Share

5

Author: J. C. Veyra
last update publish date: 2026-11-04 10:42:46

KAPITEL 5: Die Zahlen der Nacht

Das grelle Blaulicht meines Laptops war die einzige Lichtquelle in meiner winzigen, fensterlosen Wohnung, während draußen der kalte Nieselregen der Metropole unablässig gegen die Fensterscheibe peitschte. Es war kurz nach Mitternacht. Auf dem Holztisch lag der zerknüllte Zettel vom Anlieferungsbereich ausgebreitet, beschwert von einer kalten Tasse Kaffee. Die klobige Handschrift schien mich aus dem Halbdunkel zu verhöhnen.

„Man kann die Vergangenheit nicht wegrechnen, Elena. Die Bücher werden bald ausgeglichen.“

Ich starrte auf die Zeilen, bis die Tinte vor meinen müden Augen zu verschwimmen schien. Wer auch immer diesen Zettel hinterlegt hatte, besass einen unheimlichen Einblick in mein Leben. Im alten Rudel hatte man mich stets auf meine Zahlenblindheit oder angebliche Wertlosigkeit reduziert – niemand dort hatte mich jemals mit Bilanzen oder dem Ausgleichen von Büchern in Verbindung gebracht. Diese Metapher stammte aus meiner neuen Welt. Aus der Welt der Analysten, der Konzernstrategien und der kalten Logik. Das bedeutete, dass der Absender entweder meine aktuelle Tarnung durchschaut hatte oder dass jemand aus Sterling Global selbst seine Hand im Spiel hatte.

Ein kalter Schauer lief mir den Rücken herunter, doch ich schüttelte das Gefühl augenblicklich ab. Panik war ein Luxus, den ich mir nicht leisten konnte. Angst war der Tod des rationalen Denkens.

Ich griff nach meinem Smartphone, öffnete die verschlüsselte Datenbank, die ich mir über Monate hinweg aufgebaut hatte, und begann die IP-Adressen und internen Sicherheitslogs des Frachtaufzugs vom späten Nachmittag zu durchleuchten. Wenn dieser angebliche Kurier durch die Schranken der Tiefgarage gefahren war, musste sein Fahrzeug im System registriert worden sein – selbst wenn der Fahrer ein Profi war, ließen elektronische Schranken immer eine digitale Spur zurück.

Stunde um Stunde verging. Meine Augen brannten, und der Kaffee schmeckte längst nach Pappe. Zeile für Zeile wühlte ich mich durch die rohen Daten des Servers von Sterling Global, umging die Firewall-Protokolle mit ein paar geschickten Skripten, die ich mir im Schatten des Darknets angeeignet hatte, und suchte nach der einzigen Anomalie in den Ein- und Ausfahrten zwischen 16:00 und 18:00 Uhr.

Um kurz vor drei Uhr morgens fand ich sie.

Ein schwarzer Transporter, Modelljahr vor fünf Jahren, keine amtlichen Kennzeichen, registriert auf eine Scheinfirma im Industriebezirk am Rande der Stadt. Das Fahrzeug war exakt um 17:14 Uhr durch das hintere Rolltor der Tiefgarage geschlüpft – in dem Moment, als ein regulärer Lastwagen mit Bürobedarf den Bereich passierte. Der Fahrer hatte das System ausgetrickst, indem er sich im toten Winkel des RFID-Scanners befunden hatte.

Ich lehnte mich in meinem durchgelegenen Stuhl zurück und rieb mir die brennenden Augen. Die Scheinfirma war eine klassische Briefkastenfirma. Doch die Signatur, mit der die Systembereinigung im Server protokolliert worden war, trug einen eindeutigen Fingerabdruck. Es war kein gewöhnlicher Hackerangriff. Es war ein interner Systemcode, wie er ausschliesslich von der Sicherheitsabteilung der oberen Führungsebene verwendet wurde.

Jemand aus dem innersten Kreis von Sterling Global hatte diesem Transporter die Tür geöffnet.

Victor Jr.? Oder vielleicht der alte Alpha selbst?

