LOGINPOV: Cassian
Sie sackt vornüber in meine Arme.
Ich reagiere blitzschnell und fange sie ab, ehe ihr Kopf hart auf den Dielen aufschlägt. Ihr Gesicht glimmt haarscharf an meiner Halsbeuge vorbei. Ihr Atem streift meine Haut – ein klarer, berauschender Duft, der sich unbarmherzig durch den Gestank von Blut und Schießpulver frisst.
In meinem Kopf richtet sich mein Wolf schlagartig auf.
MATE!
Sein gebrüllter Schrei hallt mit einer solchen Wucht durch meine Gedanken, dass die gesamte Umgebung für eine Sekunde vollkommen verblasst.
Ich atme tief ein, gierig nach ihrem Duft, der sich in den Strähnen ihres Haares verfangen hat. Derselbe unverwechselbare Geruch brennt sich tief in mein Innerstes ein. Mein Wolf kratzt wild unter meiner Haut, absolut sicher, wen er da gerade erkannt hat. Über ihrer Brust ragt das Mal von Blackridge auf, halb verborgen unter dem zerfetzten Stoff ihres Hoodies.
Die Luna, die Adrien nach Blackridge holen wollte ... ist meine Mate.
Die Nachricht, die Adrien mir heute Morgen geschickt hatte, war eindeutig gewesen: Er spürte keinerlei Band zu ihr.
Aber das Mal weist sie unmissverständlich als Eigentum von Blackridge aus. Wie um alles in der Welt kann sie dann meine Mate sein?
Ist das ein unbegreifliches Versehen der Mondgöttin? Oder eine verdammt geschickt gestellte Falle?
Mein Blick gleitet über das weggeworfene Smartphone auf dem Tisch, die aufgetrennten Plastikfesseln um ihre Handgelenke und die leblosen Körper der Streuner.
Beschütze sie, knurrt mein Wolf unnachgiebig.
Ich werde diese Frau am Leben erhalten. Alles Weitere werden die harten Fakten zeigen.
Einer meiner Männer tritt in den Türrahmen.
»Bereich gesichert, Cassian. Zwei Tote draußen. Der dritte atmet noch.«
»Schafft ihn nach Blackridge«, befehle ich kalt. »Sichert alle Smartphones, das Funkgerät und den Pick-up. Ich will den Namen des Auftraggebers wissen. Noch vor heute Abend.«
Er deutet mit einem Kopfnicken auf die ohnmächtige Frau in meinen Armen.
»Sie kommt mit mir. Sperrt die Straße und verwischt jegliche Spuren unserer Abreise.«
Er gibt die Befehle weiter, während mein Blick noch einmal prüfend durch den Raum wandert.
Diese Streuner wussten ganz genau, wie der Konvoi zusammengestellt war. Ihr erster Trupp hat Adriens Wagen gezielt in die Schlucht gedrängt; der zweite hatte es direkt auf den dritten SUV abgesehen. Nach der Entführung brachten sie die Luna in diese abgelegene Hütte, fotografierten ihr Mal und warteten auf die finale Bestätigung, um sie zu exekutieren.
Ihr Pick-up hat eine auffallend leichte Spur im Schlamm hinterlassen. Eine Gruppe, die einen so präzisen Hinterhalt planen kann, versteht es normalerweise auch, ihre Fährte zu verwischen. Womöglich führt diese Fährte Blackridge geradewegs in die nächste Falle. Die Frau in meinen Armen könnte das eigentliche Ziel sein – oder der Köder. Oder die einzige Überlebende, die einen Teil des Plans kennt.
Ihr rechtes Handgelenk weist blutige Schrammen von einem Fluchtversuch auf. Die Fessel am linken Arm hängt noch unvollständig im Rohr. Diese Verletzungen sprechen für sie. Allerdings könnten sie genauso gut Teil einer perfekten Inszenierung sein.
Ich hebe sie mühelos an und verlasse das Gebäude.
Ich bette sie vorsichtig auf die Rückbank unseres SUV und nehme direkt neben ihr Platz. Zwei Krieger bleiben mit dem Gefangenen am Tatort zurück. Die restlichen Fahrzeuge verteilen sich strategisch zwischen der Schluchtstraße und der Rudelgrenze.
In den letzten zehn Tagen hatten drei verschiedene Streunertrupps unsere Außenposten getestet. Und ausgerechnet in dieser angespannten Lage war Adrien persönlich nach Silverpine gefahren, um die vom Mond erwählte Frau abzuholen.
