MasukDreizehn Jahre lang war Marla die Luna, die niemand wollte – eine stille Ehefrau, die auf einen Alpha wartete, der sie kaum eines Blickes würdigte. Dann stürzt ihre zwölfjährige Tochter Tilly von der Nordklippe, und ihr Ehemann, Alpha Corwin, entscheidet sich, an der Seite seiner ersten Liebe zu stehen, anstatt den Fluss nach ihr abzusuchen. Marla begräbt ihr Kind, unterschreibt die Trennungspapiere direkt über dem Grab und kehrt zurück in das Verbrecherimperium, das sie einst beherrschte. Sie ist wieder die Königin von Ashgrove, und sie will Blut sehen. Doch in dem Moment, in dem der Ehering ihren Finger verlässt, erwacht Corwins Wolf und nennt sie seine Gefährtin. Er will sie zurück. Sie will ihn auf den Knien sehen. Und eine Markierung, eingeritzt unter dem Sarg ihrer Tochter, verrät, dass noch immer jemand mit ihrer Familie spielt. Wird Marla dem Mann, der sie im Stich ließ, erlauben, an ihrer Seite zu stehen – oder lässt sie ihn sich jeden einzelnen Schritt zurück erkämpfen?
Lihat lebih banyakMein Handy klingelte, während ich die Suppe umrührte, und auf dem Display stand Tillys Name.
„Mom." Ihre Stimme war dünn und hastig. „Bitte komm. Ich bin an der Nordklippe. Bitte, Mom, ich kann nicht..."
„Tilly? Wer ist bei dir?"
Die Leitung brach ab.
Ich ließ den Topf auf dem Herd anbrennen und die Haustür weit offen stehen. Ich rannte. Ich verwandelte mich nur halb, nur die Beine, nur so viel, um schneller zu sein, und der Wald kam von allen Seiten auf mich zu. Äste peitschten mir ins Gesicht. Mein Fuß verfing sich in einer Wurzel, und ich schlug mit beiden Händen auf dem Boden auf, und ich war wieder auf den Beinen, bevor ich es überhaupt spürte. Tilly war zwölf. Sie hasste die Dunkelheit. Es war ihr verboten, sich der Nordklippe zu nähern, und sie hatte sich noch nie gegen mich aufgelehnt.
„Tilly!", schrie ich. „Antworte mir!"
Nichts. Nur mein eigener Atem und das nasse Klatschen meiner Füße im Laub.
Ich brach aus den Bäumen hervor, und der Wind traf mich mitten in die Brust. Der Abgrund war dreißig Schritte entfernt, und sie war dort, ganz am Rand, mit dem Rücken zu mir, ihr Haar wehte ihr über das Gesicht.
„Tilly!"
Sie drehte sich um. Ihr Mund war geöffnet, als wollte sie gerade meinen Namen sagen. Dann rutschte ihre Ferse auf dem losen Gestein ab, ihre Arme flogen hoch, und sie war verschwunden.
Ich erinnere mich nicht, einen Laut von mir gegeben zu haben, aber mein Hals war später wund, also muss ich es wohl getan haben. Ich rannte auf den Abgrund zu und wollte springen. Ich hatte keinen Plan. Ich wusste nur, dass meine Tochter dort unten war und ich hier oben. Hände packten meine Arme. Dann noch mehr Hände. Drei Krieger der Grenzpatrouille, und ich kämpfte gegen sie, als wären sie Feinde. Ich trat um mich. Ich biss einem von ihnen ins Handgelenk.
„Luna, hör auf! Das sind sechzig Meter in die Tiefe! Du wirst sterben!"
„Lasst mich los! Das ist mein Kind!"
„Bitte", sagte der Jüngste, und seine Stimme brach. „Dort unten ist nichts als Fels und Fluss."
Meine Beine gaben nach, und nur deshalb hielt ich inne. Sie ließen mich auf den Stein hinab, und ich kroch auf den Ellbogen bis zum Rand und blickte hinunter. Weißes Wasser. Schwarze Felsen. Nebel. Ich konnte nirgends einen kleinen Körper erkennen, und ich wusste nicht, ob das besser oder schlimmer war.
„Durchsucht den Fluss", sagte ich. „Sofort! Schickt alle!"
Zwei von ihnen rannten los. Der dritte blieb bei mir. Ich schüttelte seine Hand von meiner Schulter ab und zog mein Handy hervor, mit Fingern, die nicht aufhören wollten zu zittern.
Corwin. Er war der Alpha. Er war mein Gefährte. Er würde wissen, was zu tun war, und er würde in fünf Minuten hier sein, mit dem ganzen Rudel hinter sich.
Es klingelte und klingelte. Keine Antwort.
Ich rief erneut an. Es klingelte wieder ins Leere.