Ein bitteres Lächeln huschte über meine Lippen. Wenn sie glaubten, mich auf diese Weise einschüchtern oder zu einem Fehler zwingen zu können, unterschätzten sie meine Entschlossenheit gewaltig. Ich war nicht mehr das stumme Mädchen am Waldrand, das man nach Belieben herumschubsen konnte. Ich war diejenige, die ihre Bilanzen kontrollierte. Und morgen um Punkt neun Uhr würde ich diesem Vorstand – und Victor Sterling Jr. – einen so verdammt perfekten Restrukturierungsplan vorlegen, dass ihnen keine Zeit blieb, über mysteriöse Kurierfahrer nachzudenken.

Um 07:45 Uhr stand ich am Waschbecken meiner winzigen Badezelle, spülte das kalte Wasser ins Gesicht und betrachtete mein Spiegelbild. Keine Spur von Müdigkeit durfte in meinem Gesicht zu sehen sein. Ich zog einen strengen, maßgeschneiderten Hosenanzug in Anthrazit an, band mein langes Haar zu einem makellosen, straffen Zopf zusammen und legte ein Make-up auf, das jede dunkle Schattenpartie unter meinen Augen perfekt kaschierte. Ich sah aus wie eine unnahbare, eiskalte Direktorin. Genau das Image, das ich brauchte.

Pünktlich um 08:30 Uhr glitt der gläserne Aufzug in die achtzigsten Etage des Sterling-Global-Gebäudes.

Das Großraumbüro war bereits erwacht. Die menschlichen Angestellten eilten mit Kaffeetassen in den Händen von einem Meeting zum nächsten, während die im Hintergrund agierenden Wölfe – erkennbar an ihrer straffen Haltung und den wachen, taxierenden Blicken – unauffällig die Fäden in der Hand hielten.

Ich ging mit festem Schritt den Flur entlang. Mein Büro lag ruhig und unberührt da, die Aktenmappe für die Vorstandssitzung lag exakt so auf dem Tisch, wie ich sie am Vorabend verlassen hatte.

Kaum hatte ich meine Tasche abgelegt, flog die Tür gegenüber mit einem heftigen Knacken auf.

Victor Sterling Jr. trat heraus. Er trug einen makellosen, dunkelgrauen Maßanzug, das weiße Hemd saß wie eine zweite Haut, und die Krawatte war perfekt gebunden. Doch der Blick in seinen stahlblauen Augen war unruhig, fast lauernd. Er schloss mit langen Schritten die Distanz zwischen unseren Büros und blieb direkt an der offenen Tür meines Raumes stehen. Er lehnte sich mit einer Hand gegen den Türrahmen und musterte mich von Kopf bis Fuß.

„Sie sehen aus, als hätten Sie keine Sekunde geschlafen, Ms. Vance“, sagte er mit tiefer, rauer Stimme, die durch den Raum schnitt. Doch in seinem Tonfall lag kein Spott, sondern eine seltsame, unheilvolle Neugier. „Oder arbeiten Sie etwa die halbe Nacht durch, um meine Logistik-Zahlen wasserdicht zu machen?“

Ich blickte ruhig von meinen Unterlagen auf, verschränkte die Hände auf dem Tisch und hielt seinem intensiven Blick stand. Mein Puls blieb gleichmäßig. Ich hatte mich auf diesen Moment vorbereitet.

„Man schläft gut, wenn man weiß, dass die eigenen Berechnungen fehlerfrei sind, Mr. Sterling“, erwiderte ich kühl und ebenmäßig. „Aber ich hoffe doch sehr, dass Sie Ihre Nacht nicht mit Spekulationen verbracht haben. Schließlich erwarten uns heute um neun Uhr die Vorstandsmitglieder, und die wollen harte Fakten sehen, keine müden Gesichter.“

Er zog eine Augenbraue nach oben, und ein schmales, gefährliches Lächeln huschte über seine Lippen. Er trat einen Schritt in mein Büro, die Luft in dem kleinen Raum füllte sich augenblicklich mit seinem schweren, dominanten Duft nach Zedernholz und kühlem Kiefernharz.

