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Kapitel 211 — Der stille Pakt

Autor: Déesse
last update Data de publicação: 2026-10-24 01:36:20

Tatiana

Die Tage, die auf das Abendessen mit den zwölf Raubtieren folgen, ziehen sich in einem seltsamen Nebel dahin. Ich spiele, wenn man es mir befiehlt, ich esse, wenn man mir ein Tablett bringt, ich schlafe, wenn die Müdigkeit zu stark wird. Aber ich bin nicht mehr wirklich da. Mein Körper gehorcht, mein Mund lächelt, meine Finger gleiten über die Saiten der Violine. Aber mein Geist schwebt anderswo, abgelöst, ferner Zuschauer meiner eigenen Existenz. Tatiana Volkonskaïa ist eine Figur ge
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    „Glaubst du wirklich, ich wüsste nicht, was vor sich geht? Glaubst du, mir entgeht nichts? Ich sehe, wie sich deine Pupillen erweitern, wenn du jemandem im Korridor begegnest, wie deine Hände zittern, wenn du dein Instrument spielst, und wie dein Blick sich immer wieder in einer Ferne verliert, in der ich nicht vorkomme. In den letzten Tagen hat sich etwas an dir verändert, Tatjana, etwas, das mir nicht gefällt und das ich mit allen Mitteln ersticken werde, bevor es überhaupt die Gelegenheit bekommt, Wurzeln zu schlagen.“ Inzwischen steht er so dicht vor mir, dass ich seine Körperwärme spüren kann, und als er die Hand hebt, mein Kinn zwischen seinen Fingern fasst und mich zwingt, ihm in die Augen zu sehen, bleibt mir nichts anderes übrig, als seinem Blick standzuhalten. „Ich weiß noch nicht, was hier vor sich geht, Tatjana, aber ich werde es herausfinden, und wenn ich erst einmal weiß, wer es gewagt hat, das anzurühren, was mir gehört, w

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    Tatjana Am Tag nach dem gestohlenen Kuss hat sich die Atmosphäre im Palast verändert, und zwar auf eine subtile, kaum wahrnehmbare Weise, wie eine winzige Verschiebung des Luftdrucks, die einem Gewitter vorausgeht und die selbst dann noch zu spüren ist, wenn der Himmel über einem vollkommen klar erscheint. Die Bediensteten wirken nervöser und schweigsamer als gewöhnlich, Anja vermeidet inzwischen jeden Blickkontakt mit mir, und die Wachen bewegen sich paarweise durch die Korridore, sprechen mit gedämpften Stimmen miteinander und bleiben nirgendwo länger stehen, als es unbedingt notwendig ist. Nikolai kommt den ganzen Tag über nicht zu mir. Kein Befehl, kein Besuch, keine einzige Berührung. Sein Schweigen beunruhigt mich mehr als alles andere, denn ich habe inzwischen begriffen, dass seine Stille niemals bedeutungslos ist und dass sich hinter seiner undurchdringlichen Fassade oft etwas verbirgt, das weitaus g

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    Er wendet sich mir zu. Im grellen Licht der Glühbirne ist sein Gesicht von Schatten zerfurcht, seine Augen sind zwei dunkle Glut. Er hebt die Hand, wie er es im Garten getan hat, wie er es im Korridor der Bibliothek getan hat. Seine Finger streicheln meine Wange, gleiten meinen Hals hinab, halten in meinem Nacken inne. Die Geste ist langsam, fast zögernd, als gäbe er mir Zeit, abzulehnen.Ich lehne nicht ab.Seine Hand vergräbt sich in meinem Haar, löst es, befreit es. Die andere Hand legt sich auf meine Taille, zieht mich an sich. Ich spüre die Wärme seines Körpers durch unsere Kleidung, die Kraft seiner Muskeln, die geballte Stärke. Er drückt mich nicht gegen die Mauer wie beim letzten Mal. Er hält mich mit unendlicher Sanftheit, als wäre ich aus Kristall, als hätte er Angst, mich zu zerbrechen.— Seit zwei Jahren, flüstert er, das Gesicht zu mir geneigt. Seit zwei Jahren träume ich von diesem Augenblick. Seit jenem Abend in Sankt Petersburg, seit ich Sie auf der Bühne sah, seit Sie

