „Ich habe es genau beobachtet. Jedes Mal, wenn Liam in die Nähe des Gebiets eines starken Alphas kam, verlangsamte sich die Ausbreitung. Es gibt nur einen Alpha in dieser Region, der stark genug sein könnte, es zurückzuhalten."

Mein Magen sackte ab. „Kael."

„Ja."

„Der Mann, der mich zurückgewiesen hat."

„Der Mann, dessen Macht instabil ist", sagte Maren leise. „Ich werde dich nicht belügen. Man sagt, sein Wolf zerfalle. Er könnte für deinen Bruder so gefährlich sein wie der Fluch selbst."

„Warum würdest du uns dann dorthin schicken?"

„Weil der Fluch und der Blackthorn-Thron irgendwie miteinander verbunden sind. Ich weiß nicht, wie. In der Nacht, in der das Mal erschien, wurdest du zurückgewiesen. Das ist kein Zufall."

Ich starrte in die Flamme. Etwas Kaltes setzte sich in meiner Brust fest, als die Teile sich zu bewegen begannen. Der Stein mit seiner Warnung. Die Reiter in den Bäumen. Die Stimme im Traum, die von einem Thron gesprochen hatte und von einem Alpha, dem die Zeit davonlief.

„Warum wurde Liam gezeichnet?", fragte ich. „Warum wir?"

„Ich weiß nicht, wer es aufgebracht hat." Marens Stimme war vorsichtig. „Aber ich vermute, dass es deine Blutlinie ist, auf die es ankommt."

Ich lachte, ein hohler Laut. „Du verlangst von mir, meinen sterbenden Bruder zu dem Mann zu bringen, der mein Leben zerstört hat."

„Ich verlange von dir, zwischen deinem Hass und seinem Herzschlag zu wählen."

Ich sah zum Schlafzimmer hinüber. Liam lag still, seine Finger bewegten sich kaum auf der Decke.

Maren senkte die Stimme. „Es gibt vielleicht noch einen anderen Grund, warum Kael ihm helfen kann. Aber ich kann ihn nicht erklären, ohne mehr über die Blutlinie deines Vaters zu wissen."

Ich fuhr herum. „Mein Vater war ein Krieger."

„Das hat man dir erzählt."

Ich schlief in jener Nacht nicht.

Ich nahm das alte Foto aus meinem Gepäck und hielt es unter die Lampe. Es zeigte meinen Vater, wie er neben einem lachenden, neunjährigen Liam kauerte, eine Hand auf dessen Schulter, sein Gesicht zugleich grimmig und zärtlich. Ich erinnerte mich daran, was Daniel in dem Winter vor seinem Tod gesagt hatte, als ich ihn fragte, warum er jede Nacht zweimal die Schlösser prüfte.

*Ich werde euch beide immer beschützen. Egal, was es kostet.*

Was auch immer er verborgen hatte, die Antworten mussten in Blackthorn liegen. Der Tod meines Vaters. Liams Mal. Der Schlüssel, der noch immer um meinen Hals hing und auf ein Schloss wartete, das ich nie gefunden hatte.

Ich entschied mich nicht zur Rückkehr, weil ich Kael verziehen hatte. Ich entschied mich, weil mir die Zeit ausgegangen war.

Bei Tagesanbruch hatte ich einen Vertrag aufgesetzt. Ein Jahr Ehe. Öffentliche Anerkennung als Luna. Voller Zugang zu seinen Heilern. Sein Schutz für Liam, geschworen vor dem Rudel. Im Gegenzug würde ich das Einzige einsetzen, was ich an mir selbst nie verstanden hatte, die seltsame Gabe, die ich im Lauf der Jahre entdeckt hatte, verängstigte Wölfe allein mit meiner Stimme und meinen Händen zu beruhigen.

Bei Abtrünnigen und verletzten Streunern hatte es funktioniert. Wenn die Gerüchte stimmten, könnte es bei einem Alpha funktionieren.

Liam sah mir von seinem Kissen aus beim Schreiben zu. „Du planst etwas."

„Ich plane, dich zu retten."

„Vor wem?"

„Vor dem Alpha."

Er musterte mich aufmerksam. „Hast du Angst vor ihm?"

Ich starrte auf den Vertrag in meiner Hand. „Nein."