„Sie haben Nerven aus Stahl, Elena“, sagte er leise, während er sich gefährlich nah an meinen Tisch beugte. Seine stahlblauen Augen bohrten sich in meine, als versuche er, meine Gedanken zu lesen. „Man könnte fast meinen, Sie wüssten gar nicht, was gestern Abend nach Büroschluss hier im Haus passiert ist.“

Mein Herz machte einen winzigen Satz nach oben, doch mein Gesicht blieb eine unerschütterliche Maske aus Eis. Ich ließ mir absolut nichts anmerken.

„Etwas Besonderes passiert?“, fragte ich mit tonloser, perfekter Gleichgültigkeit und lehnte mich entspannt in meinem Sessel zurück. „Abgesehen davon, dass Ihre Logistikabteilung zwanzig Millionen verbrannt hat, ist mir zu dieser Stunde kein nennenswertes Ereignis bekannt. Sollte etwa ein weiterer Lieferant aufgetaucht sein, der nicht rechnen kann?“

Seine Augen verengten sich zu schmalen Schlitzen. Er musterte mich, als suchte er nach der kleinsten Veränderung in meiner Mimik, nach dem winzigen Zittern einer Wimper, nach dem Hauch von Angst. Doch ich gab ihm nichts. Ich war eine Meisterin darin, meine Mauern hochzuziehen, lange bevor ich nach Sterling Global kam.

Für einen Moment hing die schwere, elektrische Spannung zwischen uns im Raum wie eine physische Wand. Man hätte eine Stecknadel fallen hören können.

Dann, ganz langsam, entspannten sich seine Gesichtszüge. Ein tiefes, dunkles Blitzen von purer Faszination trat in seinen Blick. Er richtete sich auf, strich sein Sakko glatt und wandte den Blick kurz ab, ehe er mich wieder ansah.

„Vergessen Sie es, Ms. Vance“, knurrte er leise, und in seiner Stimme lag plötzlich ein Hauch von verdecktem Respekt. „Es war nur eine Kleinigkeit. Aber ich sehe schon... Sie lassen sich durch absolut nichts aus der Ruhe bringen.“

„Ich lasse mich weder durch Inkompetenz noch durch unangekündigte Zwischenfälle von meiner Arbeit abbringen“, gab ich kühl zurück, griff nach meiner schwarzen Ledermappe und stand auf. „Der Vorstand wartet, Mr. Sterling. Wollen wir?“

Er sah mich noch eine Sekunde lang an, ein langsames, anerkennendes Lächeln auf den Lippen, ehe er den Weg freigab. „Nach Ihnen, Direktorin Vance.“

Der große Konferenzsaal des Vorstands im obersten Stockwerk glich einer Festung. Die raumhohen Fenster gaben den Blick auf das strahlende, wenn auch wolkenverhangene Panorama der Stadt frei. Rund um den massiven, ovalen Tisch aus schwarzem Ebenholz hatten sich die führenden Köpfe von Sterling Global versammelt – gestandene Manager, erfahrene Investoren und im Hintergrund zwei hochrangige Rudel-Mitglieder, die als Sicherheitsberater fungierten und deren Anwesenheit für die menschlichen Angestellten rein symbolisch als „Unternehmenssicherheit“ deklariert war.

Als Victor Sterling Jr. und ich den Raum betraten, verstummten die leisen Unterhaltungen augenblicklich. Alle Blicke richteten sich auf uns.

Ich ließ mich von der drückenden, einschüchternden Atmosphäre der Alphas und Manager nicht einschüchtern. Mit geradem Rücken, absolut gefasst und mit einem kühlen, professionellen Lächeln auf den Lippen ging ich zum Kopf des Tisches, wo mein Platz vorbereitet war. Meine Aktenmappe lag bereit.

„Meine Herren“, begann ich, und meine klare, feste Stimme trug durch den riesigen Raum, ohne auch nur ein einziges Mal zu zittern. „Gestern wurde mir die Aufgabe übertragen, die Effizienzprobleme im Logistik- und Finanzsektor unseres Unternehmens zu analysieren. Was ich gefunden habe, ist erschreckend – aber lösbar.“

Ich öffnete die Mappe, projizierte die präzisen Grafiken an die digitale Leinwand hinter mir und begann zu sprechen.