Beim dritten Mal weinte ich so heftig, dass ich den Bildschirm kaum noch sehen konnte. Als die Mailbox ansprang, sagte ich: „Corwin, es geht um Tilly. Sie ist gestürzt. Komm zur Nordklippe. Bitte komm." Dann starrte ich auf das Handy, als könnte es sie retten.
Es summte. Nicht er. Eine Nachricht von Beck, einem seiner persönlichen Wächter.
Der Alpha darf nicht gestört werden. Er ist mit einer wichtigen Person zusammen.
Ich las es zweimal. Eine wichtige Person. Meine Tochter war in einem Fluss, und mein Ehemann war mit einer wichtigen Person zusammen.
Meine Daumen rutschten immer wieder auf den Tasten ab. Wer?
Die Punkte erschienen, hielten inne, erschienen wieder. Dann:
Miss Odalie.
Der Boden schien unter mir zu kippen. Odalie. Ich hatte diesen Namen seit fünf Jahren nicht mehr laut ausgesprochen. Corwins erste Liebe. Die Frau, die er heiraten sollte, bevor die Ältesten mich an ihre Stelle setzten. Sie hatte das Territorium in der Nacht unserer Bindungszeremonie verlassen, und ich hatte mir beigebracht, nicht an sie zu denken, so wie man sich beibringt, einen kranken Zahn nicht zu berühren.
Ich stand auf. Der Krieger fragte, wohin ich wolle, und ich antwortete nicht. Ich rannte zurück durch die Bäume und die lange Straße hinauf zum privaten Anwesen des Alphas auf dem Hügel, dem Steinhaus, das er für die Rudelgeschäfte nutzte, in das ich fast nie eingeladen wurde. Als ich das Tor erreichte, bluteten meine Knie durch die zerrissene Hose. Erde klebte in meinem Mund und getrocknetes Blut an meinen Händen, und es war mir egal. Er würde mich sehen und es wissen. Er würde alles stehen und liegen lassen und mit mir kommen.
Die Torwächter sahen mich an und versuchten nicht, mich aufzuhalten. Ich stieß die Doppeltür auf und ging den Flur entlang auf das Licht des Wohnzimmers zu.
„Corwin!"
Er stand am Kamin, in einem sauberen Hemd, ein Glas in der Hand. Neben ihm, so nah, dass sich ihre Schultern fast berührten, stand Odalie.
Sie sah genau gleich aus wie früher. Weiches braunes Haar, ein blassgrünes Kleid, ein Gesicht, das noch nie im Regen gestanden hatte. Eine ihrer Hände ruhte an ihrer Kehle.
„Marla", sagte Corwin stirnrunzelnd. Er war nicht beunruhigt. Er runzelte die Stirn, als wäre ich zu spät zu einer Besprechung gekommen. „Was ist mit dir passiert?"
„Tilly ist gestürzt." Meine Stimme kam nur bruchstückhaft heraus. „Die Nordklippe. Ich habe dich dreimal angerufen. Corwin, sie ist im Fluss, wir müssen..."
Er rührte sich nicht. „Sie ist die Tochter eines Wolfes, ihr wird nichts passieren", sagte er. „Setz dich, Marla. Du tropfst auf den Boden."
Odalie sah mich mit großen, mitleidigen Augen an. „Oh, Marla", sagte sie, und das Schlimmste daran war, dass es klang, als meinte sie es ernst.
Dann sah ich, was Odalie an ihrer Kehle hielt.
Eine silberne Kette. Ein kleiner Mondanhänger, an einer Ecke angeschlagen, dort, wo Tilly ihn letzten Winter auf dem Küchenboden hatte fallen lassen und eine Stunde lang darüber geweint hatte. Ich hatte diesen Verschluss heute Morgen selbst befestigt. Ich hatte ihr gesagt, sie solle ihn unter dem Hemd tragen.
Er hing um Odalies Hals.
Der Raum wurde still. Ich konnte das Feuer knistern hören. Ich blickte auf den Anhänger, dann auf ihr Gesicht.
Odalie berührte ihn mit zwei Fingern, fast schüchtern, und sagte mit sehr leiser Stimme: „Ich habe ihn in der Nähe der Klippe gefunden."
In der Nähe der Klippe.
Tilly hatte ihn getragen, als sie stürzte. Ich hatte ihn in der Sonne aufblitzen sehen, als sie fiel. Damit Odalie ihn aufheben konnte, musste sie auf demselben Boden gestanden haben, nachdem meine Tochter verschwunden war.
Sie war an der Klippe gewesen. Sie hatte dort gestanden, wo mein Kind gestürzt war, und sie hatte nicht um Hilfe gerufen. Sie war mit der Kette davongegangen und direkt zu meinem Ehemann gekommen.
Warum?