Es war eine Lüge. Ich hatte Angst davor, was es mit den Teilen von mir machen würde, die ich fünf Jahre lang zu begraben versucht hatte, Kael wiederzusehen.

Aber ich hatte mehr Angst davor, den Leichnam meines Bruders nach Hause zu tragen.

Ich ließ Liam in Marens Obhut und reiste vier Tage lang Richtung Blackthorn-Gebiet, den Vertrag im Mantel und Liams Foto an meinem Herzen. Vor der Abreise hatte ich ein neues Bild gemacht, eine Nahaufnahme, die das dunkle Mal über seiner Schulter zeigte.

Der Wald veränderte sich, als ich mich der Grenze näherte. Die Vögel verstummten. Der Wind erstarb. Jedes Haar auf meinen Armen stellte sich auf, als hielte das Land selbst den Atem an.

Am letzten Abend fand ich einen verwundeten Boten an einen Baum gesackt, einen Verband an den Rippen, durchtränkt. Er hob eine zitternde Hand, als er mich sah.

„Kehr um", krächzte er. „Wer immer du bist, kehr um. Der Alpha ist nicht er selbst."

„Was ist dir geschehen?"

„Ich habe ihm eine Nachricht überbracht. Man hat mir mit Klauen gedankt." Er hustete. „Letzte Woche hat er drei seiner eigenen Wachen angegriffen. Seine Augen waren golden. Er hat sie nicht einmal erkannt."

Ich ging neben ihm in die Hocke, verband seine Wunde mit dem saubersten Tuch, das ich hatte, und ließ ihm meine Wasserflasche da. Dann stand ich auf.

Ein Teil von mir wollte ihm gehorchen. Ich konnte beinahe Liams schwache Stimme in meinem Kopf hören, die mir sagte, ich solle nach Hause gehen.

Aber ich erinnerte mich an den dünnen Faden seines Herzschlags und ging weiter.

Ich erreichte das Rudelhaus in der Dämmerung. Die großen Türen standen offen. Irgendwo im Inneren splitterte Holz mit einem gewaltsamen Krachen, und Wölfe begannen zu schreien.

Ich rannte auf den Lärm zu.

Die Halle war eine Ruine. Stühle lagen in Stücken. Ein langer Tisch war sauber in zwei Hälften gebrochen worden. Drei Wachen lagen bewusstlos über den Boden verstreut, und die anderen Wölfe hatten sich an die Wände gedrückt, bleich und stumm.

Mitten in den Trümmern stand Alpha Kael Blackthorn.

Sein Hemd hing in Fetzen. Seine Hände waren blutig, seine Klauen ausgefahren, und seine Augen brannten in einem geschmolzenen Gold, das nicht menschlich aussah. Sein Wolf kratzte an seiner Oberfläche, und er verlor.

„Raus", knurrte er, ohne den Kopf zu wenden. „Alle, raus hier."

Die Wölfe flohen. Die Türen knallten hinter ihnen zu.

Ich bewegte mich nicht.

Mein Herz hämmerte, doch unter der Angst regte sich etwas anderes, ein schwerer, schmerzender Sog, den ich seit fünf Jahren nicht mehr gespürt hatte. Das Band. Selbst zerrissen und vernarbt erkannte es ihn. Es griff nach ihm.

Ich machte einen bewussten Schritt nach vorn.

Kaels Kopf drehte sich, und seine Klauen begannen zu zittern. Langsam, wie gegen seinen Willen, zogen sie sich zurück.

Die Stille dehnte sich. Er starrte mich an, als wäre ich ein Geist.

„Elena?" Seine Stimme war rau, beinahe ungläubig.

Ich zwang mich, seinem Blick standzuhalten. „Hallo, Alpha."

Sein Blick fiel auf das Foto in meiner Hand. In dem Moment, in dem er Liams Gesicht sah, wich jede Farbe aus seiner Miene.

Er taumelte rückwärts. „Nein", flüsterte er. „Er kann es nicht sein."

Ich hob das Foto. „Wer ist mein Bruder, Kael?"

Er sah mich mit nackter Todesangst an.

Dann brach sein Wolf hervor, seine Augen loderten golden, und er schrie ein einziges Wort.

„LAUF!"

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