Unser Vater hatte den Titel des Alphas an seinen ältesten Sohn vererbt. Adrien saß den Ratsversammlungen vor und verhandelte die diplomatischen Allianzen mit den anderen Rudeln. Ich hingegen befehligte die Grenzen, die Patrouillen und die Krieger an der Front. Diese Arbeitsteilung hielt Blackridge stabil. Und sie wahrte eine nützliche Distanz zwischen meinem Bruder und mir.
Sein Notruf hatte meine Einheit mitten am Vormittag erreicht. Das Knattern von Sturmgewehren hatte seine Stimme fast übertönt.
»Sie haben die Luna! Ostroute! Bring sie zurück!«
Dann war die Verbindung abgebrochen. Ich war zum überfallenen Konvoi gerast, hatte einen schwerverletzten Wächter verhört und war den Reifenspuren des Pick-ups bis zur Forststation gefolgt.
Der gesicherte Funkkanal knackt, als unser SUV den Waldweg verlässt und auf die Landstraße einbiegt. Lucs Stimme meldet sich aus der Schlucht.
»Das Feuer lässt nach. Die Rettungskräfte beginnen mit dem Abstieg. Adrien saß definitiv im Fahrzeug, als es abgestürzt ist.«
»Sucht weiter, bis ihr ihn gefunden habt«, verlange ich unerbittlich. »Blackridge riegelt ab sofort alle Zugänge ab. Isoliert die Überlebenden des Konvois und zieht ihre Telefone ein. Die Sicherheitscodes der Route verfallen ab sofort. Schick mir die Liste aller Personen, die über den genauen Fahrplan informiert waren.«
Luc bestätigt den Befehl. Ich kappe die Verbindung.
Keine Minute später trifft die Datei auf meinem Display ein. Exakt acht Personen kannten die genaue Fahrzeugaufstellung. Das Dokument über die Übergabe der Luna befindet sich auf der letzten Seite.
Céline Varenne. Zweiundzwanzig Jahre. Silverpine-Rudel. Heute Morgen im Austausch gegen Waffen, Medikamente und Grenztruppen von ihrem Rudel freigegeben.
Ich präge mir den Namen ein und leite die Liste direkt an unseren Sicherheitschef weiter. Alle acht Verdächtigen werden isoliert, sobald wir das Hauptquartier erreichen.
Auf der Hauptstraße kommt Céline langsam wieder zu sich.
Ihre Wimpern zucken. Sie schlägt die Augen auf, versucht panisch sich aufzurichten und tritt mit ihrem verletzten Knöchel auf den Fahrzeugboden. Ein stechender Schmerz fährt ihr durch das Bein, und sie knallt stöhnend zurück in die Polster.
Ich greife nach ihrer Schulter und fixiere sie sanft, aber bestimmend.
»Bleiben Sie ruhig sitzen.«
Ihr Blick fällt auf das frische Blut an meinem Ärmel, dann auf die verriegelten Türen. Die Angst in ihren Augen wirkt echt. Aber Angst lässt sich heutzutage wunderbar vorspielen.
»Wer hat Ihr Fahrzeug ausgewählt, Céline Varenne?«
Sie schreckt sichtbar auf, als sie ihren vollen Namen hört.
»Ein ... ein Wächter aus Blackridge. Ich habe nur getan, was man mir gesagt hat.«
»Wer in Silverpine wusste von Ihrer genauen Abreisezeit?«
»Mein Vater. Meine Schwester Aveline. Marc ... und alle Männer, die im Arbeitszimmer waren.«
Ihre Antworten kommen ohne Zögern. Ihr Blick bleibt starr nach unten gerichtet. Silverpine hat ihr von klein auf eiserne Unterwerfung eingetrichtert – oder sie spielt hier gerade extrem überzeugend die Rolle des schwachen Opfers, das vom eigenen Vater verschachert wurde.
Ich speichere jedes Wort, jede Mimik sorgfältig ab.
»Alpha Adrien ... wo ist er?«, flüstert sie plötzlich zitternd.
»Die Suche läuft.«
Ihre Finger krallen sich krampfhaft in den Stoff ihres Hoodies, exakt über dem brennenden Mal auf ihrer Brust.