Es war eine Meisterleistung der Rhetorik und der reinen Logik. Ich zerlegte die ineffizienten Lieferketten in ihre Einzelteile, widerlegte die Ausreden der alten Abteilungsleiter mit harten mathematischen Fakten und präsentierte einen lückenlosen, aggressiven Restrukturierungsplan, der das Unternehmen innerhalb von sechs Monaten nicht nur sanierte, sondern auf Rekordgewinn kursieren ließ.

Im Raum herrschte absolute Totenstille. Selbst die härtesten Kritiker unter den Vorstandsmitgliedern, die anfangs noch skeptisch die Arme verschränkt hatten, sanken nach und nach in ihre Ledersessel zurück, sprachlos angesichts der unumstößlichen Brillanz meiner Argumente.

Victor Sterling Jr. saß schräg mir gegenüber, die Ellenbogen auf den Tisch gestützt, das Kinn auf die gefalteten Hände gelegt. Er sprach kein einziges Wort während der gesamten Präsentation, aber sein Blick war die ganze Zeit auf mich geheftet – intensiv, brennend, voller ungesagter Bewunderung.

Als ich nach exakt dreißig Minuten mit den Worten schloss: „...und damit garantiere ich Ihnen eine Einsparung von mindestens fünfundzwanzig Millionen Dollar im laufenden Quartal“, trat eine schwere, fast ehrfürchtige Stille in den Raum.

Für eine Sekunde rührte sich niemand.

Dann, langsam, hob der älteste Vorstandsmitglied die Hand und begann zu klatschen. Ein einzelnes Klatschen, das sofort in einen breiten, anerkennenden Applaus des gesamten Gremiums überging. Selbst die beiden Rudel-Sicherheitsberater im Hintergrund nickten anerkennend.

Victor Sterling Jr. stand langsam auf, trat neben mich an den Tisch und sah in die Runde der Vorstandsmitglieder. Seine Präsenz füllte den Raum augenblicklich aus.

„Sie haben es gehört“, sagte er mit tiefer, dominanter Stimme, die keinen Widerspruch duldete. „Ms. Vance hat in weniger als 48 Stunden mehr geleistet als die gesamte Abteilung im vergangenen Jahr. Ab sofort besitzt sie uneingeschränkte Vollmacht zur Umsetzung dieses Plans. Keine Einwände.“

Niemand wagte es, auch nur einen Ton zu sagen.

Nachdem die Sitzung beendet war und der Vorstand den Raum langsam verließ, blieb ich allein am großen Tisch stehen, um meine Unterlagen einzupacken. Ich atmete tief aus. Ich hatte es geschafft. Der erste große Sieg in dieser Höhle des Löwen gehörte mir.

Die schwere Flügeltür schloss sich leise hinter den letzten Vorstandsmitgliedern. Nur eine Person war im Raum geblieben.

Victor Sterling Jr. hatte sich nicht von seinem Platz bewegt. Er lehnte sich an die Tischkante, verschränkte die Arme vor der breiten Brust und musterte mich mit einem Blick, der nun jede geschäftliche Distanz verloren hatte.

„Sie sind eine echte Naturgewalt, Elena Vance“, sagte er leise, und seine Stimme klang fast sanft, während er langsam auf mich zukam. „Ich frage mich ernsthaft, vor was für einer Welt Sie eigentlich in diese Stadt geflohen sind, wenn Sie mit so viel Feuer gegen jede Ungerechtigkeit ankämpfen.“

Mein Herz machte einen unkontrollierten Aussetzer. Ich hielt inne, die Mappe fest in meinen Händen, und sah ihm direkt in die stahlblauen Augen.

„Man muss vor nichts fliehen, Mr. Sterling“, erwiderte ich kühl, während meine Stimme keinen Millimeter nachgab. „Solange man stark genug ist, sich seine eigene Welt zu bauen.“

Er blieb nur einen halben Schritt vor mir stehen. Sein Duft nach Zedernholz umhüllte mich, warm, mächtig und absolut einnehmend, doch ich wich nicht zurück. Ich stand da wie ein Fels, bereit für jede Schlacht, die noch kommen mochte.

