Se connecterIn der Mafiafamilie Rossi galt eine Regel, die seit Generationen überliefert wurde. Vor der Hochzeit bekam der Erbe einmal im Jahr die Chance, ein Los zu ziehen. Zog er ein Glückslos, durfte er seine Ehefrau selbst wählen und einer arrangierten Ehe entgehen. Dante Rossi zog fünf Jahre in Folge ein Unglückslos. Und ich, die seit sieben Jahren mit ihm zusammen war, konnte ihn bis heute nicht heiraten. Dieses Jahr war das sechste. Zufällig hörte ich sein Gespräch mit Marco Valentino, dem Underboss, mit. „Herr Rossi, Sie haben schon wieder ein Glückslos gezogen.“ In Dantes Stimme lag eine Kälte, wie ich sie noch nie zuvor gehört hatte. „Wie immer. Tausche es gegen ein Unglückslos aus.“ Marco zögerte. Dann versuchte er, ihn umzustimmen. „Herr Rossi, Sie lassen es jetzt schon seit fünf Jahren austauschen. Haben Sie denn keine Angst, dass Celia Sie verlässt? Celia ist die schönste Frau in ganz Nopales. Die halbe Stadt jagt ihr hinterher.“ Dante klang vollkommen sicher. „Das wird sie nicht. Celia liebt mich viel zu sehr. Sie wird keinen anderen Mann heiraten. Livias Vater ist damals gestorben, um mich zu retten. Sein letzter Wunsch war, dass ich fünf Jahre lang an ihrer Seite bleibe. Wenn dieses Jahr vorbei ist, mache ich Celia zur Wiedergutmachung eine große Hochzeit.“ Als ich diese Worte hörte, starb auch mein letzter Funken Hoffnung. Dante wusste wahrscheinlich nicht, dass es in der Familie Rossi noch eine letzte alte Regel gab. Wenn der Erbe sechsmal kein Glückslos zog, verlor er das Recht, seine Ehe selbst zu bestimmen. Und außerdem würde ich schon bald jemand anderen heiraten.
Voir plusLorenzo zog fast sofort die Brauen zusammen, und seine Augen wurden kühl. Instinktiv nahm er unseren Sohn Matteo fester in den Arm und legte den anderen Arm um meine Schultern.„Willst du ihn sehen?“, fragte er mich leise und überließ die Entscheidung ganz mir.Ich schüttelte erst den Kopf und nickte dann doch.„Manche Dinge sollten wohl klar ausgesprochen werden.“ Meine Stimme blieb ruhig. Dann sagte ich zu dem Soldato: „Lassen Sie ihn vor dem Gartentor warten.“Durch das kunstvoll geschmiedete Eisentor sah ich Dante wieder.Er hatte stark abgenommen. In seinen Gesichtszügen lagen noch immer Erschöpfung und eine beinahe wahnsinnige Sturheit. All das passte überhaupt nicht zu der friedlichen, glücklichen Atmosphäre in unserem Garten.„Cece...“Seine Stimme klang heiser und rau.Sein Blick glitt gierig über mein Gesicht, dann blieb er an Lorenzo neben mir hängen und an Matteo in seinen Armen. Seine Augen weiteten sich.„Herr Rossi.“ Selbst für mich klang meine Stimme erstaunlich ruhig u
Ein Jahr war vergangen.Die Wirklichkeit entwickelte sich nicht so, wie Livia es sich gewünscht hatte.Warmes Sonnenlicht lag über dem Innenhof. Ich saß auf einem Korbstuhl im Garten und sah still zu Lorenzo hinüber. Ein Stück weiter beugte er sich gerade zu unserem Sohn hinunter, der noch nicht einmal ein Jahr alt war, und brachte ihn mit jeder kleinen Bewegung zum hellen Lachen. Der Kleine umklammerte seine Fingerspitzen und wollte sie gar nicht mehr loslassen.So eine friedliche, glückliche Szene hätte ich mir vor einem Jahr nicht einmal vorstellen können.In Wahrheit hatte meine Verbindung zu Lorenzo schon viel früher begonnen.Vor Jahren hatte in der High Society von Nopales eine Wohltätigkeitsgala stattgefunden. Lorenzo war damals als junger, aber bereits gefürchteter Vertreter der Familie Orsini erschienen.Im wechselnden Licht auf der Tanzfläche trafen sich unsere Blicke für einen kurzen Moment.Er sah mich mit stiller Intensität an. In seinen Augen lag etwas, das ich damals ni
Zurück in Scampia bekam Livia es endlich mit echter Angst zu tun.Ohne Dantes Schutz blieb ihr nichts mehr.Früher hatte sie sich darauf verlassen, dass ihr Vater Dantes Retter gewesen war, und sich damit frei auf dem Anwesen der Rossi bewegt. Sie war stets elegant gekleidet gewesen, und überall hatte man ihr Respekt gezeigt. Sie hatte sich in diesem hohlen Glanz gesonnt, hochmütig gesprochen und sich ebenso benommen. In Scampia hatte sie damit schon lange fast jeden gegen sich aufgebracht.Jetzt war sie in Ungnade gefallen und praktisch über Nacht tief gestürzt.Als sie nach Scampia zurückschlich, erwartete sie dort kein Mitleid, sondern nur Spott, Ausgrenzung und kalte Blicke.Diejenigen, die sie früher beneidet hatten, traten jetzt noch nach. Die Menschen, die sie einst gekränkt hatte, blickten offen auf sie herab. Sogar die Nachbarn machten einen Bogen um sie, und aus jedem Wort troff Verachtung.„Warst du nicht früher so geschniegelt und geschniegelt? Warum bist du jetzt wieder hi
In dem Moment, in dem der Befehl ausgesprochen wurde, brach Dante innerlich völlig zusammen.Er saß in diesem vergoldeten Käfig fest, und sein Kopf war nur noch von Besessenheit erfüllt. In jeder einzelnen Minute wollte er die Soldati durchbrechen, zu mir rennen und mich zur Rede stellen.War es wirklich nur deshalb passiert, weil er im Zorn gesagt hatte, ich könne die Rolle seiner Ehefrau nicht ausfüllen? Das waren doch nur unbedachte Worte im Affekt gewesen. Sollte ich unsere sieben gemeinsamen Jahre wegen dieses verfluchten Familiengesetzes wirklich so leicht wegwerfen?In seinem wahnhaften Denken war mein Weggang immer noch nur ein „Missverständnis“ oder ein „Trotzanfall“, den man erklären und wieder in Ordnung bringen konnte.Bis eines Tages Livia an den Soldati vorbeischlüpfte und vor seiner Tür auftauchte.Sie trug ein schlichtes, elegantes Kleid und ein feines Make-up. Verzweifelt versuchte sie, die sanfte Ausstrahlung nachzuahmen, die früher einmal mir gehört hatte.„Dante...“