»Was ... was wird jetzt mit mir geschehen?«
»Sie kommen nach Blackridge. Und Sie bleiben unter meiner persönlichen Überwachung, bis die Ermittlungen abgeschlossen sind.«
Der SUV schneidet scharf eine Kurve. Céline rutscht unkontrolliert gegen die Tür. Ich schiebe blitzschnell meinen Unterarm vor ihren Körper und fange sie ab, ehe sie hart aufschlägt. Sobald sie wieder stabil sitzt, ziehe ich meinen Arm sofort zurück.
Sie richtet sich mühsam auf und legt die zitternden Hände auf ihre Knie.
»Bin ich ... eine Gefangene?«
»Sie stehen im Zentrum eines gezielten Anschlags auf Blackridge.«
Diese Antwort muss ihr genügen. Sie wendet den Kopf ab und starrt stumm aus dem abgedunkelten Fenster.
Als wir uns dem Territorium nähern, schalte ich die Direktverbindung zum Rudelhaus ein.
»Bereitet die Krankenstation vor. Der gesamte dritte Stock untersteht ab sofort der höchsten Sicherheitsstufe. Céline Varenne bezieht das Zimmer direkt neben meinem. Ihr offizieller Status bleibt vorerst unberührt: Sie ist die künftige Luna von Adrien Valombre.«
Sie wirbelt schockiert zu mir herum.
Im selben Moment schließen sich die massiven, geschmiedeten Tore von Blackridge hinter unserem Geländewagen.
POV: CélineDrei Monate später weiß Noé, welcher Schlüssel welche Tür öffnet.Er verwechselt noch immer seine Schuhe und isst manchmal den Kleber von den Etiketten, aber er reicht den blauen Schlüssel, wenn wir in Falaises ankommen, und den schwarzen vor der Familienwohnung in Blackridge.An diesem Freitag wählt er zuerst den falschen. Cassian lässt ihn zweimal probieren, bevor er ihm die Farbe des Lesegeräts zeigt.„Schwarz“, sagt Noé voller Überzeugung.„Das habe ich gerade gesagt.“„Schwarz.“Ich steige die Treppe hinter ihnen hinauf, meine Arbeitstasche über der Schulter. Wir haben den Tag in der Werkstatt verbracht. Cassian ist um siebzehn Uhr nach seiner letzten Besprechung gekommen, um Noé abzuholen, und er hat gewartet, bis ich eine Naht zu Ende genäht hatte, anstatt jemanden zu schicken, der meine Sachen packt.Im Kofferraum liegen vier reparierte Jacken von Blackridge, abgerechnet zum regulären Preis. Luna zu sein vereinfacht die Arbeit in der Werkstatt nicht; es fügt ihr ei
POV: CélineDer Stuhl der Luna bleibt im Foyer leer.Man hat ihn rechts neben den von Cassian gestellt, leicht zurückversetzt. Ich verlange, dass man ihn vor Beginn der Sitzung auf dieselbe Höhe bringt. Zwei Angestellte sehen Cassian an. Er gibt ihnen mit einer Handbewegung das Zeichen, das Podium ohne Diskussion umzustellen.Ich setze mich noch nicht.Mireille bringt drei Sensoren unter meiner Bluse an. Ysabeau wartet nahe dem Tisch des Rates. Sie hat das Band von Blackridge fast zwanzig Jahre lang getragen; sie ist die einzige anwesende Person, die weiß, was die Öffnung auslösen kann.„Das Rudel wird einen Platz in deinem Geist suchen“, sagt sie. „Du kannst schließen, sobald du es brauchst.“„Selbst nach der Zustimmung?“„Eine Luna ist keine Tür, die man offenstehen lässt.“Cassian bleibt auf der anderen Seite des Tisches. Seit dem Marking spüre ich seine Aufmerksamkeit, ohne ihn ansehen zu müssen. Er rührt das Band nicht an, um mich zu beruhigen.Die Präsidentin verliest erneut die