„Vielleicht“, flüsterte er so leise, dass es kaum hörbar war, während ein geheimnisvolles, fast hungriges Lächeln seine Lippen umspielte. „Aber in dieser Welt gibt es Dinge, die sich auch mit den besten Bilanzen der Welt nicht einfach wegrechnen lassen.“

Bevor ich auf diesen Satz antworten konnte, drehte er sich um, warf mir einen letzten, durchdringenden Blick über die Schulter zu und verließ den Konferenzraum.

Ich blieb allein zurück, mein Puls raste, und zum ersten Mal seit Monaten spürte ich eine winzige, gefährliche Erschütterung in den Mauern, die ich mir so mühsam um mein Herz errichtet hatte.

Continue to read this book for free
Scan code to download App

Latest chapter

  • Deine Luna? Nein Danke!   10

    KAPITEL 10: Die Bücher der MachtDer Weg von der privaten Penthousesuite hinunter in den verglasten Konferenzsaal der Chefetage glich dem Gang durch eine langsam enger werdende Kammer der Kompression. Jeder einzelne Schritt auf dem dicken, schallschluckenden Teppichboden klang in meinen Ohren wie das Ticken einer unsichtbaren Uhr. Neben mir schritt Victor Sterling Jr. Seine Präsenz war eine physische Wand aus kompromissloser Entschlossenheit. Er hatte kein Wort mehr gesprochen, seit wir das Penthouse verlassen hatten, aber das dunkle, hasserfüllte Aufleuchten in seinen stahlblauen Augen sprach Bände. Er war bereit, dieses Gebäude notfalls in Schutt und Asche zu legen, ehe er auch nur einen Zentimeter von seiner Position abwich.Als wir uns dem Konferenzsaal näherten, spürten wir die Veränderung der Atmosphäre lange bevor wir die Türen erreichten.Die menschlichen Angestellten im Großraumbüro duckten sich hinter ihren Monitoren, die Hände erstarrt auf den Tastaturen. Die Luft war schwe

  • Deine Luna? Nein Danke!   9

    KAPITEL 9: Die nackte WahrheitDas flackernde Licht des offenen Kamins warf tanzende, goldene Schatten an die dunklen Holzwände des Penthouses, während draußen das endlose Lichtermeer der Metropole wie ein technisches Sternenzelt pulsierte. Die Luft hier oben war anders als im Rest des Gebäudes – schwerer, gesättigt von der unverkennbaren, dominanten Note von Zedernholz, kühlem Kiefernharz und der elektrischen, ungeduldigen Aura eines Alphas, der seine Beute im geschützten Raum wusste.Ich stand da, die Hände leicht zu Fäusten geballt in den Taschen meines Hosenanzugs, und hielt seinem brennenden Blick stand. Seine Worte – „Erzähl mir, wer dich gejagt hat... und warum du glaubst, dass du vor mir sicherer bist als im Wald“ – hingen wie eine schwere, unsichtbare Last im Raum.Ein kurzes, trockenes Lachen entkam meiner Kehle. Es klang kalt, fast hohler, als ich es beabsichtigt hatte.„Sicher?“ Ich schüttelte langsam den Kopf und machte zwei langsame, gezielte Schritte auf ihn zu, bis das

  • Deine Luna? Nein Danke!   8

    KAPITEL 8: Die Erschütterung des FundamentsDas dumpfe Echo des Schlags hing noch immer in der sterilen, von Glas und Marmor dominierten Weite des Foyers, als sich die Angestellten wie in Zeitlupe wieder zu rühren begannen. Einige der menschlichen Mitarbeiter flüchteten panisch Richtung Aufzüge oder suchten Schutz hinter den massiven Säulen, während andere verstört und mit weit aufgerissenen Augen auf den am Boden liegenden Abgesandten starrten. Kael hustete schwer, spuckte eine blutige Speichelwolke auf den glänzenden Boden und versuchte mit zitternden Händen, sich aufzurichten. Seine bernsteinfarbenen Augen brannten vor Schmerz und bodenloser Wut, doch als sein Blick auf Victor Sterling Jr. fiel, gefror jede Regung von Gegenwehr in seinem Gesicht.Er hatte gemerkt, mit wem er sich angelegt hatte. Ein Alpha von Kaels Format war in seinem eigenen Revier ein gefürchteter Jäger, aber hier, im Herzen von Sterling Global, war er nichts weiter als ein Eindringling, der gerade gnadenlos in