  • Daddy und ich   Kapitel 213 — Der gestohlene Kuss

    Aber er entfernt sich bereits im Korridor, eine massige Silhouette, die in der Dämmerung verschwindet. Seine Schritte hallen auf dem Marmor wider, immer ferner, immer schwächer. Und ich bleibe allein zurück, an die kalte Mauer gelehnt, zitternde Beine, ein Herz in Scherben, die Lippen noch warm von diesem Kuss, der nicht stattgefunden hat.An diesem Abend kehrt Nikolai zurück. Er kommt wie immer ohne Vorwarnung in mein Zimmer. Ich sitze auf dem Bett, den Puschkin-Band auf den Knien. Er bleibt auf der Schwelle stehen, sieht mich lange an. Seine grauen Augen sind scharf, forschend.— Du hast gestern Abend gespielt. Ein Stück, das ich nicht kannte.Mein Blut gefriert. Mikrofone. Es gibt Mikrofone in meinem Zimmer. Er zeichnet alles auf. Jede Note, jede Stille, jedes Flüstern. Ich hätte es ahnen müssen, seit all der Zeit.— Es war eine Improvisation, sage ich ohne mich zu verziehen.— Wirklich? Es klang wie eine sehr ausgearbeitete Komposition. Fast professionell.— Ich bin professionell.

  • Daddy und ich   Kapitel 212 — Der stille Pakt 2

    Seine Stimme bricht leicht bei den letzten Worten. Seine Augen lassen mein Gesicht nicht los. In seinem Blick liegt eine Intensität, die mich frösteln lässt.— Danke.Das Wort ist schwach, unzureichend. Aber ich weiß nicht, was ich sonst sagen soll. Léonid neigt den Kopf, dann geht er zur Tür. Er hält inne, bevor er hinausgeht, die Hand auf der Klinke.— Spielen Sie heute Abend die Elegie. Wenn Sie allein in Ihrem Zimmer sind. Spielen Sie sie für sich. Nicht für ihn. Für sich.Er geht hinaus. Die Tür schließt sich lautlos. Ich bleibe allein mit den Partituren, zitternden Fingern, klopfendem Herzen. Ich sollte einfach dankbar sein. Aber was ich fühle, ist komplizierter. Es ist Dankbarkeit, ja, vermischt mit etwas anderem. Eine Wärme in der Brust, eine Spannung im Bauch, eine vage und schmerzhafte Erwartung.Ich verbringe den Rest des Tages damit, die Partituren zu studieren. Die ukrainische Elegie ist wunderschön, herzzerreißend, ein Abschied von einem verlorenen Land, von vergessenen

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    Tatiana Die Tage, die auf das Abendessen mit den zwölf Raubtieren folgen, ziehen sich in einem seltsamen Nebel dahin. Ich spiele, wenn man es mir befiehlt, ich esse, wenn man mir ein Tablett bringt, ich schlafe, wenn die Müdigkeit zu stark wird. Aber ich bin nicht mehr wirklich da. Mein Körper gehorcht, mein Mund lächelt, meine Finger gleiten über die Saiten der Violine. Aber mein Geist schwebt anderswo, abgelöst, ferner Zuschauer meiner eigenen Existenz. Tatiana Volkonskaïa ist eine Figur geworden, die ich aus der Ferne beobachte, eine Schauspielerin, die eine von Nikolai Volkov geschriebene Rolle spielt. Das Einzige, was mich noch in der Realität verankert, ist Léonid. Sein Blick, wenn sich unsere Augen in einem Korridor treffen. Seine stille Gegenwart, wenn er mich von einem Raum zum anderen begleitet. Die Wärme seiner Hand auf meiner Wange, an jenem Abend, vor der Tür meines Zimmers, nach dem Abendessen. Eines Tages werde ich Sie hier herausholen. Das Versprechen dreht sich in

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