POV: CassianIch spüre, dass Céline aufwacht, bevor sie die Augen öffnet.Das Band übermittelt zuerst ein leichtes Unbehagen an ihrem Hals, dann das Gewicht meiner Hand auf ihrer Taille. Sie bleibt einige Sekunden reglos liegen. Ihre Aufmerksamkeit wandert zur Tür, zu ihrer Kleidung auf dem Sessel und zur Uhrzeit auf meinem Telefon.Der alte Reflex ist noch immer da.Ich ziehe meinen Arm zurück.Céline dreht sich zu mir um. Der Biss hat bereits begonnen zu heilen, dunkel auf ihrer Haut. Sie legt zwei Finger darauf, und eine Welle der Wärme strömt im Gegenzug durch mich hindurch.„Es ist seltsam“, sagt sie.„Ja.“„Hören Sie alles?“„Nur das, was laut genug ist. Und du?“Sie schließt die Augen. Eine Sekunde später trifft ihre Sorge die meine mit einer brutalen Präzision.„Sie haben Angst, dass ich nicht zurückkomme.“„Ja.“Ich könnte die Antwort abschwächen, ihr erklären, dass das Band neu ist oder dass die Trennung eine normale Reaktion hervorruft. Das hieße jedoch, meinen eigenen Ante
POV: CélineCassian schließt seine Hand nicht sogleich um meinen Hals.Seine Handfläche bleibt auf meiner Haut liegen, warm und schwer, genau an der Stelle, die ich gewählt habe. Das neue Alpha-Band erfüllt noch immer die Luft um ihn herum, aber er nutzt es nicht. Er wartet darauf, dass ich den nächsten Schritt mache.Ich knöpfe meine Bluse auf.„Ich will keine Zeugen. Keinen Rat danach. Keine Ankündigung, bevor ich morgen abreise.“„Niemand wird diese Tür überschreiten.“„Und das macht mich nicht zu deiner Luna.“„Nein.“Die Antwort erfolgt ohne das geringste Zögern.Ich nehme mamas Anhänger ab, damit er sich nicht in der Kette verfängt, und lege ihn neben das Bett. Meine Finger zittern noch mehr, als ich den Rest ablege. Cassian sieht mich an, ohne näher zu kommen. Seine Beherrschung lässt in mir den Wunsch aufkeimen, sie zu brechen.Ich trete an ihn heran und reiße sein Hemd mit einem Ruck auf. Zwei Knöpfe springen auf den Parkettboden.„Du hast gerade das einzige ordentliche Hemd
POV: CassianCéline betritt das Foyer nach Eröffnung der Abstimmung.Sie trägt eine schwarze Hose und den Anhänger ihrer Mutter, nicht das Gewand, das einst für die Luna von Blackridge angefertigt worden war. Ein Vertreter des Rates weist ihr den Weg zur Zeugenreihe. Sie setzt sich zwischen Élias und Mireille.Nicht an meine Seite.Ich wende meine Aufmerksamkeit wieder der Präsidentin zu.Das Foyer trägt noch die Spuren des abgewehrten Angriffs: ein Fenster, das durch eine provisorische Platte ersetzt wurde, sichtbare Kabel nahe des Podiums, zwei Wächter mit dem Arm in der Schlinge. Ich habe mich geweigert, auf die Reparaturen zu warten. Blackridge braucht keine neue Kulisse, um zu entscheiden, wer das Kommando führt.Die Schriftführerin verliest die drei Anträge.Der erste bestätigt die endgültige Absetzung Adriens und seine lebenslange Isolation. Der zweite erkennt meine militärische Führung an, die ich seit seinem Verschwinden ohnehin ausgeübt habe. Der dritte stellt die ausgesetzt
POV: CélineIch beende das Lesen der Akte um sechs Uhr morgens.Die Dokumente des Rates bestätigen die vier Festnahmen, die beschlagnahmten Relaisstationen und die Herkunft des Sprengstoffs. Ein Anhang zeichnet jede Abfrage meiner Adresse seit der Entdeckung des Codes nach. Es gibt keine einzige von Seiten Blackridges. Cassian hat seine Operation mit den Informationen aufgebaut, die ich ihm gegeben hatte, ohne zu fragen, wo Noé schlief, oder mein Telefon zu überwachen.Adriens letzte Zelle ist aufgelöst.Ich hatte eine lautere Erleichterung erwartet. Ich schließe einfach den Computer und gehe hinunter, um Noés Frühstück zuzubereiten.Um Mittag schreibt mir Cassian: Der Rat hat dir die Einladung für Donnerstag geschickt. Du bist nicht verpflichtet zu kommen.Ich antworte: Ich werde kommen.Dann, bevor ich es mir anders überlege: Sind Sie heute Abend frei?Die drei Punkte erscheinen fast augenblicklich.Ja.Ich wähle das Restaurant aus.Cassian trifft um neunzehn Uhr vor der Werkstatt e