  • Deine Luna? Nein Danke!   7

    KAPITEL 7: Die Maske brichtDas helle Neonlicht des Flurs schien plötzlich zu flackern, als die Worte des älteren Sterling wie ein Hammerschlag in der Luft hängen blieben. Ein hochrangiger Abgesandter aus meinem alten Rudel stand unten im Foyer und forderte meine Personalakte an. Sie hatten mich nicht nur durch eine vage Drohung aufgespürt; sie nutzten die offiziellen, brutal harten Kanäle der Wandler-Hierarchie, um mich direkt aus diesem Glaspalast herauszuzerren.In meinem Kopf überschlugen sich die Gedanken mit rasender Geschwindigkeit. Wenn diese Akte geöffnet wurde, wenn mein echter Name und meine Herkunft ans Licht kamen, war mein Leben hier in Sekundenschnelle vorbei. Sterling Global war zwar ein von Wölfen geführtes Unternehmen, aber gegenüber traditionellen, territorialen Rudeln galten alte Gesetze. Abtrünnige Wölfe – besonders solche, die sich der Autorität eines Alphas entzogen hatten – besuchten im System der Rudel keinen Arbeitsmarkt. Sie wurden als Eigentum oder Ausgesto

  • Deine Luna? Nein Danke!   6

    KAPITEL 6: Das Netz zieht sich zuDer Abend nach der Vorstandssitzung hüllte die Metropole in ein schweres, feuchtes Grau, als ich das Gebäude von Sterling Global verließ. Der Triumph über den Restrukturierungsplan schmeckte süß, doch das dumpfe Pochen im Hinterkopf wollte nicht weichen. Der Zettel mit der kryptischen Warnung – „Man kann die Vergangenheit nicht wegrechnen, Elena“ – lag sicher verschlossen in meiner Schreibtischschublade, doch seine Botschaft hatte sich wie ein unsichtbarer Schatten in mein Bewusstsein eingebrannt. Jemand suchte nach mir. Und schlimmer noch: Jemand im innersten Kreis dieses Unternehmens schien die Türen für diesen mysteriösen Kurier geöffnet zu haben.Ich fuhr zu meiner kleinen Einzimmerwohnung im vierten Stock, schloss die Tür ab, schob den massiven Riegel vor das Schloss und zog die Vorhänge zu. Mein Verstand schaltete in den Krisenmodus. Wenn meine alte Welt anfing, ihre Fühler nach mir auszustrecken, reichte es nicht mehr aus, sich hinter gefälscht

  • Deine Luna? Nein Danke!   5

    KAPITEL 5: Die Zahlen der NachtDas grelle Blaulicht meines Laptops war die einzige Lichtquelle in meiner winzigen, fensterlosen Wohnung, während draußen der kalte Nieselregen der Metropole unablässig gegen die Fensterscheibe peitschte. Es war kurz nach Mitternacht. Auf dem Holztisch lag der zerknüllte Zettel vom Anlieferungsbereich ausgebreitet, beschwert von einer kalten Tasse Kaffee. Die klobige Handschrift schien mich aus dem Halbdunkel zu verhöhnen.„Man kann die Vergangenheit nicht wegrechnen, Elena. Die Bücher werden bald ausgeglichen.“Ich starrte auf die Zeilen, bis die Tinte vor meinen müden Augen zu verschwimmen schien. Wer auch immer diesen Zettel hinterlegt hatte, besass einen unheimlichen Einblick in mein Leben. Im alten Rudel hatte man mich stets auf meine Zahlenblindheit oder angebliche Wertlosigkeit reduziert – niemand dort hatte mich jemals mit Bilanzen oder dem Ausgleichen von Büchern in Verbindung gebracht. Diese Metapher stammte aus meiner neuen Welt. Aus der Welt

More Chapters
Explore and read good novels for free
Free access to a vast number of good novels on GoodNovel app. Download the books you like and read anywhere & anytime.
Read books for free on the app
SCAN CODE TO READ ON APP
DMCA.com Protection Status