Marlas PerspektiveVenns Leute hatten ihn gefasst, noch bevor es hell wurde.Ich hörte das Handgemenge aus dem Büro. Stiefel auf Kies. Ein kurzer, scharfer Befehl. Dann Stille. Als ich in die alte Ladehalle trat, roch die Luft noch nach Regen und Maschinenöl. Zwei von Venns Männern hielten Corwin an den Armen fest, ein dritter stand mit einem Seil bereit.Sie banden ihn an einen Holzstuhl mitten in der Halle. Es geschah weder sanft noch grob, sondern gerade fest genug, damit er sitzen blieb. Seinen Mantel hatte man ihm abgenommen, sein Hemd war klamm, und an seinen Stiefeln klebte noch der Schlamm. Er wehrte sich nicht, als das Seil um seine Handgelenke gelegt wurde. Er sah mich nur an, während ich hereinkam.Ich umkreiste ihn langsam, und seine goldenen Augen folgten mir bei jedem Schritt.„Du weißt, dass du hier nicht willkommen bist“, sagte ich.Zuerst sagte er nichts. Stattdessen prüfte er das Seil, und es knarrte. Sein Blick wich nicht von meinem Gesicht.„Ich weiß. Aber ich bin
Ich rührte mich nicht, nachdem er es gesagt hatte. Meine Hände blieben flach auf dem Tisch liegen, das Holz kühl unter meinen Handflächen.Der Regen hing noch immer in der Luft, die durch die offenen Türen hereindrang. Er trug den Geruch von nassem Fell und Holzrauch in die Halle, und zu viele Alphas hatten sich um den Tisch versammelt, sodass die Luft schwer von ihren Gerüchen war.„Du kommst fünf Jahre zu spät“, sagte ich ruhig.Drakes Hand wanderte zum Messer an seinem Gürtel. Ich bemerkte es, ohne mich nach ihm umzudrehen. Seine Finger schlossen sich um den Griff, und sein Blick blieb auf den Mann in der Tür gerichtet.Er war bereit zuzuschlagen, falls Corwin etwas versuchte. Er würde nicht zulassen, dass er nah genug herankam, um mir wehzutun.Alle Gesichter in der Halle wandten sich dem Eingang zu. Die Wachen draußen hielten inne, und weiter hinten schob jemand seinen Stuhl vom Tisch zurück.Corwin stand in der Tür, der Regen lief ihm über den Mantel. Sein Haar war nass, seine S
Am Morgen hatte Corwin den Küchentisch zertrümmert.Venns Späher erzählte es mir, während ich noch mein Hemd zuknöpfte. Er war ein dürrer Junge mit Schlamm bis zu den Knien, der die Nacht in einem Graben verbracht und das Haus beobachtet hatte.„Er ging bei Tagesanbruch nach oben", sagte der Junge. „Er fand das gemachte Bett und den Ring auf dem Kellertisch. Er fing an zu schreien. Dann fand er die offene Kellertür."„Und?"„Er hat einen Stuhl an die Wand geworfen, Königin. Dann sagte er, du würdest das tun, um ihn zu bestrafen. Dreimal hat er das gesagt. Er befahl den Wächtern, dich bis zum Abendessen zurückzubringen, und er sah nicht besorgt aus. Er sah beleidigt aus."Das klang nach ihm. Corwin hatte nie auch nur einmal geglaubt, ich könnte ein Leben haben, in das er keinen Einblick hatte. In seinem Kopf war ich eine Uhr im Regal, etwas, das dort blieb, wo man es hinstellte.„Was hat sich geändert?", fragte Venn.„Einer von seiner Patrouille kam mittags angerannt. Sagte, sie hätten
Ich verließ das Rudel in der Abenddämmerung, mit nur einer Tasche und ohne Abschied. Niemand sah mich gehen, und niemand kam mich suchen.Ich ging drei Stunden lang. Die Straße stieg aus unserem Tal hinaus, vorbei an der letzten Markierung des Rudels und dem toten Obstgarten, und hinauf in die Hügel, wo der Handyempfang abbricht und die Bäume dicht beieinanderstehen. Ich war seit fünf Jahren nicht mehr auf dieser Straße gewesen, aber meine Füße erinnerten sich an jede Biegung. Oben stand eine verrostete Konservenfabrik, mit einer Mauer drumherum. Entlang der Mauer, auf jedem Zaunpfosten, hatte jemand eine kleine schwarze Nadel eingeschlagen.Drei Wachen standen am Tor. Der mittlere war ein Junge, vielleicht zwanzig, mit einem Gewehr, das er zu fest umklammerte.„Das ist Privatgelände", sagte er. „Dreh um."„Ich bin hier, um Venn zu sehen."„Niemand sieht Venn." Er verlagerte sein Gewicht. „Wer bist du?"Ich antwortete nicht. Ich stellte meine Tasche ab, zog die Nadel aus meiner Mantel











